Sonntag, 30. September 2007

8:1 für Werder

  • Gestern waren wir zum ersten Mal bei einem Fußballspiel im Weserstadion, Werder Bremen gegen Arminia Bielefeld. Die Kinder waren selig, und dann war es auch noch so ein Rekordspiel mit mehrmals durchlaufenden La Ola-Wellen und tobendem Fanblock, so dass Moritz und Thomas irgendwann selbst anfingen, Mitgefühl für die verstummenden Arminia-Fans und den armen Torwart zu bekommen, der nach dem 5:1 schier gar nicht mehr aufstehen wollte. Wir saßen direkt neben dem Fanblock, und Moritz und Thomas schrieen, klatschten und jubelten begeistert mit. Vormittags hatte Moritz noch selbst gespielt, Punktspiel , und seine Mannschaft hatte 2:5 verloren. Aber das war jetzt mehr als ausgeglichen.
  • Heute "musste" Moritz in Bremen-Blumenthal Posaune spielen (Erntedankfest), Thomas in der City singen (Erntedank) und ich noch woanders flöten (Erntedank). Danach stand schon wieder Fußball auf dem Plan, und wir schauten zu, wie die deutschen Damen Weltmeisterinnen wurden. Dafür, dass Fußball mich ausschließlich sekundär über die Jungs interessiert, kenne ich mich schon richtig aus. Jetzt bolzen Moritz und Thomas mit ihrem Freund im Nieselregen und verwandeln unseren Rasen in eine Schlammwüste.
  • Ich hingegen freue mich auf das gleich beginnende Intensivseminar mit Gordon Neufeld für seine Verlegerinnen in Kanada, Deutschland, Frankreich und Israel.

Donnerstag, 27. September 2007

Thomas beim Jiujitsu

  • Gestern war Thomas zum 2. Mal beim Jiujitsu, das ist so eine von diesen asiatischen Kampfsportarten mit weißer Kleidung und Gürteln. Er möchte das lieber machen als Fußball - 21 andere Spieler plus Schiedsrichter im Auge zu behalten, ist weniger sein Ding als disziplinierte Übungen für den Kampf mit einem Gegner, das passt genau zu ihm. (Moritz hingegen geht völlig im Fußball auf, neulich durfte er zum ersten Mal "Chef der Abwehr" in seiner Fußballmannschaft sein, stolzgeschwellt kam er heim, heute war "Spaßtraining", das fand er blöd, er will sich lieber schinden...) Gefreut habe ich mich, als ich sah, wie Thomas sich ganz selbstverständlich und frei nach dem Betreten des Trainingsraumes dem nächsten Kind näherte und fragte, was denn jetzt zu tun sei. Der Junge antwortete "Nichts", denn die Trainer waren noch nicht da. Die Kinder tobten herum, schmissen sich Bälle zu, und Thomas nahm auch einen Ball, warf ihn versuchsweise diesem anderen Jungen zu - weder schüchtern noch übertrieben kontaktversessen noch mit Imponiergehabe, er war einfach er selbst.
  • Moritz hat heute erstmals Kaiserschmarrn ge"kocht". Weil unser Rührgerät kaputt ist, mussten wir
  • den Eischnee von 6 Eiern und 250 ml Sahne für den Nachtisch (Sahne-Quittenmus-Creme! Ein Traum!) mit dem Schneebesen per Hand schlagen, insofern war es für ihn heute eine Mischung aus Kochkurs und Fitnesstraining. Da wir das Kochbuch-Rezept verändert haben, hat Moritz sich das Prinzip des Dreisatzes angeeignet, um auszurechnen, wie viel Milch wir denn dann brauchen, ach und wie misst man im Messbecher 3/8 l ab? Hat er selbst herausgefunden, 2/8 sind dasselbe wie ein Viertel (keine Ahnung, woher er das weiß); bleibt noch 1/8l, das sind 125 ml auf dem Messbecher. Kleine Portionen in scheinbar chaotischer Mischung statt "Bulimie-Lernen", wie es der berühmte Reinhard Kahl in der Frankfurter Rundschau genannt hat. (in Massen den Lernstoff reinziehen, im Test wieder auswerfen, vergessen)
  • Wir haben im Laufe der letzten Woche auch noch Quittengelee und Quittenmus gemacht, Haselnüsse gesammelt - da war allerdings das Interesse zu helfen nicht so groß, denn befreundete Freilerner-Kinder waren da, und es wurde gebolzt, Wizard (Kartenspiel) gespielt und Fifa 07-Zweikämpfe am PC ausgetragen. Unsere Kinder haben nämlich bei ebay so eine Doppel-Spielkonsole für zwei Spieler gefunden und von uns ersteigern lassen: Das war kompliziert, denn die eine Konsole war kaputt, sie musste als Reklamation nach England geschickt werden, und Moritz und Thomas mussten überlegen, ob sie sich das noch leisten wollten (wieviel kostet Porto nach England?!) oder es ihnen zu teuer wurde. Sie haben dann mit Tilman beraten und sich mit dem Händler auf geteilte Portokosten geeinigt. War das eine Freude, als dann das heile Gerät kam!

