Sonntag, 21. Januar 2007

Freilerner-Alltag mit Trampolin






Moritz hat unermüdlich insgesamt zehn A3-Bilder mit Szenen aus dem Leben seiner Großmutter gemalt, entsprechend den zehn Strophen aus dem für sie umgedichteten Liedtext zu ihrem 75. Geburtstag. Als wir uns vor dem Restaurant, in dem die Feier stattfindet, versammeln, um Oma ein Ständchen mit Moritz an der Posaune zu bringen, ist er schrecklich aufgeregt und spielt viel schlechter als beim Üben. Das ärgert ihn natürlich, aber er beruhigt sich schnell, und im Verlauf des Nachmittages gibt er dann noch ein entspanntes kleines Konzert inklusive professioneller Moderation "Ja, ich spiele also jetzt ...., und weil ich erst 4mal Unterricht hatte, kann es noch Fehler geben, das bitte ich zu entschuldigen". Wir sind fasziniert davon, wie gern und bereitwillig Moritz und Thomas ihre musikalischen Künste zum Besten geben.
Als dann das nächste Mal Lehrerinnen-Tag ist, ist das Regelhandbuch Fußball immer noch nicht fertig, aber das Prinzip wird anerkannt, jetzt muss Moritz halt dran weiterarbeiten, damit das Opus fertig wird. Er erläutert wortgewandt und mit echter Begeisterung die einzelnen Bilder, während am andern Tischende Thomas die andere Lehrerin in die Feinheiten seines 45-seitigen Fußball-Comics einführt. Wir sitzen dabei und freuen uns über die Kinder, aber es ist auch klar, dass wir eigentlich noch viel detaillierter und ausführlicher dokumentieren müssten, was unsere Kinder tun, für die Behörden.
Die Lehrerinnen haben Material mitgebracht, das Moritz für eventuelle Tests draufhaben sollte, Grammatik, er soll lernen, Verben, Nomen, Pronomen und Adjektive zu erkennen. Das Material schlägt eine aufwändige, redundante Vorgehensweise vor, mit Unterstreichen, Abschreiben, Ausschneiden, auf Planeten aufkleben usw. Dazu hat Moritz aber überhaupt keine Lust. Er wird die entsprechenden Texte durcharbeiten und die Wortarten farbig kennzeichnen, den Rest erkennt er als redundant und überflüssig - es interessiert ihn halt nicht, und diese fehlende Motivation ist durch gutgemeintes spielerisches Drumherum ohne praktische Relevanz nicht zu ersetzen, jedenfalls nicht für ihn. Außerdem gibt es einen Stapel Blätter mit grammatischen Begriffen, Subjekt, Objekt usw., die er "stumpf auswendig lernen" soll, diese Begriffe muss man halt kennen. Sonst kann es Schwierigkeiten mit den Schultests geben, für die eben nicht zählt, wie er soeben in komplexen Sätzen souverän sein Projekt erläutert und ein Buch vorgestellt hat. Moritz beherrscht die deutsche Sprache außergewöhnlich gut, und die Lernforschung weiß längst, dass diese formale Art, mit einer Sprache umzugehen, nicht jedem Lerntyp etwas bringt. Aber das ist der Preis, ich werde die angeödete Lustlosigkeit von Moritz ertragen und darauf bestehen, dass er das so nebenbei, jeden Tag ein bisschen lernt - wir opfern so viele Stunden für den Kampf um seine Bildungsfreiheit, dass es unangemessen wäre, die Flucht ins Ausland antreten zu müssen, weil er keine Lust hat, sich zu merken, was ein Pronomen ist. Eine andere Begründung kann ich ihm leider nicht geben, denn selbst ich, Abitur und Diplom mit Auszeichnung, seit Jahrzehnten erfolgreiche Übersetzerin und Publizistin, bin nicht ganz sicher bei diesen Bezeichnungen.
Thomas amüsiert sich derweil mit laminierten Blättern, die ihm zeigen sollen, wie man die Zahlen "eigentlich" schreibt - da er sich auch die Zahlen allein beigebracht hat, folgt er bei vielen nicht dem vorgegebenem Bewegungsablauf, und die Lehrerin schlug vor, ihm die offizielle Variante anbieten, ohne darauf zu bestehen, dass er es genau so macht. Die Lehrerinnen sind freundlich, hilfsbereit und tun ihr Bestes, um Moritz und Thomas "behördenkompatibel" zu machen, ohne sie zu verbiegen.
Mir wird so nach und nach erst bewusst, was für eine Kunstwelt die Schule ist, eine Übungs-Scheinfirma, in der auf dem Trockenen für das Leben gelernt wird. Unsere Kinder wollen in der Zeit lieber leben. Und siehe da, sie lernen alles, was sie brauchen, und noch viel mehr, aber auf ganz andere Weise und sicherlich oft zu anderen Zeitpunkten.
Thomas findet die Folien lustig (ca. 5 Minuten lang, dann hat er alles nachgemalt) und amüsiert sich über die Unterschiede in seinem selbsterfundenem Bewegungsablauf und dem "offiziellen". Tilman erzählt ihm, wie er auf unserer Chinareise ein paar Schriftzeichen nachgemalt hat und die Chinesen sich ausgeschüttet haben vor Lachen über die Weise, wie er sie gemalt hat - unorthodox eben. Thomas ist so völlig ungebrochen in seinem Interesse und seiner Begeisterung - im Nachhinein tut es uns bitterlich leid, dass wir fast zwei Jahre lang ratlos zugeschaut haben, wie Moritz sich in der Schule quälte und seine Offenheit fürs Lernen und seine Lebensfreude einbüßte. Die Lebensfreude ist inzwischen wieder da, die Offenheit fürs Lernen nur, wenn keine schulischen Bezüge zu erkennen sind.

