Donnerstag, 24. Mai 2007

Mama, du musst mich zwingen!

Moritz radelt jetzt routinemäßig allein zum Fußballtraining (ca. 3 km). Neulich haben sie ihn zum ersten Mal gegfragt, ob er nach dem Training noch ein bisschen mitkicken will, letzte woche hat er ein Tor geschossen und eins vorbereitet. Er hat sich offenbar jetzt wirklich in die Mannschaft hineingekämpft, das war ein Prozess von neun Monaten, alle Achtung! Das hat er geschafft, weil er unbedingt Fußballspielen will. Das heißt, er hat ein Ziel und dafür kämpft er und erträgt alles Mögliche an Ungemach. Für das, was ihm die Schule bietet, war und ist er zu einem solchen Kampf nicht bereit. Beim letzten Termin mit den Lehrerinnen haben sie ihm das Ergebnis seines einstündigen Tests "Umgang mit Texten, sinnentnehmendes Lesen" mitgeteilt: Zwei plus, ohne jeden diesbezüglichen Unterricht (habe ich nie gemacht, weil ich weiß, dass Moritz Romane, Sachbücher, Gedichte, Lieder und Gebrauchsanweisungen lesen, verstehen, wiedergeben und anwenden kann). Gleichzeitig können angeblich 25% der Bremer Schulabgänger genau das, nämlich sinnentnehmend lesen, nicht. Thomas besucht mit Begeisterung seinen Comic-Zeichenkurs und hat sich vorgenommen, den Lehrer zu fragen, wie man einen Zeichentrickfilm macht. Das ist sein nächstes Projekt. Nach den Hunderten von Seiten mit Comics, die er im Verlauf des letzten Jahres gezeichnet und geschrieben hat, bzweifele ich nicht, dass er ein solches Großprojekt durchziehen würde. Wenn ich ehrlich bin, hätte ich Kindern, und schon gar nicht meinen Kindern, all solche Dinge gar nicht zugetraut. Sie können entstehen, weil wir ihnen den Raum dafür geben.
Ich hatte ja das Thema "für die Schule lernen" losgelassen, weil es mir zu blöd war, als Büttel der Schulbehörde meinen Kindern den Spaß am Lernen zu vermiesen. Und prompt meldete sich nach einigen Wochen Moritz von selber: "Mama, du musst mich zwingen! Ich schaffs nicht, die Arbeitsblätter durchzuarbeiten, weil es mir so gar keinen Spaß macht! Du musst mir sagen, dass ich jetzt muss!" Ich weigerte mich zuerst und erklärte ihm, dass ich nur bereit sei, ihn zu erinnern, wenn er aufhört, seinen Widerwillen an mir auszulassen. Na gut. Seitdem erinnere ich Moritz an den Tagen, wo er uns nicht schon morgens freudestrahlend weckt ("Aufstehen! 7 Uhr! Ich bin schon vor einer Stunde aufgestanden und habe x Arbeitsblätter gemacht! Herrlich, Schule schon geschafft und noch den ganzen Tag vor uns!"), an die Arbeitsblätter. "Moritz, du hast gesagt, ich soll dich zwingen! Wann wollen wir?" Es macht ihm zwar immer noch keinen Spaß, aber er hat selbst die Verantwortung übernommen und tut es, weil er einsieht, dass wir vor Gericht ein Problem hätten, wenn er nicht den Stoff seines Jahrgangs könnte. Ansonsten lesen, forschen, recherchieren und bolzen sie, was das Zeug hält, lernen kochen, haben sich von ihrem eigenen Geld bei Ebay ein neues Spiel ausgesucht und darauf geboten (Quidditch-WM), ich habe dann das Geld für sie überwiesen. Thomas müht sich derweil mit dem Einmaleins, es strengt ihn an, nicht weil er es nicht versteht, aber es interessiert ihn einfach überhaupt nicht, er gähnt schon, wenn er den Hefter nur sieht. Man liest ja aus Unschoolerkreisen immer wieder von Kindern ,die erst mit 10 oder 12 oder 14 lesen lernen, dann aber nach kürzester Zeit dicke Fachbücher verschlingen. Bei Thomas und Moritz ist es offenbar umgekehrt, sie würden, wenn sie dürften, erst viel später rechnen lernen. Das ist einfach individuell...
Tilman war mit ihnen und zwei befreundeten Kindern einen ganzen Tag im Heidepark Soltau, natürlich wochentags, wenn es schön leer ist. Sie haben auf der Fahrt ständig die Route auf der Landkarte verfolgt, und aus dem Erlebnis des "Rotors" und "Scream" (Freier Fall-Geschwindigkeit) ergab sich ein Gespräch über Schwerkraft und Zentrifugalkraft, warum man nicht aus dem Rotor fällt und warum die geschleuderte Wäsche an der Trommel klebt. Angewandte Physik...

