Donnerstag, 23. August 2007

Indianerwochenende

  • Am Wochenende beschlossen wir, jetzt endlich das langversprochene Indianerwochenende im Garten zu verbringen. Wir bauten das Zelt auf und schafften es nach nur 1 Stunde tatsächlich, mit einer (großen!) Lupe ein Feuer zu entfachen (ohne Papier, nur mit trockenen Blättern, Moos etc.!), 1 Minute bevor die Sonne sich für den Rest des Tages hinter Wolken verzog. Wir wählten uns indianische Namen (Flinker Finger, Starke Wade, Große Flöte und Großer Fuß), Thomas und ich zogen uns "indianisch" an, Moritz und Tilman fanden das albern und blieben, wie sie waren. Wir kochten auf dem Feuer Wasser und machten "Gartentee" mit Zitronenmelisse und Brennessel, ernteten unsere eigenen Kartoffeln (ziemlich mickrig dies Jahr) und zwei Handvoll Bohnen vom Nachbarn und fabrizierten einen indianischen Eintopf. Tilman erhielt passenderweise vom Bioladen einige überreife udn bis Samstag mittag nicht verkaufte Maiskolben geschenkt, Tomaten und Gurken hatten wir wieder aus dem Garten - drei von uns fanden das alles köstlich. Thomas betrachtete die Kartoffeln (Eintopf isst er sowieso nicht) eher misstrauisch und befand, er habe auch gar nicht soo einen Hunger.
  • Wie gut, dass wir nachmittags aus Mehl und Wasser Fladenbrot buken. zuerst wie in unserem Lehrbuch "Oxmox ox Mollox" auf heißen Steinen, aber das Herunterkratzen war trotz Einölen der Steine so mühsam, dass wir dann doch kleine Fladenbrötchen auf den Grillrost überm Feuer legten. Als wir dann noch beschlossen, dass die Indianer ja auch Honig gegessen hätten, war Thomas selig und verputzte Berge von Fladenbrot mit Honig.

  • Aber noch vor dem Fladenbrotbacken wurde unser Idyll vom Postboten unterbrochen, der die vertrauten gelben Behördenumschläge "förmliche Zustellung" überbrachte. Die Behörde hatte uns ja schon angekündigt, dass wir Post erhalten würden. Also, wir lasen das "sprechende Papier vom Weißen Vater in Washington", wie es bei Karl May geheißen hätte - 6000 € (1500 pro Kind pro Elternteil) Zwangsgeld sollen uns zwingen, unsere Kinder zu zwingen. "An die Stelle des Zwangsgeldes tritt die Ersatzzwanghaft, wenn die Beitreibung des Zwangsgeldes ohne Erfolg versucht wurde, oder wenn feststeht, dass sie keinen Erfolg haben kann."





































Zwangsgeld angedroht

Nun ist es wieder so weit. Letzte Woche am 16. August hatten wir einen Gesprächstermin "bei der Bildungssenatorin". Als die dann nicht persönlich erschien (bei der Terminierung war noch von ihr selbst die Rede gewesen), sondern stattdessen der Herr Staatsrat, schwante mir schon, dass es nicht um das Finden einer Lösung gehen würde, sondern um die Mitteilung der behördlichen Beschlüsse, und so war es auch. Die Bildungsbehörde sieht keinen Spielraum mehr, die "betreute" Homeschool-Lösung wie im letzten Schuljahr weiterzuführen, ohne einen Präzedenzfall zu schaffen. Gute Zeugnisse hin oder her, wir sind wieder da, wo wir vor genau einem Jahr auch waren: Wenn die Kinder nicht am 30. August in der Schule "erscheinen" und sie von da an regelmäßig besuchen, gibt es ein Zwangsgeld. Auch Sorgerechtsentzug wollte der staatsrat nicht ausschließen, legte aber Wert auf die Feststellung, uns das nicht konkret angedroht zu haben. Und ob wir nicht vernünftig sein und die Kinder zur Schule "schicken" wollten.

