Donnerstag, 22. November 2007

Freies Lernen

Heute war herrliches Wetter, und ich bin mit Moritz und Thomas auf dem Weserdeich Inliner gefahren. Moritz raste vorneweg, Thomas mit weitem Abstand hinterher (Sport), und ich fuhr immer mal zwischen den beiden hin und her und kam so tempomäßig auch auf meine Kosten. Und - ich hatte, wenn ich mit Thomas fuhr, Gelegenheit, ihm zuzuhören, ohne dass der große Bruder dazwischenredete. "Hier haben wir doch letztes Mal den Kranich gesehen, nä?"(Biologie) - "Mhm." - "Mama, Moritz hätte jetzt wieder gesagt, 'das heißt nicht nä, das heißt gell!' Aber wir sind doch jetzt in Norddeutschland, und da heißt es nä und Brötchen und nicht gell und Semmel." - "Mhm." - Pause. - "Mama, weißt du. wie 'nä' entstanden ist?" - "Mhm?" - "Also: Zuerst hieß es 'Nicht wahr'. Dann wurde daraus 'Nicht?', dann 'nich', dann 'näch' und dann 'nä' - ist doch logisch, oder?" (Deutsch) Ich war fasziniert, was für linguistische, 'dialektologische' Überlegungen Thomas so für sich angestellt hat - und wie viel ich davon nicht mitkriege, weil ich mir nicht oft genug die Zeit nehme, ihm ganz allein intensiv zuzuhören.

Dann sahen wir noch einen riesigen Pott auf der Weser fahren, überlegten, sprachen über die Containerladung und das Prinzip (Arbeitskunde), überlegten, wo er hinfuhr (Erdkunde), beobachteten die merkwürdigen Bugwellen (Physik), sprachen darüber, wieso er eine libanesische Flagge trug (Wirtschaft, Politik) und wieso jetzt nur noch so selten Schiffe hier fahren (Heimatkunde, Geschichte). Pause machten wir auf der Bank an einer Wasserfläche, die "Große Brake" heißt. Ein Schild erklärt, dass hier 1572 oder so der Deich brach (Geschichte, Physik) und ein Dorf bis auf ein einziges Haus mit sich fortriss. Vorher waren uns schon die unzähligen Mäuselöcher und Maulwurfshügel im Deich aufgefallen, wir hatten kurz besprochen, warum die so gefährlich für den Deich sind (Biologie, Erdkunde, Physik). Als wir zurückfuhren, merkten wir, dass wir jetzt Rückenwind hatten und uns das wie Windstillstand vorkam (Physik, Biologie) , und so könnte ich den ganzen Tag weiter beschreiben und immer die Schulfächer dahintersetzen. Lauter winzige kleine Puzzlestücke, die aber gemeinsam einen Sinn ergeben, mit konkreten, emotional belegten Erinnerungen verbunden sind und daher abrufbar bleiben und sich zu einem sinnvollen Ganzen vernetzen.
Thomas findet, er lernt nie was, er weiß eigentlich gar nicht, was Lernen ist. Genau. Sein Lernen ist für ihn selbst unsichtbar, und es ist mühelos, auch wenn er ein intensiver, fleißiger, ausdauernder Arbeiter ist. Muss Lernen wehtun?