Montag, 24. September 2007

Post von der Behörde

  • Heute erhielt unser Anwalt ein Schreiben von der Schulbehörde mit dem Titel
  • Zahlungfristverlängerungzustimmung.
  • Damit wird die Frist zur Zahlung des Zwangsgeldes bis zu einer gerichtlichen Entscheidung über einen der von unserem Rechtsanwalt gestellten Eilanträge verlängert. Vielen Dank!
  • In dem Behördenschreiben wird dieser Blog hier zitiert, nämlich mein Bericht über die Entscheidung der Kinder, auch nicht mehr zu einzelnen Schulstunden zu gehen, "wenn es sowieso nichts gegen das Zwangsgeld nützt". Der Kommentar der Behörde hierzu lautet:
    "Als ob solche Entscheidungen von Kindern in diesem Alter unbeeinflusst getroffen werden oder unbeeinflussbar wären."
    Letztlich ergibt sich aus dem Vorwurf, Kinder wären doch nicht in der Lage, unbeeinflusst die Entscheidung zu treffen, ob sie zur Schule gehen wollen oder nicht, die Fragestellung: Können Kinder gar nicht wissen was gut für sie ist? Das ist (in manchen Kulturen bis heute) auch schon von Barbaren, Frauen, von Menschen anderer Rasse usw., behauptet worden - von der Sklaverei bis zu den Frauen in Saudi-Arabien, die bis heute nicht ohne männliche Begleitung das Haus verlassen dürfen (dient natürlich nur zu ihrem Schutz). Im entsprechenden Zeitalter/Kulturkreis waren/sind jeweils die weit überwiegende Mehrheit der Bürger - und selbstverständlich alle Behörden - davon überzeugt, dass der eigene Wille der betreffenden Menschengruppe nicht zählt, weil sie die falsche Hautfarbe, das falsche Geschlecht oder eben das falsche Alter hat.
  • Wohlgemerkt: Wir schieben unseren Kindern nicht die Verantwortung zu. Wir sind ihre Vormünder, und wir sind es, die sich weigern, gegen unsere Wahrnehmung vom Wohl der Kinder, gegen unsere Überzeugung und gegen das Gesetz Zwang auszuüben, und das Zwangsgeld richtet sich ja auch gegen uns, nicht gegen unsere Kinder. Diese sind in den letzten zwei Jahren, wo sie sich weigern, zur Schule zu gehen, von der Behörde nicht ein einziges Mal selbst gehört worden.
  • Natürlich fehlt einem Kind von acht oder zehn Jahren ein Großteil des Überblicks, es kennt im Gegensatz zu seinen Eltern nicht die weltweiten Studien zum Erfolg des Homeschooling, es kennt nicht die Ergebnisse der Hirnforschung über Lernprozesse, die PISA-Misere etcpp. All dies wissen unsere Kinder nicht oder nur in dem Maße, wie sie etwas von uns aufgeschnappt haben. Aber sie wissen, und zwar besser als irgendjemand sonst, wie sie sich fühlen und wo sie sein wollen - und wo nicht.
  • Und das wüssten sie auch, wenn sie nicht einmal sprechen könnten, denn selbst bei Hühnern kann man mit einer einfachen Versuchsanordnung herausfinden, was sie gerne möchten und wo sie sich wohlfühlen: Man bietet ihnen verschiedene Alternativen (Käfig mit Futter, Wiese ohne Futter, Käfig ohne Futter, Freiplatz mit Futter und Sand und so weiter). Wenn Hühner mit den Füßen entscheiden dürfen, wo sie sich aufhalten, treffen sie eine bestimmte Wahl, die ganz eindeutig ihren artgemäßen Vorlieben entspricht. (Ich schreib jetzt hier nicht, wofür sich Hühner entscheiden, damit nicht noch jemand behauptet, ich würde unsere Kinder mit freilaufenden Hühnern vergleichen. Die Freilandhaltung soll ja jetzt auch sowieso verboten werden, zum Schutz der Hühner vor diesen grässlichen Viren, die seit Jahrtausenden auf allen Streuobstwiesen lauern.)
  • Auf dieser Ebene jedenfalls treffen unsere Kinder ebenfalls immer wieder ihr Votum, und unsere Aufgabe soll es nun nach Auffassung der Bildungsbehörde sein, sie mit "Nachdruck" von ihrer Wahl abzubringen.
  • Damit sind wir bei der Frage: Wie genau sollen wir unsere Kinder zwingen?
  • · Sollen wir sie, nachdem wir sie persönlich zur Schule gebracht haben (was bereits mehr ist, als viele andere Eltern leisten), im Klassenzimmer festhalten? Wie genau? Sollen wir sie am Stuhl festbinden? Sollen wir die Ausgänge der Schule bewachen? Wie lange? Wer ersetzt uns den Verdienstausfall? Ist das überhaupt erlaubt, wo es doch eindeutig die Anwendung körperlicher Gewalt in der Erziehung darstellt (und zwar jeden Schultag, 12 Schulpflichtjahre lang?!)
  • · Sollen wir unsere Kinder bedrohen? Womit genau? Körperliche und seelische Gewalt in der Erziehung ist seit 2000 in Deutschland nicht mehr erlaubt (§ 1631(2) BGB, „Recht auf gewaltfreie Erziehung“).
  • · Sollen wir unsere Kinder überzeugen? Gern, fragt sich nur: WIE?
    Wir sind aus Gewissensgründen nicht bereit, unsere Kinder anzulügen, indem wir ihnen versichern, sie könnten nur in der Schule zu gesunden, leistungsfähigen, sozial kompetenten Menschen heranwachsen. Millionen Kinder in aller Welt beweisen seit vielen Jahren statistisch hoch signifikant das Gegenteil – wie unsere Kinder auch.
  • Vor diesem Hintergrund fällt mir auf: Wieso sollen eigentlich die Rechte der Kinder jetzt eigens ins Grundgesetz aufgenommen werden? Sind die Menschenrechte nicht sowieso Teil des Grundgesetzes? Sind Kinder keine Menschen? Werden dann irgendwann auch die Rechte alter Menschen extra definiert? Die Rechte Behinderter?
  • Aber gut, das versteh ich als Frau jetzt vielleicht nicht so...