Montag, 30. April 2007

2. Internationales Kolloquium auf Burg Rothenfels-Blog

Es gab übrigens während des Kolloquiums einen Blog, auf dem allerdings nicht so viel steht - man konnte asu technischen Gründen nur auf einen Zettel schreiben, und es war so viel los. aber vielleicht füllt er sich ja jetzt noch? Hier ist die Adresse:

http://colloquiumonhomeeducation2007.blogspot.com

Sonntag, 29. April 2007

Hunderte Freilerner treffen sich auf Burg Rothenfels

Wow! Gerade sind wir vom 2. Internationalen Kolloquium zu Home Education auf Burg Rothenfels bei Würzburg zurückgekehrt, das am Freitag begann und heute nachmittag endete. Dort waren über 200 Menschen versammelt, freilernende Kinder und Jugendliche und ihre Familien, Fachleute und Interessierte aus Deutschland, Holland, Frankreich, England, Irland, Bulgarien, USA, Kanada und vielleicht noch mehr Ländern, ich habe natürlich nicht mit allen gesprochen. Es gab Vorträge, Workshops, eine Theateraufführung, einen Sketch zum Thema Sozialisation, Jugendherbergsessen und viele viele viele wichtige, erfreuliche, bewegende, lustige, ernste Gespräche. Wir haben viele Menschen, mit denen wir schon seit Monaten oder sogar über einem Jahr per email in Kontakt sind, erstmals persönlich kennen gelernt. Die Kinder und Jugendlichen spielten je nach Interessen in unterschiedlichen Konstellationen, teilweise frei, teilweise koordinierten auch ältere Kinder.
Moritz und Thomas hatten am Donnerstag noch gemault, sie hätten keine Lust, auf diese blöde Burg zu fahren und ob's denn auch einen Fußballplatz dort gäbe und überhaupt - bis wir, ohnehin im Stress, sauer wurden und Tilman sagte: Klar, wir können auch hierbleiben, aber dann geht ihr ab Montag zur Schule! Wir machen das schließlich wegen euch und für euch und weil ihr nicht zur Schule wollt! Wenn ihr lieber zur Schule geht als zu blöden HE-Treffen mitzukommen, könnt ihr das haben. Oha, da lenkten sie sofort ein, sie hätten nur Spaß gemacht, und wir haben dann per Internet festgestellt, dass es dort einen Fußballplatz gibt - na gottseidank! Allerdings haben wir ihn in google Earth nicht ausmachen können, und das hatte seinen Grund, wie wir später gemerkt haben.
Schon auf dem Bahnhofsvorplatz in Lohr am Main lernten wir eine andere Mutter und ihren freilernenden Sohn kennen - unser zurückhaltender Moritz ging, wir trauten unseren Augen kaum, sofort auf ihn zu, und die beiden waren augenblicklich schier unzertrennlich. Interessanterweise, ohne dass deswegen Thomas abgemeldet war, der war vergnügt mit im Bunde. Etwa eine halbe Stunde nach der Ankunft waren unsere Jungs schon mit 8-9 anderen (darunter auch Robert, den sie extra morgens noch angerufen hatten, damit er im Auto einen Ball mitbringt) auf dem Bolzplatz, der leider aus rotem Feinstaub bestand - entsprechend indianisch-rot sahen sie die ganze Zeit aus und sind völlig zerschrammt. Für sie war dieses Wochenende ein Fußball-Festival, die Mahlzeiten nahmen sie zu fünft am "Mannschaftstisch" ein, aber offenbar fanden sie auch durchaus Zeit, viel zu reden und berichteten uns auf der Rückfahrt ausführlich, was Melissa Bueskros und ihre Geschwister im Kreise der Kinder und Jugendlichen über die Polizeiaktionen und Melissas Flucht berichtet haben. Familie Busekros erwies sich beim persönlichen Kennenlernen als sympathische, fröhliche, offene Familie, und Melissas Schwester war der Shooting Star auf dem Fußballplatz - sie fegte (im Rock!) an sämtlichen Jungs vorbei und war unglaublich schnell ("Mama, die dribbelt uns alle aus!"). Hubert Busekros haben wir als humorvollen, fröhlichen, klaren Mann kennengelernt und gleich einen sehr langjährigen guten gemeinsamen Bekannten aus völlig anderen Zusammenhängen festgestellt. Das war sehr erhellend, denn angesichts der ganzen Geschichte und der unglaublichen Eskalation hatte ich ehrlich gesagt vermutet, dass er ein zwar aufrechter, aber eher verkniffener, rechthaberischer Typ sei. So hat er auf mich jetzt in der persönlichen Begegnung gar nicht gewirkt, nur entschlossen und sehr geradlinig.

