Mittwoch, 21. Februar 2007

Melissa Busekros - und Neubronners in "Weckup" bei Sat1


Melissa Busekros ist immer noch nicht wieder bei ihrer Familie. Die psychiatrischen Gutachten, Jugendamtsberichte und Gerichtsbeschlüsse erzeugen beim Lesen eine Gänsehaut - dieses Mädchen verhält sich geradezu mustergültig und muss eine sehr stabile Persönlichkeit haben, aber alles, was sie tut, sagt oder nicht tut, wird ihr pathologisch ausgelegt, ob sie nun die Arme kreuzt, ihren Vater nicht belastet, Antworten verweigert oder "erstaunlicherweise" nach dem Gespräch unbefangen wieder Kontakt mit anderen Jugendlichen aufnimmt. Sie ist inzwischen in einer Pflegefamilie, und das Jugendamt prüft die Erziehungsfähigkeit der Eltern auch in Bezug auf die anderen Kinder. Und das alles, weil sie ihrer Berufsschulpflicht nicht nachkommt und die Eltern "drohen", mit ihr in ein Land zu gehen, wo kein Schulzwang herrscht. Wir schreiben und telefonieren uns die Finger wund, der Fall belastet uns auch innerlich, weil wir natürlich auf keinen Fall etwas Ähnliches erleben wollen.
Letzten Sonntag waren wir mal wieder im Fernsehen zu sehen, im "Weckup" von Sat1. Die Aufnahmen dafür waren lustig und haben Spaß gemacht, wir sind alle inzwischen schon geradezu routiniert entspannt vor der Kamera, auch die Kinder.
Moritz rechnet weiterhin jeden Tag, er multipliziert jetzt fehlerfrei schriftlich, aber es macht ihm weiterhin überhaupt keinen Spaß, er hasst es. Die einzige Freude ist die Befriedigung, es zu können und damit gewappnet zu sein für die Schulbehörde. Gleichzeitig lernt er die grammatikalischen Grundbegriffe, heute ging es um Subjekt, Prädikat und Objekt.
Thomas findet diese "Pflicht" jetzt auch blöd, aber beim Arbeiten selbst kommt immer noch Vergnügen auf. Allerdings ist für mich deutlich zu sehen, dass er zwar die mechanischen Rechenschritte beherrscht, Rechnen in dieser abstrakten Weise für ihn aber überhaupt nicht dran ist, für ihn sind Zahlen keine Operatoren, sondern magische Wesen, die an andere Dinge errinnern, z.B. 54, das bedeutet "Deutschland Fußballweltmeister" (1954). 53 bedeutet "so alt ist Papa", und so weiter. Angesichts der vielen Rechenaufgaben (Addition zehnerüberschreitend) entwickelt er jetzt Taktiken zur Arbeitsersparnis, wenn er 64 plus 7 gerechnet hat, und dann kommt 64 plus 9, dann zählt er nur zum Ergebnis 2 dazu und freut sich königlich über seinen raffinierten "Trick".