Montag, 24. September 2007

Post von der Behörde

  • Heute erhielt unser Anwalt ein Schreiben von der Schulbehörde mit dem Titel
  • Zahlungfristverlängerungzustimmung.
  • Damit wird die Frist zur Zahlung des Zwangsgeldes bis zu einer gerichtlichen Entscheidung über einen der von unserem Rechtsanwalt gestellten Eilanträge verlängert. Vielen Dank!
  • In dem Behördenschreiben wird dieser Blog hier zitiert, nämlich mein Bericht über die Entscheidung der Kinder, auch nicht mehr zu einzelnen Schulstunden zu gehen, "wenn es sowieso nichts gegen das Zwangsgeld nützt". Der Kommentar der Behörde hierzu lautet:
    "Als ob solche Entscheidungen von Kindern in diesem Alter unbeeinflusst getroffen werden oder unbeeinflussbar wären."
    Letztlich ergibt sich aus dem Vorwurf, Kinder wären doch nicht in der Lage, unbeeinflusst die Entscheidung zu treffen, ob sie zur Schule gehen wollen oder nicht, die Fragestellung: Können Kinder gar nicht wissen was gut für sie ist? Das ist (in manchen Kulturen bis heute) auch schon von Barbaren, Frauen, von Menschen anderer Rasse usw., behauptet worden - von der Sklaverei bis zu den Frauen in Saudi-Arabien, die bis heute nicht ohne männliche Begleitung das Haus verlassen dürfen (dient natürlich nur zu ihrem Schutz). Im entsprechenden Zeitalter/Kulturkreis waren/sind jeweils die weit überwiegende Mehrheit der Bürger - und selbstverständlich alle Behörden - davon überzeugt, dass der eigene Wille der betreffenden Menschengruppe nicht zählt, weil sie die falsche Hautfarbe, das falsche Geschlecht oder eben das falsche Alter hat.
  • Wohlgemerkt: Wir schieben unseren Kindern nicht die Verantwortung zu. Wir sind ihre Vormünder, und wir sind es, die sich weigern, gegen unsere Wahrnehmung vom Wohl der Kinder, gegen unsere Überzeugung und gegen das Gesetz Zwang auszuüben, und das Zwangsgeld richtet sich ja auch gegen uns, nicht gegen unsere Kinder. Diese sind in den letzten zwei Jahren, wo sie sich weigern, zur Schule zu gehen, von der Behörde nicht ein einziges Mal selbst gehört worden.
  • Natürlich fehlt einem Kind von acht oder zehn Jahren ein Großteil des Überblicks, es kennt im Gegensatz zu seinen Eltern nicht die weltweiten Studien zum Erfolg des Homeschooling, es kennt nicht die Ergebnisse der Hirnforschung über Lernprozesse, die PISA-Misere etcpp. All dies wissen unsere Kinder nicht oder nur in dem Maße, wie sie etwas von uns aufgeschnappt haben. Aber sie wissen, und zwar besser als irgendjemand sonst, wie sie sich fühlen und wo sie sein wollen - und wo nicht.
  • Und das wüssten sie auch, wenn sie nicht einmal sprechen könnten, denn selbst bei Hühnern kann man mit einer einfachen Versuchsanordnung herausfinden, was sie gerne möchten und wo sie sich wohlfühlen: Man bietet ihnen verschiedene Alternativen (Käfig mit Futter, Wiese ohne Futter, Käfig ohne Futter, Freiplatz mit Futter und Sand und so weiter). Wenn Hühner mit den Füßen entscheiden dürfen, wo sie sich aufhalten, treffen sie eine bestimmte Wahl, die ganz eindeutig ihren artgemäßen Vorlieben entspricht. (Ich schreib jetzt hier nicht, wofür sich Hühner entscheiden, damit nicht noch jemand behauptet, ich würde unsere Kinder mit freilaufenden Hühnern vergleichen. Die Freilandhaltung soll ja jetzt auch sowieso verboten werden, zum Schutz der Hühner vor diesen grässlichen Viren, die seit Jahrtausenden auf allen Streuobstwiesen lauern.)
  • Auf dieser Ebene jedenfalls treffen unsere Kinder ebenfalls immer wieder ihr Votum, und unsere Aufgabe soll es nun nach Auffassung der Bildungsbehörde sein, sie mit "Nachdruck" von ihrer Wahl abzubringen.
  • Damit sind wir bei der Frage: Wie genau sollen wir unsere Kinder zwingen?
  • · Sollen wir sie, nachdem wir sie persönlich zur Schule gebracht haben (was bereits mehr ist, als viele andere Eltern leisten), im Klassenzimmer festhalten? Wie genau? Sollen wir sie am Stuhl festbinden? Sollen wir die Ausgänge der Schule bewachen? Wie lange? Wer ersetzt uns den Verdienstausfall? Ist das überhaupt erlaubt, wo es doch eindeutig die Anwendung körperlicher Gewalt in der Erziehung darstellt (und zwar jeden Schultag, 12 Schulpflichtjahre lang?!)
  • · Sollen wir unsere Kinder bedrohen? Womit genau? Körperliche und seelische Gewalt in der Erziehung ist seit 2000 in Deutschland nicht mehr erlaubt (§ 1631(2) BGB, „Recht auf gewaltfreie Erziehung“).
  • · Sollen wir unsere Kinder überzeugen? Gern, fragt sich nur: WIE?
    Wir sind aus Gewissensgründen nicht bereit, unsere Kinder anzulügen, indem wir ihnen versichern, sie könnten nur in der Schule zu gesunden, leistungsfähigen, sozial kompetenten Menschen heranwachsen. Millionen Kinder in aller Welt beweisen seit vielen Jahren statistisch hoch signifikant das Gegenteil – wie unsere Kinder auch.
  • Vor diesem Hintergrund fällt mir auf: Wieso sollen eigentlich die Rechte der Kinder jetzt eigens ins Grundgesetz aufgenommen werden? Sind die Menschenrechte nicht sowieso Teil des Grundgesetzes? Sind Kinder keine Menschen? Werden dann irgendwann auch die Rechte alter Menschen extra definiert? Die Rechte Behinderter?
  • Aber gut, das versteh ich als Frau jetzt vielleicht nicht so...