Die Kinder haben ebenso wie wir zahlreiche Kontakte geknüpft, mehrere Emailadressen ausgetauscht und wollen sich mit zwei anderen Jungs unbedingt bald zu viert treffen. Netzwerk Bildungsfreiheit in der 2. Generation, sozusagen.
Für mich war sehr auffällig, wie friedlich, fröhlich und offen (nicht nur untereinander, sondern auch mir als Erwachsener gegenüber) die Kinder wirkten. Nicht dieser feindliche "Sklavenblick" von vielen Schulkindern, der sagt: "Du bist im feindlichen Lager der Erwachsenen, versuch bloß nicht, mich einzuwickeln. Ich will nichts von dir, lass mich in Ruhe!"

Thomas erlebte am Freitagabend etwas, das ihn völlig beseligte: Der große dreizehnjährige Robert, der selbst richtig gut ist, hatte zu ihm gesagt, er sei als Torwart der beste Achtjährige, den er je erlebt hätte. Als wir Roberts Mutter trafen und ich mit ihr kurz über den letzten Vortrag sprach, beschwerte er sich, als wir weitergingen, bitterlich bei mir, dass ich ihr sowas Unwichtiges erzählt hätte und nicht das Entscheidende, nämlich dass er ein guter Torwart sei! Tilman hat mal ein paar Minuten zugeschaut und war auch erstaunt, mit welcher Entschlossenheit Thomas sich auf den Ball stürzte (und in den roten Schotter, mehrmals kam er leise während eines Vortrags, um ein Pflaster zu erbitten).
Am Samstag vormittag hatte Moritz einen Durchhänger, irgendwas beim Fußball lief quer, er kam in den Vortragsraum zu uns, wollte aber nicht darüber sprechen, nur dass er nicht mehr Fußball spielen wolle und aus dem Verein rausgehe. Nachdem er fast eine Stunde bei Tilman auf dem Schoß gehangen ("Mit ist langweilig!") und finster gebrütet hatte (dass ich schon dachte, oweh, was denken die anderen wohl?), verzog er sich wieder, und als wir ihn in der Mittagspause wieder trafen, war alles wieder okay. Wir hatten einfach gern den Vortrag zuende hören wollen, aber offenbar war es genau richtig gewesen, ihn lediglich liebevoll aufzunehmen, ohne in seinem Kummer zu bohren. Ich bot ihm mehrmals an, mit ihm rauszugehen zum Reden, aber das wollte er gar nicht. Nur ein bisschen Frustschutz tanken oder in Papas Armen sich dem Frust stellen oder wie auch immer - es hat sich von selbst erledigt.

Für uns, die wir ja nah an der Netzwerk-Quelle sitzen bzw. Teil der Quelle sind, gab es jetzt inhaltlich nichts umwerfend Neues an Informationen, aber die Begegnungen und die ganze Atmosphäre waren ein Stück Zukunftsmusik und Neue Erde, und die bestärkenden Beiträge der Menschen aus den bildungsfreiheitlichen Ländern haben uns Mut und Kraft vermittelt. Pat Montgomery, die Gründerin der Clonlaara School, erzählte anschaulich, wie sehr die Situation in Deutschland sie an die Situation in den USA vor zwanzig Jahren erinnere - und dass dort heute noch die strengsten Auflagen für Freies Lernen exakt in dem Bundesstaat mit dem höchsten Anteil an Deutschen herrschen. (Das war ein Lacher!)

