Dienstag, 29. Januar 2008

Erster Tag auf La Palma

Gestern mittag flogen wir mit einer kleinen Propellermaschine von Gran Canaria nach La Palma. Es dauerte 45 Minuten, und wir konnten die ganze Zeit wunderbar aus dem Fenster schauen und die Kanarischen Inseln bewundern, weil das Flugzeug nicht so hoch flog. Auch das oekologische Gewissen schlug etwas weniger heftig als bei einem Duesenjet. Wir hatten unser ganzes Gepaeck dabei, inklusive Playmobil, Gitarre und Posaune, denn wir wissen nicht, ob wir in naechster Zeit nochmal nach Gran Canaria zurueckkehren.

Nach der Ankunft auf La Palma (warm, ruhig, klein, vertraeumt, fast ein Drittel Deutsche, grandiose Landschaft) suchte Tilman zunaechst den alten Toyota-Allradantrieb-Wagen, der hier fuer uns bereitstehen sollte. Er fand ihn auf einem Parkplatz, der schon wegen Umbau abgesperrt war und ein Zettel an der Scheibe bat dringend um Entfernung des Wagens, der sonst abgeschleppt wuerde - wie gut, dass wir gerade kamen! Tilman schaffte es tatsaechlich nach einiger Zeit, dass der Wagen ansprang, und wir bejubelten unser Gefaehrt, das schon ueber 300.000 km auf dem Buckel hat und eher wie ein Traktor klingt als wie ein Auto.

Es folgte eine beeindruckende Fahrt nach Los Llanos im Westen der Insel durch die wunderbare Landschaft mit schroffen Bergmassiven, saftigen Terrassen mit Bananenplantagen, ueberall bluehen die Mandelbaeume, es ist wirklich wunderschoen hier.
Als wir ueber den Pass kamen, begannen die Kinder vor Begeisterung laut zu singen, und wir brachten ein kraeftiges Hoch auf Frau Senatorin Juergens-Pieper und die Bildungsbehoerde aus, die durch ihren extremen Druck dafuer gesorgt hat, dass wir dieses wunderbare Freilern-Intensivtraining hier erleben. Das heisst natuerlich, nicht, dass wir hier bleiben wollen, aber als Homeschool-Exkursion, bis die Bildungsfreiheit Deutschland erreicht hat, ist unsere Reise bisher einfach grossartig. Auch ich hatte noch nie so richtig von nahem Bananenblueten und Fruchstaende gesehen (siehe ein erstes Fotoalbum) im Gestern abend gingen wir dann zur Feier dieser neuen Reise-Etappe im "Hidalgo" essen - vorzuegliche Kueche, deutsche Inhaber. Vorher kauften wir Sandalen fuer Thomas - deutsche Inhaberin. Jeder zweite Laden, den wir betraten, wurde von Deutschen gefuehrt, Deutsch ist hier noch vor Englisch zweite Hauptsprache, davon hatten wir keine Ahnung. Trotzdem wird unser Spanisch taeglich besser.

Fuer zwei Naechte sind wir jetzt hier im Hotel Eden im 4. Stock ueber der Stadt, um erstmal Organisatorisches zu regeln, bevor wir in die Berge ziehen. Heute haben wir zusammen mit den Nachbarn unseres Freundes "unsere" Finca angeschaut. Ein geradezu traumhaft schoener Ort, siehe Fotos, voellig abgelegen in den Bergen, im Nationalpark von La Palma, den wir auf den zahlreichen Wanderwegen erkunden werden. Dort ist einiges zu tun, Moebel fehlen weitgehend, und zu allem Ueberfluss leben dort 10 (zehn!) Hunde unklarer Herkunft, und eine Katze, die derzeit von einem etwas dubiosen Herrn gefuettert werden, der hier auch mal gewohnt hat und wohl auch mit dem Verschwinden der Moebel in Zusammenhang steht. 6 dieser Hunde sind niedliche Welpen, vor einer Woche geboren. Was tun?