Kommentare:

Solé hat gesagt…

Liebe Dagmar,

kannst du erläutern, was du eigentlich machst, wenn eine Frage kommt, die du gar nicht beantworten kannst? Bei der Schwer- und Zentrifugalkraft hatte ich neulich so meine Zweifel und wir waren unterwegs. Zu Hause ist es meist nicht mehr so interessant... Ist das schlimm? Warum oder warum nicht?

Gruß
Johanna

Dagmar hat gesagt…

Liebe Johanna,
wenn ich's nicht weiß, sage ich das, "keine Ahnung, müssen wir nachschauen!" Manchmal, wenn wir was gar zu gern in dem Moment wüssten, stellen wir auch ganz viele Vermutungen an, diskutieren Argumente dafür und dagegen und finden oft schon viel heraus, wie es NICHT sein kann (schult wenigstens logisches Denken....) Ich habe auch die Erfahrung wie du gemacht, dass sowohl die Kinder als auch wir dann oft vergessen, wirklich nachzuschlagen. Ich find das nicht schlimm. Denn manche Fragen stoßen uns mehrmals auf, und spätestens beim dritten Mal gucken wir dann nach. Oder wir stoßen auf eine antwort, die zu der Frage passt, und freuen uns dann. Wie sagte schon Albert Einstein: "Schallgeschwindigkeit? Weiß ich nicht! Ich belaste meinen Geist nicht mit Sachen, die ich überall nachschlagen kann!"

akinom hat gesagt…

cara dagmar,

du schreibst:" Man liest ja aus Unschoolerkreisen immer wieder von Kindern ,die erst mit 10 oder 12 oder 14 lesen lernen, dann aber nach kürzester Zeit dicke Fachbücher verschlingen. Bei Thomas und Moritz ist es offenbar umgekehrt, sie würden, wenn sie dürften, erst viel später rechnen lernen. Das ist einfach individuell..."

vor einigen wochen hatte ich gelegenheit, eine wdr-dokumentation über eine grundschulklasse zu sehen, in der den kindern ermöglicht wurde selbstbestimmt zu lernen ( http://www.wdr.de/tv/menschen-hautnah/archiv/2005/06/29.phtml )

da jedenfalls war ein mädchen zu sehen, dass rechnen auch längere zeit gemieden hat, aber sehr gerne schrieb :)

moca

Dagmar hat gesagt…

Liebe Moca,
herzlichen Dank für den Hinweis! Das klingt ja sehr interessant. Ja, wenn die Lehrer erst mal kapiert haben, dass eine Aufhebung des Schulzwangs ihnen ermöglichen würde, für "ihre" Kinder das zu werden, was eigentlich den meisten Lehrern am Herzen liegt, nämlich freundschaftliche Begleiter auf dem Lern- und Lebensweg, dann haben wir viel gewonnen! Die allermeisten Lehrer leiden meiner Überzeugung und Beobachtung nach unter der ihnen derzeit aufgezwungenen paradoxen Doppelrolle. Einserseits sollen und wollen sie den Kindern liebevoll und freilassend "helfen, es selbst zu tun", andererseits müssen sie zensieren, versetzen, empfehlen, sortieren und damit immer: bewerten. eine Öffnung der Schule in Richtung "Lernbegleitung" als Dienstleistungsangebot würde dazu führen, dass viele Schulen sich ganz schnell zu Orten des freien Lernens mausern dürften, könnten und hoffentlich auch würden.
Leider missverstehen viele Lehrer die Homeschool-Bewegung als persönliche Beleidigung und Bedrohung (und leider enticklen auch viele Eltern ein "Feindbild Lehrer").