Wir erläuterten, wie gut es den Kindern gehe und wie gerade Moritz seinen in der Schule erworbenen Widerwillen gegen alles Lernen nach und nach verliere. Wie schlecht es ihm gegangen sei, und dass wir den Eindruck hätten, wenn wir die Kinder jetzt zwingen würden, wäre alles Heilung wieder verloren. Wir stellten klar, dass es für uns nach wie vor keine Option sei, die Kinder zu zwingen, diese aber nach wie vor nicht gehen wollten. Die Kinder saßen die ganze Zeit schweigend zuhörend dabei und wurden auch nicht ein einziges Mal angesprochen. Tilman erläuterte, dass wir unter Umständen wieder wie letztes Jahr unserer "Zuführungspflicht" nachkommen und die Kinder zur Schule bringen würden, sie aber nicht zwingen würden, dazubleiben. Dass wir deshalb lieber die Kinder in einer anderen Schule anmelden würden, weil wir die engagierte staatliche Modellschule, bei der sie jetzt angemeldet sind, nicht in den zu erwartenden Medienrummel hineinziehen möchten ("und das ist die Schule, in die diese Kinder so überhaupt nicht hineinwollen"). Denn diese Schule ist immer noch um Klassen besser als viele andere. Dies wurde uns so ausgelegt, dass wir durch Auswahl einer möglichst scheußlichen Schule sicherstellen wollten, dass die Kinder nicht doch dableiben wollen - na gut, dann also nicht. Leider hat auch diesmal niemand die Kinder selbst gefragt, ob sie wirklich nicht zur Schule gehen wollen und warum nicht. Naja, andererseits ist das ja aus "Funk und Fernsehen" bekannt.

Wir haben versucht, deutlich zu machen, dass wir das Zwangsgeld nicht bezahlen können und das ja auch gar nichts nützen würde, solange die Kinder zu Hause bleiben. Dass wir notfalls ins Gefängnis und bei drohendem Sorgerechtsentzug auch ins Ausland gehen, aber beides mit der größtmöglichen Öffentlichkeit, weil wir eigentlich in Bremen bleiben wollen. Ob es angesichts der von uns angestrengten Verfassungsbeschwerde nicht doch möglich sei, die Duldung "bis zur gerichtlichen Klärung" fortzuführen, damit sei doch noch kein Präzedenzfall geschaffen. Aber der Beschluss stand offenbar fest. Vielleicht haben wir auch vorhandene Signale für Verhandlungsmöglichkeiten und Spielräume übersehen. Vielleicht bestand/besteht bei der Behörde die Hoffnung, wir würden mit genügend Druck unsere Kinder doch, vielleicht in eine Privatschule oder so, einschulen. Wenn Nenas Demokratische Schule in Bremen wäre, würden wir die Kinder vermutlich auch bitten, das zumindest auszuprobieren, aber die Frage bleibt, warum Kinder, um eigenständig ihren Bedürfnissen folgend zu lernen, wie es das Konzept der Demokratischen Schule ist, unbedingt in ein Schulgebäude müssen.
Natürlich denken wir immer wieder hin und her, ob der drohende Verlust von Haus und Garten (mit Bergen von selbstgehacktem Holz aus selbstgefällten Bäumen...!), unseren Freunden, Verwandten, den Kontakten, Mentoren und Freundschaften der Kinder, unseren musikalischen Aktivitäten usw. nicht doch schwerer wiegt als Schulalltag. Aber unsere Kinder sind da ziemlich klar, wenn wir sie fragen. Moritz sagte neulich, naja, Fußballvereine gebe es ja auch im Ausland, und ob wir denn da auch ein großes Trampolin haben könnten. Es sei ja auch spannend andererseits. Thomas ist eh noch sehr stark auf Familie bezogen, für ihn würde es nur sehr traurig, wenn wir unseren Kater nicht mitnehmen könnten. Die Kinder sagen, na ja, einen Tag oder eine Woche könnten sie schon zur Schule gehen, wenn es was bringen würde, aber die nächsten acht oder zehn Jahre - nein, dann lieber ins Ausland.
Aber noch haben wir die Hoffnung, dass uns die Emigration erspart bleibt. Irgendwie muss doch mal was vorwärts gehen!