Sonntag, 21. Januar 2007

Freilerner-Alltag mit Trampolin






Moritz hat unermüdlich insgesamt zehn A3-Bilder mit Szenen aus dem Leben seiner Großmutter gemalt, entsprechend den zehn Strophen aus dem für sie umgedichteten Liedtext zu ihrem 75. Geburtstag. Als wir uns vor dem Restaurant, in dem die Feier stattfindet, versammeln, um Oma ein Ständchen mit Moritz an der Posaune zu bringen, ist er schrecklich aufgeregt und spielt viel schlechter als beim Üben. Das ärgert ihn natürlich, aber er beruhigt sich schnell, und im Verlauf des Nachmittages gibt er dann noch ein entspanntes kleines Konzert inklusive professioneller Moderation "Ja, ich spiele also jetzt ...., und weil ich erst 4mal Unterricht hatte, kann es noch Fehler geben, das bitte ich zu entschuldigen". Wir sind fasziniert davon, wie gern und bereitwillig Moritz und Thomas ihre musikalischen Künste zum Besten geben.
Als dann das nächste Mal Lehrerinnen-Tag ist, ist das Regelhandbuch Fußball immer noch nicht fertig, aber das Prinzip wird anerkannt, jetzt muss Moritz halt dran weiterarbeiten, damit das Opus fertig wird. Er erläutert wortgewandt und mit echter Begeisterung die einzelnen Bilder, während am andern Tischende Thomas die andere Lehrerin in die Feinheiten seines 45-seitigen Fußball-Comics einführt. Wir sitzen dabei und freuen uns über die Kinder, aber es ist auch klar, dass wir eigentlich noch viel detaillierter und ausführlicher dokumentieren müssten, was unsere Kinder tun, für die Behörden.
Die Lehrerinnen haben Material mitgebracht, das Moritz für eventuelle Tests draufhaben sollte, Grammatik, er soll lernen, Verben, Nomen, Pronomen und Adjektive zu erkennen. Das Material schlägt eine aufwändige, redundante Vorgehensweise vor, mit Unterstreichen, Abschreiben, Ausschneiden, auf Planeten aufkleben usw. Dazu hat Moritz aber überhaupt keine Lust. Er wird die entsprechenden Texte durcharbeiten und die Wortarten farbig kennzeichnen, den Rest erkennt er als redundant und überflüssig - es interessiert ihn halt nicht, und diese fehlende Motivation ist durch gutgemeintes spielerisches Drumherum ohne praktische Relevanz nicht zu ersetzen, jedenfalls nicht für ihn. Außerdem gibt es einen Stapel Blätter mit grammatischen Begriffen, Subjekt, Objekt usw., die er "stumpf auswendig lernen" soll, diese Begriffe muss man halt kennen. Sonst kann es Schwierigkeiten mit den Schultests geben, für die eben nicht zählt, wie er soeben in komplexen Sätzen souverän sein Projekt erläutert und ein Buch vorgestellt hat. Moritz beherrscht die deutsche Sprache außergewöhnlich gut, und die Lernforschung weiß längst, dass diese formale Art, mit einer Sprache umzugehen, nicht jedem Lerntyp etwas bringt. Aber das ist der Preis, ich werde die angeödete Lustlosigkeit von Moritz ertragen und darauf bestehen, dass er das so nebenbei, jeden Tag ein bisschen lernt - wir opfern so viele Stunden für den Kampf um seine Bildungsfreiheit, dass es unangemessen wäre, die Flucht ins Ausland antreten zu müssen, weil er keine Lust hat, sich zu merken, was ein Pronomen ist. Eine andere Begründung kann ich ihm leider nicht geben, denn selbst ich, Abitur und Diplom mit Auszeichnung, seit Jahrzehnten erfolgreiche Übersetzerin und Publizistin, bin nicht ganz sicher bei diesen Bezeichnungen.
Thomas amüsiert sich derweil mit laminierten Blättern, die ihm zeigen sollen, wie man die Zahlen "eigentlich" schreibt - da er sich auch die Zahlen allein beigebracht hat, folgt er bei vielen nicht dem vorgegebenem Bewegungsablauf, und die Lehrerin schlug vor, ihm die offizielle Variante anbieten, ohne darauf zu bestehen, dass er es genau so macht. Die Lehrerinnen sind freundlich, hilfsbereit und tun ihr Bestes, um Moritz und Thomas "behördenkompatibel" zu machen, ohne sie zu verbiegen.
Mir wird so nach und nach erst bewusst, was für eine Kunstwelt die Schule ist, eine Übungs-Scheinfirma, in der auf dem Trockenen für das Leben gelernt wird. Unsere Kinder wollen in der Zeit lieber leben. Und siehe da, sie lernen alles, was sie brauchen, und noch viel mehr, aber auf ganz andere Weise und sicherlich oft zu anderen Zeitpunkten.
Thomas findet die Folien lustig (ca. 5 Minuten lang, dann hat er alles nachgemalt) und amüsiert sich über die Unterschiede in seinem selbsterfundenem Bewegungsablauf und dem "offiziellen". Tilman erzählt ihm, wie er auf unserer Chinareise ein paar Schriftzeichen nachgemalt hat und die Chinesen sich ausgeschüttet haben vor Lachen über die Weise, wie er sie gemalt hat - unorthodox eben. Thomas ist so völlig ungebrochen in seinem Interesse und seiner Begeisterung - im Nachhinein tut es uns bitterlich leid, dass wir fast zwei Jahre lang ratlos zugeschaut haben, wie Moritz sich in der Schule quälte und seine Offenheit fürs Lernen und seine Lebensfreude einbüßte. Die Lebensfreude ist inzwischen wieder da, die Offenheit fürs Lernen nur, wenn keine schulischen Bezüge zu erkennen sind.

