Montag, 22. Oktober 2007

Eilantrag abgelehnt - kommt jetzt die Pfändung?

  • Ich war zehn Tage beruflich unterwegs, in diese Zeit fiel die Nachricht, dass unser "Eilantrag auf aufschiebende Wirkung unseres Widerspruchs usw.usf." abgelehnt wurde. Das heißt im Klartext, dass sämtliche juristischen Rechtsmittel, die wir eingelegt haben, die Eintreibung des uns auferlegten Zwangsgeldes nicht aufschieben, sondern dass die Behörde jetzt demnächst per Pfändung oder sonstwie das Zwangsgeld einziehen kann. Offenbar ist höchste Eile geboten, damit unsere Kinder nicht noch länger frei herumlaufen.
  • In meinem Kopf löst das viele verwunderte Fragezeichen aus. Traut die Behörde den Beurteilungen der von ihr autorisierten Lehrkräfte in Form der Lernberichte/Zeugnisse so wenig? Hat sie sämtliche von uns vorgelegten Belege dafür, dass nicht nur unsere Kinder, sondern der Durchschnitt der Freilerner weltweit bestens gebildet und sozialisiert sind, nicht zur Kenntnis genommen? Oder will sie sich einfach nicht inhaltlich mit Alternativen zum "herkömmlichen" Schulsystem auseinandersetzen? Und warum denn bloß nicht? Statt teure Modellprojekte zu finanzieren, hat die Behörde hier Gelegenheit, kostenlos mal was ganz anderes auszuprobieren, sogar mit Einverständnis von Eltern und Kindern. Aber wenn ich daran zurückdenke, wie skeptisch und misstrauisch ich dem Gedanken eines "schulfreien" Lebens noch vor 2 Jahren gegenüberstand und dass uns letztlich nur die akute Not unserer Kinder dazu bewogen hat, diesen Weg zu erkunden, ist mir auch klar, dass hier noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten ist.
  • Für uns sehr interessant sind natürlich die Vorgänge um die nichtgenehmigte Grundschule am Körnerwall in Bremen, die jetzt mit großem Hallo aufgelöst und von der Bildungssenatorin tatsächlich ebenfalls mit der Vokabel "Schulverweigerung" belegt wurde.
  • http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,511763,00.html
  • Sogar in England wird über diesen Fall berichtet: http://education.guardian.co.uk/schools/story/0,,2193427,00.html Also erstreckt sich die Skepsis der Schulbehörde nicht nur auf schulfreies Lernen, sondern auch auf alle anderen experimentellen Formen des Wissenserwerbs. Auch hier purzeln die Fragezeichen in meinen Kopf.
  • Schade, dass diese mutigen, listigen und engagierten Eltern bisher offenbar nie Anlass sahen, den Schulzwang selbst in Frage zu stellen.
  • Über Thomas und Moritz kann ich nur berichten, dass sie meine zehntägige Abwesenheit offenbar bestens "überstanden" haben. Außer täglichen Telefonaten habe ich nicht viel von ihnen mitbekommen, die aber waren lustig. ("Was ist denn bei euch für ein Wetter, Thomas?" - "Nacht!") Das Fifa07-Spiel ist defekt, es kann jetzt nur noch in Englisch bedient werden. Dies bedeutet einen Turbo-Lehrgang in Fußball-Vokabular und Computerenglisch - den englischen Kommentator ("Goooaaaal!!!!") verstehe auch ich nur sehr bruchstückhaft, aber die Kinder klicken in den englischen Menüs schon genauso schnell herum wie vorher in den deutschen.

Kommentare:

Anitz hat gesagt…

Frau Neubronner,

haben Sie Kenntnis davon, ob jemand einen solchen Studie ("anstatt teure Programme zu finanzieren") ins Leben gerufen hat? Ich meinte irgendwo schon etwas gelesen zu haben, weiss allerdings nicht mehr wo...

Schade, daß der Antrag abgelehnt wurde... bin auch gespannt, was als nächstes passiert.

Ich finde es dennoch toll, daß die Kinder gedeihen zu Hause. Ich wünsche die ganze Familie viel Kraft und Ausdauer mit den Behörden.

Anitz

Antje hat gesagt…

Hallo Familie Neubronner,

Eure Situation verfolge ich (gebürtige Bremerin, aufgewachsen in Farge-Rekum) schon seit längerem. Ich habe eine Tochter, die derzeit 3,5 Jahre alt ist. Wir leben jetzt in Berlin. Ich würde meine Tochter gerne unschoolen, d. h. in eine demokratische Schule schicken und sie selber entscheiden lassen, was sie wann und wie lernen möchte (Sudbury-Prinzip). Noch haben wir Zeit, bis sie "schulpflichtig" wird...

Es ist verdammt traurig, dass in Deutschland so sehr auf die Anwesenheitspflicht der Kinder in Schulgebäuden gepocht wird. Hauptsache, der Lehrer kann sein Häkchen hinter dem Namen des Schülers setzen (= anwesend), alles andere ist uninteressant (d. h. ob die Kinder wirklich das lernen, was ihnen der Lehrer vorne an der Tafel vorbetet).

Ich drücke Euch die Daumen, dass die Beamten, das wir Deutschen endlich aufwachen und hier in Deutschland endlich die Schulpflicht abgeschafft und dafür die Bildungspflicht angeschafft wird.

Gruß
Antje

Dagmar Neubronner hat gesagt…

Zu anitz: Ja, meines Wissens plant der Bonner Pädagogik-Professor Ladenthin eine solche Studie.

Zu antje: Wir sind sehr zuversichtlich, dass die Schulpflicht statt Bildungspflicht sich auch in Deutschland etablieren wird. Angesichts der internationalen Lage kann sich Deutschland bzw. die deutschen Bundesländer noch ein bisschen zieren, aber sowohl in der UNO als auch auf EU-Ebene ist ja schon deutlich geworden, dass die bei uns praktizierte Verfolgung von Freilernern nicht mit den auch von Deutschland unterzeichneten internationalen Abkommen vereinbar ist (Kinderrechtskonvention, Kinderrechts-Charta etc.). Bloß scheint sich niemand zu trauen, der erste zu sein. Aber die 16jährige Freilernerin Melissa Busekros, die Anfang diesen Jahres ja sogar zunächst zwangspsychiatrisiert und dann in eine Pflegefamilie gesteckt wurde, "darf" inzwischen zu Hause lernen. Auch ihre Eltern haben sich auf juristischer Ebene gewehrt.
Nur eine Frage der Zeit und des beherzte Einsatzes möglichst vieler Eltern (mit dem Zaunpfahl wink...)