Donnerstag, 6. September 2007

Die erste Schulwoche

Uff! Seit Donnerstag den 30.August sind die Kinder jetzt sechsmal morgens zur Schule gefahren, meist mit dem Fahrrad, und meist begleitet von Tilman (einmal von mir, ich war zuerst verreist, habe am Sonntag einen scheußlichen Insektenstich in den Arm bekommen und bin erst jetzt allmählich wieder gesund, der Arm ist immer noch geschwollen, daher schreibe ich auch erste heute). Auf www.learningfreely.net habe ich jeden Tag kurz auf englisch geschildert, denn das Interesse (und die Empörung) im Ausland sind groß.
Die Kinder haben jeden Tag darauf bestanden, nach mehr oder weniger kurzer Zeit (das längste war am ersten Tag eine Stunde) wieder nach Hause zu gehen, und die Lehrerinnen und die Schulleiterin haben sie auch nicht gehindert. Wir haben entweder gewartet, oder sie haben uns angerufen und sich abholen lassen. (Der Weg ist für Thomas noch etwas weit allein, und wir sind uns über den versicherungsrechtlichen Status der Kinder nicht klar, wenn ihnen auf so einem unautorisierten Heimweg etwas passiert.)
Natürlich ist es eine unangenehme Situation für alle Beteiligten: Die Lehrerinnen erleben jeden Tag neu, dass die beiden (einzigen) Kinder, die eine Wahl haben, trotz aller Sympathie nicht bei ihnen bleiben wollen. Die Schulleiterin scheitert jeden Tag bei ihren (teilweise wirklich geschickten) Versuchen, die Kinder zum Dableiben oder wenigstens-mal-kurz-in-die-Klasse-schauen zu bewegen, wir Eltern schlagen uns kostbare Arbeitszeit um die Ohren und schauen schweigend zu, wie unsere Kinder um ihre Freiheit kämpfen, und für die Kinder ist es am schwersten: Sie müssen erwachsenen Respektpersonen, die sie noch dazu als begleitende Lehrkräfte seit einem Jahr persönlich kennen und schätzen gelernt haben, standhalten und auf ihrem eigenen Willen beharren. Noch dazu sind ja in der Klasse durchaus auch "nicht unsympathische" (Zitat Moritz) Kinder, und unsere Kinder sind eigentlich interessiert und kontaktfreudig. Selbst die Unterrichtsinhalte würden sie vermutlich mal so zum unverbindlichen Reinschnuppern interessieren - aber sie spüren genau, dass es darum geht, sie zu "heilen" und in die festen Strukturen einzubinden, und das wollen sie eben wirklich nicht. Wenn Schule freiwillig wäre und sie sich ein oder zwei Kurse pro Woche aussuchen könnten, würden sie vielleicht wirklich einzelne Angebote wahrnehmen - genauso läuft es ja vielerorts in den USA und anderswo. Der Idealfall, Schule als freiwilliges Dienstleistungsangebot mit freien und willigen, kurz freiwilligen Schülern, Traum aller Lehrer... (so hoffe ich doch!)
Aber so wappnen sie sich jeden Morgen, wenn sie seufzend aufstehen, erzählen sich gegenseitig, was sie vorhaben: "Und wenn sie sagt ...., dann sag ich nein!", strampeln den Hügel hoch zur Schule und stehen dann bleich und schüchtern vor der Schulleiterin. Diese ist eine freundliche, fröhliche Frau, und sie hat den nachvollziehbaren Wunsch, auch unsere Kinder für ihre Modellschule zu gewinnen. Wie schwer es dann ist, auf ihre freundlichen Angebote nicht doch einzugehen - besonders für Moritz, den nachgiebigeren und einfühlsameren der Beiden. Sie sammeln jeden Tag mehr Mut, aber die Einladungen zum Bleiben werden auch täglich komplexer.
Heute sahen sie schon vor dem Lehrerzimmer durch ein Fenster, wie die Schulleiterin mit einigen Kindern etwas besprach ("Mama, so hat sie immer ihren Zeigefinger gehoben!"). Für Moritz und Thomas standen dann je zwei Klassenkameraden bereit, um sie in ihre Klassen zu führen und ihnen auch sonst das Einleben zu erleichtern. Puh das war schwer und extrem unangenehm für Moritz und Thomas, - "Mama, ich hab die Kinder nicht angeschaut und nur den Kopf weggedreht und nein gesagt!" da waren sie sich einig, und sie wollen jetzt nicht mehr jeden Morgen zu Schule gehen. ("Und als wir nein gesagt haben, da haben die Kinder ganz laut und übertrieben 'ooh wie schade' gerufen, das hat ihnen die Schulleiterin bestimmt vorher gesagt, das sie das machen sollen! Das war vielleicht peinlich! Die Kinder sind ja ganz okay, aber sie kennen uns ja gar nicht genug, um so laut 'Schade!' zu schreien, das klang ganz künstlich!")

