Sonntag, 29. April 2007

Hunderte Freilerner treffen sich auf Burg Rothenfels

Wow! Gerade sind wir vom 2. Internationalen Kolloquium zu Home Education auf Burg Rothenfels bei Würzburg zurückgekehrt, das am Freitag begann und heute nachmittag endete. Dort waren über 200 Menschen versammelt, freilernende Kinder und Jugendliche und ihre Familien, Fachleute und Interessierte aus Deutschland, Holland, Frankreich, England, Irland, Bulgarien, USA, Kanada und vielleicht noch mehr Ländern, ich habe natürlich nicht mit allen gesprochen. Es gab Vorträge, Workshops, eine Theateraufführung, einen Sketch zum Thema Sozialisation, Jugendherbergsessen und viele viele viele wichtige, erfreuliche, bewegende, lustige, ernste Gespräche. Wir haben viele Menschen, mit denen wir schon seit Monaten oder sogar über einem Jahr per email in Kontakt sind, erstmals persönlich kennen gelernt. Die Kinder und Jugendlichen spielten je nach Interessen in unterschiedlichen Konstellationen, teilweise frei, teilweise koordinierten auch ältere Kinder.
Moritz und Thomas hatten am Donnerstag noch gemault, sie hätten keine Lust, auf diese blöde Burg zu fahren und ob's denn auch einen Fußballplatz dort gäbe und überhaupt - bis wir, ohnehin im Stress, sauer wurden und Tilman sagte: Klar, wir können auch hierbleiben, aber dann geht ihr ab Montag zur Schule! Wir machen das schließlich wegen euch und für euch und weil ihr nicht zur Schule wollt! Wenn ihr lieber zur Schule geht als zu blöden HE-Treffen mitzukommen, könnt ihr das haben. Oha, da lenkten sie sofort ein, sie hätten nur Spaß gemacht, und wir haben dann per Internet festgestellt, dass es dort einen Fußballplatz gibt - na gottseidank! Allerdings haben wir ihn in google Earth nicht ausmachen können, und das hatte seinen Grund, wie wir später gemerkt haben.
Schon auf dem Bahnhofsvorplatz in Lohr am Main lernten wir eine andere Mutter und ihren freilernenden Sohn kennen - unser zurückhaltender Moritz ging, wir trauten unseren Augen kaum, sofort auf ihn zu, und die beiden waren augenblicklich schier unzertrennlich. Interessanterweise, ohne dass deswegen Thomas abgemeldet war, der war vergnügt mit im Bunde. Etwa eine halbe Stunde nach der Ankunft waren unsere Jungs schon mit 8-9 anderen (darunter auch Robert, den sie extra morgens noch angerufen hatten, damit er im Auto einen Ball mitbringt) auf dem Bolzplatz, der leider aus rotem Feinstaub bestand - entsprechend indianisch-rot sahen sie die ganze Zeit aus und sind völlig zerschrammt. Für sie war dieses Wochenende ein Fußball-Festival, die Mahlzeiten nahmen sie zu fünft am "Mannschaftstisch" ein, aber offenbar fanden sie auch durchaus Zeit, viel zu reden und berichteten uns auf der Rückfahrt ausführlich, was Melissa Bueskros und ihre Geschwister im Kreise der Kinder und Jugendlichen über die Polizeiaktionen und Melissas Flucht berichtet haben. Familie Busekros erwies sich beim persönlichen Kennenlernen als sympathische, fröhliche, offene Familie, und Melissas Schwester war der Shooting Star auf dem Fußballplatz - sie fegte (im Rock!) an sämtlichen Jungs vorbei und war unglaublich schnell ("Mama, die dribbelt uns alle aus!"). Hubert Busekros haben wir als humorvollen, fröhlichen, klaren Mann kennengelernt und gleich einen sehr langjährigen guten gemeinsamen Bekannten aus völlig anderen Zusammenhängen festgestellt. Das war sehr erhellend, denn angesichts der ganzen Geschichte und der unglaublichen Eskalation hatte ich ehrlich gesagt vermutet, dass er ein zwar aufrechter, aber eher verkniffener, rechthaberischer Typ sei. So hat er auf mich jetzt in der persönlichen Begegnung gar nicht gewirkt, nur entschlossen und sehr geradlinig.

Die Kinder haben ebenso wie wir zahlreiche Kontakte geknüpft, mehrere Emailadressen ausgetauscht und wollen sich mit zwei anderen Jungs unbedingt bald zu viert treffen. Netzwerk Bildungsfreiheit in der 2. Generation, sozusagen.
Für mich war sehr auffällig, wie friedlich, fröhlich und offen (nicht nur untereinander, sondern auch mir als Erwachsener gegenüber) die Kinder wirkten. Nicht dieser feindliche "Sklavenblick" von vielen Schulkindern, der sagt: "Du bist im feindlichen Lager der Erwachsenen, versuch bloß nicht, mich einzuwickeln. Ich will nichts von dir, lass mich in Ruhe!"