Letzte Woche waren die Kinder mit einer Freundin und deren Kindern in einer "Ekeltiere"-Ausstellung. Moritz hat sich eine Vogelspinne über den Arm laufen lassen ("Die sind gar nicht so giftig, Mama!"), Thomas hat sich getraut, eine große Schlange anzufassen. Die beiden sind allein mit dem Zug losgefahren und haben 20 Minuten am Bahnhof auf die Freundin gewartet. Auf dem Rückweg vom heimischen Bahnhof nach Hause haben sie dann gewetter, wer schneller an der großen Ampel ist. Als Moritz an der Ampel ankam, war Thomas nicht da. Er hat ein bisschen gewartet und ist dann schluchzend zu Hause angekommen, weil er dachte, er hätte seinen kleinen Bruder verloren. Wir haben ihn getröstet, und Tilman wollte gerade mit dem Fahrrad losfahren, um Thomas zu suchen, als Thomas strahlend um die Ecke bog - er war einen anderen Weg gegangen und hatte an der Ampel nicht gewartet. Ich war fasziniert davon, dass Moritz ihn weder überschwänglich begrüßte noch ihn mit Vorwürfen überhäufte oder gar angriff - Thomas war wieder da, und damit war alles gut. Kein Drama, kein nachträgliches Aufbauschen, kein Ablassen der Aufregung in Form von Aggression. Stattdessen sind sie noch eben zusammen aufs Trampolin gegangen.
Beim Fußballturnier ist Moritz' Mannschaft Zweiter geworden. Moritz gehört nach wie vor zu denen, die am häufigsten auf der Reservebank sitzen, aber der Abstand zu den erfahreneren Kindern ist schon geschrumpft, er hat sogar schon mehrere Tore geschossen (nicht beim Turnier) und hat deutlich mehr Ballkontakt. Faszinierend ist für uns, wie realistisch und gleichzeitig unbeirrbar hoffnungsvoll er sich einschätzt. So registriert er (und hat es schmunzelnd seinem Papa erzählt), dass bei einem "schlimmen" Fehler eines anderen Jungen zwei "gute" Spieler sich unterhalten haben und der eine sagte "So schlecht spielt ja noch nichtmal Moritz!" Immerhin, scheint er zu denken, und braucht keinerlei Trost.
Während Moritz also spieltechnisch und geschicklichkeitsmäßig aufholt, ist er in einem Punkt den meisten anderen voraus: Er denkt gesamthaft, mannschaftsbezogen, will nicht unbedingt den Ball selbst ins Tor hauen, sondern erzählt begeistert von Zuarbeit und Passen. Er hat den Mannschaftscharakter des Spiels begriffen und entwirft mit Thomas immer wieder neue Strategieszenarien. Thomas ist kein großer Taktiker, aber er berichtet, dass in seiner Mannschaft alle immer nach vorne zum Ball stürzen, auch wenn sie als Verteidiger eingeteilt sind. Das findet Thomas blöd, zumal er selbst sich brav und pflichtbewusst im Verteidigungsraum hält. Trotzdem macht ihm das Spielen großen Spaß.
Letztes Wochenende haben die Kinder haben bei ihrem Freund K. übernachtet. Sie schätzen nicht nur ihren Freund K., sondern auch die gute ungewohnte Kochkunst seiner Mutter. Am Rosenmontag waren wir bei zwei Brüdern aus dem Kinderchor zum Fasching eingeladen. Moritz war Legolas der Elbenprinz, Thomas war Legolas' Freund, Gimli der Zwerg, und ich war natürlich Gandalf der Graue, denn wir hatten noch den Nikolausbart. Mit acht Kindern und drei Müttern haben wir vergnügt "gefeiert". Irgendwann werde ich mal lernen, wie man hier Fotos hochlädt, dann ist das zu sehen... Gestern haben wir den Opa im Krankenhaus besucht, und die Kinder waren gern bereit, sich nochmal für ihn zu verkleiden. Alle, die uns im Krankenhaus sahen, haben sich gefreut und die Kinder angesprochen. Außerdem war gestern vormittag wieder eine Fotografin für eine Zeitschrift da, ihr Kind geht zur Waldorfschule. Als sie uns beim Rechnen fotografierte (wenn Presse da ist, rechnen die Kinder natürlich mustergültig konzentriert und lassen das Jammern weg) , sagte ich so beiläufig zu ihr: "Sie sehen ja, wie das hier läuft. Es gibt Schätzungen, nach denen in der Schule bis zu 80% der Zeit für Einsammeln, Austeilen, Abwarten, Wiederholen, Aufstellen, Disziplinieren usw. verlorengeht." Sie sah mich an und antwortete: "Und wissen Sie was? Ich habe darüber noch nie nie nie nachgedacht, das ist ja der Wahnsinn, wenn ich das hier sehe!" Dabei kommen wir immer mehr dahin, dass es überhaupt nicht darum geht, andere Leute davon zu überzeugen, wie toll Homeschooling ist. Es geht nur um das Recht, diese Option wählen zu dürfen und dafür weder kriminalisiert noch psychiatrisiert zu werden. Hugh!