Am Donnerstag war mal wieder eine Journalistin da. Moritz hat ihr sofort die Nationalhymne vorposaunt, Thomas am Klavier ebenfalls, und ich habe versucht, mit einem erläuternden Hinweis auf die Fußball-WM den Verdacht nationalistischer Umtriebe zu entschärfen. Wir haben viel geredet - es ist so schwer, sich zurückzuversetzen in die Ausgangsposition der kritischen Fragen dazu, wie wir unsere Kinder unterrichten, wie sie denn jemals Abitur machen sollen usw. Seufz! Moritz saß dabei und las Zeitung (das Thema Murat Kurnaz interessiert ihn sehr!) - ob die Journalistin gedacht hat, dass wir das alles vorbereitet, einstudiert, andressiert haben? Wir werden's dann ja lesen...

Gestern luden Moritz und Thomas ihren Nachbarsfreund zum Trampolinspielen ein - unser Trampolin im Garten hat 4,60 m Durchmesser, und sie haben verschiedene Spiele erfunden, mit mehreren Kindern plus Ball, die sie stundenlang in Atem und Begeisterung halten. Thomas hatte noch Gitarrenunterricht, Moritz und K. sprangen zu zweit - und kamen bald empört wieder herein, Jugendliche hatten von außerhalb des Gartens Schnapsflaschen aufs Trampolin geworfen. "Mama, die waren noch keine 16, das ist doch verboten!" Moritz will, wenn es mit dem Fußballprofi nicht klappt, Polizist werden, und das passt gut zu ihm - er hat überhaupt kein Verständnis dafür, wenn Leute Verbotenes tun. Den Rest des Nachmittags und Abends haben die drei drüben bei K. gespielt, bis ich sie spät in erhitztem und glücklichem Zustand abgeholt habe. Zuletzt hat Thomas sich noch ein "WAS-ist-WAS Internationale Flaggen"- Buch ausgeliehen und sogar aufs Vorlesen verzichtet, um noch die ersten Flaggen abmalen zu können. Er verleibt sich die Welt wirklich durchs Malen ein.
Moritz und ich haben dann am Sonntag Morgen feierlich "Das Geheimnis des Kartenmachers" zuendegelesen, ein Jugendbuch, das kurz vor der Expedition des Christoph Kolumbus spielt und mit dessen Aufbruch nach "Indien" endet. Wir haben uns "Conquest of Paradise" von der 1492-CD Vangelis angehört (der Film ist leider erst ab 16), und ich habe aus dem Keller das Schiffstagebuch von Kolumbus geholt und ein bisschen daraus vorgelesen, Moritz war fasziniert, und ich habe im Internet ein Jugendbuch bestellt, das die Reise der "Santa Maria" schildert. Dann ist mir eingefallen, dass wir daraus prima ein Schulprojekt machen können - das darf ich bloß Moritz nicht sagen, dann verliert er sofort die Lust und denkt nur noch daran, dass er für Projekte immer was aufschreiben muss. Also erst der vergnügliche Teil, dann irgendwie die Dokumentation für die Behörden dranhängen.