Der Graben zwischen "Religiösen" und "Alternativen" war kaum spürbar und jedenfalls kein Anlass zu Spannungen, und ausgerechnet beim Vortrag von Mike Donnelly vom HSLDA, der stark christlich geprägten, konservativen Homeschool-Organisation der USA zum Thema Parallelgesellschaften hätten Tilman und ich jedes Wort unterschreiben können. Trotzdem wurden die vorhandenen Unterschiede nicht geleugnet, und Thomas Spiegler gab in seinem Vortrag eine brillante Analyse der HE-Szene aus soziologischer Sicht ab. Ermutigend auch die Begegnung mit einer jungen Sozialpädagogik-Studentin, die aufgrund der stern-tv-Sendung über Freies Lernen im letzten Herbst auf das Thema stieß und jetzt ihre Diplomarbeit darüber schreibt.
Mit meinem Workshop und dem Vortrag über Gordon Neufelds Bindungsforschung traf ich auf offene Ohren. Wir haben den Eindruck, dass die Entwicklung sich unaufhaltsam beschleunigt
und die Bildungsfreiheit in Deutschland auf Dauer nicht zu verhindern sein wird - jetzt werden wir versuchen, den Schwung des Kolloquiums dafür zu nutzen, um die Einführung der Bildungsfreiheit so zu beschleunigen, dass wir selbst auch noch etwas davon haben.
Interessant war, wie viele langhaarige Jungen es gab - mir fiel ein, dass bei Soldaten, in Gefängnissen und früher in Lagern, KZs und bei Sklaven, bei Nonnen usw. das Abschneiden der Haare immer ein Symbol der Unterwerfung war/ist - ob es da einen Zusammenhang gibt?

Freitag, 20. April 2007

Thomas entdeckt den Comic-Zeichenkurs

Heute hat Thomas zum ersten Mal an einem Comiczeichenkurs der "Freien Kunstschule" teilgenommen. Tilman hatte die Ankündigung in der Briefkastenzeitung entdeckt, und Thomas war sofort begeistert von diesem Angebot. Zwar war der Kurs für 12-17jährige ausgeschrieben, under wird erst acht, aber der Künstler hat ihn gern genommen, ohne viel nachzufragen - so groß war den Andrang wohl nicht, außer Thomas zeichnen noch 1 Junge und 3 Mädchen im "richtigen" Alter mit.
Ich brachte ihn hin, und mir gefiel gleich sehr gut, dass der Kursleiter Thomas ohne großes Getue wie eine eigenständige Person behandelte und mit ihm sprach und nicht mit mir über meinen Sohn hinweg. Auch als ich Thomas dann zwei Stunden später wieder abholte, berichtete er mir nicht gleich augenzwinkernd, wie Thomas sich gemacht hatte, sondern redete mit mir über das, was mich anging - das Geld - und mit Thomas über seine Arbeit. Thomas hat die ganzen zwei Stunden an einem einzigen Bild gemalt (Donald Duck) und berichtete mir gleich begeistert von einigen der "Tricks", die er gelernt hatte: Um Rundung (z.B. beim Bauch) darzustellen, am Rand dunkler, der Mitte zu heller ausmalen. Er ist fest entschlossen, wiederzukommen, und bedauert heute schon, dass er nächste Woche den Kurs versäumen wird, weil wir zum Internationalen Homeschool-Kolloquium nach Burg Rothenfels fahren.
Tilman war derweil mit Moritz beim Posaunenunterricht, und weil er da eh meist wartet, weil es sich nicht lohnt heimzufahren, hat er jetzt mal ausprobiert, selbst Horn zu spielen. Moritz ist selig.
Übrigens fragte gestern die nette Journalistin, ob uns denn nicht etwas fehlen würde, wenn wir so unser ganzes Leben auf die Kinder ausrichten würden. Wir waren baff. Erstens sind wir gern mit unseren Kindern zusammen, und zweitens machen wir durchaus noch viele Sachen "für uns". Wir singen in zwei Chören, (einer davon regelmäßig jede Woche mindestens einmal mit ca. 10-12 Konzerten im Jahr!), der andere überregional), ich spiele in einem Blockflötenensemble Bassflöte und fahre mehrmals jährlich zu therapeutischen Fortbildungsseminaren, die mir sehr gut tun, wir arbeiten im Garten, treffen uns einzeln und gemeinsam mit Freunden und Freundinnen, empfangen Gäste und halten regen Großfamilien-Kontakt mit unseren Eltern, Geschwistern, Neffen und Nichten und so weiter - wir sind nicht der Typ Eltern, die außer ihren Kindern überhaupt nichts mehr haben im Leben. Kino und Konzerte besuchen wir allerdings selten, weil wir alle unsere Babysitter-Kapazitäten für die Chorproben und Konzerte verballern.
Die Zeit dafür sparen wir nicht bei unseren Kindern, sondern beim Fernsehen - wir haben all die Jahre, seit wir Kinder haben, ohne Fernseher gelebt. Jetzt soll ein "Mediacenter" angeschafft werden, wo wir gemütlich im Wohnzimmer (und nicht mehr nur im Büro) DVDs anschauen können, die Kinder ihr aktuelles PC-Spiel (derzeit FIFA WM 2006) und Lernprogramme spielen können, ohne uns zu nerven. Irgendwann, wenn wir uns auch noch eine Satellitenschüssel angeschafft haben, wird dann auch Fernsehen möglich sein.
So sparen wir jeden Tag 3.5 Stunden (das ist der durchschnittliche derzeitige Fernsehkonsum in Deutschland) - genug, um das Leben mit unseren Kindern zu genießen und trotzdem noch ein "erwachsenes" Eigenleben mit intensiven Hobbys zu führen.
Und noch etwas tun wir nicht: Wir gehen nicht shoppen.
Das spart nicht nur Zeit,. sondern auch noch Geld, und wir können es uns leisten, mit wenig Einkommen wunderbar zu leben.
Übrigens leben wir so nicht aus ideologischen prinzipiellen Erwägungen heraus. Es hat sich einfach so ergeben, weil es das Leben ist, das uns am meisten Freude macht.