Wir versuchen jetzt ueber den Tierschutzverein eine Bleibe fuer die Tiere zu finden, denn weder wir noch der eigentliche Besitzer der Finca will/wollen den Ort mit zehn (Tendenz steigend...) Hunden teilen. Das wird nicht so einfach, aber wir haben das Gefuehl, auf diese Weise das grosszuegige Wohnrecht ein bisschen zu rechtfertigen. Die Kinder waren natuerlich fasziniert von den Welpen, aber auch sie sahen ein, dass 10 Hunde, die sich weiter vermehren, einfach nicht das Richtige sind. Man merkt dem Grundstueck ihre Aktivitaeten und ihre Verdauungstaetigkeit auch durchaus an. Zunaechst haben wir dem erwaehnten dubiosen Herrn, der zufaellig gerade zum Fuettern der Hunde da war, geholfen, die Welpen in einem Nebengebaeude unterzubringen, damit die Mutter sich nicht von uns bedroht fuehlt. Diese Hunde sind ganz anders als wir es aus Deutschland kennen, sehr aengstlich und scheu, trotzdem wollen wir es nicht darauf ankommen lassen.

In den naechsten Tagen werden wir gruendlich saubermachen und pruefen, ob diese Finca als laengerfristiger Wohnort fuer uns in Frage kommt, ggf. die notwendigsten Moebel kaufen, PC-Anschluss herstellen - und auf Wunsch des Besitzers die Schloesser austauschen. Die Kinder strahlen und freuen sich schon darauf, das riesige, wunderschoene Gelaende zu erkunden, sogar einen alten Brunnen gibt es, und das Wasser hier auf La Palma ist koestlich und trinkbar, waehrend wir auf Gran Canaria auf grosse 5l-Kanister mit Trinkwasser angewiesen waren. Die Flora hier ist wieder nochmal ganz anders als auf gran Canaria, es ist viel feuchter und gruener alles, herrliche Pinienwaelder, Weihnachtsstern-Straeucher und vor allem immer wieder, besonders in den Ortschaften, riesige Benjaminien. Jetzt sehen wir erst, was die Zimmer-Benjaminienbaeumchen, die wir so kennen, fuer armselige, verhungerte Gesellen sind, denn eigentlich sind das riesige, unglaublich dicht belaubte Baeume, die direkt ins Auenland zu gehoeren scheinen. Ich werde mal versuchen, einen zu fotografieren.

Tja, ist das jetzt Homeschooling? Die Kinder lernen und erfahren sehr viel und sind voller Begeisterung, aber es geschieht ja nichts so richtig extra nur damit sie was lernen, es ist mehr das pralle Leben selbst. Moritz wollte heute nicht mit ins Internetcafe zum Blogschreiben, er sitzt mit Thomas und Tilman im Hotel und schaut Werder Bremen gegen aehm da hab ich wohl nicht so zugehoert. Vorher wollte er nach dem aufregenden Tag mit Finca-anschauen, Nachbarn kennenlernen, auf dem Rueckweg noch Baden usw. erstmal ein bisschen in Ruhe lesen. Er verschlingt gerade "Das Bernstein-Teleskop" von Phillip Pullman.

Die schwaebischen Nachbarn, bei denen wir auch die naechsten Tage wohnen werden, sind schon seit 23 Jahren auf La Palma. Ihre Kinder sind hier aufgewachsen (die Grundschule umfasste 12 Kinder, ohne Strom und Heizung) und studieren heute in Las Palmas auf Gran Canaria.