Dann war heute ein Familienfest, an dem auch ein viermonatiges Baby zu besichtigen war, was Moritz und Thomas sehr fasziniert und in sicherem Abstand taten. Besonders das Stillen interessierte sie, aber irgendwie war ihnen das Ganze auch etwas unheimlich - schade, dass in unserer Welt nicht häüfiger Babys vorkommen! Sie erzählen heute noch von den lustigen Aussprüchen des kleinen dreijährigen Theodor, den wir im Urlaub kennengelernt hatten.

Moritz sagte neulich: "Es ist mir ganz egal, vor welchem Gericht wir da sein müssen, Hauptsache, wir gewinnen und ich kann weiter in Freiheit leben!" Die endgültige Erlaubnis, zu Hause zu bleiben, hat er Silvester als seinen größten Wunsch für 2007 genannt, noch vor "Garten umbauen" und "in Fußball und Posaune richtig gut werden".

Sonntag, 14. Januar 2007

Sinnennehmendes Lesen und gemalte Träume

Wir haben uns eine Videokamera gekauft. Weil das hauptsächlich der Wunsch der Kinder war, haben sie sich mit einem Drittel an den Kosten beteiligt - die Rechenaufgabe an Moritz lautete: Erwachsene zahlen voll, Kinder die Hälfte. Voraus gingen lange Beratungen, ob sie dafür wirklich ihre Sparkonten plündern wollen, die sind ihnen heilig. Doch dann stellten sie fest, dass sie mit den Verdiensten vom Comicverkauf und dem Zusatztaschengeld von Omi ihren Anteil zahlen können, ohne ans Konto zu gehen, und die Sache war entschieden. Wir haben feierlich bei Tschibo online bestellt, die Kinder sind jubelnd durchs Haus getobt und haben auf das große Ereignis mit einer Flasche Malzbier angestoßen.
Am Freitag kam das Paket, und am Samstag hat Moritz sich hingesetzt, um sich anhand der mehrsprachigen Gebrauchsanleitung mit der Bedienung vertraut zu machen. Wir überlassen ihm das gern, er erklärt es uns dann, wir sparen Zeit und er übt Lesen (haha! Kleiner Scherz, er liest schneller als Tilman!), Verstehen und Anwenden, also genau das, was laut PISA so viele Schulabsolventen nicht können.
Aber wir denken inzwischen gar nicht mehr so pädagogisch, weil wir mittlerweile sicher sind, dass er das lernen will. Nein, auch nicht korrekt: Moritz will nicht lernen, komplizierte Gebrauchsanweisungen umzusetzen. Er will lernen, die Kamera zu bedienen, und das ist für ihn die Motivation, die Gebrauchsanleitung zu verstehen. Dafür braucht es keine pädagogisch ausgeklügelte Motivierungshilfe, die liefert das Leben. Er beherrscht jetzt die wichtigsten Funktionen der Kamera und kann sie uns erklären, prima.
Am Montag Morgen kam ich zum Wecken ins Kinderzimmer. Thomas sprang aus dem Bett wie von der Tarantel gestochen. Ohne Begrüßung rief er nur : "Ha, das darf ich nicht vergessen! Das muss ich sofort aufmalen! Ich hab was geträumt , ich muss meinen Traum aufmalen!" Schon saß er im Schlafanzug vor seinem Malpapier auf dem Boden und zeichnete emsig. Gegen 9:30 unterbrach ich ihn kurz, um ihm ("Aber nicht gucken!") warme Sachen zum Anziehen anzureichen, zum Frühstücken war er nicht zu bewegen. Bis 13.30 malte er sozusagen ohne Punkt und Komma, dann kam er hochzufrieden und erfüllt zum Mittagessen. "Jetzt bin ich fertig!" Er hat seinen Traum in Comicform illustriert, ca. zehn nach wie vor geheime Seiten.
Auch sein Fußball-Epos in Comicform hat er diese Woche fertiggestellt, 45 Seiten sind es geworden - erzählt werden alle Spiele der deutschen Mannschaft bei der Fußball-WM 2010 (!). Dafür hat er das Fußball-Lexikon, den dicken Fifa WM 2006-Band von Bertelsmann und "Lebenslang grün-weiß", das dicke Werder-Bremen-Buch, zu Rate gezogen - akribische Recherchen, alle Fahnen, Namen, Austragungsorte in Südafrika usw. sind authentisch.

