Dienstag, 20. November 2007

... und das war das Wochenende!

Am Samstag nachmittag entdeckte ich die Pressemitteilung zu einem katastrophalen Urteil des Bundesgerichtshofs
Aus ihr geht hervor, dass nun - jedenfalls bis dieses Urteil revidiert worden sein wird - in Deutschland die Tatsache, dass Kinder frei lernen, die Eltern schon das Sorgerecht oder einen Teil davon, das Aufenthaltsbestimmungsrecht, kosten kann. Bisher wurde diese Maßnahme zwar auch schon hin und wieder eingesetzt, aber die Behörden versuchten vorher wenigstens, eine Kindeswohlgefährdung namhaft zu machen. Mit diesem Urteil ist freies Lernen zu einem "Missbrauch der elterlichen Sorge" geworden. Die Familie, der dieses Urteil gilt, ist zwar eine religiös argumentierende, aber die Urteilsbegründung, soweit sie aus der Pressemitteilung hervorgeht, differenziert hier nicht. Sie sagt, dass Eltern nicht das Recht haben, ihre Kinder anders als in der Schule zu bilden, AUCH WENN sie religiöse Gründe haben. Da Religionsfreiheit eine der wichtigsten Artikel im Grundgesetz ist, muss das wohl im Sinne von "selbst wenn" interpretiert werden - alle anderen Gründe sind damit ebenfalls hinfällig. Jedenfalls könnte dieses Urteil eventuell böswilligerweise so interpretiert werden, und ich bekam einen Riesenschrecken. Im Hinblick auf das, was Melissa Busekros passiert ist, fand ich es nach Rücksprache mit Anwalt und mehreren bewanderten Mitstreitern nicht übertrieben, die Kinder woanders übernachten zu lassen für den Fall, dass es plötzlich an der Tür klingelt und uns wegen "Gefahr im Verzug" ausnahmsweise ohne vorherige Anhörung die Kinder entzogen werden sollen. Was nützt es uns, wenn sich dann ein halbes Jahr später rausstellt, dass die Behörden das nicht gedurft hätten? Irgendwie fand ich es zwar unwahrscheinlich, dass die Bremer Behörde ebenfalls solche Kapriolen schlagen sollte, aber dieses "irgendwie" war mir zu vage. Wenn's um die Kinder geht, hört der Wagemut bei mir auf.
Als Tilman spät abends von der Verdi-Probe nach Hause kam, stimmte er mir nach einigen Überlegungen und Diskussionen zu, dass in diesem Fall "Sicherheit vor Seltenheit" gehe. Nur was tun? Erstmal drüber schlafen, hilft immer.
Am nächsten Morgen waren wir beide zu dem Empfinden gekommen, dass unser Entschluss, allen Eventualitäten vorzubeugen, richtig war, eine überstürzte Ausreise kurz vor Weihnachten und mit gesperrten Konten jedoch nicht die richtige Antwort. Die einzige andere Alternative: Die Kinder gehen ab sofort wieder zur Schule, bis wir alle Vorbereitungen getroffen haben oder sich die Lage anderweitig entschärft hat. Moritz und Thomas kamen fröhlich von ihrem Nachtquartier zurück, und wir eröffneten ihnen die Neuigkeiten. Blankes Entsetzen sowohl über die Aussicht des Schulbesuchs als auch des Wegzuges, wobei Moritz noch untröstlicher war als Thomas, er ist mit seinen fast 11 Jahren eben schon mehr auch außerhalb der Familie verwurzelt.

Ich schrieb eine Pressemitteilung, in der ich die Schlüsse, die wir aus diesem BGH-Urteil ziehen, erläuterte - sofort lief das Telefon heiß. Am nächsten Morgen fuhren wir mit den Kindern zur Schule, wurden kurz von stern-tv interviewt und gingen zunächst zur Schulleiterin und dann mit jedem Kind zu seiner Klasse. Da Thomas noch einen Zahnarzttermin hatte, nahm ich ihn allerdings gleich wieder mit und brachte ihn dann um 9.30 "endgültig" hin. Um 15.00 (es handelt sich um eine gebundene Ganztagsschule) holten wir sie zusammen mit dem Fernsehteam wieder ab. Thomas hatte rote Bäckchen und strahlte: "Es war toll! Ich habe gemalt und getöpfert, und naja, alle haben sich total Mühe gegeben, dass es mir gefallen soll. Ich geh morgen wieder hin, ich will doch meinen Nikolausstiefel weitertöpfern, und der muss dann auch noch gebrannt werden...!"
Moritz war bleich und wütend. Die anderen Kinder hatten ihn wohl ständig gepiesackt, warum er denn nicht zur Schule gehe, und das wollten doch wohl nur seine Eltern, und er solle denen doch den Stinkefinger zeigen und sich wehren. Im Sport hatte er beim Umziehen sein Hemd ausgezogen und war daraufhin ausgiebig befragt worden, ob er magersüchtig sei, ob er sich oft vor dem Spiegel anschauen würde, ob er sich zu dick finde und abnehmen wolle - für jemanden, der sich als aktiver Fußballer redlich bemüht, sichtbare Muskeln an sein Knochengestell zu trainieren, und der seine magere Konstitution vom Vater übernommen hat, schon entnervend.

