Dienstag, 20. März 2007

Delphine und Schul-Arbeiten

Lange nicht geschrieben, ich gelobe Besserung.
In den letzten Wochen habe ich ziemlich regelmäßig jeden Wochentag mit den Kindern "Schule" gemacht, das heißt jeder von ihnen arbeitet jeden Tag eine Seite der Arbeitsblätter aus der Schule für Mathe und eine Seite Deutsch durch, damit sie am Ende des Schuljahres die Tests erfolgreich absolvieren können. Die Aufgaben sind, besonders in Deutsch, geradezu lächerlich einfach, aber es ist eben gut, wenn sie lernen, solche Arbeitsblätter zu verstehen - was soll ich denn hier tun? Gar nicht so einfach, weil das Verlangte "eigentlich" für sie so selbstverständlich ist, dass sie richtig lernen müssen, drauf zu kommen - "ach so, hier die Adjektive, dort die Verben, und alle Wörter stehen schon da oben..." und weil es sie so anödet.
Beim letzten Mal mit den Lehrerinnen hat Moritz eine einstündige Leistungskontrolle in Deutsch absolviert, Textverständnis und so. Ich hab nur einen kurzen Blick draufwerfen können und hatte den Eindruck, dass er alles problemlos richtig gemacht hat. Es ist sehr ambivalent für mich, sie zu beobachten, wie sie zwar die Regelmäßigkeit akzeptieren und auch froh und (Moritz) stolz sind, wenn sie es geschafft haben, aber gleichzeitig die typischen Schul-Verhaltensweisen zeigen, die ich früher für selbstverständlich gehalten hätte: unruhig herumrutschen, gähnen (die Toxine der Unlust werden ausgeschüttet...), sich ständig von Kleinigkeiten ablenken lassen, herumalbern, Zettelchen schreiben, alles nur, um diesen langweiligen Aufgaben zu entgehen. Ich komme mir vor wie jemand, der Delphinen beibringt, auf Befehl mit der Flosse zu wedeln - die komplexeste Sprache des Planeten, hohes Bewusstsein und Intelligenz, und nun sollen sie in einem kleinen Becken herumschwimmen und auf ein einfaches Signal hin dreimal wedeln...
Gleichzeitig ist mir bewusst, dass ich auf diese Weise dazu beitrage, ihnen die Lust am schulischen Lernen noch gründlicher zu vergällen, und es mein eigenes "Ding" ist, mich davon beruhigen zu lassen, dass Moritz jetzt schriftliche Division beherrscht. Es interessiert ihn nicht, und er vergisst auch immer wieder das Einmaleins, offenbar löscht sein Gehirn die entsprechenden Dateien ständig wieder als irrelevant weg - dasselbe Kind kann ungefragt sämtliche Bundesliga-Ergebnisse, Spielerbiografien, Vereinszugehörigkeiten von Nationalspielern, Infos über deren Heimatländer und dergleichen in endloser Folge herunterrappeln bzw. mit Begeisterung erzählen und sich offenbar problemlos alles merken, was in "Lebenlang Grün-Weiß", dem dicken Werde-Bremen-Fußballschinken, und in "Bravo sport" steht, hat in den letzten Wochen mit Leichtigkeit Bass- und Violinschlüssel lesen und auf der Posaune spielen gelernt und braucht keine Sekunde nachzudenken, um zu wissen, dass 4 Würstchen geteilt durch 3 Personen 1 1/3 Wurst pro Kind sind.
Bei der schriftlichen Division hatte er zunächst Schwierigkeiten, weil die ersten Beispielaufgaben zu einfach waren und er überhaupt nicht verstand, was dieser ganze Zauber mit Rest hinschreiben, abziehen, nächste Zahl runterholen usw. soll, wo doch 369 durch 3 = 123 sind und 488 durch 2 = 244, Mama, das seh ich doch!

1 Kommentar:

Großstadtpflanze hat gesagt…

Es interessiert ihn nicht, und er vergisst auch immer wieder das Einmaleins, offenbar löscht sein Gehirn die entsprechenden Dateien ständig wieder als irrelevant weg

Ich habe den Lernstoff auch immer nur bis zur nächsten Klassenarbeit gewusst. Nur dafür habe ich ihn überhaupt gelernt. Dann war er weg. Hätte ich dieselbe Klassenarbeit einige Wochen später noch einmal schreiben müssen, wäre das Ergebnis katastrophal gewesen, weil ich fast nichts mehr davon gewusst hätte.

Der Lernstoff hatte absolut nichts mit meinem Alltag zu tun, weswegen er auch so schnell wieder vergessen wurde.

Ich denke, wenn die Leute ehrlich wären, müssten sie zugeben, dass es bei ihnen genauso ist und von ihrem Schulwissen kaum etwas hängen geblieben ist (außer, der Stoff hat sie tatsächlich interessiert).

Geburts- und Sterbedaten von Dichtern und Denkern, chemische Formeln usw., alles totes Wissen, nur gelernt für den Augenblick der Klassenarbeit. Da fragt man sich, was für eine Aussagekraft Noten und Zeugnisse eigentlich haben. Mit wirklichem Wissen haben sie jedenfalls nichts zu tun.