Montag, 28. Januar 2008

Moritz legt los

  • Moritz hat gestern seinen eigenen Blog gestartet, httpw://www.strupel.blogspot.com/ . Viel steht wohl noch nicht drin, aber er wartet gespannt auf erste Kommentare. Auch im Clonlara-Forum für Jugendliche hat er sich zu Wort gemeldet.
  • Insgesamt macht er gerade einen Selbstständigkeits-Schub durch. Er liest intensiv die Zeitung und hat ein überraschendes Allgemeinwissen, gestern erklärte er zum Beispiel Thomas völlig korrekt, was und wo der Gazastreifen ist und wie er entstand, wir können nur vermuten, woher er das weiß. Thomas wiederum interessiert sich noch gar nicht besonders für derlei Dinge, sondern ist weiter intensiv mit dem Zeichnen und Schreiben seiner Comics beschäftigt. Ich bin gespannt, wann darin zum ersten Mal das Thema Surfen auftaucht, im Moment scheint er gerade den Inhalt von "Herr der Ringe" plus Donald Duck zu verarbeiten. Es dauert offenbar immer etliche Wochen oder gar Monate, in denen intensive Eindrücke verarbeitet werden, bis sie dann im Spiel/Arbeit auftauchen. Eine Kinderheimmitarbeiterin hat mir mal gesagt, bei ihren Kindern seien es zuverlässig 6 Wochen.
  • Neulich beim Surfen stöhnte Thomas plötzlich: "Au, Mama, das Surfbrett hat mich genau im Digitalbereich getroffen!" Ich muss jetzt noch lachen, wo ich es aufschreibe. Unsere Spanischkenntnisse wachsen stetig, wir verstehen schon viel. Gleich gehts zum Flughafen Richtung La Palma, wo unsere nächste Unterkunft auf uns wartet.

Donnerstag, 24. Januar 2008

Bilder vom Surfen

https://fotoalbum.web.de/gast/bildungsfreiheit/Gran_Canaria_Woche_2-3

Hier finden sich jetzt ein paar Bilder aus dem Botanischen Garten und vom Surfen.

Mittwoch, 23. Januar 2008

Neue Entdeckungen

  • Am Sonntag haben wir wie geplant einen weiteren Teil des riesigen botanischen Gartens erkundet. Besonders beeindruckend: Der Kakteenbereich. Mit Hilfe des genialen kleinen Berlitz-Sprachcomputers, den Tilman von einem seiner Brüder geliehen bekam, konnten wir sogar kniffelige Schilder übersetzen ("Pflanzen sind nicht abgestorben - nur in einer Ruhephase"). Moritz gab das Ding gar nicht mehr aus der Hand und tippte unentwegt Vokabeln ein - es übersetzt aus neun Sprachen in neun Sprachen, und ich genieße es, beim Einkaufen nach allem (jedenfalls allem, was der Berlitz kennt) fragen zu können. Gestern habe ich im Bioladen zum ersten Mal auf Anhieb die Summe verstanden, die ich bezahlen sollte, ich war ganz stolz, und der Verkäufer strahlte auch.
  • Am Montag gab es noch eine Neuentdeckung: Als wir hier ankamen, bewunderten wir gleich die Surfer, die entweder auf dem Body Board liegend oder elegant im Stehen auf den Wellen dahinglitten - ist ja wie im Film! Es hat etliche Tage gedauert, bis uns dämmerte, dass diese Leute gar nicht alle hier geborene oder "residente" Spezialisten sind, und dann noch mal ein bisschen, bis es klick machte: Das können wir doch auch probieren!
  • Am Montag nachmittag hatte ich dann (Tilman war in der Wohnung geblieben) um 17 Uhr endlich herausgefunden, wo wir uns für ein ziemliches Mördergeld sowohl die Surfbretter als auch die Neoprenanzüge (wir haben Januar...) leihen können. Nachdem wir zum Gelächter der Vermieter erstmal alle drei (in getrennten Kabinen) die Anzüge verkehrtherum angewürgt hatten (Der Reißverschluss gehört nach hinten!), stürzten wir uns dann mit Begeisterung mit den kurzen Body Boards in die Brandung. Und siehe da, auch wir konnten das! Wir haben zwar ziemlich viel Wasser geschluckt und sind ordentlich durchgewirbelt worden, aber jeder von uns hat es ein paar Mal geschafft, genau im richtigen Moment die Welle zu erwischen und dann mit Affenzahn auf der Welle und dann der Gischt auf den Strand zuzurasen. Das ist ein Gefühl, wo man nur noch jauchzen kann, Seligkeit pur. Wir blieben dank Neopren bis 17.55 im Wasser, um 18 Uhr schloss die Surfschule.
  • Abends schlichen wir drei Surfer dann völlig erledigt früh ins Bett. Thomas hatte noch behauptet, Surfen sei gar nicht anstrengend, denn man würde doch gar nichts tun, sich nur tragen lassen, aber dass wir ständig gegen die Brandung durchs Wasser wieder zur richtigen Zone stapfen und uns beim Gleiten gut festklammern und balancieren mussten, hatte doch - gefühlt - sämtliche Muskeln beansprucht, außerdem hatten zumindest die Kinder trotz Neopren hinterher ordentlich geschlottert. Der feste Vorsatz, uns morgen einen halben oder vielleicht sogar ganzen Tag zu leisten, wurde dann nicht umgesetzt - gestern war es den ganzen Tag bedeckt und vergleichsweise kühl.

