Montag, 9. Juli 2007

Fernsehauftritt im "Nachtcafé"

Inzwischen war viel los. Wir sind nach Stuttgart gefahren und in der Sendung "Nachtcafé" mit Wieland Backes aufgetreten. Leider haben wir selbst uns immer noch nicht begutachten können und warten noch auf die versprochene DVD. Aber es hat Spaß gemacht, Thomas hat zum ersten Mal bei einer Studioaufnahme ziemlich viel gesagt, so dass wir alle ganz platt waren. Hinterher meinte er nur, er habe sich vorgenommen "auch mal was zu sagen". Das Ganze dauerte mit Maske, Vorgespräch, der nachfolgenden Diskussion der Lehrer-Experten, abschließendem Essen im Restaurant etc. von 18 Uhr bis fast 24 Uhr, und die ganze Zeit waren unsere Kinder gut gelaunt, konzentriert, fröhlich, zugänglich, freundlich - in dem Ensemble, wo ich musiziere, fragte eine Mitspielerin mich in der nächsten Probe, ob wir unsere Kinder denn dressiert hätten. Mitnichten - unsere Dressur bestand darin, dass wir einen Zug früher genommen haben, vor der Aufnahme noch barfuß durch den Park beim Hotel getollt sind und ihnen gesagt haben, sie sollen ganz ehrlich aus dem Herzen sprechen ohne Rücksicht auf das, was sie glauben, dass die Leute oder wir hören wollen.
Zu unserem Thema fiel in der nachfolgenden Diskussion der Experten, überwiegend Lehrer und Schulleiter, unter dem Thema "Schlechte Noten für die Schule?" kein einziges Wort - das fand ich einerseits schade, andererseits bedeutet "kein Wort über freies Lernen" auch "kein schlechtes Wort über freies Lernen".
Die Tests und Prüfungen auch in Mathe haben die Beiden inzwischen heil überstanden und offenbar gar nicht so schlecht abgeschnitten, wie ich (ja nun doch) befürchtet hatte. Inzwischen haben sie auch Vertrauen zu den beiden Lehrerinnen gefasst, eine Beziehung ist entstanden, das erleichtert die Sache natürlich sehr.
Auf Einladung der Lehrerinnen haben sie dann auch noch am Schulausflug zum Zoo teilgenommen und abends ein bisschen was von den Tieren erzählt (dass die Löwen ihre Frauen jagen lassen) und fast nichts von den anderen Kindern (dass es so ging mit denen und sie Max wiedergetroffen haben, der sie in ihren allerersten Tagen an dieser Schule ein bisschen betreut hatte). Moritz ist einige Tage später dann extra ganz früh aufgestanden, um an einem von der Schule organisierten Leichtathletik-Training teilzunehmen, das fiel dann aber aus wegen Regen, und er kam wieder nach Hause. Auf der Hinfahrt hat er mir erzählt, er habe ja nochmal darüber nachgedacht, ob er vielleicht doch zur Schule gehen solle, aber nach den Prüfungsterminen in der Schule sei ihm klar, dass er das weiterhin nicht wolle. Ich fragte ihn, was ihn denn gereizt habe, es zu versuchen? "Weiß du Mama, ganz im Anfang gab es mal einen ganzen Tag lang Sportunterricht. Das fand ich toll. Aber es kam dann nie mehr, und dann gehe ich lieber zum Verein."
Jetzt quälen sie sich mit dem Steinzeit-Projekt ab, das noch rechtzeitig vor den Zeugnissen fertig werden soll. Die Fragen zum Text zu beantworten, ist noch ein Kinderspiel, aber sich Sätze zu diesem Thema aus den Rippen zu schwitzen, um sein Wissen zu beweisen, findet Moritz extrem ätzend. Nicht, dass er sich für das Thema nicht interessiert, wir haben ein Video über die Steinzeit angeschaut, sie haben mit Papa eine Ausstellung in der Stadt besucht, Moritz hat in der Bibliothek einen halben Meter Bücher ausgeliehen, in denen sie auch geblättert haben. Das Thema sprang uns plötzlich überall entgegen, in der Tagsezeitung, in Magazinen, wir habe uns viel darüber unterhalten, Thomas hat sogar einen Speer mit Steinspitze gebastelt (der allerdings sehr vorsichtig behandelt werden muss...) Aber irgendwas schreiben, weil es sein muss, finden beide blöd, entsprechend mühsam geht es voran.

