Sonntag, 4. Februar 2007

(Homeschooling)-Intensivseminar Bürgerrechte - der Fall Melissa

In den letzten Tagen lief bei uns ein "Intensivseminar" über Bürgerrechte und Psychiatrie - in Erlangen ist ein fünfzehnjähriges Mädchen zwangseingewiesen worden, weil sie die Berufsschule nicht besuchen will. (http://www.netzwerk-bildungsfreiheit.de/html/pe_erlangen.html) Die Kinder schalteten sich interessiert in unsere teilweise etwas aufgeregten Gespräche ein. Es ist schön, dass sie daraus keine Angst für sich selbst ableiten, was wir Erwachsenen nicht so ganz von uns behaupten können.
Gestern haben sie wieder ganz lange mit ihrem Freund K. gespielt - "Hach, Mama, das geht jetzt so toll! Ich habe alles vergessen und gar nicht mehr die Tischtennisplatte und den Keller gesehen, sondern war ganz in der anderen Welt! Und weil wir uns vorher genau erzählt haben, wer wir im Spiel sind und was wir für Eigenschaften haben, konnten wir dann ganz toll spielen!"- "Und die Zeit war wie ein Blitz um, aber gleichzeitg war es auch ganz lang!" Sie waren begeistert nach neunstündigem Beisammensein. Wir hatten abends bei den Eltern von K. gesessen, und der Vater hatte uns beeindruckt erzählt, dass andere Besuchskinder alle Naslang hochkämen aus dem Hobbykeller und irgendwas wäre, und wie wunderbar das Spielen klappt, wenn unsere Kinder da sind. Wir waren uns einig, dass Voraussetzung dafür auch die lange Zeit der vorsichtigen Annäherung war, in der die Kinder sich sehr sporadisch mal aufgesucht haben. Allerdings war das auch bedingt durch den strengen Zeitplan des Waldorfschülers K. Der andere Punkt ist, dass die Kinder eine gemeinsame Basis haben, weil ihe Eltern sich kennen und schätzen. Wir bilden mit K.s Eltern quasi eine "dorfähnliche Bindungsgemeinschaft", wie Gordon Neufeld in seinem Buch "Unsere Kinder brauchen uns" beschreibt.
Ansonsten hat Moritz jetzt endlich seinen Spielerausweis, und in nur 6 Tagen darf er sein erstes Fußballturnier mitspielen! Außerdem hat er letzte Woche ein Tor geschossen - "jetzt sind nur noch zwei oder drei fies zu mir, die anderen sind neutral oder nett!". Die erste Posaunenstunde war vorgestern auch - der Lehrer war begeistert von den guten Fortschritten und stellte in Aussicht, dass Moritz in einigen Wochen schon anfangen kann, im Posaunenchor mitzuspielen - das motiviert! Allerdings muss er dafür noch Baßschlüssel lesen lernen.
Die Fußball-Fibel ist jetzt fast fertig. Moritz hat noch einen Grundsatztext ausgedruckt, den die Beiden mal geschrieben haben:

Fußball ist eine Sportart, bei der man den Ball ins Tor schießen muss! Man darf den Ball nicht in die Hand nehmen. Gespielt wird Mit 10 Feld Spielern Und Einem Torwart. es gibt folgende Positionen: Torwarte, Verteidiger, Mittelfeldspieler und Stürmer. Ein spiel dauert normalerweise 90 Min. und 15 Min. Halbzeit!!!!! Linien, Linien, Linien beim Fußballfeld gibt es viele Linien, fangen wir mit dem Strafraum an: der Strafraum ist ein Linienkasten vor dem Tor der Torwart darf den Ball nämlich in die Hand nehmen, aber auch nur im Strafraum. Kommen wir zur nächsten Sache zum Beispiel der Ecke, eine Eckenlinie ist an jeder seit Gibt es Ecke dann legt der Gegner den ball auf die Ecklinie ;Ecke gibt es wenn der Spieler von der Mannschaft, auf dessen Torlinie er schießt. Kommen wir zur Auslinie: die Auslinie geht um das Spielfeld. Schießt ein Spieler über die Auslinie, darf ein Spieler der gegnerischen Mannschaft den ball in das Spielfeld werfen. Die nächste Sache ist die Mittellinie: die Mittellinie ist wie der Name schon sagt eine Linie die in der Mitte des Spielfeldes liegt, sie hat um sich einen großen Linienkreis, beim Anstoß vom Mittelpunkt(der Mittelpunkt ist auf der Mittellinie) dürfen die gegnerischen Spieler nur hinter dem kreis der um ein teil der Mittellinie geht. Und der kleine Halbkreis vor dem Strafraum bedeutet wenn im Halbkreis gefoult wird dann wird der Freistoss immer auf oder hinter der Halbkreislinie Geschossen, außerdem werden bei einem Elfmeter die anderen Spieler auf und hinter die Halbkreislinie gestellt. Und im Torraum darf der Torwart auf keinem fall angegriffen werden, sonst gibt es einen Freistoss oder schlimmeres. Wenn ein Spieler neben das Tor schießt darf der Torwart den Ball nur mit dem Fuß in das Feld schießen, hält in der Torwart darf der Torwart den Ball auch werfen. Bei einen Elfmeter muss der Torwart auf der Torlinie stehen, sonst hat der Schütze zu wenig Chance!

