Freitag, 5. Oktober 2007

Gemischte Gefühle

  • Was mir bei unserem Besuch im Fußballstadion am meisten Freude machte, war, wie deutlich Thomas "gemischte Gefühle" entwickelte. Nach den Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie, wie z.B. Gordon Neufeld sie vertritt, ist die Fähigkeit, mehrere Standpunkte, Gefühle, Bedürfnisse etc. gleichzeitig wahrzunehmen, eine Fähigkeit, die vor dem 5. Lebensjahr kaum je auftritt und ein wichtiger Schritt bei der Reifung zu einer integrierten Persönlichkeit. Eine intergrierte Persönlichkeit ist jemand, der mit anderen zusammensein kann, kooperieren, Teams bilden etc., ohne mit ihnen zu verschmelzen und seine Eigenständigkeit in Gedanken, Gefühlen, Worten und Taten aufzugeben, mit anderen Worten: Das Ideal des mündigen Bürgers.
  • Thomas nun stand im dichtgedrängten Einsatzbus zum Stadion, strahlte und sagte mehrmals: "Wenn das man kein Traum ist!" Dann erklärte er mir voller Wonne: "Sonst sind wir auf der Straße gegangen, haben die vollen Busse gesehen und die Fans mit ihren Werderschals, und haben gedacht, 'oh, das möchte ich jetzt auch tun!' Und jetzt sind wir im Bus, und die anderen sehen uns mit unserem Werderschal und denken 'oh...'!" Er genoss sichtlich den Wechsel der Perspektive und das Bewusstsein der unterschiedlichen Standpunkte. Auch im Stadion wechselte er immer wieder zwischen der jubelnden Freude der Werderfans und der mitfühlenden Wahrnehmung der verstummenden Arminia-Fans sowie der verzweifelnden Bielefelder Mannschaft. Bevor ich bei Neufeld über Schritte der Persönlichkeitsreifung und die Kostbarkeit "gemischter Gefühle" gelernt habe, wäre mir das gar nicht aufgefallen.
  • Der Witz ist, dass diese Entwicklung automatisch abläuft, sofern sie nicht behindert wird, so wie eine Pflanze "automatisch" wächst, sofern sie genügend Sonne, Nährstoffe und Wasser zur Verfügung hat. Behindernd wirkt hierfür großer Gruppendruck, der dann zu Uniformität und der Blockade solcher Reifungsprozesse führt. Erfolgt die Verschmelzung zum "Wir", bevor das "Ich" stabil genug ist, erwächst daraus Uniformität, Verantwortungslosigkeit etc. Ein Symptom für das Fehlen dieser Reife ist die Unfähigkeit zu gemischten Gefühlen, aus der sich fehlende Einfühlsamkeit und Schwarz-Weiß-Denken ergeben. Somit liegt also jedem Fanatismus eine Entwicklungsblockade zugrunde, deswegen gibt es in jeder Religion Fanatiker und Erleuchtete, das hat nichts mit der Religion zu tun, sondern mit der Reife der Anhänger.
  • Später hörte ich, wie Thomas seinem Freund J. ausführlich erklärte, wie eine La Ola-Welle funktioniert, wie man merkt, dass man selbst mit Aufstehen dran ist und dass es nur aus der Ferne wie eine Welle aussieht, und dass es eigentlich keine Wasserwelle ist, sondern nur Menschen, die aufstehen.

1 Kommentar:

Anitz hat gesagt…

Das hier ist ein guter Gegenwort zum Thema "Parallelgesellschaften und Homeschooling"!