Freitag, 16. November 2007

Pressekonferenz

Heute von 11.30 bis ca. 12.30 fand bei unserem Rechtanwalt Matthias Westerholt eine Pressekonferenz statt, bei der wir Auskunft darüber gegeben haben, wie jetzt der Stand ist. Vier Fernsehteams (Radio Bremen, rtl, stern-tv und secret-tv) sowie etliche regionale und überregionale Zeitungen waren der Einladung gefolgt.
Die Situation ist folgende: Sämtliche Konten sind gesperrt, und da wir Selbstständige sind, nützt uns auch der eigentlich vorgesehene Pfändungsfreibetrag zur Sicherstellung des Lebensunterhaltes nichts. Denn unseren Lebensunterhalt beziehen wir ja, indem wir von unseren Geschäftskonten Geld für den Eigenbedarf auf unser Privatkonto überweisen. Die Geschäftskonten sind aber vollständig blockiert.
Das bedeutet für uns:
  • 1) Unser Verlag ist lahmgelegt, wir können unsere Rechnungen z.B. der Druckerei nicht bezahlen, die an uns bezahlten Rechnungen werden sofort für das Bremer Finanzamt abgezweigt. Unseren Kunden gegenüber erscheinen wir als insolvent (und sind es ja auch tatsächlich). Unsere wirtschaftliche Existenzgrundlage wird also systematisch vernichtet. Die Behörde hat sich sogar an Fremdfirmen gewandt, bei denen wir Außenstände haben könnten, und per Verfügung dafür gesorgt, dass diese Außenstände uns nicht ausgezahlt werden.
  • 2) Wir erhalten nur Zugriff auf Kindergeld und Wohngeld. Das sind 530 € im Monat und reicht noch nichtmal für Strom, Wasser, Krankenversicherung.
  • 3) Deswegen mussten wir jetzt HartzIV beantragen, also dem Staat auf der Tasche liegen, um unseren Unterhalt zu sichern. Wenn dieser Antrag nicht genehmigt wird, können wir eigentlich nur noch in der Fußgängerzone betteln gehen. Wenn er genehmigt wird, entsteht ein Finanzierungskreislauf, bei dem die Bildungsbehörde uns das mit unserer selbstständigen Arbeit verdiente Geld vollständig wegnimmt, das wir über Hartz IV dann wieder ausbezahlt kriegen.
  • 4) Wir erhalten unglaublich viel Unterstützung aus der ganzen Welt, die Menschen spenden für die Anwaltskosten, damit wenigstens unser Anwalt uns weiter vertreten kann, gestern morgen um kurz nach 8 stand der erste Nachbar vor der Tür, wedelte mit der Zeitung und fragte, wie er uns helfen könne. Nachbarn, Familie, Freunde, andere Freilerner-Familien und viele Unbekannte aus Deutschland und aller Welt schreiben uns ermutigende Briefe, schicken Kopien ihrer Protestbriefe an die Bildungsbehörde usw. Ein Teil der wichtigsten Protestbriefe an die Bildungssenatorin, die uns zur Kenntnis gelangt sind, ist auf der Neubronner-Sonderseite unter "Aktuelles" bei www.netzwerk-bildungsfreiheit.de eingestellt, im Laufe der nächsten Tage sollen weitere Briefe, die Pfändungsverfügungen usw. ebenfalls dort zugänglich gemacht werden. Dort steht auch die Kontonummer für Spenden. Auf der Netzwerk-Seite Seite gibt es übrigens auch ein öffentliches Forum, auf dem noch nicht viel los, ist, weil es erst seit wenigen Tagen eingerichtet ist - bitte sehr, Beiträge willkommen!
Uns geht es gut, wir fühlen uns nicht als Opfer, sondern als mündige Bürger, die ihre gesetzlichen Spielräume zur Gestaltung der lebendigen Demokratie ausschöpfen und von ihrer Meinunsgfreiheit, Redefreiheit, Versammlungsfreiheit etc. Gebrauch machen. Natürlich ist dieses ganze Procedere sehr anstrengend (und teuer...), aber es kann doch nicht so weitergehen, dass alle deutschen Homeschooler entweder im Ausland oder im Untergrund leben müssen.

Die Kinder haben wir heute nicht mitgenommen zu der Pressekonferenz. Sie sollen Kinder bleiben dürfen und sind eh schon belastet durch das Ganze - aber in Maßen, weil sie uns nicht als verzweifelt und ängstlich oder wütend erleben, sondern als schwungvoll, überzeugt und durchaus mit Humor bei der Sache. Später mehr, jetzt gehe ich erstmal mit den Kindern raus in den stürmischen Herbst...

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Haben Sie keine Angst, daß man Ihnen auch das Sorgerecht für Ihre Kinder entzieht (wie in einigen anderen Fällen) ?
Wir haben eine schwerstkranke Tochter, die der Regelschule körperlich nicht mehr gewachsen ist. Die Angst, das Sorgerecht zu verlieren (event. dann auch für die kleineren Geschwister), hält uns davon ab, sie zu Hause zu belassen.