Moritz lernt derzeit jeden Tag ein neues Lied auf der Posaune. Nach der letzten Stunde vor Weihnachten hatte er nicht mehr geübt, was uns ziemlich wunderte, weil er doch so begeistert gewesen war. Tja - der Lehrer hatte gesagt, er solle nicht mehr die Angabe des Posaunenzugs über die Noten schreiben - Moritz konnte aber noch keine Noten, auch wenn sie im Kinderchor immer welche in der Hand haben. Also wusste er nicht mehr weiter. Auf unseren Vorschlag, dann doch lieber nach wie vor die hilfreiche Zug-Angabe drüberzuschreiben, antwortete er nur verzweifelt: "Aber Herr K. hat gesagt, ich darf das nicht mehr machen!" Aus Erfahrung wussten wir, dass Moritz Worte von Lehrern sehr ernst nimmt und wir ihn nur in einen tiefen Gewissenskonflikt stürzen würden, wenn wir verlangen würden, sich über die Anweisung hinwegzusetzen. Die nächste Stunde ist erst Anfang Februar. Also riefen wir kurzentschlossen beim Posaunenlehrer an, dessen Frau Moritz gern bestätigte, dass es natürlich besser sei, mit Angabe der Züge zu üben als gar nicht. Uff, mit einem Seufzer der Erleichterung stürzte Moritz sich auf sein Instrument. Tilman schrieb ihm ein paar Züge über das nächste neue Lied, und er übte mehr als eine Stunde. Am nächsten Tag schrieb Tilman ihm die Noten der Nationalhymne auf, die seit der Fußball-WM bei den Jungs hoch im Kurs steht, dann für bevorstehende Feiern "Viel Glück und viel Segen" und "Happy Birthday", und Moritz übt mit Begeisterung.
Die Zug-Angaben braucht er kaum noch, und bis zur nächsten Stunde wird er mindestens 12 neue Lieder spielen und mit den Noten auch ohne Zugangaben sicher sein, zumal er sich ein Notenschreibprogramm aus dem Internet geladen hat und mit Thomas fasziniert Noten schreibt. Die Töne werden dabei in Form ihrer Buchstaben c-d-e-f-g-a-h-c eingegeben und erklingen, so dass die Zuordnung von Notenbild, Buchstabe und Ton sowie die Bedeutung und Wirkung von Kreuzen und b's aus sich selbst heraus klar wird. Kinderleicht!
Aber nächste Woche ist wieder Lehrerinnen-Tag, und das Fußballprojekt ist noch nicht fertig! Moritz hat sich zwar das komplexe Regelwerk des Spiels erarbeitet und ein paar Grundzüge am PC aufgeschrieben, mit viel Spaß und genialen Tricks und Thomas' Hilfe mit Playmobil-Männchen typische Fußballsituationen nachgestellt und fotografiert ("Abseits", "kein Abseits", "Freistoß", "Ecke", "Fallrückzieher" usw.). Die Fotos hat Moritz dann auf den Rechner geladen (dabei habe ich ihm geholfen), die 34 besten ausgesucht, einzeln benannt, in jpg-Dateien umgewandelt und in ein von ihm erstelltes Verzeichnis Kinder/Schule/Projekte/Fußball gespeichert und ausgedruckt. Dann hat er die Dateibezeichnungen in ein Word-Dokument kopiert, Formatierung und Rechtschreibung optimiert und eine Liste ausgedruckt (alles ohne Hilfe). Diese Bezeichnungen muss er jetzt noch auf die Bilder kleben. Ich habe auf die Rückseite der Bilder Schreiblinien gedruckt. Moritz hat alle 34 Bilder thematisch geordnet, nämlich Torwart-Abwehr-Mittelfeld-Stürmer, was nicht einfach war, weil viele Bilder mehreren Situationen zugeordnet werden könnten. Bis hierher war es Spaß. Aber jetzt muss er für die Schule noch beweisen, dass er verstanden hat, was er verstanden hat, und außerdem Handschriftliches abliefern. Er hat sich vorgenommen, zu jedem Bild einen kurzen (34 Bilder!) Kommentar in die Linien auf der Rückseite zu schreiben, und zwar jeweils auf die Rückseite von Bild 1 den Kommentar für Bild 2 usw., damit man das gut lesen kann und ein richtiges illustriertes Regelhandbuch entsteht. Uff, das macht ihm jetzt keinen Spaß mehr, weil es so viel ist, und er weiß ja, dass er die Regeln perfekt beherrscht, wozu das noch alles aufschreiben? Aber die Schule braucht Handschriftliches, und so ergibt es wenigstens einen Sinn.
Von den Rechenaufgaben, die ihnen die Lehrerinnen zum Bearbeiten gegeben haben, haben beide erste jeweils ein Blatt (mit links, aber ohne Begeisterung) erledigt, es gab so viel Wichtigeres zu tun. Und übermorgen feiert Oma 75. Geburtstag , da werden zu dem vielstrophigen Lied Illustrationen aus ihrem Leben gemalt, in A3 wie bei den Bänkelsängern, die sind auch noch nicht fertig, denn bei der Gelegenheit erproben sie statt Buntstiften Wasserfarben, und das geht ja viel langsamer!
Sind jetzt die Aufgaben wichtiger oder Omas Geburtstag? Keine Frage, und die Aufgaben schaffen wir dann schon irgendwie, oder wir erklären denen, warum wir noch nicht fertig sind. Das verstehen die doch, oder, Mama? Papa? Bestimmt.

