Montag, 10. Dezember 2007

Beugen statt brechen

  • So macht es ja die Natur - Gräser wie Bäume geben dem Wind nach, ohne ihren Standpunkt zu verlassen, und vermeiden so, sich brechen zu lassen. Angesichts von 7500 Euro Zwangsgeld plus der massiven Drohungen mit weiteren Zwangsmaßnahmen verbringen unsere Kinder den heutigen Tag in der Schule.
  • Wohlmeinende Freunde schrieben uns zwar, wir sollten doch durchhalten, denn "jetzt vor Weihnachten" würden die Behörden doch sowas Unweihnachtliches wie Erzwingungshaft, polizeiliche Zuführung, Sorgerechtseinschränkung oder "Fremdplatzierung" nicht machen. Dazu kann ich nur sagen: Welcher Zeitpunkt ist für solche Sachen geeigneter als eine Zeit, in der fast alle Leute damit beschäftigt sind, Geschenke zu kaufen und sich in gemütliche Stimmung zu bringen? Wer will diese Feststimmung mit hässlichen Berichten über hässliche Dinge stören? Man betrachte nur mal, welche Gesetze während der Fußballweltmeisterschaft im letzten Sommer still und leise verabschiedet wurden, während das ganze Land in fröhlicher Feierlaune war. Und warum ist die parlamentarische Lesung und Debatte zur Änderung des Gentechnikgesetzes neulich auf die Zeit zwischen 3 und 4 Uhr morgens gelegt worden? Sicher nicht, weil diese Gesetzesänderung doch niemanden interessiert!
  • Heute morgen war Moritz extrem unleidlich, giftig und aggressiv. Zuerst sagte ich ihm: "Du brauchst jetzt nicht auf diese Weise deutlich zu machen, dass du nicht zur Schule willst, das wissen wir, und wir vergessen es auch nicht, wenn du jetzt gelassen damit umgehst." Als es dann nicht besser wurde, sagte ich: "Darf ich dich daran erinnern, dass diejenige, die du jetzt so angiftest, sich seit zwei Jahren mit erheblichem Aufwand dafür einsetzt, dass du nicht zur Schule musst? Falsche Adresse!" Moritz grinste und sagte "War nur'n Test, Mama, zum Üben für gleich, wenn die mich wieder alle anmucken!" und hörte auf zu giften.
  • Thomas weinte nochmal bitterlich, als ihm klar wurde, dass heute Schulschwimmen ist - "Da müssen wir immer so lange anstehen und warten und dürfen nur ins kalte Becken, und dann friere ich so furchtbar!". Eigentlich sind beide Kinder Wasserratten und trainieren seit Monaten für das jeweils höhere Schwimmabzeichen und springen wie die Weltmeister, gestern waren sie gerade mit Papa schwimmen , privat können sich die beiden dünnen Heringe allerdings immer wieder zwischendrin im warmen Solebecken aufwärmen und müssen nur warten, wenn sie für die Rutschen anstehen.
  • Unterwegs - es regnete und war stockfinster, und ich erlaubte mir den Luxus, sie hinzufahren, zumal die Radwege unterwegs in einem grauenvollen, lebensgefährlichen Zustand sind oder ganz fehlen - lachten sie darüber, dass sie heute wieder würden aussuchen dürfen, mit wem sie sich in Zweierreihe aufstellen, um zum Mittagessen zu gehen ("Mama, das sind gerade mal 50 Meter und IN einem Gebäude!").
  • Sag noch einer, unsere Kinder haben keine Wahl. Sie dürfen doch wählen, mit wem sie sich in Zweierreihen aufstellen! Gehört vermutlich zur Erziehung in Demokratie. Nein nein, ich weiß schon und verstehe auch, dass es eine Maßnahme ist, um den Lärmpegel erträglich zu halten. Demokratie lernen sie wann anders. Wann und wie? Naja. Mehr theoretisch halt, in Gemeinschaftskunde, und natürlich noch nicht in der Grundschule. Warum nur fällt mir dabei "Harry Potter und der Orden des Phönix" ein, wo "Verteidigung gegen die dunklen Künste" auch nur theoretisch gelehrt werden darf, weil ja eine reale Bedrohung (angeblich) nicht existiert?
  • In unserem Teenager-Befreiungs-Handbuch, das in wenigen Tagen endlich in Druck gehen wird (man kommt ja zu nichts!), gibt es einen herrlichen Satz: "Ich ging zur Freien Schule XY. Mag ja sein, dass die Schule frei war, aber ich war jedenfalls drin eingesperrt." Die vielen bewegenden Schilderungen aus dem Alltag von Hunderten von Home- und Unschoolern in diesem Buch haben uns in den vergangenen Wochen unglaublich gestärkt, insofern war es genau richtig, dass wir es gerade jetzt zum Druck vorbereiten mussten.