Donnerstag, 20. Dezember 2007

Vorletzter Schultag

  • Moritz hat wieder seinen Husten und seinen Stirnhöhlen-Dauerschmerz - es ist wie eine Erinnerung, ich hatte schon ganz vergessen gehabt, dass er früher, als er noch zur Schule ging, fast durchgängig gehustet hat. Er sieht bleich und elend aus. Gestern erzählte er Thomas von den tollen Witzen, die in der Schule auf seine Kosten gemacht werden: "Was macht ein Schulschwänzer zwischen lauter Kackwürsten im Klo? Er verteidigt sein Vaterland. - Was macht ein Schulschwänzer in der Kanalisation? Er sucht seine Freunde. - Was ist ein Schulschwänzer auf der Rutsche? Flitzkacke." Es ist wie im Lehrbuch zu sehen, dass er die Wahl hat, sich sein offenes Herz zu bewahren und unterzugehen oder "zuzumachen", ebenso cool zu werden. Natürlich könnte er diese Anpassungsleistung vollbringen, aber er will gar nicht so werden, es quält ihn, sich auf dieses Niveau zu begeben.
  • Dafür wollte Thomas gestern morgen nichts trinken. "Ich will da nicht aufs Klo gehen müssen!" Wieso nicht, was ist denn? "Wegen meiner langen Haare sagen sie, ich muss aufs Mädchenklo und darf bei ihnen nicht rein." Schon vor einigen Tagen wollte er SOFORT zum Friseur, um sich die Haare abschneiden zu lassen. "Mama, ich kann es nicht mehr ertragen, ständig meckern sie an meinen Haaren rum!" Sie sind die anderen Kinder. Komisch, auf der Waldorfschule gibt es mehrere Kinder mit langen Haaren, das sind wohl schulindividuelle Moden. Der jeweilige Anpassungsdruck scheint immens zu sein. Allerdings war das am Sonntag, und am Montag hatte Thomas sich schon überlegt, dass ja bald Weihnachten ist und er das jetzt noch durchhält.
  • Heute morgen erzählte Moritz mir, er habe scheußlich geträumt: "Ich ging durch die Stadt und verlor erst meine Jacke, dann meine Mütze, meine Handschuhe, sogar meine Schuhe. Dann lief ich da barfuß durch die Kälte und musste immer im Slalom den Kotze-Pfützen der anderen Leute ausweichen."
  • Abends, wenn wir den Tag besprechen ("Was war heute blöd? Was war schön? Schlecht gelungen? Gut gelungen? Und morgen?"), beklagen beide Kinder 1) die Brutalität der anderen Kinder 2) die Langeweile und 3) dass sie zu Hause nur noch so wenig Zeit haben. Thomas hat in den ersten zwei drei Tagen noch versucht, abends schnell ein bisschen an seinem aktuellen Comic weiterzumalen, aber inzwischen malt er nicht mehr - "Mama, in dem bisschen Zeit bis zum Abendbrot fällt mir nichts ein." Moritz berichtete, er habe in der Schule heimlich gelesen, drei Kapitel Tintenblut, nachdem er seine Englischvokabeln abgeschrieben hatte. Und die Deutscharbeit habe er wohl versägt, weil er von den grammatikalischen Bezeichnungen wie Komparativ und Superlativ und so weiter viele nicht kannte.
  • Beide Kinder sind ziemlich gereizt und aggressiv, auch untereinander. Offenbar müssen sie diese ganzen Äußerungen irgendwie loswerden und das eben auch mal alles sagen, in dem Tonfall und mit dem Ellenbogen dazu, besonders Moritz, der wohl mehr zu ertragen hat oder weniger Gelassenheit aufbringt. Meist kommt beim Abendbrot ein Punkt, wo einer von uns sagt: "Hallo, Schalter umlegen! Wir gehen hier anders miteinander um!"
  • Neulich sagte Thomas so nebenbei ohne besonderen Anlass zu mir: "Ey Alte, ich knall dich ab!" Ich schaute verblüfft, und er schaute auch ganz verwundert, was ihm da so aus dem Mund gefahren war. Dann lächelte er entschuldigend und sagte: "Ähm, Mama, weißt du, in der Schule muss man so sein. Wenn jetzt Ferien sind, sag ich sowas noch ein oder zwei Tage aus Versehen und dann nicht mehr."
  • Beide Kinder nehmen nach wie vor ihre Tischtennisschläger und einen Ball mit und treffen sich in den Pausen, um miteinander Tischtennis zu spielen, umlagert von vielen anderen Kindern, die auch spielen wollen, aber keine Schläger und Bälle haben. Anfangs haben Moritz und Thomas den Bitten nachgegeben und die anderen spielen lassen, mussten aber feststellen, dass sie dann überhaupt nicht mehr selber spielen können, weil sie die Schläger erst zurückkriegen, wenn die Pause um ist. Wie sie es jetzt machen, weiß ich gar nicht.
  • Insgesamt ist der Lerneffekt sehr hoch, nur, ebenfalls wie im Lehrbuch, die Lehrer spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Der eigentliche Stoff hat mit Englisch, Deutsch, Mathe etc. nichts zu tun und wird von den Mitschülern vermittelt. Er lautet: "Du musst so sein wie die anderen, darfst nicht auffallen. Das Leben ist hart und brutal, was du denkst und fühlst, versteck lieber. Sei cool, sonst wirst du fertiggemacht."
  • Und das ist eine Modellschule, die uns von Anfang an durch die besonders freundliche Atmosphäre aufgefallen ist, bei der Kinder, die uns im Flur begegnen, freundlich-interessiert grüßen und bei der vieles viel besser läuft als anderswo. Ich vermute, dass Erwachsene nur einen winzigen Bruchteil dessen mitbekommen, was sich unter Schülern abspielt. Unter den Schülern, sowie sie unter sich sind, etabliert sich der kleinste gemeinsame Nenner dessen, was viele Kinder offenbar zu Hause gelernt haben: Beschimpfungen, Drohungen und körperliche Gewalt.