Dienstag, 29. Mai 2007

Holunderblütensirup statt Schule

Heute haben wir Holunderblütensirup gemacht, zwei Kisten mit Mineralwasser-Flaschen. Die Kinder haben gestern mit Riesenspaß, Scheren und Plastiktüten am Waldrand jede Menge Holunderblüten geerntet (Tilman und ich auch, und es hat uns auch Spaß gemacht, aber die Kinder haben die ganze Zeit gelacht und gekichert und irgendwelche Späße gemacht - sie waren zu weit weg, um Näheres mitzukriegen, aber wir hörten sie ständig lachen. Ich musste an das Liedloff-Buch vom verlorenen Glück denken und die verlorene Kunst, die Arbeit zu genießen). Ein älterer Herr blieb stehen und freute sich, weil seine Frau das früher auch mal gemacht hatte, und ein jüngerer Jogger fragte ganz interessiert nach, was wir denn da machen. Offensichtlich wusste er weder, was Holunder ist, noch was man damit alles anstellen kann. Gestern nachmittag habe ich die Blüten mit Wasser übergossen und über Nacht stehen lassen. Heute haben Moritz und Thomas tüchtig mitgeholfen, das mit Blütenstaub (um den geht's!) vermischte Wasser abzugießen, die Blüten auszudrücken und auf den Kompost zu bringen (es waren Riesenmengen), das Blütenstaubwasser mit Zitronensaft und Zucker zu erhitzen und vorsichtig in die Flaschen zu füllen. Die Flaschen wurden dann verschlossen kopfüber in die Kisten gestellt und nah dem Abkühlen wieder umgedreht.
Inzwischen ist ihre Hilfe richtig wirklich hilfreich, ich hatte letzte Woche schon mal fast allein gekocht (da hatten sie keine Lust zu helfen, oder nur kurz), das dauerte erheblich länger.
Jetzt haben wir schon drei Kisten mit Holunderblütensirup, und die Saison ist noch nicht vorbei.
Ich stell dann nochmal die Fotos ins Netz, später. Jetzt bedrängt mich Thomas, den PC freizugeben, weil er die von ihnen erstellte Liste mit den Zaubersprüchen von Harry Potter nicht mehr findet und sie neu ausdrucken will.

Donnerstag, 24. Mai 2007

Mama, du musst mich zwingen!