Sonntag, 20. Januar 2008

Samstag




Gestern trafen wir uns am Strand mit dem 11jährigen Robert, der nach der stern-tv-Sendung mit uns Kontakt aufgenommen hatte, und seiner Mutter. Da Robert um diese Jahreszeit nicht ins Wasser geht (viel zu kalt für kanarische Verhältnisse ;-)), wurde gleich heftig am Strand Fußball gespielt. Nach ein paar Minuten gesellten sich noch zwei spanische Brüder hinzu - ich habe versucht, ein paar Fotos zu machen, aber man sieht nur winzige Kinder am riesigen Strand. Derweil erzählte uns die Mutter von ihrem Weg nach Gran Canaria, der, weil der Familienvater Hoteldirektor war, über viele Länder und Stationen führte. Die Kinder sprechen italienisch (Vater Italiener) und deutsch, natürlich jetzt auch spanisch, und da Robert die englische Schule besucht, selbstverständlich auch Englisch, sein großer Bruder macht gerade in Schottland Abitur oder etwas Adäquates. Ich kam mir ganz provinziell und spießig vor, weil wir uns solche Gedanken darum machen, was wir den Kindern mit einem eventuell (wenn die Bremer Bildungsbehörde kein Einsehen hat) längeren Auslandsaufenthalt zumuten. Alles gar nicht so schlimm, und Robert machte einen zufriedenen, ausgeglichenen Eindruck, unsere Kinder mochten ihn und er sie wohl auch. Er s-pricht die s-t-Laute im Deutschen getrennt aus (s-tolpert übern s-pitzen S-tein sozusagen), aber ansonsten ist sein Deutsch ganz prima. Wir werden die Familie demnächst mal besuchen, wenn wir den Süden Gran Canarias erkunden.




Wir gingen dann noch ein Eis essen (sorry, wenn das alles sehr nach Urlaub klingt, fühlt sich inzwischen auch mehr und mehr so an!), und abends stellte sich heraus, dass Robert Moritz wichtige Tipps für sein neues Städtebauspiel Sims-City gegeben hatte. (Moritz baut, wenn der PC frei ist, emsig seine Städte und lernt alles über Abwasserkanäle, Müllverbrennung und die Nachteile fossiler Energieversorgung). Wir steuerten dann noch mit Stimme und Flöten zu einem Festgottesdienst einer deutschen Gemeinde hier bei, Musizieren macht einfach immer und überall Spaß. Eine andere Chorsängerin kommt aus Bremen und ist mit einer gemeinsamen Bremer Bekannten befreundet. Sie machte uns auf das abendliche Festivalkonzert aufmerksam, und zum ersten Mal ließen wir die Kinder abends unbeaufsichtigt allein zu Hause - hier im Hochhaus weniger ein Problem als in einem freistehenden Einfamilienhaus - und gingen am Strand entlang ins Konzert. Es gibt hier einen architektonisch wunderschönen Konzertsaal direkt am Meer mit tollem Programm, und wir haben den Abend sehr genossen.




Roberts Mutter hat uns auch gesagt, an wen wir uns wenden können, um Posaunenmöglichkeiten für Moritz herauszufinden, und Robert bekommt Gitarrenunterricht, so dass Thomas auch problemlos anknüpfen könnte. Ein weiterer Mitsänger (viele Leute, die wir hier kennenlernen, sind oder waren Lehrer) hat uns herzlich eingeladen, ihn zu besuchen.




