Mittwoch, 4. April 2007

Alltag der "Muster-Schulgegner"

Derzeit läuft bei uns das Projekt "Wir graben ein riesiges Loch unter der Schaukel". Seit drei Tagen arbeiten Moritz und Thomas mehrere Stunden täglich mit Feuereifer, befüllen das Loch mit Regenwasser, weil es sich dann leichter graben (und besser eindreckeln) lässt und schaukeln zu zweit auf der großen Schaukel. Ich kann gar nicht gut hinsehen, weil sie so hoch schaukeln, Moritz steht, Thomas sitzt. Die viel geforderte sinnliche Körpererfahrung mit Naturmaterialien haben sie jedenfalls dabei satt, machen ihre Erfahrung mit der Hebelwirkung der Schaufel- und Spatenstiele, der austrocknenden Wirkung von Erde auf die Haut, dem unterschiedlichen Gewicht von trockener und nasser Erde (Luft in den Zwischenräumen!). Ziel des Unternehmens: "Dann können wir uns noch mehr gruseln beim Schaukeln, wenn da so ein tiefes Loch ist!"
Außerdem haben sie beobachtet, dass die Amseln derzeit massenhaft Regenwürmer abgreifen, indem sie erst auf den Boden trommeln und sich dann den Regenwurm packen, der auf der Flucht vor dem trommelnden Regen nach oben kommt. Moritz fragte, warum die das denn nicht lernen, die Regenwürmer, und wir haben ein geradezu philosophisches Gespräch darüber geführt, dass kein Regenwurm, der diese Erfahrung macht, jemals davon berichten kann. Entweder das Trommeln ist wirklich der Regen, dann kann er's nicht erzählen, oder es war die Amsel, dann kann er's auch nicht erzählen...

Heute morgen sind sie "heimlich" schon um 5 Uhr früh aufgestanden, haben sich mit leisestem Flüstern angezogen (leider mussten sie so 8-10mal die Tür sorgfältig und ziemlich laut zudrücken, aber sonst waren sie perfekt leise, und wir Eltern haben uns nicht gemuckst) und sind verschwunden. Gegen sieben wurden wir dann von fröhlichen Klavier- und Poaunenklängen geweckt und erhielten den stolzen Bericht, was sie schon alles getan haben: Im Loch gegraben! Trampolin gehüpft! Schulpensum für heute erledigt und sogar noch ein bisschen vorgearbeitet! Gefrühstückt!Posaune und Gitarre geübt! Und jetzt liegt der ganze Tag noch vor ihnen - Das machen wir jetzt öfter, Mama!
Dafür lagen sie vorhin entspannt in den Liegestühlen, schauten in den Himmel und unterhielten sich.
Ach, und wir haben über Ebay ein Englischlernprogramm von Rosa Stone erstanden. Sehr teuer, aber wunderbar, "immersives Lernen" über Bilder, die Kinder sind begeistert und staunen, was sie schon alles passiv verstehen. Gibt's für alle Sprachen, sogar für Chinesisch, wenn wir nur mehr Zeit hätten...
Letzte Woche war wieder für 1,5 Tage ein Fernsehteam da, nächste Woche soll auch eins kommen - ächz! Aber da der Spiegel uns ja gerade zu "Muster-Schulgegnern" gekürt hat, nutzen wir die Chancen und laden alle Medienleute zum Homeschool-Kolloquium nach Burg Rothenfels ein.
Moritz liest derzeit abends vor, "Wir Kinder vom Möwenweg", ein ziemlich albernes Buch, mit einer gekünstelten Pseudo-Kindersprache, die ständig alles im Perfekt erzählt "Und dann haben wir auch gefunden, dass dieser Tag besonders schön war..." und richtig grammatisch falsche Wendungen benutzt, wie im echten Leben, das fällt sogar den Kindern auf. Für mich ist interessant, wie die Schule auch in diesem Buch vollkommen ausgeblendet wird. Sie kommt nur in Wendungen vor wie "Als Vincent aus der Schule kam...", "Gottseidank war Samstag, und wir mussten nicht zur Schule...", und einmal hat ein Kind Hausarrest, weil das Zeugnis so schlecht ist. Das ist in fast allen Kinderbüchern so.
Die Kinder amüsieren sich königlich und ahmen den Stil perfekt nach. Beide üben auch, wenn sie mit ihrem Fifa06-Prgramm Fußball am PC spielen, das Kommentieren, und besonders Moritz ist absolut perfekt, in einem rasenden Redestrom beschreibt er genau im typischen Sportreporter-Tonfall und -Jargon das tatsächliche Spiel von Thomas oder sogar sein eigenes, minutenlang, bewundernswert! Seit Tagen will ich ihnen den Zauberlehrling von Goethe nahebringen, weil sie den entsprechenden Disney-Film ( fantastisch, mit Mickey Mouse als Lehrling und der Musik von Paul Dukas!) auf der "Fantasia"-DVD so lieben, aber bis jetzt bin ich noch nicht dazu gekommen, das Wetter ist einfach so schön. Über die Johannespassion von Bach haben wir neulich schon gesprochen, weil Kusin Max die in seinem Knabenchor mitsingt, sie haben wirklich gespannt meiner Schilderung des Dilemmas von Pilatus gelauscht, der viel lieber Jesus freigegeben hätte als Barrabas, und wie seine Frau noch wegen ihres Traums zu ihm schickte ("die hatten ja noch kein Telefon, da musste eine Magd zum Gerichtsplatz laufen!") und Pilatus sich dann die "Hände in Unschuld gewaschen" hat. Moritz und Thomas stellten richtig fest, dass dieses Händewaschen ja wohl nicht so viel bringt, und fragten dann, ob die Römer sozusagen die Amerikaner von damals gewesen seien, wenn sie "überall" ihre Besatzungstruppen hatten?
Alles sehr spannend, aber am liebsten hören sie doch Xavier Naidoo und die Drei ???.

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