Moritz radelt jetzt routinemäßig allein zum Fußballtraining (ca. 3 km). Neulich haben sie ihn zum ersten Mal gegfragt, ob er nach dem Training noch ein bisschen mitkicken will, letzte woche hat er ein Tor geschossen und eins vorbereitet. Er hat sich offenbar jetzt wirklich in die Mannschaft hineingekämpft, das war ein Prozess von neun Monaten, alle Achtung! Das hat er geschafft, weil er unbedingt Fußballspielen will. Das heißt, er hat ein Ziel und dafür kämpft er und erträgt alles Mögliche an Ungemach. Für das, was ihm die Schule bietet, war und ist er zu einem solchen Kampf nicht bereit. Beim letzten Termin mit den Lehrerinnen haben sie ihm das Ergebnis seines einstündigen Tests "Umgang mit Texten, sinnentnehmendes Lesen" mitgeteilt: Zwei plus, ohne jeden diesbezüglichen Unterricht (habe ich nie gemacht, weil ich weiß, dass Moritz Romane, Sachbücher, Gedichte, Lieder und Gebrauchsanweisungen lesen, verstehen, wiedergeben und anwenden kann). Gleichzeitig können angeblich 25% der Bremer Schulabgänger genau das, nämlich sinnentnehmend lesen, nicht. Thomas besucht mit Begeisterung seinen Comic-Zeichenkurs und hat sich vorgenommen, den Lehrer zu fragen, wie man einen Zeichentrickfilm macht. Das ist sein nächstes Projekt. Nach den Hunderten von Seiten mit Comics, die er im Verlauf des letzten Jahres gezeichnet und geschrieben hat, bzweifele ich nicht, dass er ein solches Großprojekt durchziehen würde. Wenn ich ehrlich bin, hätte ich Kindern, und schon gar nicht meinen Kindern, all solche Dinge gar nicht zugetraut. Sie können entstehen, weil wir ihnen den Raum dafür geben.
Ich hatte ja das Thema "für die Schule lernen" losgelassen, weil es mir zu blöd war, als Büttel der Schulbehörde meinen Kindern den Spaß am Lernen zu vermiesen. Und prompt meldete sich nach einigen Wochen Moritz von selber: "Mama, du musst mich zwingen! Ich schaffs nicht, die Arbeitsblätter durchzuarbeiten, weil es mir so gar keinen Spaß macht! Du musst mir sagen, dass ich jetzt muss!" Ich weigerte mich zuerst und erklärte ihm, dass ich nur bereit sei, ihn zu erinnern, wenn er aufhört, seinen Widerwillen an mir auszulassen. Na gut. Seitdem erinnere ich Moritz an den Tagen, wo er uns nicht schon morgens freudestrahlend weckt ("Aufstehen! 7 Uhr! Ich bin schon vor einer Stunde aufgestanden und habe x Arbeitsblätter gemacht! Herrlich, Schule schon geschafft und noch den ganzen Tag vor uns!"), an die Arbeitsblätter. "Moritz, du hast gesagt, ich soll dich zwingen! Wann wollen wir?" Es macht ihm zwar immer noch keinen Spaß, aber er hat selbst die Verantwortung übernommen und tut es, weil er einsieht, dass wir vor Gericht ein Problem hätten, wenn er nicht den Stoff seines Jahrgangs könnte. Ansonsten lesen, forschen, recherchieren und bolzen sie, was das Zeug hält, lernen kochen, haben sich von ihrem eigenen Geld bei Ebay ein neues Spiel ausgesucht und darauf geboten (Quidditch-WM), ich habe dann das Geld für sie überwiesen. Thomas müht sich derweil mit dem Einmaleins, es strengt ihn an, nicht weil er es nicht versteht, aber es interessiert ihn einfach überhaupt nicht, er gähnt schon, wenn er den Hefter nur sieht. Man liest ja aus Unschoolerkreisen immer wieder von Kindern ,die erst mit 10 oder 12 oder 14 lesen lernen, dann aber nach kürzester Zeit dicke Fachbücher verschlingen. Bei Thomas und Moritz ist es offenbar umgekehrt, sie würden, wenn sie dürften, erst viel später rechnen lernen. Das ist einfach individuell...
Tilman war mit ihnen und zwei befreundeten Kindern einen ganzen Tag im Heidepark Soltau, natürlich wochentags, wenn es schön leer ist. Sie haben auf der Fahrt ständig die Route auf der Landkarte verfolgt, und aus dem Erlebnis des "Rotors" und "Scream" (Freier Fall-Geschwindigkeit) ergab sich ein Gespräch über Schwerkraft und Zentrifugalkraft, warum man nicht aus dem Rotor fällt und warum die geschleuderte Wäsche an der Trommel klebt. Angewandte Physik...

Montag, 7. Mai 2007

Die Schwestern des Schicksals

Am letzten Wochenende war ich allein verreist, zum Kongress des Familiennetzwerks in Frankfurt. Als ich zurückkam, sah ich schon von außen, dass im Wohnzimmer der Rolladen heruntergelassen war - sehr ungewöhnlich im warmen Frühling, und es war noch hell. Ich klingelte, Tilman öffnete - die Kinder waren nicht zu sehen und nicht zu hören. Wo sind sie denn - ich ahne, es gibt eine Überraschung zur Begrüßung.
Ich werde ins stockdunkle Wohnzimmer geführt, und eine Kinderstimme aus dem Off ordnet an, dass wir uns aufs Sofa setzen. Dann springt ein cool gestylter Moritz mit Baseballkappe hinter dem Vorhang hervor, Spot an, Thomas, ebenfalls gestylt mit Pferdeschwanz und viel Haargel, kommt dazu, und im raschen Tempo singen sie, mit synchronen Bewegungen Gesten und natürlich synchron gesprochenem Text, den Rap.

Die Schwestern des Schiksals
Der Hippogreif-schwung

Meine Damen und Herren! Ich bitte um Aufmerksamkeit. Zum 1. mal live hier im Haus die Band die man nicht vorstellen muss! Go!!

