Sonntag, 14. Januar 2007

Sinnennehmendes Lesen und gemalte Träume

Wir haben uns eine Videokamera gekauft. Weil das hauptsächlich der Wunsch der Kinder war, haben sie sich mit einem Drittel an den Kosten beteiligt - die Rechenaufgabe an Moritz lautete: Erwachsene zahlen voll, Kinder die Hälfte. Voraus gingen lange Beratungen, ob sie dafür wirklich ihre Sparkonten plündern wollen, die sind ihnen heilig. Doch dann stellten sie fest, dass sie mit den Verdiensten vom Comicverkauf und dem Zusatztaschengeld von Omi ihren Anteil zahlen können, ohne ans Konto zu gehen, und die Sache war entschieden. Wir haben feierlich bei Tschibo online bestellt, die Kinder sind jubelnd durchs Haus getobt und haben auf das große Ereignis mit einer Flasche Malzbier angestoßen.
Am Freitag kam das Paket, und am Samstag hat Moritz sich hingesetzt, um sich anhand der mehrsprachigen Gebrauchsanleitung mit der Bedienung vertraut zu machen. Wir überlassen ihm das gern, er erklärt es uns dann, wir sparen Zeit und er übt Lesen (haha! Kleiner Scherz, er liest schneller als Tilman!), Verstehen und Anwenden, also genau das, was laut PISA so viele Schulabsolventen nicht können.
Aber wir denken inzwischen gar nicht mehr so pädagogisch, weil wir mittlerweile sicher sind, dass er das lernen will. Nein, auch nicht korrekt: Moritz will nicht lernen, komplizierte Gebrauchsanweisungen umzusetzen. Er will lernen, die Kamera zu bedienen, und das ist für ihn die Motivation, die Gebrauchsanleitung zu verstehen. Dafür braucht es keine pädagogisch ausgeklügelte Motivierungshilfe, die liefert das Leben. Er beherrscht jetzt die wichtigsten Funktionen der Kamera und kann sie uns erklären, prima.
Am Montag Morgen kam ich zum Wecken ins Kinderzimmer. Thomas sprang aus dem Bett wie von der Tarantel gestochen. Ohne Begrüßung rief er nur : "Ha, das darf ich nicht vergessen! Das muss ich sofort aufmalen! Ich hab was geträumt , ich muss meinen Traum aufmalen!" Schon saß er im Schlafanzug vor seinem Malpapier auf dem Boden und zeichnete emsig. Gegen 9:30 unterbrach ich ihn kurz, um ihm ("Aber nicht gucken!") warme Sachen zum Anziehen anzureichen, zum Frühstücken war er nicht zu bewegen. Bis 13.30 malte er sozusagen ohne Punkt und Komma, dann kam er hochzufrieden und erfüllt zum Mittagessen. "Jetzt bin ich fertig!" Er hat seinen Traum in Comicform illustriert, ca. zehn nach wie vor geheime Seiten.
Auch sein Fußball-Epos in Comicform hat er diese Woche fertiggestellt, 45 Seiten sind es geworden - erzählt werden alle Spiele der deutschen Mannschaft bei der Fußball-WM 2010 (!). Dafür hat er das Fußball-Lexikon, den dicken Fifa WM 2006-Band von Bertelsmann und "Lebenslang grün-weiß", das dicke Werder-Bremen-Buch, zu Rate gezogen - akribische Recherchen, alle Fahnen, Namen, Austragungsorte in Südafrika usw. sind authentisch.