Sonntag, 7. Januar 2007

Vom Hölzchen aufs Stöckchen - unsichtbares Lernen



Gemütliches spätes Sonntagsfrühstück, entspanntes Gespräch zwischen Eltern und Kindern plätschert so dahin. Wollen wir heute zum Harriersand fahren (einer Insel in der Weser)? Ach, lieber wieder im Sommer, wenn wir baden können, und dann fahren wir auch wieder ans Meer.
Leider ist ja auch kein Eis, es gab erst zwei Tage mit Nachtfrost. Wir müssen dran denken, wenn es kalt wird, nicht nur die Schlittschuhe vorzuholen, sondern auch den Wasserhahn im Garten abzudrehen. Warum eigentlich? Weil sonst die Leitung platzt, denn Wasser dehnt sich aus, wenn es friert, deswegen darf man nie Getränkeflaschen im Tiefkühlfach vergessen. Papa hat als Kind oft eine alte Weinflasche mit Wasser gefüllt in den Frost gestellt, die war dann geplatzt. Geht das auch mit Plastikflaschen, damit wir keine Scherben in den Garten kriegen? Nicht so gut, weil Glas starr ist und Plastik elastisch, aber irgendwann reißen Plastikflaschen auch auf. Das probieren wir aus, wenn es kalt wird! Aber in einen Eimer stellen die Flasche, wegen der Scherben!
Und im Sommer fahren wir wieder an die Nordsee, die ist näher, oder an die Ostsee, da waren so tolle Wellen. Aber nur, weil an dem Tag so'n Wind war. Je größer das Meer, desto höher die Wellen an normalen Tagen, weil die Kraft des Windes sich addiert über der weiten Fläche, deshalb sind im Frankreich am Atlantik die Wellen so hoch. Und in Haiti erst, da sind die Wellen zehn Meter hoch, und deswegen haben die jungen Männer da ds Surfen erfunden. Wir singen "Ev'rybody goes surfin', surf in USA!" Na ja, Haiti. Inzwischen gehört das ja auch zu den USA, aber nicht immer.
Im Wattenmeer ist es eigentlich zu flach für Erwachsenen und größere Kinder zu schwimmen, außer in den Prielen. Aber Moritz ist mit Max und Louise im Sommer in kleine Priele reingegangen. Was sind die eigentlich, und wieso haben sie so eine starke Strömung? Die kann einen weit rausziehen. Und was macht man dann? Wir haben ja auf dem Weg zur Insel Neuwerk die Rettungsstationen im Watt gesehen. Heute haben ja die meiste Leute Handy dabei, aber wenn das in der Aufregung ins Wasser fällt oder gerade der Akku leer ist?
Dann gibt es da so Leuchtraketen. Aber wenn dann gerade keiner hinschaut? Die haben extra kleine Fallschirme wie die großen Silvesterraketen auch, und schweben so 2-3 Minuten lang nieder.
Das sieht dann schon einer, außer wenn gerade Silvester ist, dann denkt er, das ist eine Silvesterrakete. Was dann? Dann muss man warten, bis wieder Ebbe ist. Besonders gefährlich ist es dann, wenn Nebel aufzieht. Das ist besonders im Herbst so, weil das Wasser dann wärmer ist und die Tröpfchen in der kalten Luft kondensieren. (Deswegen muss Moritz ja auch immer das Kondenswasser aus seiner Posaune lassen!) Tja, was kann man dann machen? Kompass mitnehmen!