Inzwischen hatte unser Rechtsanwalt uns versichert, dass auf die von ihm hinterlegte Schutzschrift, die einen Sorgerechtsentzug nicht ohne vorherige Anhörung sichern soll, wirklich Verlass sei. Ich fand zwar bei Lektüre des entsprechenden Paragraphen, dass die Formulierung "schwerwiegende Gründe" und "Gefahr im Verzuge" einigen Spielraum bietet, aber nun gut. Vom Gesetzgeber gemeint sind hier mit Sicherheit akute Misshandlungen durch die Eltern a la Fall Kevin.

§ 50a [1] [Persönliche Anhörung der Eltern in Sorgerechtsverfahren]

(1) 1Das Gericht hört in einem Verfahren, das die Personen- oder Vermögenssorge für ein Kind betrifft, die Eltern an. 2In Angelegenheiten der Personensorge soll das Gericht die Eltern in der Regel persönlich anhören. 3In den Fällen der §§ 1666 und 1666a des Bürgerlichen Gesetzbuchs sind die Eltern stets persönlich anzuhören, um mit ihnen zu klären, wie die Gefährdung des Kindeswohls abgewendet werden kann.

(2) Einen Elternteil, dem die Sorge nicht zusteht, hört das Gericht an, es sei denn, daß von der Anhörung eine Aufklärung nicht erwartet werden kann.

(3) 1Das Gericht darf von der Anhörung nur aus schwerwiegenden Gründen absehen. 2Unterbleibt die Anhörung allein wegen Gefahr im Verzuge, so ist sie unverzüglich nachzuholen.

(4) Die Absätze 2 und 3 gelten für die Eltern des Mündels entsprechend.



Kommentare:

Gurgi hat gesagt…

Hallo! In meinem Blog habe ich einen kleinen Post über Euch veröffentlicht. http://gurgis-welt.blogspot.com/
Lg Sabine

MZS hat gesagt…

Werden denn die Konten jetzt freigegeben oder müssen die Pflichtschüler erst das Abitur vorweisen, bis man ihren Eltern abnimmt, daß sie sich ums Kindeswohl kümmern?

Anitz hat gesagt…

Ich wäre schon längst weg...
Ich bewundere Ihre Ruhe trotz beunruhigenden Nachrichten. Ich wünsche die ganze Familie viel Kraft und Durchhaltevermögen,
Anitz

Dagmar Neubronner hat gesagt…

Gurgi, herzlichen Dank, ich habe versucht, auf deinem Blog zu kommentieren, sollte aber deine Email angeben?!

mzs: Die Konten sind inzwischen wieder frei. Ich glaube, die Behörde wusste vorher selber nicht, dass Freiberufler nicht den Schutz des Pfändungsfreibetrages haben und bei Kontenpfändung völlig blockiert und beruflich vernichtet werden. Ist eine Gesetzeslücke, die 2009 geschlossen werden soll...

anitz: Na ja. Ruhe ist relativ, wir spüren schon, dass uns das alles anstrengt. Vor allem wird und wird das Teenager-Befreiungs-Handbuch von Grace Llewellyn einfach nicht fertig, es sollte schon lange gedruckt sein. Aber es ist toll, dass wir jetzt ausgerechnet an diesem Buch arbeiten und uns so täglich mit Zuversicht und den wunderbaren Erfahrungen anderer Freilerner aufladen. Das Buch kommt dann wohl im Januar, und ich kanns nur wärmstens allen ans Herz legen.

Anitz hat gesagt…

Das Handbuch habe ich schon längst im Original gelesen und auch einer meiner Leser empfohlen...

Ich hoffe sehr, daß Ihr Verlag nicht zu sehr leidet... denn ich habe bereits Gordon Neufeld bei Ihnen entdeckt (und schon gelesen)...

Diese Arbeit prägt und es freut mich, daß Sie darin eine "Unterstützung" finden.

Anitz