Letzte Woche dann DAS Großereignis: wir bekommen ein "Mediacenter", so dass sie ihre PC-Spiele im Wohnzimmer spielen können (und nicht mehr bei uns im Büro) und gelegentlich auch mal eine DVD anschauen - sie spielen derzeit abwechselnd Fifa WM 2007 und ein Quidditch-Turnier-Spiel sowie seit wenigen Tagen das ihnen dringend von Kusin und Kusine empfohlene Sims 2, eine virtuelle "Realität", in der sie Menschen und ihr Leben gestalten. Weil wir nachvollziehen können, dass sie vom neuen Sims-Spiel erstmal völlig fasziniert sind, haben wir einen Zeitraum von drei Wochen vereinbart, wo die üblichen strengen Begrenzungszeiten für tägliche PC-Tätigkeit ausgesetzt sind und nur die Bedingungen "erst Schul-Arbeiten, erst Instrumente, erst aufräumen" gelten. Natürlich hocken sie prompt stundenlang davor, aber wir haben schon mehrfach die Erfahrung gemacht, dass sie ein Spiel zunächst intensiv erkunden und dann das Interesse nach und nach verblasst, bevor sie es irgendwann so gut kennen, dass sie beginnen, sich für ein neues Spiel zu interessieren. Dann dauert es noch eine Weile, bis sie sich dazu durchringen, für das ausdiskutierte neue Spiel ihr Geld auszugeben oder Geschenk-Kapazität (Geburtstag, Weihnachten...) zu investieren. Allerdings ist dies das erste Mal, wo sie keine von vornherein begrenzte Zeit haben. Wir wissen selbst, wie schwer es ist, sich da zu disziplinieren, und arbeiten selbst fast täglich länger am PC, als wir geplant hatten. Ich vermute, dass sie am Ende der Beliebig-lange-Phase zwar motzen werden, aber insgeheim erleichtert sein werden, wieder eine Richtschnur zu haben.
Es ist ja biologisch erklärlich, warum es so schwer ist aufzuhören: Aus der fehlenden Tiefenschärfe-Akkomodation der Augen vor dem Bildschirm schließt das Gehirn nach ca. 90 Sekunden, dass diese Wahrnehmungen zu einem Traum oder einer Vision gehören, und ein Teil des rationalen Denkens wird abgeschaltet. Die Gehirnwellen verändern sich, und wir sind praktisch in Trance. Sich selbst aus dieser Trance zu befreien, erfordert Disziplin und Übung. Na, die kriegen sie jetzt. Im Moment spielt Thomas allerdings mit Freund K. Gitarre, und die Drei singen dazu.
Moritz durfte letzten Sonntag beim Sommerkonzert "seines" Posaunenchors mitspielen, noch nicht bei allen Stücken, aber bei vielen. In der Woche davor hat er so intensiv und motiviert geübt wie noch nie und saß dann mit 6-7 anderen Kindern ganz ernsthaft in dem 45 Menschen starken Posaunenchor. Vor Konzertbeginn verteilte er Programme, alberte er mit den anderen Kindern im Eingangsbereich herum und tat sich wichtig - ganz normal halt. (Uff, die Homeschoolmutter registriert leicht zwanghaft jeden Hinweis auf normale Sozialisation...) Thomas saß, brüderliche Solidarität in Person, mit Donald Duck-Taschenbuch in der vordersten Reihe, das er mit dem ersten Ton des Konzertes dann zuklappte.
Thomas hat jetzt sein offiziell letztes Comic-Heft beendet. Er will keine weiteren Comics mehr malen, weil er jetzt an einem Zeichentrickfilm arbeitet. Er hat sich Transparentpapier gekauft und zeichnet emsig (seit 3 Tagen eingeschränkt durch die PC-Spielphase), aufwändig und wenig effizient, aber entschlossen. Weiß jemand geeignete Literatur zum simplen Erstellen eines Zeichentrickfilms mit einfachen Mitteln? Eine erwachsene Kusine, die im Metier tätig ist, hat ihm gezeigt, wie er mit Photoshop arbeiten kann, aber er möchte die Bilder nicht am PC malen, sondern in seiner bewährten Bleistift-Bunststift-Technik, dann einscannen und weiterbearbeiten.
Noch eine Sucht treibt uns derzeit um: Morgens und abends lese ich Harry Potter Band 5 vor, manchmal abgewechselt von Moritz, Thomas findet den Text zu mühsam zum Vorlesen wegen der vielen komplizierten Fremdwörter. Denn bald kommt der Film heraus, und Moritz besteht darauf, dass Thomas zuerst das Buch kennen muss (abgesehen davon ist der Film erst ab 12 freigegeben!). Es ist köstlich, wie Moritz (der das Buch schon mehrfach verschlungen hat) Thomas im Handlungsverlauf auf wichtige Einzelheiten und Zusammenhänge aufmerksam macht, die erst später relevant werden, und gleichzeitig darauf achtet, ihn nicht frühzeitig über das Spätere zu informieren, um ihm nicht den Spaß zu verderben - wer sich irgendwann verplappert hat, dass Dumbledore ja in Band 6 stirbt, das war ich!
Als es - viel früher in diesem Jahr - mal sommerlich warm war, haben die Kinder für die nächsthöheren Abzeichen trainiert. Beide springen vom Dreier und fischen den Gummiring auch aus tiefem Wasser, aber Thomas ist beim Schwimmen nach wie vor sehr dicht mit der Unterkante am Wasser und schafft noch keine ganze Bahn. Er hofft, dass es noch ein paar Sonnentage zum Trainieren gibt...