Moritz (10) weiß, was ein Kompass ist, aber Thomas (7) nicht so richtig. Papa holt den Kompass, alle schauen zu, wie der immer nach Norden zeigt. Wieso denn? Weil die Nadel aus Metall ist, und die Erde so ähnlich wie der große rote Hufeisen-Magnet der Kinder funktioniert.
Papa holt die Karte, wo ist die Insel Neuwerk? Da ist Helgoland abgebildet, aber das ist auf der Karte in einem Kasten, weil es in Wirklichkeit viel weiter weg ist, da sind wir ja richtig lange mit dem Schiff gefahren vor Jahren. Die drei "Männer" rutschen auf dem Fußboden herum und spielen, sie wären im Wattenmeer. In welcher Richtung liegt das Land? Das markieren wir beim Losgehen, dafür ist dieser andere Zeiger da. Jeder darf mal sagen wo's langgeht.
Eigentlich haben wir nur ein nettes normales Frühstück gehabt, aber ich könnte jetzt alle Stationen unseres Gesprächs mit Etiketten versehen und dem Lehrplan zuordnen: Geografie, Physik, Allgemeinwissen, Kartenlesen, Überlebenstechnik, Logik, Erinnerungen erzählen, Erlebnisse schildern, Sinnzusammenhänge herstellen, Verstandenes erklären.
Es ist egal, wer was beiträgt, jeder sagt, was ihm einfällt (auch die Kinder) und fragt, was unklar ist (auch die Erwachsenen).
Ich schaue die Kinder an, mit welcher konzentrierten, aber völlig entspannten Aufmerksamkeit sie zuhören, überlegen, schlussfolgern, einfach weil es sie in diesem Moment interessiert. Wir haben inzwischen (fast) gelernt, in solchen Situationen nicht ins Dozieren zu verfallen, die Kinder nicht zu überschütten mit Sachen, die eigentlich gar nicht zum Gespräch gehören, die wir aber meinen, ihnen bei dieser Gelegenheit unterjubeln zu müssen, Schulwissen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sie sich solche Sachen NIE merken, sondern das Gespräch abbrechen ("man merkt die Absicht, und man ist verstimmt..."). Aber was sie heute erfahren, selbst erkannt, verstanden, erklärt, wiederholt haben, ist Teil ihres Wissensschatzes geworden. Nicht in ordentlichen Bröckchen nach Lehrplan und Jahrgang, sondern scheinbar chaotisch, aber von einem roten Faden des Sinns und der Nutzbarkeit durchzogen.
Und wir nehmen drei Mahlzeiten täglich ein... Natürlich nicht immer mit so viel Muße wie sonntags, aber unzählige solcher Gespräche, bei denen wir oft das Lexikon hinzuziehen, uns vornehmen, bestimmte Bücher oder Filme zu einem Thema auszuleihen, im Internet zu schauen - und das manchmal auch machen, wenn es jemanden hinreichend interessiert. Nicht immer, dann würden wir nur noch recherchieren. Aber für die Kinder ist es selbstverständlich, so vorzugehen. Immer geerdet durch das eigene Interesse. Die Welt ist spannend!