Die Schulleiterin gab Tilman auf dessen Vorschlag hin eine Liste mit, wann die Sportstunden und die Naturwissenschaft-Stunden stattfinden - Moritz ist bereit, besonders den Sportunterricht auszuprobieren, von Sport kann er ja eigentlich nie genug bekommen. Vielleicht deswegen, weil er in seinen knapp zwei Schuljahren kaum Sportunterricht erlebt hat und Sport schon damals überwiegend außerhalb des normalen Unterrichtsgeschehens stattfand. Denn gegen alle anderen Wissensfächer hat er, seit er zur Schule geht, eine starke Abneigung entwickelt. Freiwillig gelernt hat er fast immer nur Dinge, die nicht auf dem Lehrplan standen (z.B. kann er nahezu sämtliche Hauptstädte der Welt auswendig), und mit jedem lehrplangemäß erzwungenen Lernschritt (auch zuhause) hat sich sein Interesse für den betroffenen Stoff auf Null reduziert. Wir müssten ihn völlig in Ruhe lassen, dann würde er aus seinem Schneckenhaus herauskommen und anfangen, sich auch mit Stoff zu befassen, der in der Schule vorkommt. Aber so muss er, sobald er ein Interesse oder Begeisterung äußert, eine Frage stellt, damit rechnen, dass seine Eltern (als immer noch Büttel des Staates) sich darauf stürzen und sagen: "Ja klasse, das kannst du doch dann aufschreiben und als Schulprojekt nehmen!" - Zong, weg ist das Interesse, bloß nicht! Ich erinnere mich dunkel, wie es mir früher ähnlich erging.
Wahres, echtes Interesse ist etwas Zartes, Intimes, das kein Kind dem unsensiblen Zugriff ehrgeiziger Erwachsenen aussetzen möchte. Und alles, was nicht aus diesem wahren echten Interesse heraus gelernt wird, bleibt nur im temporären Arbeitsspeicher, das zeigen ja sämtliche Gehirnforschungen, und jeder weiß aus eigener Erfahrung, wie erschütternd wenig hängengeblieben ist von all dem Schulstoff.
Wir versuchen, den Mund zu halten, so gut wir können, das ist angesichts der Gesamtsituation nicht ganz leicht, und ehrlich gesagt schaffen wirs nicht besonders gut. Bei Thomas ist es noch einfacher, der malt jeden Tag mehrere Stunden seine Comics, geht begeistert einmal wöchentlich zu seinem Zeichenlehrer, und alles andere läuft unter "ferner liefen". Auch ist er nur wenige Wochen in der Schule gewesen und daher viel freier in seinem Interesse, und wir versuchen, ihn nicht darauf aufmerksam zu machen, wenn er etwas wissen will, das auch Schulstoff ist. Dieser elementare Zugang zum Lernen ist bei Moritz nach wie vor verschüttet, und jeder äußere Druck ist ein weiterer Brocken im Eingang.
Ich habe heute gelesen, dass es zur Zeit der Sklaverei ein eigenes Krankheitsbild gab, die "Dreptomanie", definiert als der zwanghafte Drang von Sklaven, ihren Herrn wegzulaufen. Vielleicht leiden Moritz und Thomas unter einer vergleichbaren "Zwang-Allergie"? Vielleicht haben sie aber auch nur ein besonders stark entwickeltes Gefühl für ihre Würde und ihr Recht als freie Menschen, eine Art Demokratitis oder Liberitis? Da haben wir wohl etwas Entscheidendes falsch gemacht...