Wir entspannen uns so allmählich und lernen: Wir können überall leben und finden überall leicht Kontakt. Heute werden wir nochmal in den Botanischen Garten fahren, der hat uns so gut gefallen, und wir haben dort noch lange nicht alles gesehen.




Ach, und habe ich schon erzählt, dass unser neues Buch jetzt erschienen ist? Das Teenager Befreiungs Handbuch - es beantwortet übrigens auch viele hier anonym aufgeworfene Fragen zum Bildungs- und Berufsweg von Homeschoolern. Keine Sorge!

Donnerstag, 17. Januar 2008

Allmählich finden wir uns zurecht

Heute ist endlich das Rosetta-Programm gekommen- je 22 Lektionen für Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch, Portugiesisch und Russisch - da stünde unserer ausgedehnten Europareise nichts mehr im Wege. In all diesen Ländern ist Freilernen natürlich erlaubt. Ja, sogar in Russland (trotzdem werden wir uns dieses Land sparen). Wir haben uns gleich draufgestürzt, und als Moritz dann der Strandball aus dem Fenster im 15. Stock in den Innenhof fiel, konnten wir gleich den Pförtner perfekt anradebrechen mit "Una pelota es cayunda" ähm oder so ähnlich, er hats jedenfalls verstanden. Ansonsten haben wir heute unser Siedler-Spiel mit Städte-undRitter-Erweiterung aufgebaut und werden gleich noch eine Weile spielen, wir waren am Strand und haben Wellen, Sand und Bolzmöglichkeiten genossen (der Platz hier vor dem Hochhaus ist gepflastert und das tut schon sehr weh beim Hinfallen). Das war wieder typisch für den Mentalitätsunterschied Deutsch/Spanisch: Am Strand steht ein dickes Schild, dass Ballspielen verboten ist. Meine deutschen Kinder, mit denen wir auch hier in Spanien über keine rote Ampel gehen können (besonders Thomas ist da eisern, auch wenn weit und breit kein Auto in Sicht ist und um uns her die Spanier über die Straße strömen), kamen natürlich sofort ganz verzweifelt an: "Mama, wir können doch nicht Ball spielen, guck mal, das ist hier verboten!" Ich versuchte ihnen klarzumachen, dass dieses Verbot für eine ausgewachsene Ballmannschaft zu Spitzenzeiten gilt und nicht für zwei Kinder am völlig leeren Strand, und ich würde die Verantwortung übernehmen und die eventuelle Anmeckerei auch. Ihre Lust zum Bolzen siegte, sie spielten, und die ganze Zeit standen direkt bei dem Schild zwei spanische Polizisten und schauten gemütlich über die Szenerie. Niemand kam auf die Idee, das grundsätzliche Verbot in diesem Fall umzusetzen, weil es in diesem Fall einfach keinen Sinn ergab.

Später spielten sie andere Dinge - ich verstehe oft nicht, worum es genau geht, ich glaube, immer einer musste über ein großes Loch am Strand springen und der andere musste versuchen, ihn abzulenken. Unter großem Gelächter sprangen sie also abwechseln über dieses große tiefe Loch, fasziniert und bewundernd beobachtet von einem vierjährigen kleinen Mädchen. Das fand die beiden großen Jungs offenbar toll und versuchte, es ihnen nachzutun, indem es auch immer wieder laut kreischend mit Anlauf in das Loch sprang. Acht- und 11jährige Jungen interessieren sich aber nicht für kleine Mädchen, jedenfalls meine nicht, und die Kleine hätte insofern störend für sie sein können. Ich fand es elegant, wie sie mit der Situation umgingen - jedes Mal, wenn die Kleine Anlauf auf das Loch nahm, wechselten sie nahtlos in ein anderes Spiel (eine Art virtuellen Luft-Boxkampf), wenn sie wieder rausgekrabbelt war, sprangen sie weiter. Das ging mindestens achtmal so, nachdem ich von einem längeren Spaziergang dazugekommen war, ich weiß nicht, wie oft vorher.