Was war noch diese Woche? Gestern abend behauptete Thomas, er hätte sich schon zwei Millionen Mal die Zähne geputzt. Ha! Kann doch nicht sein, fand Moritz. Ich fand, gute Gelegenheit, schriftliches Dividieren zu demonstrieren. Also mal angenommen, Thomas putzt sich ein Minute lang die Zähne, also 60 mal pro Stunde. 2 Millionen durch 60 - ich zeige Moritz das schriftliche Teilen 33.333 Stunden lang müsste Thomas dann putzen.
Unvorstellbar, wie viele Tage sind das denn? Jetzt versucht Moritz es selber: 33.333 : 24 = Thomas, haha, du müsstest 1388 Tage putzen, und ein Rest von 21 Stunden bleibt übrig. Immer noch unvorstellbar, bei 1388 : 365 komme ich ins Schleudern, ist so lange her. Moritz holt das Divisionsbrett mit dem selbstgebauten Material nach Montessori, rennt nach oben ins Kinderzimmer und holt Halmamännchen, das macht ihm Spaß. Papa Tilman fängt parallel auch an zu rechnen, ich bitte ihn, das Ergebnis für sich zu behalten, weil Moritz ja selber rechnen will, aber aus Versehen/Gewohnheit ruft er sofort stolz: Das sind Dreikomma--- weiter kommt er nicht, dann haben wir ihn niedergeschrieen. Still Papa, ich will es doch selber rauskriegen!
und holt Halmamännchen, die brauchen wir auch.
Jetzt schaut Tilman interessiert mit zu, wie Moritz souverän mit dem Divisionsbrett rechnet. Eine geniale Methode. Also drei stimmt. Thomas müsste sich also 3 Jahre und 293 Tage die Zähne putzen. 293 Tage, nehmen wir 30 Tage für den Monat, also 9 Monate, 23 Tage bleiben Moritz übrig, und die 21 Stunden sind ja auch noch da. Moritz rennt nach oben, wo Thomas längst bei seinen Comicmalereien sitzt, ihn hat das Dividieren überhaut nicht interessiert, und teilt ihm triumphierend das Ergebnis mit.
Ansonsten haben die Kinder letzte Woche viele Stunden Seefahrer von Catan gespielt (ist "eigentlich" erst ab 10, aber Thomas spielt super!), im Fußballverein trainiert (im Garten dürfen sie derzeit nicht, damit Rasen nachwachsen kann), Stunden auf dem Trampolin verbracht, ihre Freunde besucht und mit Robert, Rowina und Leo draußen gebolzt, stundenlang mit und ohne Freund K. auf dem großen Trampolin verbracht. Sie haben den Veteiler für ihren Comicverlag aktualisiert und eine Werbemail mit eingescannter Probeseite an ca. 25 Addressaten verschickt, Thomas hat wie immer emsig mehrere Stunden am Tag gemalt, Klavier geübt (er hat keinen Unterricht, sondern bringt sich alles selbst bei), Gitarre (da hat er Unterricht) . Moritz hat die Schwelle überwunden, beim Posaunespielen von der Notierungsweise der Zugangaben auf "richtige" Noten umzusteigen (und verstanden, warum das so wichtig ist - weil er sonst nie neue Lieder lernen kann, die er noch nicht kennt).
Sie haben jeder jeden Tag 30 Minuten lang ihr neues Spiel "Fifa WM 2006" spielen dürfen (und weil Ferien sind, jeder noch ein "heimliches" Spiel von 12 ' hinterher, "Mama, dürfen wir noch ein Spiel heimlich spielen?"). Thomas hat 1 Seite seiner Rechenaufgaben von den betreuenden Lehrerinnen ("Hundertertafel") gerechnet. Problemlos und nicht ohne Spaß, aber diese Wiederholungen desselben Aufgabentyps... Nach einer Seite (ca. 15 Minuten) hat er, der sonst stundenlang hochkonzentriert arbeiten kann (an seinen eigenen Projekten) , sich erschöpft abgewendet.

Freitag, 5. Januar 2007

Zur Geschichte dieses Blogs

Ich habe diesen Blog über das Freie Lernen unserer Kinder Anfang Januar 2007 begonnen und im Januar 2008 für viele Beitragende freigegeben. Es ist also nicht mehr mein persönlicher Blog, und die Inhalte, die ich zwischen Januar 2007 und Januar 2008 hier veröffentlicht hatte, sind in mein Buch "Die Freilerner - unser Leben ohne Schule" (Genius Verlag, Mai 2008, siehe www.genius-verlag.de ) eingeflossen.

Mittlerweile gibt es zahlreiche Blogs von Homeschoolern und Freilernern. Auch wenn wir schließlich ins Ausland gehen mussten, um das Recht unserer Kinder auf freie Bildung zu schützen, ist ganz deutlich, dass die Entwicklung zur Bildungsfreiheit auch in Deutschland trotz aller Rückschläge und Unterdrückungsversuche nicht aufzuhalten ist.

Dieser Blog ist im Moment ein öffentliches Austausch- und Erzählforum geworden - prima!
Viel Glück und guten Erfolg uns allen
Dagmar Neubronner