Donnerstag, 12. April 2007

Wie funktioniert unsere Kooperation mit der Schule?

Von Blog-Lesern kamen mehrere Fragen, die ich der Einfachheit halber gleich hier beantworte: Die Lehrerinnen unterrichten die Kinder nicht, sondern prüfen sie. Sie machen das sehr nett und dezent und freundlich. Die eigentlichen Tests kommen vermutlich Ende des Schuljahres geballt, oder auch nicht, das wissen wir nicht so genau. Wenn unsere Kinder das Klassenziel nicht erreichen würden (also so wenig Schulstoff wüssten und könnten, dass sie in einer Schule sitzenbleiben würden), müssten sie in die Schule - so ist es jedenfalls in Österreich geregelt, wo solche Prüfungen einmal jährlich abgehalten werden. Die deutschen Behörden gehen bisher davon aus, dass unsere Kinder auf jeden Fall in die Schule müssen, egal wie gut sie den Stoff können. Wir führen deswegen Prozesse, und die jetzt durchgeführte Regelung ist Teil eines gerichtlichen Vergleichs, der einstweilen noch bis zum Sommer gilt. Den Inhalt des Vergleichs (und viele weitere Informationen und auch Artikel über uns) findet man auf http://www.alternative-learning.org/altlearn_map/Germany/verg27sep06.html . Wir fänden es schön, wenn diese Art der Zusammenarbeit so weitergehen würde, die Behörde kann sich dazu derzeit noch nicht entschließen.