„Hey leute. Seid ihr bereit für echte Musik?
Dann los. Ich will eure Hände in der Luft sehen!!
Fangen wir an. Wir zeigen euch heute einen ultra-neuen Tanz.
Seid ihr bereit? Seid ihr bereit?
Schwing die Hüften wie ein haariger Troll
lass es krachen wie im Rock`n`Roll
wie ein Kobold, dreh dich geschwind
der Tanzt allein, unbekümmertes Kind
des Einhorns Sturm und Drang
bis zum Einbruch der Dämmerung
sei ganz unbekümmert
wie ein Monster, das nichts kümmert
kennst du Hippogreif-schwung? Mamama mamama mamama
wir fliegen von einem Kliff mamama mamama mamama
und wir werden zu boden geschleudert mamama mamama mamama
wir drehen uns im Kreis immer wieder im Kreis mamama mamama mamama
wie ein furchterregender Geist es tut
wenn er erschreckt durch den eigenen Spuk
lass die Hüften rollen und kreisen
lass sie Kreisen immer fort
werde zum schreckhaften Geist
der dich verfolgt ganz dreist
feste Schritte, im Stil des Kobolds
lass es krachen lass es krachen
kennst du Hippogreif-schwung? Mamama mamama mamama
wir fliegen von einem Kliff mamama mamama mamama
und wir werden zu boden geschleudert mamama mamama mamama
wir drehen uns im Kreis immer wieder im Kreis mamama mamama mamama
yeah, yeah, yeah,
jetzt geht`s ab
schwing die Hüften
als ob du nie was andr`es getan Kreatur der Nacht
so sol`s sein
eine Kreatur der Nacht
bist du mit dem Rhythmus vereint? bist du mit dem Rhythmus vereint?
Auuuuooooooooo!!!! Jaaaaaaaaaah
kennst du Hippogreif-schwung? Mamama mamama mamama
wir fliegen von einem Kliff mamama mamama mamama
und wir werden zu boden geschleudert mamama mamama mamama
wir drehen uns im Kreis immer wieder im Kreis
und immer weiter im Kreis
jetzt geht`s ab
kennst du Hippogreif-schwung?
yeah, yeah, yeah,
Ouuuuuuuuuh”


Dafür haben sie - um mir eine Freude zu machen, nicht, weil irgendjemand es von ihnen verlangt hat - das ganze Wochenende geübt und geprobt, ganz abgesehen von der mühsamen Arbeit, aus den Film-Untertiteln den Text abzuschreiben. Ein vollständig eigenständiges Projekt wie im Bilderbuch, entstanden aus ihrem eigenen Interesse (wobei sie nach der Phase der Fasznation es schon blöd finden, dass Harry Potter kein Homeschooler war...)
Am Freitag war wieder Lehrerinnen-Treffen, und Moritz und Thomas haben die "Gschichte vom bescheuerten Torhütchen" noch einmal für sie mit verteilten Rollen gelesen. Sie ist zu lang, um hier veröffentlich zu werden. Die Lehrerinnen haben dann nachgefragt, wer den am meisten Anteil an der Geschichte hat, na klar, schon die dreizehnjährige Kusine. Tilman kommentierte, dass solche Worte wie "Protagonisten" natürlich von dieser Kusine stammten. Moritz widersprach, das mit dem Protagonisten stamme von ihm. Tilman fragte nach, "Weißt du denn überhaupt, was ein Protagonist ist?" Moritz: "Na klar, das ist sozusagen der Hauptdarsteller!" Tilman (selber nicht ganz sicher) bat ihn, das doch mal nachzuschlagen, und Moritz ging zum Brockhaus, griff den richtigen Band, fand blitzschnell das Stichwort, und siehe da, die Definition bestätigte ihn.
Keine Ahnung, wie er das gelernt hat, wir haben weder Brockhauslesen mit ihnen geübt noch jemals über Protagonisten gesprochen. Er weiß es auch selbst nicht, woher er das Wort kennt. Es geht mir auch überhaupt nicht darum, mit seinem dicken Wortschatz zu strunzen, sondern mich begeistert: So funktioniert natürliches, freies Lernen. Das kleine Pflänzchen wächst zu einem Baum heran und weiß selbst am besten, wann wo welcher Ast, welches Blatt gebildet werden muss, um zu der einmaligen, in ihm angelegten Form heranzuwachsen. Im Vergleich dazu ist Schule einfach nur ein Notbehelf, wo halt Dienstag 10 Uhr, alle gemeinsam 45 Minuten links oben hinten rechts ein kleines Blättchen bilden (sollen), es, wenn sie innerlich grad an einem ganz anderen Blatt an einem völlig anderen Ast tätig sind, mehr oder weniger mühsam aus sich herausquetschen. Glücklich die Kinder, deren natürliches Schema gut zum Lehrplan passt, Pech für die etwas ungewöhnlicheren, langsamer, schneller oder einfach anders wachsenden Bäumchen!