Am Donnerstag war mal wieder eine Journalistin da. Moritz hat ihr sofort die Nationalhymne vorposaunt, Thomas am Klavier ebenfalls, und ich habe versucht, mit einem erläuternden Hinweis auf die Fußball-WM den Verdacht nationalistischer Umtriebe zu entschärfen. Wir haben viel geredet - es ist so schwer, sich zurückzuversetzen in die Ausgangsposition der kritischen Fragen dazu, wie wir unsere Kinder unterrichten, wie sie denn jemals Abitur machen sollen usw. Seufz! Moritz saß dabei und las Zeitung (das Thema Murat Kurnaz interessiert ihn sehr!) - ob die Journalistin gedacht hat, dass wir das alles vorbereitet, einstudiert, andressiert haben? Wir werden's dann ja lesen...

Gestern luden Moritz und Thomas ihren Nachbarsfreund zum Trampolinspielen ein - unser Trampolin im Garten hat 4,60 m Durchmesser, und sie haben verschiedene Spiele erfunden, mit mehreren Kindern plus Ball, die sie stundenlang in Atem und Begeisterung halten. Thomas hatte noch Gitarrenunterricht, Moritz und K. sprangen zu zweit - und kamen bald empört wieder herein, Jugendliche hatten von außerhalb des Gartens Schnapsflaschen aufs Trampolin geworfen. "Mama, die waren noch keine 16, das ist doch verboten!" Moritz will, wenn es mit dem Fußballprofi nicht klappt, Polizist werden, und das passt gut zu ihm - er hat überhaupt kein Verständnis dafür, wenn Leute Verbotenes tun. Den Rest des Nachmittags und Abends haben die drei drüben bei K. gespielt, bis ich sie spät in erhitztem und glücklichem Zustand abgeholt habe. Zuletzt hat Thomas sich noch ein "WAS-ist-WAS Internationale Flaggen"- Buch ausgeliehen und sogar aufs Vorlesen verzichtet, um noch die ersten Flaggen abmalen zu können. Er verleibt sich die Welt wirklich durchs Malen ein.
Moritz und ich haben dann am Sonntag Morgen feierlich "Das Geheimnis des Kartenmachers" zuendegelesen, ein Jugendbuch, das kurz vor der Expedition des Christoph Kolumbus spielt und mit dessen Aufbruch nach "Indien" endet. Wir haben uns "Conquest of Paradise" von der 1492-CD Vangelis angehört (der Film ist leider erst ab 16), und ich habe aus dem Keller das Schiffstagebuch von Kolumbus geholt und ein bisschen daraus vorgelesen, Moritz war fasziniert, und ich habe im Internet ein Jugendbuch bestellt, das die Reise der "Santa Maria" schildert. Dann ist mir eingefallen, dass wir daraus prima ein Schulprojekt machen können - das darf ich bloß Moritz nicht sagen, dann verliert er sofort die Lust und denkt nur noch daran, dass er für Projekte immer was aufschreiben muss. Also erst der vergnügliche Teil, dann irgendwie die Dokumentation für die Behörden dranhängen.

Dann war heute ein Familienfest, an dem auch ein viermonatiges Baby zu besichtigen war, was Moritz und Thomas sehr fasziniert und in sicherem Abstand taten. Besonders das Stillen interessierte sie, aber irgendwie war ihnen das Ganze auch etwas unheimlich - schade, dass in unserer Welt nicht häüfiger Babys vorkommen! Sie erzählen heute noch von den lustigen Aussprüchen des kleinen dreijährigen Theodor, den wir im Urlaub kennengelernt hatten.

Moritz sagte neulich: "Es ist mir ganz egal, vor welchem Gericht wir da sein müssen, Hauptsache, wir gewinnen und ich kann weiter in Freiheit leben!" Die endgültige Erlaubnis, zu Hause zu bleiben, hat er Silvester als seinen größten Wunsch für 2007 genannt, noch vor "Garten umbauen" und "in Fußball und Posaune richtig gut werden".

Kommentare:

Großstadtpflanze hat gesagt…

Mir wird so nach und nach erst bewusst, was für eine Kunstwelt die Schule ist, eine Übungs-Scheinfirma, in der auf dem Trockenen für das Leben gelernt wird.

Ein ganz wunderbarer Satz, so treffend!

Anonym hat gesagt…

taaaaaaaaaaaaag