Thomas hat in den letzten Wochen "wie immer" täglich viele Stunden gezeichnet und gemalt, die Comics.... Nein, nicht nur, es gab ja eine Flaggenmal-Phase, die noch nicht ganz abgeflaut ist, und daraus hat sich entwickelt, dass die Kinder sich Spielerdresse ausdenken und diese aufmalen, Oberteil, Hose, Stulpen und Kapitänsbinde. Moritz macht so etwas auf ein paar Seiten, integriert das Prinzip und ist dann damit durch, Thomas geht gründlicher vor und hat jetzt bestimmt schon vierzig oder fünfzig Spielerbekleidungen entworfen, unter ausgiebiger Recherche in seinem Fußballbuch, denn die Bekleidung hat natürlich einen Bezug zur Nationalfahne oder bei Vereinen zum Logo.
Vor einigen Tagen ging es um ein Gesangsprojekt, bei dem Tilman und ich mit unserem Chor mitsingen, ein Wilhelm-Busch-Gala-Abend. Wer ist Wilhelm Busch? Da ging mir ein Licht auf: "Das war ein Comic-Maler, Thomas!" - "Ach, tatsächlich? Haben wir ein Comic von dem?" - "Ein ganzes dickes Buch, und der Text bei seinen Comics reimt sich sogar!" Daraufhin saß Thomas lange und betrachtete die Bilder mit tiefem, fachmännischemInteresse. Er fand, der kann toll zeichnen. Die Texte fand er gemischt.

Ach, und Moritz hat gestern nur so zum Spaß im Branchenbuch geblättert, erfragt, wozu es dient, und nach einigem Suchen tatsächlich unseren winzigen Verlagseintrag gefunden. Das kann er also auch, prima. Schriftlich Multiplizieren haben wir angefangen, ohne dass es ihn interessiert, aber es steht auf dem Lehrplan für die 4. Klasse. Es geht gut, er hat keine Verständnisprobleme, nur eben keine Lust. Es tut mir immer leid, sein enthusiastisches Interesse für das, was er gerade macht, mit "Moritz, komm, ein bisschen Schule, bald ist wieder Lehrerinnen-Tag, und du musst es doch können!" abzuwürgen. Aber bei all dem Aufwand, den wir treiben, mit Prozessen usw., wäre es unangemessen, wenn das Projekt Freilernen in Deutschland daran scheitert, dass Moritz keine Lust hat, den Lehrplan so weit zu befolgen, dass er nicht "sitzenbleibt". Mehr muss ja gar nicht sein, denn das eigentliche Lernen, das, was dauerhaft hängenbleibt, findet nicht nach Lehrplan statt und geht weit über jeden Lehrplan hinaus.
Die Kinder kommen mir vor wie Pflanzen, die genau ihrem inneren Entwicklungsplan folgen und sich dafür die Nährstoffe holen, die sie grad brauchen. Und sie wissen genau, wo das nächste Blatt hinkommt und wie es aussieht, ob Eiche oder Rose. Wir müssen nur die nährstoffreiche Umgebung bereitstellen und regelmäßig mit Liebe gießen. Das schulische Lernen erscheint mir diesem faszinierenden, lebendigen, wunderbaren Prozess gegenüber wie ein Notbehelf. Aber damit bewegen wir uns weitab vom Mainstream - und wir bekommen solche Gedanken ja auch erst durch die konkrete Erfahrung mit unseren Kindern. Ich wusste das genausowenig, wie die Lehrer, die Behördenmitarbeiter und die anderen Eltern es jetzt wissen, und noch vor wenigen Jahren hätte ich eine Familie wie unsere vermutlich mit tiefem Misstrauen betrachtet und als ziemlich freakig-schräg oder gar leichtsinnig angesehen. Aber jetzt können wir hinter unsere Erfahrungen nicht mehr zurück und erkennen in der Skepsis oder Verurteilung der anderen unser eigenes Denken von früher wieder. Das ist schon ein merkwürdiges Gefühl.

Kommentare:

scatty hat gesagt…

Lol, eine Freundin von mir hat heute unabsichtlich eure Jungs Max und Moritz genannt - nur weil die Namen irgendwie zusammenpassen. Was für einen tiefen Einfluss Wilhelm Busch auf der deutschen Bewusstsein hat!

fuggy hat gesagt…

Ich habe eure wunderbare Familie an SAT 1 Heute morgen gesehen. Hoffentlich wird Bildungsfreiheit bald in Deutschland herrschen.