Sonntag, 7. Januar 2007

Vom Hölzchen aufs Stöckchen - unsichtbares Lernen



Gemütliches spätes Sonntagsfrühstück, entspanntes Gespräch zwischen Eltern und Kindern plätschert so dahin. Wollen wir heute zum Harriersand fahren (einer Insel in der Weser)? Ach, lieber wieder im Sommer, wenn wir baden können, und dann fahren wir auch wieder ans Meer.
Leider ist ja auch kein Eis, es gab erst zwei Tage mit Nachtfrost. Wir müssen dran denken, wenn es kalt wird, nicht nur die Schlittschuhe vorzuholen, sondern auch den Wasserhahn im Garten abzudrehen. Warum eigentlich? Weil sonst die Leitung platzt, denn Wasser dehnt sich aus, wenn es friert, deswegen darf man nie Getränkeflaschen im Tiefkühlfach vergessen. Papa hat als Kind oft eine alte Weinflasche mit Wasser gefüllt in den Frost gestellt, die war dann geplatzt. Geht das auch mit Plastikflaschen, damit wir keine Scherben in den Garten kriegen? Nicht so gut, weil Glas starr ist und Plastik elastisch, aber irgendwann reißen Plastikflaschen auch auf. Das probieren wir aus, wenn es kalt wird! Aber in einen Eimer stellen die Flasche, wegen der Scherben!
Und im Sommer fahren wir wieder an die Nordsee, die ist näher, oder an die Ostsee, da waren so tolle Wellen. Aber nur, weil an dem Tag so'n Wind war. Je größer das Meer, desto höher die Wellen an normalen Tagen, weil die Kraft des Windes sich addiert über der weiten Fläche, deshalb sind im Frankreich am Atlantik die Wellen so hoch. Und in Haiti erst, da sind die Wellen zehn Meter hoch, und deswegen haben die jungen Männer da ds Surfen erfunden. Wir singen "Ev'rybody goes surfin', surf in USA!" Na ja, Haiti. Inzwischen gehört das ja auch zu den USA, aber nicht immer.
Im Wattenmeer ist es eigentlich zu flach für Erwachsenen und größere Kinder zu schwimmen, außer in den Prielen. Aber Moritz ist mit Max und Louise im Sommer in kleine Priele reingegangen. Was sind die eigentlich, und wieso haben sie so eine starke Strömung? Die kann einen weit rausziehen. Und was macht man dann? Wir haben ja auf dem Weg zur Insel Neuwerk die Rettungsstationen im Watt gesehen. Heute haben ja die meiste Leute Handy dabei, aber wenn das in der Aufregung ins Wasser fällt oder gerade der Akku leer ist?
Dann gibt es da so Leuchtraketen. Aber wenn dann gerade keiner hinschaut? Die haben extra kleine Fallschirme wie die großen Silvesterraketen auch, und schweben so 2-3 Minuten lang nieder.
Das sieht dann schon einer, außer wenn gerade Silvester ist, dann denkt er, das ist eine Silvesterrakete. Was dann? Dann muss man warten, bis wieder Ebbe ist. Besonders gefährlich ist es dann, wenn Nebel aufzieht. Das ist besonders im Herbst so, weil das Wasser dann wärmer ist und die Tröpfchen in der kalten Luft kondensieren. (Deswegen muss Moritz ja auch immer das Kondenswasser aus seiner Posaune lassen!) Tja, was kann man dann machen? Kompass mitnehmen!
Moritz (10) weiß, was ein Kompass ist, aber Thomas (7) nicht so richtig. Papa holt den Kompass, alle schauen zu, wie der immer nach Norden zeigt. Wieso denn? Weil die Nadel aus Metall ist, und die Erde so ähnlich wie der große rote Hufeisen-Magnet der Kinder funktioniert.
Papa holt die Karte, wo ist die Insel Neuwerk? Da ist Helgoland abgebildet, aber das ist auf der Karte in einem Kasten, weil es in Wirklichkeit viel weiter weg ist, da sind wir ja richtig lange mit dem Schiff gefahren vor Jahren. Die drei "Männer" rutschen auf dem Fußboden herum und spielen, sie wären im Wattenmeer. In welcher Richtung liegt das Land? Das markieren wir beim Losgehen, dafür ist dieser andere Zeiger da. Jeder darf mal sagen wo's langgeht.
Eigentlich haben wir nur ein nettes normales Frühstück gehabt, aber ich könnte jetzt alle Stationen unseres Gesprächs mit Etiketten versehen und dem Lehrplan zuordnen: Geografie, Physik, Allgemeinwissen, Kartenlesen, Überlebenstechnik, Logik, Erinnerungen erzählen, Erlebnisse schildern, Sinnzusammenhänge herstellen, Verstandenes erklären.
Es ist egal, wer was beiträgt, jeder sagt, was ihm einfällt (auch die Kinder) und fragt, was unklar ist (auch die Erwachsenen).
Ich schaue die Kinder an, mit welcher konzentrierten, aber völlig entspannten Aufmerksamkeit sie zuhören, überlegen, schlussfolgern, einfach weil es sie in diesem Moment interessiert. Wir haben inzwischen (fast) gelernt, in solchen Situationen nicht ins Dozieren zu verfallen, die Kinder nicht zu überschütten mit Sachen, die eigentlich gar nicht zum Gespräch gehören, die wir aber meinen, ihnen bei dieser Gelegenheit unterjubeln zu müssen, Schulwissen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sie sich solche Sachen NIE merken, sondern das Gespräch abbrechen ("man merkt die Absicht, und man ist verstimmt..."). Aber was sie heute erfahren, selbst erkannt, verstanden, erklärt, wiederholt haben, ist Teil ihres Wissensschatzes geworden. Nicht in ordentlichen Bröckchen nach Lehrplan und Jahrgang, sondern scheinbar chaotisch, aber von einem roten Faden des Sinns und der Nutzbarkeit durchzogen.
Und wir nehmen drei Mahlzeiten täglich ein... Natürlich nicht immer mit so viel Muße wie sonntags, aber unzählige solcher Gespräche, bei denen wir oft das Lexikon hinzuziehen, uns vornehmen, bestimmte Bücher oder Filme zu einem Thema auszuleihen, im Internet zu schauen - und das manchmal auch machen, wenn es jemanden hinreichend interessiert. Nicht immer, dann würden wir nur noch recherchieren. Aber für die Kinder ist es selbstverständlich, so vorzugehen. Immer geerdet durch das eigene Interesse. Die Welt ist spannend!