Moritz lernt derzeit jeden Tag ein neues Lied auf der Posaune. Nach der letzten Stunde vor Weihnachten hatte er nicht mehr geübt, was uns ziemlich wunderte, weil er doch so begeistert gewesen war. Tja - der Lehrer hatte gesagt, er solle nicht mehr die Angabe des Posaunenzugs über die Noten schreiben - Moritz konnte aber noch keine Noten, auch wenn sie im Kinderchor immer welche in der Hand haben. Also wusste er nicht mehr weiter. Auf unseren Vorschlag, dann doch lieber nach wie vor die hilfreiche Zug-Angabe drüberzuschreiben, antwortete er nur verzweifelt: "Aber Herr K. hat gesagt, ich darf das nicht mehr machen!" Aus Erfahrung wussten wir, dass Moritz Worte von Lehrern sehr ernst nimmt und wir ihn nur in einen tiefen Gewissenskonflikt stürzen würden, wenn wir verlangen würden, sich über die Anweisung hinwegzusetzen. Die nächste Stunde ist erst Anfang Februar. Also riefen wir kurzentschlossen beim Posaunenlehrer an, dessen Frau Moritz gern bestätigte, dass es natürlich besser sei, mit Angabe der Züge zu üben als gar nicht. Uff, mit einem Seufzer der Erleichterung stürzte Moritz sich auf sein Instrument. Tilman schrieb ihm ein paar Züge über das nächste neue Lied, und er übte mehr als eine Stunde. Am nächsten Tag schrieb Tilman ihm die Noten der Nationalhymne auf, die seit der Fußball-WM bei den Jungs hoch im Kurs steht, dann für bevorstehende Feiern "Viel Glück und viel Segen" und "Happy Birthday", und Moritz übt mit Begeisterung.
Die Zug-Angaben braucht er kaum noch, und bis zur nächsten Stunde wird er mindestens 12 neue Lieder spielen und mit den Noten auch ohne Zugangaben sicher sein, zumal er sich ein Notenschreibprogramm aus dem Internet geladen hat und mit Thomas fasziniert Noten schreibt. Die Töne werden dabei in Form ihrer Buchstaben c-d-e-f-g-a-h-c eingegeben und erklingen, so dass die Zuordnung von Notenbild, Buchstabe und Ton sowie die Bedeutung und Wirkung von Kreuzen und b's aus sich selbst heraus klar wird. Kinderleicht!
Aber nächste Woche ist wieder Lehrerinnen-Tag, und das Fußballprojekt ist noch nicht fertig! Moritz hat sich zwar das komplexe Regelwerk des Spiels erarbeitet und ein paar Grundzüge am PC aufgeschrieben, mit viel Spaß und genialen Tricks und Thomas' Hilfe mit Playmobil-Männchen typische Fußballsituationen nachgestellt und fotografiert ("Abseits", "kein Abseits", "Freistoß", "Ecke", "Fallrückzieher" usw.). Die Fotos hat Moritz dann auf den Rechner geladen (dabei habe ich ihm geholfen), die 34 besten ausgesucht, einzeln benannt, in jpg-Dateien umgewandelt und in ein von ihm erstelltes Verzeichnis Kinder/Schule/Projekte/Fußball gespeichert und ausgedruckt. Dann hat er die Dateibezeichnungen in ein Word-Dokument kopiert, Formatierung und Rechtschreibung optimiert und eine Liste ausgedruckt (alles ohne Hilfe). Diese Bezeichnungen muss er jetzt noch auf die Bilder kleben. Ich habe auf die Rückseite der Bilder Schreiblinien gedruckt. Moritz hat alle 34 Bilder thematisch geordnet, nämlich Torwart-Abwehr-Mittelfeld-Stürmer, was nicht einfach war, weil viele Bilder mehreren Situationen zugeordnet werden könnten. Bis hierher war es Spaß. Aber jetzt muss er für die Schule noch beweisen, dass er verstanden hat, was er verstanden hat, und außerdem Handschriftliches abliefern. Er hat sich vorgenommen, zu jedem Bild einen kurzen (34 Bilder!) Kommentar in die Linien auf der Rückseite zu schreiben, und zwar jeweils auf die Rückseite von Bild 1 den Kommentar für Bild 2 usw., damit man das gut lesen kann und ein richtiges illustriertes Regelhandbuch entsteht. Uff, das macht ihm jetzt keinen Spaß mehr, weil es so viel ist, und er weiß ja, dass er die Regeln perfekt beherrscht, wozu das noch alles aufschreiben? Aber die Schule braucht Handschriftliches, und so ergibt es wenigstens einen Sinn.
Von den Rechenaufgaben, die ihnen die Lehrerinnen zum Bearbeiten gegeben haben, haben beide erste jeweils ein Blatt (mit links, aber ohne Begeisterung) erledigt, es gab so viel Wichtigeres zu tun. Und übermorgen feiert Oma 75. Geburtstag , da werden zu dem vielstrophigen Lied Illustrationen aus ihrem Leben gemalt, in A3 wie bei den Bänkelsängern, die sind auch noch nicht fertig, denn bei der Gelegenheit erproben sie statt Buntstiften Wasserfarben, und das geht ja viel langsamer!
Sind jetzt die Aufgaben wichtiger oder Omas Geburtstag? Keine Frage, und die Aufgaben schaffen wir dann schon irgendwie, oder wir erklären denen, warum wir noch nicht fertig sind. Das verstehen die doch, oder, Mama? Papa? Bestimmt.

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