Außerdem habe ich heute sehr sehr viele Emails gelesen, nach der Stern-tv-Sendung gestern. Ein 11jähriger Junge aus Gran Canaria hat sich gemeldet, wir haben uns für Samstag verabredet (er geht zur Schule und hat vorher keine Zeit).

Eine Email lautete: Hallo Familie Neubronner, wir sind froh, wenn Sie Deutschland verlassen. Ihre Kinder werden es Ihnen in 10 Jahren heimzahlen.
Absender waren eine Lehrerin und ihr ebenfalls akademisch tägiger Mann. Darauf musste ich einfach antworten!

Liebe Familie .... ,wenn unsere Kinder es uns in 10 Jahren so heimzahlen wie die Millionen Homeschooler weltweit, freuen wir uns sehr auf diesen Tag, denn was akademische Leistungen, berufliche Zufriedenheit, soziales Engagement und gewaltfreies Leben angeht, sind ehemalige Homesschooler weltweit dem Durchschnitt der Schüler hoch überlegen. Fast 90 % von 5000 Anfang-Zwanzig-Jährigen in den USA, deren Homeschool-Weg 15 Jahre lang wissenschaftlich begleitet wurde, sind ihren Eltern dankbar für diese Möglichkeit und möchten selbst ihre Kinder auch wieder frei lernen lassen. Sollten Sie an sachlichen Informationen interessiert sein, kann ich Ihnen gern Hinweise zu wissenschaftlichen Studien über die Entwicklung von freilernenden Kindern senden. (z.B. Studien von Ray in den USA und Prof. Paula Rothermel in GB) Wenn Sie sich dafür interessieren, wie Freies Lernen konkret aussieht, lesen Sie bitte "Das Teenager Befreiungs Handbuch" von Grace Llewellyn.Mit freundlichen Grüßen...

Ist doch wahr!

Montag, 14. Januar 2008

Erste Bilder - jetzt mit richtigem Link!

Unter http://fotoalbum.web.de/gast/bildungsfreiheit/Familie_Neubronner habe ich die ersten Bilder unserer Reise online gestellt. Immerhin habe ich inzwischen gelernt, die Tastatur umzustellen, und kann wieder Sz und Umlaute schreiben. Auch mit dem Bus bewegen wir uns täglich geübter. Die Kinder lernen fleißig Spanisch, indem sie jedes Ladenschild studieren, sich gegenseitig abfragen - dass alle Oberflächen auf dem Computer in Spanisch sind, ist da sehr förderlich, so merkt man sich schnell, dass cancelar Abbrechen heißt, inicio Start und Artrás zurück...

Sonntag, 13. Januar 2008

Endlich kann ich mich melden

  • Hallo, nach etlichen technischen Schwierigkeiten kann ich mich nun "aus dem Exil" wieder melden. Die Bezeichnungen Flucht, Exil und Verfolgung wollen mir nach wie vor nicht so recht ueber die Lippen, das klingt alles so dramatisch, und ich verbinde damit irgendwie was Anderes. Aber letztlich ist es so, wir werden durch drastische Massnahmen, die unsere Existenz und unsere Familie bedrohen, gezwungen, das Land zu verlassen, noch bevor eine endgueltige juristische Klaerung erfolgt ist. Die rechtliche Grundlage fuer all dies ist fraglich, denn es muesste kein Gesetz geaendert werden - die Behoerde koennte einfach uns - und nach entsprechender Einzelfallpruefung auch anderen - Familien eine Genehmigung erteilen. Dass unsere Kinder bildungsmaessig wie sozial gut versorgt sind, gesteht uns ja selbst die Bildungsbehoerde zu.
  • Aber in diese Diskussion will ich gar nicht unbedingt wieder einsteigen, das ist ja alles vielfach gesagt worden, saemtliche sachlichen und fachlichen Argumente liegen den Behoerden seit langem vor und sind im Internet abrufbar, z.B. unter www.netzwerk-bildungsfreiheit.de auf der Sonderseite fuer Neubronners unter Aktuelles als Dokumente zum Downloaden.
  • Stattdessen will ich lieber erzaehlen, wies uns hier so geht, leider auf einer spanischen Tastatur. (Erster Tipp an zukuenftige Exilanten: alle Software-Programme mitnehmen oder sich noch besser gleich einen Laptop goennen! Das war bei uns leider nicht drin.)
  • Wir sind jetzt seit Mittwoch hier. Las Palmas ist die Hauptstadt der Canaren, 400.000 Einwohner, und kein Touristenort, sondern eine spanische Grossstadt mit relativ hohem Anteil an hier ansaessigen Deutschen.