Freitag, 21. September 2007

Link zur focus-TV-Sendung

Hier der Link zum Downloaden der Sendung, die am 17. 9. auf Sat 1 ausgestrahlt wurde:

http://www.topffit.de/sonstiges/focustvreportage_homeschooling_07.09.17_sat1.mpg.avi

Donnerstag, 20. September 2007

Zwangsgeld festgesetzt!

  • Gestern kamen wieder zwei der aufregenden gelben Briefumschläge - förmliche Zustellung! Was unser Postbote sich wohl so denkt? Wir lasen und lachten - das Zwangsgeld ist jetzt festgesetzt worden, und toll, sie haben die Summe halbiert. Nach ganz genauem Lesen merkten wir, dass uns sogar nur ein Viertel der angedrohten Summe von 6000 € abverlangt werden, um uns zu "beugen". Der Beamte vermutet im Anschreiben, dass uns das angesichts unserer finanziellen Verhältnisse weh genug tut, und recht hat er. 1500 € sind ein Monat Leben für uns, mit allem. Das Zwangsgeld ist von "existenzvernichtend" auf "existenzgefährdend" herabgestuft worden. Und wie sie es uns wohl abnehmen werden? Das Kindergeld einbehalten? Unser Geschäftskonto pfänden? Das Auto wegnehmen? (Es ist gerade gestern durch den TÜV gekommen). Die Maßnahme dient, so schreibt der Beamte, "dem überwiegenden Wohl Ihrer Kinder". Wenn wir gezwungen sind, ins Ausland zu gehen, um unsere Existenz zu retten, müssen die Kinder ihre Freunde, ihre Sportvereine, ihre Instrumentallehrer, ihre zahlreichen Verwandten inklusive Großeltern, ihren geliebten Garten - ihr Zuhause, vielleicht sogar ihren Kater Schnurr zurücklassen. Und das, wo sie nachweislich (per Zeugnis!) bestens versorgt und gebildet sind, während gleichzeitig Tausende von Kindern in Bremen jahrelang vernachlässigt und ohne Bildungschancen der Schule fernbleiben. Für uns klingt "Wohl der Kinder" wie Hohn. Allerdings haben unsere Kinder sofort die Konsequenzen gezoge und erklärt, dass sie, wenn es sowieso nichts gegen das Zwangsgeld nützt, jetzt auch nicht mehr zu einzelnen Schulstunden gehen werden.
  • Vergnügt hocken Moritz und Thomas heute morgen auf dem Bett und erzählen sich selbsterfundene Geschichten, sie spinnen da ihre eigenen Welt. Ich höre da eigentlich nie zu, jetzt gehe ich mal kurz an die Tür: "Du hast gerade eine halbe Milliarde ausgegeben, um in der Sahara Bäume zu pflanzen, um die ganzen Arbeiter anzustellen, damit in der Sahara wieder Bäume wachsen." Ich bin betroffen und gerührt. Was hab ich denn gedacht? Ich hab gedacht, sie erzählen sich da "irgendwelchen Blödsinn" halt. (2 Minuten später gehe ich nochmal hin: Thomas erzählt gerade, wie er sich ganz viele Comicgeschichten ausdenkt und Leute hat, die das alles für ihn zeichnen, und er ganz viel Geld verdient. Moritz: "Aber Mama hat noch mehr, denn ihr gehört ja der ganze Wolkenkratzer! Und Papa ist Erster Vorsitzender.") Also doch nicht nur Edelmut pur, das ist erleichternd, und ich höre lieber nicht weiter zu. Eure Kinder wohnen im Haus von Morgen, zu dem ihr keinen Zugang habt, nicht einmal in euren Träumen... (Khalil Gibran)