Ich bin nicht so mutig wie Sie ...

Dagmar Neubronner hat gesagt…

Doch, das ist ja die größte Angst aller deutschen Freilerner-Familien. Aber Sorgerechtsentzug ist nicht so einfach, vor allem nicht in Fällen, wo deutlich ist, dass es den Kindern gut geht. Uns wird von vielen Fällen berichtet, wo verständnisvolle Beamte sehr Vieles ermöglichen, das ist immer einen Versuch wert. Hilfreich ist sicher, den persönlichen Kontakt zu suchen und die guten Gründe zu vermitteln. Bei den Fällen von Sorgerechtsentzug bei Freilernern, die uns bekannt sind, wurden oft Behördentermine aus Angst oder aus Prinzip nicht wahrgenommen. Dann baut sich bei den Beamten schnell die Sorge auf, Hilfe zu versäumen, und mit der Hilfe für ein misshandeltes Kind zu spät zu kommen, ist wohl der Alptraum jedes Jugendamtmitarbeiters. Wenn er dann geordnete Verhältnisse vorfindet, ist oft Verständnis vorhanden. Und wenn Sie kein Verständnis finden, ist die schlimmste Folge, dass Ihre Tochter weiter zur Schule gehen - das muss sie ja jetzt auch.
Die Meinungen sind hier in der Freilerner-Bewegung sehr geteilt, wir machen gute Erfahrungen damit, davon auszugehen, dass Beamte grundsätzlich gutwillig sind. Es ist nicht sinnvoll, von vornherein ein Feindbild aufzubauen. Natürlich gibt es auch Fälle, wo aus Überzeugungen oder Vorurteilen heraus Mögliches verhindert wird, aber das ist sehr individuell, und wie gesagt, die derzeit Hunderte von Homeschool-Familien in Deutschland könnte es nicht geben, wenn es nicht überall auch vernünftige und selbstverantwortlich handelnde Bildungsbeamte, Schulleiter, Sozialarbeiter, Ärzte und Landräte gäbe.
Also, Probieren geht über Studieren! Wenn Sie sich ans Netzwerk Bildungsfreiheit wenden, können Ihnen dort Kontakte zu ähnlich gelagerten Fällen vermittelt werden.

Frau H. hat gesagt…

Hallo !
Ich bin das "anonym" von oben.
Sehen Sie das jetzt immer noch so ?

Und doch, es gibt noch etwas schlimmeres, als einfach weiter zur Schule zu gehen:
Wenn nämlich die körperliche Anwesenheit dort, das Kind so schwächt, daß die ohnehin geringe Lebenserwartung weiter sinkt.

Ich wünsche Ihnen alles Gute.
Hoffentlich finden Sie einen besseren Platz als dieses Land ...

Dagmar Neubronner hat gesagt…

Ähem - ja. Natürlich gilt: Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt. Aber ich entdecke bei diesem ganzen Vorgang, dass wir eigentlich sehr gute Gesetze und jede Menge Rechte haben - nur müssen wir sie auch in Anspruch nehmen und uns darüber kundig machen. Wir haben inzwischen schriftlich vorliegen, dass uns das Sorgerecht nicht ohne vorherige Anhörung entzogen wird. Ich weigere mich einfach zu glauben, dass es trotzdem geschieht.
Ich kann Ihnen nur empfehlen, sich an einen guten Anwalt zu wenden (z.B. unseren), wenn es Ihnen allein zu riskant erscheint, sich für das Recht Ihrer Tochter, ihren Aufenthalts- und Lernort zu wählen, einzusetzen.

Anonym hat gesagt…

Die Behörden machen einen entscheidenden Fehler bei der Interpretation der Gesetze:
Mit "Schulpflicht" meinten die Väter des Grundgesetzes die Pflicht, ein Kind zu beschulen, also ihm etwas beizubringen, und nicht die Pflicht, ein

Kind zeitweise in ein Gebäude namens "Schule" einzusperren. Letzteres wäre Freiheitsberaubung und würde gegen die Elternrechte verstoßen. Besonders schlimm ist, dass unsere Schulen die Kinder eher verwahren als beschulen, wie die PISA-Studien zeigen. Nur wenn die Eltern nicht in der Lage sind, ihren Kindern etwas beizubringen, sollte man sie verpflichen, ihre Kinder in eine Schule zu schicken, damit sie wenigstens eine Basis-Bildung erhalten.
Damit auch Deutsche ihre Kinder effizient beschulen können, sollte man sich beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte beschweren.

Dagmar Neubronner hat gesagt…

Beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte liegen bereits etliche solcher Klagen. Es müssten noch viel mehr werden, leider gehen viele Freilerner-Familien ins Ausland, und die meisten finden eine inoffizielle Lösung. Das hat auch was für sich, denn hier wirkt die berühmte "normative Kraft des Faktischen": Wenn Hunderte von Familien es einfach irgendwie tun und die Kinder gut gedeihen, spricht das auch für das Freie Lernen.