Wir wohnen im 15. Stock eines Hochhauses aus den 70er Jahren in einer Vierzimmerwohnung, die uns ein Freund zur Verfuegung gestellt hat. Bis vor kurzem hat seine Mutter hier gewohnt, sie ist im letzten Herbst verstorben. Daher ist die Wohnung voll moebliert, und in den Schraenken sind noch hie und da Habseligkeiten der alten Dame. Der Blick aus dem Fenster ist fantastisch, und Moritz und Thomas haben bereits ein Fitnessprogramm kreiert, indem sie die 15 Stockwerke zu Fuss hochjoggen (Thomas schafft es nicht im Lauftempo bis oben, aber bei Moritz merkt man das Fussballtraining.) Es gibt aber auch einen Fahrstuhl!

  • Mit dem Bus koennen wir zum Strand fahren (la playa), das dauert je nach Verkehr etwa 20 Minuten. Hier ist es so um die 20 Grad warm, oft bewoelkt, manchmal regnets auch, aber manchmal scheint auch die Sonne. Wir als nordseegewohnte Norddeutsche haben auch schon mehrfach in dem ca. 19 Grad warmen Wasser gebadet. Unser Freund ist derzeit noch hier, um un bei der Eingewoehnung zu helfen, er telefoniert fuer uns herum, gibt uns Tipps und zeigt uns Bioladen, Park, Sportplatz usw. Er will uns auch Kontakte zu anderen hier lebenden Deutschen vermitteln, von denen es hier viele gibt, aber in drei Tagen haben wir das noch nicht geschafft. Heute morgen hat Thomas zum ersten Mal wieder Gitarre geuebt und Moritz Posaune. Er ist dann irgendwann in sein Zimmer gegangen und hat geweint - ich haette am liebsten mitgeheult.
  • Ansonsten und abgesehen von dem ernsten Hintergrund, dass dies kein Urlaub ist und wir hier sind, weil wir nicht zu Hause so leben koennen, wie es uns (und Millionen anderen Freilernern weltweit) entspricht, sind wir vergnuegt und machen das Beste aus der Situation. Wir lernen mit Eifer Spanisch - leider ist das bestellte Rosetta-Stone-Programm immer noch nicht eingetroffen, und ich kann nicht nachfragen, weil die betreffende Email zu Hause in Bremen liegt. Aber trotzdem kommen taeglich viele neue Worte dazu, Rosetta Stone life sozusagen. Und die Kinder tun es uns nach und reden einfach mit Haenden und Fuessen und den paar Brocken, die sie koennen. Besonders Thomas bringt bei allen Gelegenheiten "Hasta la vista", "Hasta la prossima" (Noch keine Ahnung wie man das schreibt), "Adios", "Gracias", "Hola", "Vale" usw. an und stubst mich vorwurfsvoll, wenn ich es wage, zu einem Kellner "danke" zu sagen. ("Mama!! Das heisst Gracias!!!")
  • Die Vegetation hier ist ganz anders, und die Kinder lernen viel ueber Pflanzenevolution und den Unterschied zwischen Palmen und Laubbaeumen, unser Freund weiss darueber hinaus noch sehr viel ueber die Geologie und welche Pflanzen es hier gab, bevor die Spanier kamen und alles abholzten. Vor dem Flug hierher haben wir noch zweimal uebernachtet (ich war Tilman und den Kindern nach der Pressekonferenz sofort nachgereist) und hatten auch noch eine andere Freilerner-Familie besucht, die inzwischen das Land ebenfalls verlassen hat. Schwitallas haben eine Druckerei, und das war natuerlich Freies Lernen vom Feinsten, wir haben beim Vierfarbdruck zugeschaut, wie