Dienstag, 18. September 2007

Focus tv Reportage und angebrannter Pudding


  • Gestern abend kam auf Sat1 der Film "Wenn Eltern zu Lehrern werden" von Alexandra Vinocur, in der wir und eine Familie, die nach Österreich fliehen musste, porträtiert werden. Gut gelungen, natürlich wie immer beim Fernsehen notgedrungen stark vereinfacht und verkürzt, und das 2. Internationale Homeschool-Kolloquium auf Burg Rothenfels kommt nur sehr am Rande vor, aber wesentliche Inhalte wie
  • - isolierte Position Deutschlands
  • - Einführung des Schulzwangs (gewaltsame Zuführung) durch Hitler 1938
  • - die zwei Pole der deutschen HE-Bewegung von "Religiösen" und "alternativpädagogischen Akademikern"
  • werden ganz gut deutlich und auch, dass beide Familien (stellvertretend für alle) nichts Bedrohliches haben.
  • Leider fühlt die unsere Kinder betreuende Schule sich verunglimpft, weil es in der Verkürzung des Filmes so wirkt, als ob sich die Kommentare unserer Kinder zur Schule ausschließlich auf sie beziehen. Das ist einerseits ungerecht, denn diese Schule ist wirklich vergleichsweise angenehm, das Kollegium engagiert und freundlich, die Unterrichtskonzepte modern. Andererseits ist es nun mal so, dass unsere Kinder auch auf diese Schule nicht gehen wollen, da "beißt die Maus kein' Faden ab", wie es hier in Bremen heißt.
  • Moritz hat heute mit Tilmans Unterstützung und assistiert von Thomas seine erste Pizza gebacken, mit Hefeteig und allen Schikanen, und es musste auch noch pünktlich fertig sein, weil er nachmittags wieder zum Naturkundeunterricht wollte oder naja, sagen wir mal "zu gehen sich bereiterklärt hatte". Und die Omi kam auch noch zum Essen. Aber es schmeckte köstlich, wie gestern die von Moritz nahezu allein gekochten Spaghetti mit roter Soße und Salat - nur der Schokoladenpudding war angebrannt und damit ungenießbar. (Und das lag daran, dass ich so lange vom PC aus rief, ich käme gleich, dass Moritz ganz allein nur anhand der Tütenaufschrift Pudding kochte - auf unserem Gasherd wirkich nicht einfach.) Meine Hoffnung, er werde sich die Rezepte aufschreiben, hat allerdings getrogen - er wiederholt lieber laut alle Anweisungen und prägt sich die Rezepte so ein. Die tiefe Abneigung gegen's Schreiben hält noch an, und ich werde ihn jetzt nicht drängen, wo er gerade anfängt, aktiv lernen zu wollen. Denn wenn ich jetzt darauf bestehen würde, dass er die Rezepte aufschreibt, wäre der Kochkurs beendet. (Moritz kann schreiben, aber er macht nur selten davon Gebrauch, er hat die Freude am schriftlichen Formulieren noch nicht entdeckt - Erzählen kann er stundenlang.) Seit der "Kochkurs" läuft, decken beide Kinder viel bereitwilliger den Tisch und gehen einkaufen, das ist jetzt offenbar viel einsehbarer und nachvollziehbarer für sie.
  • Beide Kinder arbeiten derzeit, vielleicht angeregt durch unser Internet-Videointerview mit London anlässlich des Internationalen Tags der Bildungsfreiheit, verstärkt mit dem Rosetta Stone-Englischlernprogramm, das ist wirklich toll.

Donnerstag, 13. September 2007

Schule zum Vergnügen

  • Heute vormittag schlug ich Moritz vor, heute doch noch mal zum Sportunterricht zu gehen, weil da vielleicht die Vorbereitung für das morgige Sportfest laufe. Zunächst widerwillig ließ er sich darauf ein, dann radelte er aber doch pfeifend los. Thomas hingegen war zu keinerlei Schulbesuch zu bewegen.
  • Als Moritz gegen 13 Uhr noch nicht wieder da war, fing ich schon mal mit den Vorbereitungen zum Kochen an - da kam er strahlend an. "Was, du hast schon angefangen? Ich bin extra schnell geradelt, um rechtzeitig zu kommen!" sprach's und machte sich mit Feuereifer daran, den Kürbis (eigene Ernte!) zu zerteilen. Und, wie war's? "Naja, der Unterricht war eher blöd, die hat die ganze Zeit geschimpft, und immer mit allen, 'wir' sollen fairer spielen, aber ich hab doch fair gespielt! Aber Mama, die anderen Kinder waren so nett zu mir, die wollten unbedingt, dass ich noch dableibe. Ich hab dann in der Pause noch Basketball auf dem Hof mitgespielt, aber zum Essen wollte ich nicht mehr. Sie haben zwar gesagt, dass es lecker ist und Nudeln gibt, aber ich kenn die Nudeln ja, brr! Und zwei sind richtig nett, ein Junge und ein Mädchen. Obwohl, das Mädchen ist noch ein bisschen netter." Wieso? "Der Junge hat mit einem anderen über son Ballerspiel geredet, das ging so: 'Wie viele hast du denn getötet letztes Mal?' - '512! Mit dem Maschinengewehr.' - 'Boah! Wie bist du denn an das Maschinengewehr gekommen? Ich hab da nur son normales Gewehr gefunden.'-'Ja, man muss die Wachen ermorden, die haben dann MGs.' Ist doch voll blöd, Mama!" Wie das Computerspiel hieß, wusste er nicht, "ich hab mich da nicht eingemischt!".
  • Nun gut, Moritz hat unter Anleitung mit viel Spaß eine köstliche Kürbissuppe gekocht, edel verziert mit eigenem Schnittlauch und Zitronenmelisse, und ist jetzt schon wieder unterwegs zum Fußballtraining, nach einem vergeblichen Abstecher zu Freund K., der noch Hausaufgaben machen muss. Er freut sich auf das Schulfest morgen. Thomas hingegen hat im Moment eine intensive Playmobilphase, er spielt und spielt und spielt, mal allein, mal mit Moritz, und freut sich auf sein Karate-Probetraining morgen. Heute vormittag habe ich ihn mit einem Einkaufszettel einkaufen geschickt, er hat alles richtig gebracht und gewissenhaft abgerechnet. Nur statt des Brotes hat er eine Semmel gekauft, aus gutem Grund: Ich hatte ihm gesagt, er solle ein Brot kaufen und dürfe sich selbst aussuchen, welche Sorte. Unter Brot hatte er eine Scheibe Brot verstanden, so wie wir eben sagen "Willst du noch ein Brot?" und dafür konnte er sich ja genausogut ein Brötchen aussuchen. Interessantes Missverständnis!