Der Ausdruck, dass die Kinder ihr "Schulpensum" erledigen, bezeichnet nur unsere familieninterne Abmachung. Die Kinder haben sich vorgenommen, eine bestimmte Menge Stoff pro Woche zu erledigen, und setzen das weitgehend selbstständig um. Damit haben die Lehrerinnen nichts zu tun, sie haben uns allerdings netterweise die in "unserer" Schule üblichen Arbeitsblätter für die Kinder gegeben, damit die Kinder (und wir) ein Gefühl dafür bekommen, was der Lehrplan in der konkreten Umsetzung bedeutet, denn das ist natürlich an jeder Schule wieder anders. Die beiden Lehrerinnen wenden 1-2mal monatlich ca. 1 Stunde für unsere Kinder auf, dazu kommen eventuell Berichte, die sie vielleicht schreiben müssen, und die Zeit, die sie brauchen, um ab und zu Arbeitsblätter zu kopieren oder sich zu besprechen - das ist (so hoffe ich mal für die anderen Kinder!) viel weniger Zeit, als unsere Kinder sie kosten würden, wenn sie wie verlangt zur Schule gehen würden.

Die Kinder erledigen wie gesagt ihr Schulpensum teilweise selbstständig, teilweise setzt sich einer von uns (meist ich) dazu, vor allem, wenn es eine neue Rechenmethode zu erklären gilt, oder sie holen uns, wenn sie Fragen haben. Niemand motiviert sie zum Stillsitzen, denn sie sind absolut in der Lage, längere Zeit stillzusitzen, weil sie das, wenn sie malen oder Geschichten schreiben oder am PC arbeiten oder lesen oder Musik oder ein Hörspiel hören oder etwas basteln oder ein Spiel spielen oder ein live-Konzert anhören, natürlich ganz freiwillig tun. Manchmal habe ich den Eindruck, dass Leute sich unsere Kinder wie wilde ungebärdige kleine Monster vorstellen, die den ganzen Tag über Tisch und Bänke hüpfen, weil sie ja das Stillsitzen nicht in der Schule lernen - aber auch ein freilaufendes Huhn flattert nicht die ganze Zeit hektisch umher, bloß weil es nicht im Käfig sitzt, sondern liegt in der Sonne, nimmt Sandbäder, pickt und scharrt gemächlich - und flattert auch mal, wenn ihm danach ist.
Unsere Kinder bewegen sich sehr viel, im Garten, auf dem großen Trampolin, im Fußballtraining, auf dem Fahrrad - deswegen können sie auch sehr gut und ausdauernd stillsitzen. Sie "pauken" durchaus auch freiwillig Wissen, sogar sehr intensiv, allerdings meist kein Schulwissen, sondern Bundesliga- und Champions League-Tabellen, die dazugehörigen Spielernamen, Nationalflaggen, Vereinsfarben etc. Das Einmaleins und die grammatischen Bezeichnungen der Fälle und Satzteile "pauken" sie ab und zu freiwillig am PC , sie erarbeiten sich mit ihrem Lernprogramm "Martins Lernwerkstatt" (allerdings meinem Eindruck nach nicht, weil Grammatik sie interessiert, sondern weil sie mit 80 Punkten ein lustiges Minigolfsiel spielen können) und dem genialen Englisch-Sprachlernprogramm von Rosetta Stone Schulwissen.
Was sie bei alledem noch nicht aus dem Lehrplan abgehakt haben, übe ich ab und zu mit ihnen, meine eher traurigen Beobachtungen und Skrupel diesbezüglich habe ich ja aufgeschrieben.

Das Thema Schulabschluss gestaltet sich für unsere Kinder genauso wie für Kinder an einer privaten Schule oder Kinder, die lange im Ausland gelebt haben: Sie müssen, wenn sie einen staatlichen Schulabschluss haben wollen, eine staatliche Prüfung machen. Dazu können sie sich entweder einfach extern anmelden, oder an irgendeiner Schule eine Abitursvorbereitung mitmachen (Waldorfschulen haben solche Vorbereitungsklassen) oder an einer Fernschule oder sonstwie. Kein Problem.
Anderen Kindern ist es ziemlich egal, dass unsere Kinder nicht zur Schule gehen, es scheint kein großes Thema für sie zu sein, und unsere Kinder gehen auch nicht mit dieser Tatsache hausieren, im Gegenteil. Alle Kinder, unsere und die Schulkinder, wollen eben miteinander spielen und Spaß haben. Wenn wir Erwachsenen mit Freunden zusammen sind, reden wir ja auch nicht die ganze Zeit über unsere Arbeit und dass wir aber selbstständig sind und die Freunde vielleicht angestellt. Eine 13jährige Kusine der Beiden hat vor kurzem eine Hausarbeit zum Thema Homeschooling gemacht und dafür auch Interviews mit uns geführt. Ein einziges Mal war Moritz frustriert: Da stand in einer lokalen Zeitung ein großer Artikel über uns mit Bild, und seine Fußballkameraden haben ihn das ganze Training über mit Rechenaufgaben getriezt, weil er ihrer Meinung nach ohne Schule nicht rechnen könne "Aber ich hab alles gewusst Mama, bloß eine Aufgabe nicht: Was heißt 10 hoch 3?" (Muss er in der 4. Klasse noch nicht wissen...)