Kommentare:

Dennis hat gesagt…

"Aus der fehlenden Tiefenschärfe-Akkomodation der Augen vor dem Bildschirm schließt das Gehirn nach ca. 90 Sekunden, dass diese Wahrnehmungen zu einem Traum oder einer Vision gehören, und ein Teil des rationalen Denkens wird abgeschaltet. Die Gehirnwellen verändern sich, und wir sind praktisch in Trance. Sich selbst aus dieser Trance zu befreien, erfordert Disziplin und Übung."

Sehr interessant! Ich habe mich schon über das Phänomen gewundert, aber keine Erklärung dafür gefunden. Wie ist das eigentlich beim Bücherlesen. Fehlt da nicht auch die Tiefenschärfe?

Beste Grüße
Dennis

Dagmar Neubronner hat gesagt…

Ja, beim Bücherlesen ist es genauso, mit einem sehr wichtigen Unterschied: Beim Lesen sehen wir "hinter" den Buchstaben die Bilder unseres eigenen Geistes, unsere eigene Vorstellungskraft wird aktiviert, wir "sehen" die Buchhelden und Landschaften usw. auf unsere ganz einzigartige individuelle Art. Wenn wir dann den "Film zum Buch" sehen, werden diese inneren Bilder von den massiven Filmbildern "erschlagen". Winnetou sieht dann unwiderruflich aus wie Pierre Briece und Harry Potter wie Daniel Radcliffe, auch wenn wir vorher völlig andere Bilder hatten.

Kinder, die zu früh viel fernsehschauen und vielleicht gar nicht erleben, wie sich anhand eines Buches eine ganze Welt vor ihren inneren Augen entfaltet, machen insofern wenig Erfahrungen mit ihrer individuellen inneren Bilderwelt. Welche Folgen das hat, wird sich als das Ergebnis des derzeit laufenden globalen Großversuchs herausstellen...