Mittwoch, 12. September 2007

Schöpferische Langeweile

  • Es hat sich schon in den letzten Tagen angedeutet: Moritz ist auf dem Sprung zu einer neuen Entwicklungsstufe. Er vermisst Freund K., der seit Schulbeginn kaum noch Zeit zum Spielen hat, und selbst das ist nicht so richtig auslastend. Heute sprach er mich darauf an: "Mama, irgendwie ist mir langweilig! Jeder Tag ist gleich, die Sachen, die mir Spaß machen, (Fußball, Posaune, Computerspiele, mit Freund K. spielen, Lesen) dauern nicht lang genug."
  • Ich sage ihm, dass es zwei Möglichkeiten gibt: entweder er macht eins oder mehrere von den Dingen, die er jetzt gern tut, intensiver, oder er fängt was Neues an. (Das kann ja auch der Entschluss sein, doch wieder zur Schule zu gehen - steckt etwa dieser Impuls dahinter?) Sekunden später sagt er: "Was mich interessiert im Moment, ist Kochen lernen. Ich möchte gern kochen lernen." - "Kein Problem!" - "Aber ich will nicht in einen Kurs oder sowas!" (Die Schule ist es also doch nicht!) - "Du kannst ja erstmal alle Gerichte lernen, die Papa und ich so kochen, außerdem wollte ich mir sowieso gerade ein neues Kochbuch kaufen." - "Auja!" Er strahlt. "Pizza, und Spaghetti mit roter Soße, und Spätzle, Pfannkuchen kann ich ja schon, und Torten backen will ich auch lernen, und Kuchen, und ganz viele Nachspeisen!" - "Na, da steht uns ja eine leckere Zeit bevor!" Thomas mischt sich ein: "Darf ich auch mitmachen?" Klar darf er. Aber ich stelle Beiden eine Bedingung: "Ich kann nicht für Papa sprechen, der ist grad nicht da, aber ich für mich sage: Wenn ihr von mir kochen lernen wollt, dann gehört auch das Aufräumen und Saubermachen mit dazu. Nicht dass ihr die Zutaten zusammenrührt, und ich muss hinterher allein alles aufräumen. Aufräumen gehört mit zum Kochen!" Ja, das akzeptieren sie, und Moritz freut sich sichtlich. "Am liebsten würde ich jetzt gleich anfangen!"
  • Das ist ein Quantensprung bei Moritz. Endlich merkt er, dass es etwas gibt, was er lernen will. Er lernt natürlich ständig und will das auch, aber das er es so NENNT, ist neu, denn "lernen" hatte durch die Schule einen üblen Klang für ihn bekommen. Ein Schritt zur Heilung, der vielleicht auch damit zusammenhängt, dass wir aufgehört haben, ihm jahrgangsmäßiges Wissen aufzudrängen, um den Teufelskreis der Abwehr gegen alles, was Lernen heißt, zu durchbrechen. "Und zum Abschluss koche ich dann ein ganz tolles Essen mit ganz vielen Gängen für euch!", begeistert plant er mit Thomas lukullische Menüs. Auch beim Hagebuttenmus-Kochen will er helfen.
  • Gestern hat Moritz, statt morgens zur Schule zu marschieren und zurück, nachmittags (es ist eine Ganztagsschule) eine Stunde lang am Naturkundeunterricht teilgenommen und einen Material-Steckbrief für einen Nagel erstellt. Das hat ihm Spaß gemacht, er will nächste Woche wieder hingehen. Aber nicht schon heute! Und nicht Englisch, das will Moritz gar nicht erst ausprobieren! Es klingt wohl zu sehr nach Schule, bei Naturkunde hat seine Neugier gesiegt. Thomas hat am Montag am Schwimmunterricht teilgenommen und will nächste Woche nochmal schauen, ob sie dann "wirklich trainieren oder wieder nur so rumplantschen". Auch er war heute weder zur Teilnahme an einer ausgewählten Schulstunde noch zum bloßen Hingehen zu bewegen. Am Freitag ist Sportfest, da wollen sie mitmachen.
  • Nächsten Montag kommt die Focus-tv-Reportage zum Thema Homeschooling auf sat1, um 22.50. Wir sind gespannt, heute rief die Redakteurin noch mal an, um letzte Fragen nach dem aktuellen Stand zu klären.

