Samstag, 17. November 2007

So war unsere Woche

Kontenpfändung hin oder her, unser Leben geht ja weiter, und das Lernen der Kinder auch. Wir haben die Mahlzeiten inzwischen zur politikfreien Zone erklärt. Zwar schaffen wir es nicht hundertprozentig, aber meistens reden wir dann lieber über Fußball oder andere kinderrelevante Themen, als aus den neuesten Artikeln über uns zu zitieren oder weitere rechtliche Möglichkeiten zu diskutieren.
Moritz und Thomas genießen, dass nach den Herbstferien endlich wieder Schulzeit ist, denn das bedeutet: Juchhuh, Fußballtraining, Posaunenunterricht, Zeichenkurs, Gitarrenunterricht, Kinderchor, niemand ist verreist, und vormittags sind die Indoor-Spielplätze schön leer! Denn im Garten darf im Winter nicht mehr gebolzt werden, damit der Rasen erhalten bleibt. Da das Trampolin auch feucht und blättrig ist und die Beiden nicht so die Fahrradfans sind, hatte ich bei Ebay nach einer Tischtennisplatte Ausschau halten wollen, aber unsere Liquidität ist ja derzeit nahe Null.

Gestern nachmittag fiel mir die tolle neue Tischtennisplatte unserer Nachbarn ein, die jetzt im Winter ungenutzt und abgedeckt herumsteht. Ich trabte hinüber und schlug das Projekt "Ressourcensharing" vor - kurz darauf schoben Tilman und ich das Monstrum über die holperige Straße, während Moritz eifrig die überdachte, leergeräumte Terrasse fegte und Thomas erklärte, er werde sowieso nie Tischtennis spielen und brauche daher nicht zu helfen.
Jetzt haben wir also einen wind- und regengeschützten, lichten, beleuchtbaren Tischtennis-"Freiraum", den auch die Nachbarn benutzen können. Das Tollste: "Man schwitzt nicht, Mama, weil es so kalt ist!" ;-) , und erst Anfang Februar wollen die Nachbarn die Leihgabe zurückhaben. Natürlich will Thomas jetzt doch Tischtennis spielen lernen, und wir haben schon ordentlich gefetzt, auch mit Nachbars und Oma.
Heute Vormittag war Generalprobe für unser Blockflötenensemble-Konzert nächste Woche, wo ich Bass spiele. Tilman ist große Teile des Wochenendes zur Chorprobe (nächste Woche Verdi-Requiem mit dem Bremer Domchor), im Dezember folgen etliche kleine Flötentermine sowie Weihnachtsoratorium und eine Gesangsprojektwoche des Alsfelder-Vokalensembles mit zwei Konzerten, wo wir beide mitsingen wollen. Insofern sind wir sehr erleichtert, dass die Sprecherin der Bildungssenatorin in der Zeitung verkündet hat, man wolle keine Märtyrer schaffen und von Erzwingungshaft absehen, denn all diese Konzerte samt dazugehöriger Proben zu verpassen wäre wirklich ein großes Leid für uns gewesen. Musikmachen hält uns im Gleichgewicht und in der Freude in diesem anstrengenden Abenteuer.
Sehr bewegend sind all die Anrufe und Emails von Freunden, Verwandten, Freilernern und "Wildfremden", die uns ihre Solidarität und Hilfsbereitschaft bekunden. Das Netzwerk Bildungsfreiheit hat sogar eine Sonderseite für uns eingerichtet, auf der die wichtigsten Dokumente veröffentlicht sind.

Wir müssen uns am Montag unbedingt erkundigen, ob wir eigentlich Einladungen zum Essen annehmen dürfen, ohne dass sich dies nachteilig für den "Antrag auf Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts nach dem zweiten Buch Sozialgesetzbuch" auswirkt. Noch haben wir Vorräte im Keller, um uns und unsere Kinder vorbildlich zu versorgen, aber ewig reicht das natürlich nicht, und die Stromrechnung, Winterschuhe und Benzin lassen sich so auch nicht bezahlen.
Das Dilemma dabei ist offenbar: Wenn wir verhungert sind, bis wir das Geld, das jetzt von unseren Geschäftskonten, sowie es eingeht, gepfändet werden soll, in Form von Sozialhilfe zurückerhalten, haben wir nichts mehr von der "Hilfe zum Lebensunterhalt" (und uns könnte am Ende gar das Sorgerecht entzogen werden, weil wir ja unsere Kinder nicht versorgen können). Wenn wir bis dahin nicht verhungert sind, könnten die Behörden daraus schließen, dass wir ja offenbar keine Hilfe zum Lebensunterhalt benötigen, denn sonst wären wir ja verhungert...
Aber solche Überlegungen, wie gesagt, halten wir von unseren Mahlzeiten fern. Gerade sind die Kinder mit ihrem Freund und dessen Eltern auf einem Schulbasar, da gibt' s ja meist leckerste Sachen. Das Projekt "Moritz lernt kochen" befindet sich gerade in der Phase "Moritz lernt Plätzchen backen", er fiebert dem ersten Termin entgegen.
Gestern abend fragte Moritz, ob es nicht eigentlich was Peinliches sei, wenn die Konten gepfändet werden und man ins Gefängnis muss. Ich erklärte ihm, dass dies schon peinlich ist, wenn es daran liegt, dass man mit seinem Geld nicht gut gewirtschaftet oder etwas Schlimmes getan hat. Aber wenn der Grund so ist wie bei uns, weil wir uns für die Rechte unserer Kinder einsetzen, ist es gar nicht peinlich, und deswegen würden bei uns all die Leute anrufen und uns ermutigen. Das leuchtete ihm sehr ein.