Donnerstag, 12. April 2007

Wie funktioniert unsere Kooperation mit der Schule?

Von Blog-Lesern kamen mehrere Fragen, die ich der Einfachheit halber gleich hier beantworte: Die Lehrerinnen unterrichten die Kinder nicht, sondern prüfen sie. Sie machen das sehr nett und dezent und freundlich. Die eigentlichen Tests kommen vermutlich Ende des Schuljahres geballt, oder auch nicht, das wissen wir nicht so genau. Wenn unsere Kinder das Klassenziel nicht erreichen würden (also so wenig Schulstoff wüssten und könnten, dass sie in einer Schule sitzenbleiben würden), müssten sie in die Schule - so ist es jedenfalls in Österreich geregelt, wo solche Prüfungen einmal jährlich abgehalten werden. Die deutschen Behörden gehen bisher davon aus, dass unsere Kinder auf jeden Fall in die Schule müssen, egal wie gut sie den Stoff können. Wir führen deswegen Prozesse, und die jetzt durchgeführte Regelung ist Teil eines gerichtlichen Vergleichs, der einstweilen noch bis zum Sommer gilt. Den Inhalt des Vergleichs (und viele weitere Informationen und auch Artikel über uns) findet man auf http://www.alternative-learning.org/altlearn_map/Germany/verg27sep06.html . Wir fänden es schön, wenn diese Art der Zusammenarbeit so weitergehen würde, die Behörde kann sich dazu derzeit noch nicht entschließen.

Der Ausdruck, dass die Kinder ihr "Schulpensum" erledigen, bezeichnet nur unsere familieninterne Abmachung. Die Kinder haben sich vorgenommen, eine bestimmte Menge Stoff pro Woche zu erledigen, und setzen das weitgehend selbstständig um. Damit haben die Lehrerinnen nichts zu tun, sie haben uns allerdings netterweise die in "unserer" Schule üblichen Arbeitsblätter für die Kinder gegeben, damit die Kinder (und wir) ein Gefühl dafür bekommen, was der Lehrplan in der konkreten Umsetzung bedeutet, denn das ist natürlich an jeder Schule wieder anders. Die beiden Lehrerinnen wenden 1-2mal monatlich ca. 1 Stunde für unsere Kinder auf, dazu kommen eventuell Berichte, die sie vielleicht schreiben müssen, und die Zeit, die sie brauchen, um ab und zu Arbeitsblätter zu kopieren oder sich zu besprechen - das ist (so hoffe ich mal für die anderen Kinder!) viel weniger Zeit, als unsere Kinder sie kosten würden, wenn sie wie verlangt zur Schule gehen würden.

Die Kinder erledigen wie gesagt ihr Schulpensum teilweise selbstständig, teilweise setzt sich einer von uns (meist ich) dazu, vor allem, wenn es eine neue Rechenmethode zu erklären gilt, oder sie holen uns, wenn sie Fragen haben. Niemand motiviert sie zum Stillsitzen, denn sie sind absolut in der Lage, längere Zeit stillzusitzen, weil sie das, wenn sie malen oder Geschichten schreiben oder am PC arbeiten oder lesen oder Musik oder ein Hörspiel hören oder etwas basteln oder ein Spiel spielen oder ein live-Konzert anhören, natürlich ganz freiwillig tun. Manchmal habe ich den Eindruck, dass Leute sich unsere Kinder wie wilde ungebärdige kleine Monster vorstellen, die den ganzen Tag über Tisch und Bänke hüpfen, weil sie ja das Stillsitzen nicht in der Schule lernen - aber auch ein freilaufendes Huhn flattert nicht die ganze Zeit hektisch umher, bloß weil es nicht im Käfig sitzt, sondern liegt in der Sonne, nimmt Sandbäder, pickt und scharrt gemächlich - und flattert auch mal, wenn ihm danach ist.
Unsere Kinder bewegen sich sehr viel, im Garten, auf dem großen Trampolin, im Fußballtraining, auf dem Fahrrad - deswegen können sie auch sehr gut und ausdauernd stillsitzen. Sie "pauken" durchaus auch freiwillig Wissen, sogar sehr intensiv, allerdings meist kein Schulwissen, sondern Bundesliga- und Champions League-Tabellen, die dazugehörigen Spielernamen, Nationalflaggen, Vereinsfarben etc. Das Einmaleins und die grammatischen Bezeichnungen der Fälle und Satzteile "pauken" sie ab und zu freiwillig am PC , sie erarbeiten sich mit ihrem Lernprogramm "Martins Lernwerkstatt" (allerdings meinem Eindruck nach nicht, weil Grammatik sie interessiert, sondern weil sie mit 80 Punkten ein lustiges Minigolfsiel spielen können) und dem genialen Englisch-Sprachlernprogramm von Rosetta Stone Schulwissen.
Was sie bei alledem noch nicht aus dem Lehrplan abgehakt haben, übe ich ab und zu mit ihnen, meine eher traurigen Beobachtungen und Skrupel diesbezüglich habe ich ja aufgeschrieben.