Freitag, 7. September 2007

Thomas' erste Bilderausstellung

Gestern am späten Nachmittag rief der Zeichenlehrer von Thomas an - Thomas besucht seit April dessen Comiczeichen-Kurs im Rahmen der "Freien Malschule Bremen". Die Finnissage, der letzte Tag der Ausstellung ging zu Ende - und wir Rabeneltern hatten den Termin und die gesamte Ausstellung völlig verschwitzt. Moritz war per Fahrrad beim Fußballtraining, Tilman mit Thomas in der Stadt - Thomas zunächst beim Chor, dann in der Stadtbibliothek. Handy benutzen wir nicht. Gottseidank rief Tilman im allerletzten Moment aus der Stadt an - ob er Thomas noch von der Bibliothek abholen solle oder der schon bei den Nordbremer Freunden habe mitfahren können. So konnte ich ihm von der Finnissage erzählen, und ich selbst steckt die Kamera ein und bat unsere liebe Nachbarin, mich zunächst zu Moritz' Trainingsplatz und dann zur Finnissage zu fahren.
  • Ein verschwitzter und völlig begeisterter Moritz - "Mama, die neuen Trainer sind erst 15 und 16, aber supernett! Sehr streng, und sie achten drauf, dass man seine Mannschaftskameraden nicht beschimpfen darf und auch nicht nörgelt, wenn jemand danebenschießt! Und die beiden Jungs, die immer am fiesesten zu mir waren, sind in die nächstbessere Mannschaft aufgestiegen, und ich bin jetzt mittelgut, nicht der beste, aber naja, vielleicht an 4. oder 5. Stelle von Zehnen, und ich darf gleich beim erste Punktspiel mitmachen - na ja, wir brauchen 11 und sind 10, das heißt also gar nichts, aber der Trainer hat gesagt, ich bin laufstark, und Mama, ich wusste gar nciht, dass es so nette Jugendliche gibt, man darf auch nicht "Ey du Nazi!" sagen, und der ist voll gut und hat die super Tricks drauf, und er spielt schon Fußball, seit er 4 ist, und immer in unserem Verein, und..."
  • So sprudelt er die ganze Fahrt und macht sich dann Sorgen, ob er im Traningsanzug auch schick genug ist für eine Kunstausstellung, er ist voller Freude für seinen Bruder. Aber da kann ich ihn beruhigen, die Ausstellung ist erstens trotz intensiver Zeitungspräsenz fast leer - so ist das halt in der Großstadt mit ihrer Überfülle an Angeboten! - und zweitens muss man nicht schick sein. Von insgesamt vielleicht ausgestellten 25 Bildern sind allein 4 von Thomas, auch im Zeitungsartikel sind Thomas' "dynamische" Bilder ausdrücklich erwähnt, und der Künstler-Lehrer freut sich, als wir kommen und kurze Zeit später auch Tilman und Thomas aus dem Auto steigen. Während ich erstmal höflicherweise alle anderen Bilder betrachte, stürzt Moritz sofort zu den Bildern von Thomas und zerrt mich ungeduldig dort hin. Wie er sich für seinen Bruder freuen kann! Dabei ist er mit seinen eigenen Bildern meist unzufrieden und malt selbst deshalb selten.
  • Thomas begrüßt seinen Lehrer, den er sehr verehrt ("Mama, welcher Tag ist heute? Noch drei Tage bis zum Comic-Kurs!", und ich fotografiere den großen und den kleinen Thomas vor den Bildern, die Thomas gemalt hat - am besten gefällt mir ein Donald, der vor einem wütenden Dagobert flieht. Dann beraten wir lange über einen guten Zeitpunkt für die Weiterführung des Kurses, für den es leider erst zwei Anmeldungen gibt, Thomas und eine dreizehnjährige schwarze Gymnasiastin, die ebenfalls schon seit April dabei ist. Der Zeichenlehrer, der an der Kunstakademie in Bremen studiert hat, steht vor demselben Problem wie praktisch alle, die Kurse, Sport, Musik für Kinder und Jugendliche anbieten: Aufgrund der Ganztagsschule bleibt kaum noch Raum für all dies, die kinder haben einfach keine Zeit mehr. Der Künstler erzählt, dass die Behörden ihn schon mehrfach angesprochen haben, ob er nicht nachmittags in den Ganztagsschulen seine Kurse anbieten wolle - "Aber die Stadt will nur 10 oder 11 € pro Stunde bezahlen, und da stehe ich dann mit 15 Kindern, von denen höchstens 5 interessiert sind, während die anderen einfach nur rumhängen und stören! Das tu ich mir nicht an!" So wird derzeit mit der guten Absicht, Chancengleichheit für alle zu schaffen, das gewachsene, vielfältige, freiwillige Nachmittagsangebot für Kinder zerstört. Es ist eine Katastrophe, deren Ausmaß erst ersichtlich werden wird, wenn alle diese Kinder, die jetzt nicht einmal mehr nachmittags frei sind, ihren privaten Interessen zu folgen, erwachsen sind.
  • Letztlich stellt sich heraus, dass Thomas entweder auf den Chor oder auf den Fußball verzichten muss, wenn er den Zeichenkurs weitermachen will. Da wird wohl der Fußball dran glauben müssen, und selbst dann kann Thomas wie Moritz nur einen von zwei wöchentlichen Chorterminen wahrnehmen, dabei ist er gerade erst in diesen intensiveren Chor "befördert" worden und hochmotiviert. Da ist es ein schwacher Trost, dass es über der Hälfte der Chorkinder genauso geht, weil alle Nachmittagstermine wegen der Ganztagsschulen erst ab 16 Uhr anfangen können und sich so Chöre, Sportvereine, Musikschulen und Instrumentallehrer, Reitkurse, Malkurse usw. in denselben winzigen Zeitfenstern drängen.