Ja, wir kennen die Lehrpläne, die stehen ausführlich im Internet. Wir achten darauf, dass die Kinder diesen Stand haben, wobei sie teilweise (Lesen, Sprachkompetenz, Allgemeinwissen, Eigenständigkeit, Logik, Musik) sehr viel weiter sind und bei anderem (Rechnen, Schreiben) "normal". Aber all diese Lehrplankästchen bilden vom wahren Leben und Wesen unserer Kinder nur einen ganz kleinen Ausschnitt in Schwarzweiß ab.
Tja, eigentlich wollte ich heute darüber berichten, wie unsere Kinder eine ellenlange Fantasie-Geschichte, die sie zu viert mit zwei anderen Kindern (Kusin und Kusine, 11 und 13) geschrieben haben, mit verteilten Rollen vor der versammelten Großfamilie (knapp 20 Leute) vorgetragen haben, und wie wir gestern gemeinsam das Klavier auseinandergebaut haben, weil Moritz Quark auf die Tasten gekleckert hatte ("Mama, sieh's mal positiv, das ist doch ein super Schulprojekt!"). Und wie sie gestern den ganzen Vormittag darauf gehummelt haben, dass endlich wieder Draußentraining ist, sich viel zu früh für das Fußballtraining umgezogen haben und dann allein mit dem Bus um 14.56 losgefahren und um 19.20 erschöpft und glücklich zurückgekommen sind.
Ein andermal...

Mittwoch, 4. April 2007

Alltag der "Muster-Schulgegner"

Derzeit läuft bei uns das Projekt "Wir graben ein riesiges Loch unter der Schaukel". Seit drei Tagen arbeiten Moritz und Thomas mehrere Stunden täglich mit Feuereifer, befüllen das Loch mit Regenwasser, weil es sich dann leichter graben (und besser eindreckeln) lässt und schaukeln zu zweit auf der großen Schaukel. Ich kann gar nicht gut hinsehen, weil sie so hoch schaukeln, Moritz steht, Thomas sitzt. Die viel geforderte sinnliche Körpererfahrung mit Naturmaterialien haben sie jedenfalls dabei satt, machen ihre Erfahrung mit der Hebelwirkung der Schaufel- und Spatenstiele, der austrocknenden Wirkung von Erde auf die Haut, dem unterschiedlichen Gewicht von trockener und nasser Erde (Luft in den Zwischenräumen!). Ziel des Unternehmens: "Dann können wir uns noch mehr gruseln beim Schaukeln, wenn da so ein tiefes Loch ist!"
Außerdem haben sie beobachtet, dass die Amseln derzeit massenhaft Regenwürmer abgreifen, indem sie erst auf den Boden trommeln und sich dann den Regenwurm packen, der auf der Flucht vor dem trommelnden Regen nach oben kommt. Moritz fragte, warum die das denn nicht lernen, die Regenwürmer, und wir haben ein geradezu philosophisches Gespräch darüber geführt, dass kein Regenwurm, der diese Erfahrung macht, jemals davon berichten kann. Entweder das Trommeln ist wirklich der Regen, dann kann er's nicht erzählen, oder es war die Amsel, dann kann er's auch nicht erzählen...

