Montag, 7. Mai 2007

Die Schwestern des Schicksals

Am letzten Wochenende war ich allein verreist, zum Kongress des Familiennetzwerks in Frankfurt. Als ich zurückkam, sah ich schon von außen, dass im Wohnzimmer der Rolladen heruntergelassen war - sehr ungewöhnlich im warmen Frühling, und es war noch hell. Ich klingelte, Tilman öffnete - die Kinder waren nicht zu sehen und nicht zu hören. Wo sind sie denn - ich ahne, es gibt eine Überraschung zur Begrüßung.
Ich werde ins stockdunkle Wohnzimmer geführt, und eine Kinderstimme aus dem Off ordnet an, dass wir uns aufs Sofa setzen. Dann springt ein cool gestylter Moritz mit Baseballkappe hinter dem Vorhang hervor, Spot an, Thomas, ebenfalls gestylt mit Pferdeschwanz und viel Haargel, kommt dazu, und im raschen Tempo singen sie, mit synchronen Bewegungen Gesten und natürlich synchron gesprochenem Text, den Rap.

Die Schwestern des Schiksals
Der Hippogreif-schwung

Meine Damen und Herren! Ich bitte um Aufmerksamkeit. Zum 1. mal live hier im Haus die Band die man nicht vorstellen muss! Go!!

„Hey leute. Seid ihr bereit für echte Musik?
Dann los. Ich will eure Hände in der Luft sehen!!
Fangen wir an. Wir zeigen euch heute einen ultra-neuen Tanz.
Seid ihr bereit? Seid ihr bereit?
Schwing die Hüften wie ein haariger Troll
lass es krachen wie im Rock`n`Roll
wie ein Kobold, dreh dich geschwind
der Tanzt allein, unbekümmertes Kind
des Einhorns Sturm und Drang
bis zum Einbruch der Dämmerung
sei ganz unbekümmert
wie ein Monster, das nichts kümmert
kennst du Hippogreif-schwung? Mamama mamama mamama
wir fliegen von einem Kliff mamama mamama mamama
und wir werden zu boden geschleudert mamama mamama mamama
wir drehen uns im Kreis immer wieder im Kreis mamama mamama mamama
wie ein furchterregender Geist es tut
wenn er erschreckt durch den eigenen Spuk
lass die Hüften rollen und kreisen
lass sie Kreisen immer fort
werde zum schreckhaften Geist
der dich verfolgt ganz dreist
feste Schritte, im Stil des Kobolds
lass es krachen lass es krachen
kennst du Hippogreif-schwung? Mamama mamama mamama
wir fliegen von einem Kliff mamama mamama mamama
und wir werden zu boden geschleudert mamama mamama mamama
wir drehen uns im Kreis immer wieder im Kreis mamama mamama mamama
yeah, yeah, yeah,
jetzt geht`s ab
schwing die Hüften
als ob du nie was andr`es getan Kreatur der Nacht
so sol`s sein
eine Kreatur der Nacht
bist du mit dem Rhythmus vereint? bist du mit dem Rhythmus vereint?
Auuuuooooooooo!!!! Jaaaaaaaaaah
kennst du Hippogreif-schwung? Mamama mamama mamama
wir fliegen von einem Kliff mamama mamama mamama
und wir werden zu boden geschleudert mamama mamama mamama
wir drehen uns im Kreis immer wieder im Kreis
und immer weiter im Kreis
jetzt geht`s ab
kennst du Hippogreif-schwung?
yeah, yeah, yeah,
Ouuuuuuuuuh”


Dafür haben sie - um mir eine Freude zu machen, nicht, weil irgendjemand es von ihnen verlangt hat - das ganze Wochenende geübt und geprobt, ganz abgesehen von der mühsamen Arbeit, aus den Film-Untertiteln den Text abzuschreiben. Ein vollständig eigenständiges Projekt wie im Bilderbuch, entstanden aus ihrem eigenen Interesse (wobei sie nach der Phase der Fasznation es schon blöd finden, dass Harry Potter kein Homeschooler war...)
Am Freitag war wieder Lehrerinnen-Treffen, und Moritz und Thomas haben die "Gschichte vom bescheuerten Torhütchen" noch einmal für sie mit verteilten Rollen gelesen. Sie ist zu lang, um hier veröffentlich zu werden. Die Lehrerinnen haben dann nachgefragt, wer den am meisten Anteil an der Geschichte hat, na klar, schon die dreizehnjährige Kusine. Tilman kommentierte, dass solche Worte wie "Protagonisten" natürlich von dieser Kusine stammten. Moritz widersprach, das mit dem Protagonisten stamme von ihm. Tilman fragte nach, "Weißt du denn überhaupt, was ein Protagonist ist?" Moritz: "Na klar, das ist sozusagen der Hauptdarsteller!" Tilman (selber nicht ganz sicher) bat ihn, das doch mal nachzuschlagen, und Moritz ging zum Brockhaus, griff den richtigen Band, fand blitzschnell das Stichwort, und siehe da, die Definition bestätigte ihn.
Keine Ahnung, wie er das gelernt hat, wir haben weder Brockhauslesen mit ihnen geübt noch jemals über Protagonisten gesprochen. Er weiß es auch selbst nicht, woher er das Wort kennt. Es geht mir auch überhaupt nicht darum, mit seinem dicken Wortschatz zu strunzen, sondern mich begeistert: So funktioniert natürliches, freies Lernen. Das kleine Pflänzchen wächst zu einem Baum heran und weiß selbst am besten, wann wo welcher Ast, welches Blatt gebildet werden muss, um zu der einmaligen, in ihm angelegten Form heranzuwachsen. Im Vergleich dazu ist Schule einfach nur ein Notbehelf, wo halt Dienstag 10 Uhr, alle gemeinsam 45 Minuten links oben hinten rechts ein kleines Blättchen bilden (sollen), es, wenn sie innerlich grad an einem ganz anderen Blatt an einem völlig anderen Ast tätig sind, mehr oder weniger mühsam aus sich herausquetschen. Glücklich die Kinder, deren natürliches Schema gut zum Lehrplan passt, Pech für die etwas ungewöhnlicheren, langsamer, schneller oder einfach anders wachsenden Bäumchen!