  • Ich träume von der freiwilligen Schule, wo alle Kinder sich den ganzen lieben langen Tag zu verschiedensten privat organisierten Kursen in allem möglichen treffen und jedes Kind ein dickes Budget an Bildungsgutscheinen hat, die es bei einem Mentor seiner Wahl einlösen kann - und Mentor heißt einfach, dass jemand etwas gut kann, was das Kind lernen möchte. Irgendetwas. So soll es sein, so kann es sein, so wird es sein!
  • Aber noch ist es nicht so weit. Stattdessen wird Thomas ab nächste Woche den Schwimmunterricht im Rahmen der Schule ausprobieren (er wird allerdings heutzutage aus Gründen der Kostenersparnis nicht von ausgebildeten Lehrern, sondern von Bademeistern erteilt), und Moritz den Sportleistungskurs (der wird allerdings heutzutage aus Gründen der Kostenersparnis nicht von ausgebildeten Lehrern, sondern direkt vom Verein angeboten) - Outsourcing nennt man sowas wohl.

Donnerstag, 6. September 2007

Die erste Schulwoche

Uff! Seit Donnerstag den 30.August sind die Kinder jetzt sechsmal morgens zur Schule gefahren, meist mit dem Fahrrad, und meist begleitet von Tilman (einmal von mir, ich war zuerst verreist, habe am Sonntag einen scheußlichen Insektenstich in den Arm bekommen und bin erst jetzt allmählich wieder gesund, der Arm ist immer noch geschwollen, daher schreibe ich auch erste heute). Auf www.learningfreely.net habe ich jeden Tag kurz auf englisch geschildert, denn das Interesse (und die Empörung) im Ausland sind groß.
Die Kinder haben jeden Tag darauf bestanden, nach mehr oder weniger kurzer Zeit (das längste war am ersten Tag eine Stunde) wieder nach Hause zu gehen, und die Lehrerinnen und die Schulleiterin haben sie auch nicht gehindert. Wir haben entweder gewartet, oder sie haben uns angerufen und sich abholen lassen. (Der Weg ist für Thomas noch etwas weit allein, und wir sind uns über den versicherungsrechtlichen Status der Kinder nicht klar, wenn ihnen auf so einem unautorisierten Heimweg etwas passiert.)
Natürlich ist es eine unangenehme Situation für alle Beteiligten: Die Lehrerinnen erleben jeden Tag neu, dass die beiden (einzigen) Kinder, die eine Wahl haben, trotz aller Sympathie nicht bei ihnen bleiben wollen. Die Schulleiterin scheitert jeden Tag bei ihren (teilweise wirklich geschickten) Versuchen, die Kinder zum Dableiben oder wenigstens-mal-kurz-in-die-Klasse-schauen zu bewegen, wir Eltern schlagen uns kostbare Arbeitszeit um die Ohren und schauen schweigend zu, wie unsere Kinder um ihre Freiheit kämpfen, und für die Kinder ist es am schwersten: Sie müssen erwachsenen Respektpersonen, die sie noch dazu als begleitende Lehrkräfte seit einem Jahr persönlich kennen und schätzen gelernt haben, standhalten und auf ihrem eigenen Willen beharren. Noch dazu sind ja in der Klasse durchaus auch "nicht unsympathische" (Zitat Moritz) Kinder, und unsere Kinder sind eigentlich interessiert und kontaktfreudig. Selbst die Unterrichtsinhalte würden sie vermutlich mal so zum unverbindlichen Reinschnuppern interessieren - aber sie spüren genau, dass es darum geht, sie zu "heilen" und in die festen Strukturen einzubinden, und das wollen sie eben wirklich nicht. Wenn Schule freiwillig wäre und sie sich ein oder zwei Kurse pro Woche aussuchen könnten, würden sie vielleicht wirklich einzelne Angebote wahrnehmen - genauso läuft es ja vielerorts in den USA und anderswo. Der Idealfall, Schule als freiwilliges Dienstleistungsangebot mit freien und willigen, kurz freiwilligen Schülern, Traum aller Lehrer... (so hoffe ich doch!)
Aber so wappnen sie sich jeden Morgen, wenn sie seufzend aufstehen, erzählen sich gegenseitig, was sie vorhaben: "Und wenn sie sagt ...., dann sag ich nein!", strampeln den Hügel hoch zur Schule und stehen dann bleich und schüchtern vor der Schulleiterin. Diese ist eine freundliche, fröhliche Frau, und sie hat den nachvollziehbaren Wunsch, auch unsere Kinder für ihre Modellschule zu gewinnen. Wie schwer es dann ist, auf ihre freundlichen Angebote nicht doch einzugehen - besonders für Moritz, den nachgiebigeren und einfühlsameren der Beiden. Sie sammeln jeden Tag mehr Mut, aber die Einladungen zum Bleiben werden auch täglich komplexer.
Heute sahen sie schon vor dem Lehrerzimmer durch ein Fenster, wie die Schulleiterin mit einigen Kindern etwas besprach ("Mama, so hat sie immer ihren Zeigefinger gehoben!"). Für Moritz und Thomas standen dann je zwei Klassenkameraden bereit, um sie in ihre Klassen zu führen und ihnen auch sonst das Einleben zu erleichtern. Puh das war schwer und extrem unangenehm für Moritz und Thomas, - "Mama, ich hab die Kinder nicht angeschaut und nur den Kopf weggedreht und nein gesagt!" da waren sie sich einig, und sie wollen jetzt nicht mehr jeden Morgen zu Schule gehen. ("Und als wir nein gesagt haben, da haben die Kinder ganz laut und übertrieben 'ooh wie schade' gerufen, das hat ihnen die Schulleiterin bestimmt vorher gesagt, das sie das machen sollen! Das war vielleicht peinlich! Die Kinder sind ja ganz okay, aber sie kennen uns ja gar nicht genug, um so laut 'Schade!' zu schreien, das klang ganz künstlich!")

