Freitag, 7. September 2007

Thomas' erste Bilderausstellung

Gestern am späten Nachmittag rief der Zeichenlehrer von Thomas an - Thomas besucht seit April dessen Comiczeichen-Kurs im Rahmen der "Freien Malschule Bremen". Die Finnissage, der letzte Tag der Ausstellung ging zu Ende - und wir Rabeneltern hatten den Termin und die gesamte Ausstellung völlig verschwitzt. Moritz war per Fahrrad beim Fußballtraining, Tilman mit Thomas in der Stadt - Thomas zunächst beim Chor, dann in der Stadtbibliothek. Handy benutzen wir nicht. Gottseidank rief Tilman im allerletzten Moment aus der Stadt an - ob er Thomas noch von der Bibliothek abholen solle oder der schon bei den Nordbremer Freunden habe mitfahren können. So konnte ich ihm von der Finnissage erzählen, und ich selbst steckt die Kamera ein und bat unsere liebe Nachbarin, mich zunächst zu Moritz' Trainingsplatz und dann zur Finnissage zu fahren.
  • Ein verschwitzter und völlig begeisterter Moritz - "Mama, die neuen Trainer sind erst 15 und 16, aber supernett! Sehr streng, und sie achten drauf, dass man seine Mannschaftskameraden nicht beschimpfen darf und auch nicht nörgelt, wenn jemand danebenschießt! Und die beiden Jungs, die immer am fiesesten zu mir waren, sind in die nächstbessere Mannschaft aufgestiegen, und ich bin jetzt mittelgut, nicht der beste, aber naja, vielleicht an 4. oder 5. Stelle von Zehnen, und ich darf gleich beim erste Punktspiel mitmachen - na ja, wir brauchen 11 und sind 10, das heißt also gar nichts, aber der Trainer hat gesagt, ich bin laufstark, und Mama, ich wusste gar nciht, dass es so nette Jugendliche gibt, man darf auch nicht "Ey du Nazi!" sagen, und der ist voll gut und hat die super Tricks drauf, und er spielt schon Fußball, seit er 4 ist, und immer in unserem Verein, und..."
  • So sprudelt er die ganze Fahrt und macht sich dann Sorgen, ob er im Traningsanzug auch schick genug ist für eine Kunstausstellung, er ist voller Freude für seinen Bruder. Aber da kann ich ihn beruhigen, die Ausstellung ist erstens trotz intensiver Zeitungspräsenz fast leer - so ist das halt in der Großstadt mit ihrer Überfülle an Angeboten! - und zweitens muss man nicht schick sein. Von insgesamt vielleicht ausgestellten 25 Bildern sind allein 4 von Thomas, auch im Zeitungsartikel sind Thomas' "dynamische" Bilder ausdrücklich erwähnt, und der Künstler-Lehrer freut sich, als wir kommen und kurze Zeit später auch Tilman und Thomas aus dem Auto steigen. Während ich erstmal höflicherweise alle anderen Bilder betrachte, stürzt Moritz sofort zu den Bildern von Thomas und zerrt mich ungeduldig dort hin. Wie er sich für seinen Bruder freuen kann! Dabei ist er mit seinen eigenen Bildern meist unzufrieden und malt selbst deshalb selten.
  • Thomas begrüßt seinen Lehrer, den er sehr verehrt ("Mama, welcher Tag ist heute? Noch drei Tage bis zum Comic-Kurs!", und ich fotografiere den großen und den kleinen Thomas vor den Bildern, die Thomas gemalt hat - am besten gefällt mir ein Donald, der vor einem wütenden Dagobert flieht. Dann beraten wir lange über einen guten Zeitpunkt für die Weiterführung des Kurses, für den es leider erst zwei Anmeldungen gibt, Thomas und eine dreizehnjährige schwarze Gymnasiastin, die ebenfalls schon seit April dabei ist. Der Zeichenlehrer, der an der Kunstakademie in Bremen studiert hat, steht vor demselben Problem wie praktisch alle, die Kurse, Sport, Musik für Kinder und Jugendliche anbieten: Aufgrund der Ganztagsschule bleibt kaum noch Raum für all dies, die kinder haben einfach keine Zeit mehr. Der Künstler erzählt, dass die Behörden ihn schon mehrfach angesprochen haben, ob er nicht nachmittags in den Ganztagsschulen seine Kurse anbieten wolle - "Aber die Stadt will nur 10 oder 11 € pro Stunde bezahlen, und da stehe ich dann mit 15 Kindern, von denen höchstens 5 interessiert sind, während die anderen einfach nur rumhängen und stören! Das tu ich mir nicht an!" So wird derzeit mit der guten Absicht, Chancengleichheit für alle zu schaffen, das gewachsene, vielfältige, freiwillige Nachmittagsangebot für Kinder zerstört. Es ist eine Katastrophe, deren Ausmaß erst ersichtlich werden wird, wenn alle diese Kinder, die jetzt nicht einmal mehr nachmittags frei sind, ihren privaten Interessen zu folgen, erwachsen sind.
  • Letztlich stellt sich heraus, dass Thomas entweder auf den Chor oder auf den Fußball verzichten muss, wenn er den Zeichenkurs weitermachen will. Da wird wohl der Fußball dran glauben müssen, und selbst dann kann Thomas wie Moritz nur einen von zwei wöchentlichen Chorterminen wahrnehmen, dabei ist er gerade erst in diesen intensiveren Chor "befördert" worden und hochmotiviert. Da ist es ein schwacher Trost, dass es über der Hälfte der Chorkinder genauso geht, weil alle Nachmittagstermine wegen der Ganztagsschulen erst ab 16 Uhr anfangen können und sich so Chöre, Sportvereine, Musikschulen und Instrumentallehrer, Reitkurse, Malkurse usw. in denselben winzigen Zeitfenstern drängen.

  • Ich träume von der freiwilligen Schule, wo alle Kinder sich den ganzen lieben langen Tag zu verschiedensten privat organisierten Kursen in allem möglichen treffen und jedes Kind ein dickes Budget an Bildungsgutscheinen hat, die es bei einem Mentor seiner Wahl einlösen kann - und Mentor heißt einfach, dass jemand etwas gut kann, was das Kind lernen möchte. Irgendetwas. So soll es sein, so kann es sein, so wird es sein!
  • Aber noch ist es nicht so weit. Stattdessen wird Thomas ab nächste Woche den Schwimmunterricht im Rahmen der Schule ausprobieren (er wird allerdings heutzutage aus Gründen der Kostenersparnis nicht von ausgebildeten Lehrern, sondern von Bademeistern erteilt), und Moritz den Sportleistungskurs (der wird allerdings heutzutage aus Gründen der Kostenersparnis nicht von ausgebildeten Lehrern, sondern direkt vom Verein angeboten) - Outsourcing nennt man sowas wohl.