Thomas erlebte am Freitagabend etwas, das ihn völlig beseligte: Der große dreizehnjährige Robert, der selbst richtig gut ist, hatte zu ihm gesagt, er sei als Torwart der beste Achtjährige, den er je erlebt hätte. Als wir Roberts Mutter trafen und ich mit ihr kurz über den letzten Vortrag sprach, beschwerte er sich, als wir weitergingen, bitterlich bei mir, dass ich ihr sowas Unwichtiges erzählt hätte und nicht das Entscheidende, nämlich dass er ein guter Torwart sei! Tilman hat mal ein paar Minuten zugeschaut und war auch erstaunt, mit welcher Entschlossenheit Thomas sich auf den Ball stürzte (und in den roten Schotter, mehrmals kam er leise während eines Vortrags, um ein Pflaster zu erbitten).
Am Samstag vormittag hatte Moritz einen Durchhänger, irgendwas beim Fußball lief quer, er kam in den Vortragsraum zu uns, wollte aber nicht darüber sprechen, nur dass er nicht mehr Fußball spielen wolle und aus dem Verein rausgehe. Nachdem er fast eine Stunde bei Tilman auf dem Schoß gehangen ("Mit ist langweilig!") und finster gebrütet hatte (dass ich schon dachte, oweh, was denken die anderen wohl?), verzog er sich wieder, und als wir ihn in der Mittagspause wieder trafen, war alles wieder okay. Wir hatten einfach gern den Vortrag zuende hören wollen, aber offenbar war es genau richtig gewesen, ihn lediglich liebevoll aufzunehmen, ohne in seinem Kummer zu bohren. Ich bot ihm mehrmals an, mit ihm rauszugehen zum Reden, aber das wollte er gar nicht. Nur ein bisschen Frustschutz tanken oder in Papas Armen sich dem Frust stellen oder wie auch immer - es hat sich von selbst erledigt.

Für uns, die wir ja nah an der Netzwerk-Quelle sitzen bzw. Teil der Quelle sind, gab es jetzt inhaltlich nichts umwerfend Neues an Informationen, aber die Begegnungen und die ganze Atmosphäre waren ein Stück Zukunftsmusik und Neue Erde, und die bestärkenden Beiträge der Menschen aus den bildungsfreiheitlichen Ländern haben uns Mut und Kraft vermittelt. Pat Montgomery, die Gründerin der Clonlaara School, erzählte anschaulich, wie sehr die Situation in Deutschland sie an die Situation in den USA vor zwanzig Jahren erinnere - und dass dort heute noch die strengsten Auflagen für Freies Lernen exakt in dem Bundesstaat mit dem höchsten Anteil an Deutschen herrschen. (Das war ein Lacher!)

Der Graben zwischen "Religiösen" und "Alternativen" war kaum spürbar und jedenfalls kein Anlass zu Spannungen, und ausgerechnet beim Vortrag von Mike Donnelly vom HSLDA, der stark christlich geprägten, konservativen Homeschool-Organisation der USA zum Thema Parallelgesellschaften hätten Tilman und ich jedes Wort unterschreiben können. Trotzdem wurden die vorhandenen Unterschiede nicht geleugnet, und Thomas Spiegler gab in seinem Vortrag eine brillante Analyse der HE-Szene aus soziologischer Sicht ab. Ermutigend auch die Begegnung mit einer jungen Sozialpädagogik-Studentin, die aufgrund der stern-tv-Sendung über Freies Lernen im letzten Herbst auf das Thema stieß und jetzt ihre Diplomarbeit darüber schreibt.
Mit meinem Workshop und dem Vortrag über Gordon Neufelds Bindungsforschung traf ich auf offene Ohren. Wir haben den Eindruck, dass die Entwicklung sich unaufhaltsam beschleunigt
und die Bildungsfreiheit in Deutschland auf Dauer nicht zu verhindern sein wird - jetzt werden wir versuchen, den Schwung des Kolloquiums dafür zu nutzen, um die Einführung der Bildungsfreiheit so zu beschleunigen, dass wir selbst auch noch etwas davon haben.
Interessant war, wie viele langhaarige Jungen es gab - mir fiel ein, dass bei Soldaten, in Gefängnissen und früher in Lagern, KZs und bei Sklaven, bei Nonnen usw. das Abschneiden der Haare immer ein Symbol der Unterwerfung war/ist - ob es da einen Zusammenhang gibt?