Die Schulleiterin gab Tilman auf dessen Vorschlag hin eine Liste mit, wann die Sportstunden und die Naturwissenschaft-Stunden stattfinden - Moritz ist bereit, besonders den Sportunterricht auszuprobieren, von Sport kann er ja eigentlich nie genug bekommen. Vielleicht deswegen, weil er in seinen knapp zwei Schuljahren kaum Sportunterricht erlebt hat und Sport schon damals überwiegend außerhalb des normalen Unterrichtsgeschehens stattfand. Denn gegen alle anderen Wissensfächer hat er, seit er zur Schule geht, eine starke Abneigung entwickelt. Freiwillig gelernt hat er fast immer nur Dinge, die nicht auf dem Lehrplan standen (z.B. kann er nahezu sämtliche Hauptstädte der Welt auswendig), und mit jedem lehrplangemäß erzwungenen Lernschritt (auch zuhause) hat sich sein Interesse für den betroffenen Stoff auf Null reduziert. Wir müssten ihn völlig in Ruhe lassen, dann würde er aus seinem Schneckenhaus herauskommen und anfangen, sich auch mit Stoff zu befassen, der in der Schule vorkommt. Aber so muss er, sobald er ein Interesse oder Begeisterung äußert, eine Frage stellt, damit rechnen, dass seine Eltern (als immer noch Büttel des Staates) sich darauf stürzen und sagen: "Ja klasse, das kannst du doch dann aufschreiben und als Schulprojekt nehmen!" - Zong, weg ist das Interesse, bloß nicht! Ich erinnere mich dunkel, wie es mir früher ähnlich erging.
Wahres, echtes Interesse ist etwas Zartes, Intimes, das kein Kind dem unsensiblen Zugriff ehrgeiziger Erwachsenen aussetzen möchte. Und alles, was nicht aus diesem wahren echten Interesse heraus gelernt wird, bleibt nur im temporären Arbeitsspeicher, das zeigen ja sämtliche Gehirnforschungen, und jeder weiß aus eigener Erfahrung, wie erschütternd wenig hängengeblieben ist von all dem Schulstoff.
Wir versuchen, den Mund zu halten, so gut wir können, das ist angesichts der Gesamtsituation nicht ganz leicht, und ehrlich gesagt schaffen wirs nicht besonders gut. Bei Thomas ist es noch einfacher, der malt jeden Tag mehrere Stunden seine Comics, geht begeistert einmal wöchentlich zu seinem Zeichenlehrer, und alles andere läuft unter "ferner liefen". Auch ist er nur wenige Wochen in der Schule gewesen und daher viel freier in seinem Interesse, und wir versuchen, ihn nicht darauf aufmerksam zu machen, wenn er etwas wissen will, das auch Schulstoff ist. Dieser elementare Zugang zum Lernen ist bei Moritz nach wie vor verschüttet, und jeder äußere Druck ist ein weiterer Brocken im Eingang.
Ich habe heute gelesen, dass es zur Zeit der Sklaverei ein eigenes Krankheitsbild gab, die "Dreptomanie", definiert als der zwanghafte Drang von Sklaven, ihren Herrn wegzulaufen. Vielleicht leiden Moritz und Thomas unter einer vergleichbaren "Zwang-Allergie"? Vielleicht haben sie aber auch nur ein besonders stark entwickeltes Gefühl für ihre Würde und ihr Recht als freie Menschen, eine Art Demokratitis oder Liberitis? Da haben wir wohl etwas Entscheidendes falsch gemacht...