Das Thema Schulabschluss gestaltet sich für unsere Kinder genauso wie für Kinder an einer privaten Schule oder Kinder, die lange im Ausland gelebt haben: Sie müssen, wenn sie einen staatlichen Schulabschluss haben wollen, eine staatliche Prüfung machen. Dazu können sie sich entweder einfach extern anmelden, oder an irgendeiner Schule eine Abitursvorbereitung mitmachen (Waldorfschulen haben solche Vorbereitungsklassen) oder an einer Fernschule oder sonstwie. Kein Problem.
Anderen Kindern ist es ziemlich egal, dass unsere Kinder nicht zur Schule gehen, es scheint kein großes Thema für sie zu sein, und unsere Kinder gehen auch nicht mit dieser Tatsache hausieren, im Gegenteil. Alle Kinder, unsere und die Schulkinder, wollen eben miteinander spielen und Spaß haben. Wenn wir Erwachsenen mit Freunden zusammen sind, reden wir ja auch nicht die ganze Zeit über unsere Arbeit und dass wir aber selbstständig sind und die Freunde vielleicht angestellt. Eine 13jährige Kusine der Beiden hat vor kurzem eine Hausarbeit zum Thema Homeschooling gemacht und dafür auch Interviews mit uns geführt. Ein einziges Mal war Moritz frustriert: Da stand in einer lokalen Zeitung ein großer Artikel über uns mit Bild, und seine Fußballkameraden haben ihn das ganze Training über mit Rechenaufgaben getriezt, weil er ihrer Meinung nach ohne Schule nicht rechnen könne "Aber ich hab alles gewusst Mama, bloß eine Aufgabe nicht: Was heißt 10 hoch 3?" (Muss er in der 4. Klasse noch nicht wissen...)

Ja, wir kennen die Lehrpläne, die stehen ausführlich im Internet. Wir achten darauf, dass die Kinder diesen Stand haben, wobei sie teilweise (Lesen, Sprachkompetenz, Allgemeinwissen, Eigenständigkeit, Logik, Musik) sehr viel weiter sind und bei anderem (Rechnen, Schreiben) "normal". Aber all diese Lehrplankästchen bilden vom wahren Leben und Wesen unserer Kinder nur einen ganz kleinen Ausschnitt in Schwarzweiß ab.
Tja, eigentlich wollte ich heute darüber berichten, wie unsere Kinder eine ellenlange Fantasie-Geschichte, die sie zu viert mit zwei anderen Kindern (Kusin und Kusine, 11 und 13) geschrieben haben, mit verteilten Rollen vor der versammelten Großfamilie (knapp 20 Leute) vorgetragen haben, und wie wir gestern gemeinsam das Klavier auseinandergebaut haben, weil Moritz Quark auf die Tasten gekleckert hatte ("Mama, sieh's mal positiv, das ist doch ein super Schulprojekt!"). Und wie sie gestern den ganzen Vormittag darauf gehummelt haben, dass endlich wieder Draußentraining ist, sich viel zu früh für das Fußballtraining umgezogen haben und dann allein mit dem Bus um 14.56 losgefahren und um 19.20 erschöpft und glücklich zurückgekommen sind.
Ein andermal...

Kommentare:

SSSandraaa hat gesagt…

Hallo Dagmar,
danke für die Antworten.
Zitat: "Manchmal habe ich den Eindruck, dass Leute sich unsere Kinder wie wilde ungebärdige kleine Monster vorstellen, die den ganzen Tag über Tisch und Bänke hüpfen, weil sie ja das Stillsitzen nicht in der Schule lernen - ..."
... Nein, das tue ich nicht. Aber ich sehe einen Unterschied darin still zu sitzen während ich meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehe, und still zu sitzen, während ich etwas arbeiten muss, was mich gerade so gar nicht tangiert. Die Kinder sind ja scheinbar in hohem Masse intrinsisch motiviert. Aber wie sieht es aus, wenn man sie von aussen motivieren muss zum still-sitzen.
Meine Frage zielte viel eher auf letzteres ab ...

Solé hat gesagt…

Hallo Sandra,

die Frage ist, wofür man das tun sollte... (sie von aussen zum Stillsitzen zu motivieren)

Gruß
Johanna

SSSandraaa hat gesagt…

Damit sie lesen und schreiben lernen, bzw. Rechenoperationen durchführen ... Das müssen sie ja offensichtlich, weil sie von den Schulen geprüft werden ...

Dagmar hat gesagt…

Ihr trefft beide den Punkt: Wenn sie rechnen sollen und keine Lust haben, fangen sie sofort an zu gähnen, zu zappeln, "Blödsinn" zu machen und irgendwie den Aufgaben zu entfliehen, ich hab das ja beschrieben - wie ganz normale Kinder auch.

Die Frage ist, warum soll ich sie so quälen, und die Antwort lautet: damit sie die Tests der Schulbehörde bestehen. Nachdem ich jettz einen Bericht gelesen habe, dass ein Großteil der Germanistikstudenten nicht mal in der Lage ist, Wortarten zu erkennen, und insgesamt den Level von Fünft- Sechstklässlern aufweisen, werde ich das erstmal nicht mehr machen und schauen, was draus wird.
Denn offenbar vergisst man diese unlustig gelernten Sachen sofort wieder - ich hab von meinen 13 Jahren Schule (Abitur mit Auszeichnung!) auch nur behalten, was mich schon damals sowieso interessierte - erschütternd wenig.
Wofür soll ich sie also quälen? Jede montessorischule mit jahrgangsübergeifendem Unterrichtskonzept darf warten, bis sich die Kinder für bestimmte Sachen selbst interessieren, und Nenas Sudbury-Schule in Hamburg ist noch freilassender und auch genehmigt worden.
Wenn meine Kinder jetzt in eine Schulklasse "ihrer" Schule gehen würden, wären sie ganz sicher im vorderen Drittel, und das reicht. Siem üssen nicht den gesamten Lehrplan auswändig können - welches Schulkind kann das? Angesichts der Diskussionen über die katastrophalen Lernerfolge der Schulen ist es unsinnig, unseren Kindern Spitzenleistungen abzuverlangen - selbst Schüler bleiben ja sitzen, und das würden unsere nicht. Daher werde ich diesen Drill jetzt lassen und gelassen abwarten, was sie von selbst freiwillig machen und wie sie dann in den Tests abschneiden.
Und damit hat solé auch recht...