Heute morgen sind sie "heimlich" schon um 5 Uhr früh aufgestanden, haben sich mit leisestem Flüstern angezogen (leider mussten sie so 8-10mal die Tür sorgfältig und ziemlich laut zudrücken, aber sonst waren sie perfekt leise, und wir Eltern haben uns nicht gemuckst) und sind verschwunden. Gegen sieben wurden wir dann von fröhlichen Klavier- und Poaunenklängen geweckt und erhielten den stolzen Bericht, was sie schon alles getan haben: Im Loch gegraben! Trampolin gehüpft! Schulpensum für heute erledigt und sogar noch ein bisschen vorgearbeitet! Gefrühstückt!Posaune und Gitarre geübt! Und jetzt liegt der ganze Tag noch vor ihnen - Das machen wir jetzt öfter, Mama!
Dafür lagen sie vorhin entspannt in den Liegestühlen, schauten in den Himmel und unterhielten sich.
Ach, und wir haben über Ebay ein Englischlernprogramm von Rosa Stone erstanden. Sehr teuer, aber wunderbar, "immersives Lernen" über Bilder, die Kinder sind begeistert und staunen, was sie schon alles passiv verstehen. Gibt's für alle Sprachen, sogar für Chinesisch, wenn wir nur mehr Zeit hätten...
Letzte Woche war wieder für 1,5 Tage ein Fernsehteam da, nächste Woche soll auch eins kommen - ächz! Aber da der Spiegel uns ja gerade zu "Muster-Schulgegnern" gekürt hat, nutzen wir die Chancen und laden alle Medienleute zum Homeschool-Kolloquium nach Burg Rothenfels ein.
Moritz liest derzeit abends vor, "Wir Kinder vom Möwenweg", ein ziemlich albernes Buch, mit einer gekünstelten Pseudo-Kindersprache, die ständig alles im Perfekt erzählt "Und dann haben wir auch gefunden, dass dieser Tag besonders schön war..." und richtig grammatisch falsche Wendungen benutzt, wie im echten Leben, das fällt sogar den Kindern auf. Für mich ist interessant, wie die Schule auch in diesem Buch vollkommen ausgeblendet wird. Sie kommt nur in Wendungen vor wie "Als Vincent aus der Schule kam...", "Gottseidank war Samstag, und wir mussten nicht zur Schule...", und einmal hat ein Kind Hausarrest, weil das Zeugnis so schlecht ist. Das ist in fast allen Kinderbüchern so.
Die Kinder amüsieren sich königlich und ahmen den Stil perfekt nach. Beide üben auch, wenn sie mit ihrem Fifa06-Prgramm Fußball am PC spielen, das Kommentieren, und besonders Moritz ist absolut perfekt, in einem rasenden Redestrom beschreibt er genau im typischen Sportreporter-Tonfall und -Jargon das tatsächliche Spiel von Thomas oder sogar sein eigenes, minutenlang, bewundernswert! Seit Tagen will ich ihnen den Zauberlehrling von Goethe nahebringen, weil sie den entsprechenden Disney-Film ( fantastisch, mit Mickey Mouse als Lehrling und der Musik von Paul Dukas!) auf der "Fantasia"-DVD so lieben, aber bis jetzt bin ich noch nicht dazu gekommen, das Wetter ist einfach so schön. Über die Johannespassion von Bach haben wir neulich schon gesprochen, weil Kusin Max die in seinem Knabenchor mitsingt, sie haben wirklich gespannt meiner Schilderung des Dilemmas von Pilatus gelauscht, der viel lieber Jesus freigegeben hätte als Barrabas, und wie seine Frau noch wegen ihres Traums zu ihm schickte ("die hatten ja noch kein Telefon, da musste eine Magd zum Gerichtsplatz laufen!") und Pilatus sich dann die "Hände in Unschuld gewaschen" hat. Moritz und Thomas stellten richtig fest, dass dieses Händewaschen ja wohl nicht so viel bringt, und fragten dann, ob die Römer sozusagen die Amerikaner von damals gewesen seien, wenn sie "überall" ihre Besatzungstruppen hatten?
Alles sehr spannend, aber am liebsten hören sie doch Xavier Naidoo und die Drei ???.