Was war noch diese Woche? Gestern abend behauptete Thomas, er hätte sich schon zwei Millionen Mal die Zähne geputzt. Ha! Kann doch nicht sein, fand Moritz. Ich fand, gute Gelegenheit, schriftliches Dividieren zu demonstrieren. Also mal angenommen, Thomas putzt sich ein Minute lang die Zähne, also 60 mal pro Stunde. 2 Millionen durch 60 - ich zeige Moritz das schriftliche Teilen 33.333 Stunden lang müsste Thomas dann putzen.
Unvorstellbar, wie viele Tage sind das denn? Jetzt versucht Moritz es selber: 33.333 : 24 = Thomas, haha, du müsstest 1388 Tage putzen, und ein Rest von 21 Stunden bleibt übrig. Immer noch unvorstellbar, bei 1388 : 365 komme ich ins Schleudern, ist so lange her. Moritz holt das Divisionsbrett mit dem selbstgebauten Material nach Montessori, rennt nach oben ins Kinderzimmer und holt Halmamännchen, das macht ihm Spaß. Papa Tilman fängt parallel auch an zu rechnen, ich bitte ihn, das Ergebnis für sich zu behalten, weil Moritz ja selber rechnen will, aber aus Versehen/Gewohnheit ruft er sofort stolz: Das sind Dreikomma--- weiter kommt er nicht, dann haben wir ihn niedergeschrieen. Still Papa, ich will es doch selber rauskriegen!
und holt Halmamännchen, die brauchen wir auch.
Jetzt schaut Tilman interessiert mit zu, wie Moritz souverän mit dem Divisionsbrett rechnet. Eine geniale Methode. Also drei stimmt. Thomas müsste sich also 3 Jahre und 293 Tage die Zähne putzen. 293 Tage, nehmen wir 30 Tage für den Monat, also 9 Monate, 23 Tage bleiben Moritz übrig, und die 21 Stunden sind ja auch noch da. Moritz rennt nach oben, wo Thomas längst bei seinen Comicmalereien sitzt, ihn hat das Dividieren überhaut nicht interessiert, und teilt ihm triumphierend das Ergebnis mit.
Ansonsten haben die Kinder letzte Woche viele Stunden Seefahrer von Catan gespielt (ist "eigentlich" erst ab 10, aber Thomas spielt super!), im Fußballverein trainiert (im Garten dürfen sie derzeit nicht, damit Rasen nachwachsen kann), Stunden auf dem Trampolin verbracht, ihre Freunde besucht und mit Robert, Rowina und Leo draußen gebolzt, stundenlang mit und ohne Freund K. auf dem großen Trampolin verbracht. Sie haben den Veteiler für ihren Comicverlag aktualisiert und eine Werbemail mit eingescannter Probeseite an ca. 25 Addressaten verschickt, Thomas hat wie immer emsig mehrere Stunden am Tag gemalt, Klavier geübt (er hat keinen Unterricht, sondern bringt sich alles selbst bei), Gitarre (da hat er Unterricht) . Moritz hat die Schwelle überwunden, beim Posaunespielen von der Notierungsweise der Zugangaben auf "richtige" Noten umzusteigen (und verstanden, warum das so wichtig ist - weil er sonst nie neue Lieder lernen kann, die er noch nicht kennt).
Sie haben jeder jeden Tag 30 Minuten lang ihr neues Spiel "Fifa WM 2006" spielen dürfen (und weil Ferien sind, jeder noch ein "heimliches" Spiel von 12 ' hinterher, "Mama, dürfen wir noch ein Spiel heimlich spielen?"). Thomas hat 1 Seite seiner Rechenaufgaben von den betreuenden Lehrerinnen ("Hundertertafel") gerechnet. Problemlos und nicht ohne Spaß, aber diese Wiederholungen desselben Aufgabentyps... Nach einer Seite (ca. 15 Minuten) hat er, der sonst stundenlang hochkonzentriert arbeiten kann (an seinen eigenen Projekten) , sich erschöpft abgewendet.