die einzelnen Blaetter mit Pressluft angesaugt werden, die Farbe in mehreren Schritten draufkommt und wo sie oben eingefuellt wird, warum die Gummiwalzen nach jedem Schritt gereinigt werden muessen usw. usw. Die naechste Station war dann eine Freundin mit einer musiktherapeutischen Praxis, und Moritz und Thomas haben nach Herzenslust die unzaehligen Instrumente erkundet, auf einer Orgel mit mehreren Manualen vierhaendig improvisiert (Nationalhymne, das kommt noch von der Fussball-WM). Dann besuchten wir noch liebe Verwandte, spielten mit ihnen Scrabble, und Thomas war so begeistert, dass die Verwandten uns spontan ihr zweites Spiel zum Mitnehmen schenkten. Seither spielen wir jeden Tag, streiten, ob ein Wort wie "Myth" zulaessig ist (ohne "en" oder "os") und lachen ueber den "Giraffenfurz". Moritz schmoekert seine mitgeschleppten Buecher (derzeit "Gwydion", eine Reihe ueber Koenig Artus), Thomas spielt mit seinen mitgeschleppten Playmobilmaennchen und malt Comics, beide bestehen darauf, uns taeglich aus "Dagobert Duck - sein Leben, seine Milliarden" vorzulesen, einem Klassiker der Comicliteratur auf hohem Niveau.
  • Auch ein Segelboot gaebe es hier - leider koennen wir alle nicht segeln, und Segelkurse sind teuer. Heute ist Sonntag, Tilman ist mit den Kindern am Strand. Ich bin mit Halsweh zuhause geblieben - allmaehlich macht sich nach der Hochspannung die Erschoepfung bemerkbar. Eventuell werden wir in den naechsten Wochen noch La Palma aufsuchen, eine andere, kleinere Insel, wo wir ein Haus in den Bergen bewohnen koennten, in dem allerdings derzeit noch keine Moebel stehen und kein Computer und nichts. Mal sehen, ob das realistisch ist. Hochhaus in der Grosstadt ist nicht das Richtige fuer uns auf die Dauer. Aber es warten ja noch weitere Wohnmoeglichkeiten auf uns, in England, Irland, Frankreich - es ist so schoen, dass wir so viele warmherzige Freunde haben und von den anderen Freilernern so viel Hilfe, Zuspruch und Unterstuetzung bekommen, dafuer an dieser Stelle herzlichsten Dank!!! Trotzdem wuerden wir am liebsten sofort nach Bremen zurueckkehren. Am Donnerstag abend meinte Moritz wehmuetig: "Heute haben sie in Lesum auch trainiert!" Er hatte mit Thomas lange am Strand gekickt.
  • Das Medienecho ist ja wohl recht gross, wir kriegen das hier nur so am Rande mit. Die Bildungssenatorin laesst offenbar den Eindruck vermitteln, wir wuerden masslos uerbertreiben und sie haetten uns "nicht explizit" Sorgerechtseinschraenkungen angedroht. Und die Zwangsgelder seien doch auch erledigt gewesen, weil unsere Kinder ab 10. 12. wieder zur Schule gegangen seien. Sehr witzig, nur deswegen und um die angedrohten "weiteren Zwangsmittel" zu verhueten, sind sie ja hingegangen, und fuer uns war nach der ersten Woche klar, dass weiterer Schulbesuch keine Option ist. Moritz sagte am Abend des dritten Schultages betruebt: "Schade! Ich hatte gehofft, vielleicht halte ich es ja doch aus, damit wir hierbleiben koennen, aber da gehe ich doch lieber ins Ausland." Thomas fand die Schule nicht so schlimm wie Moritz, nur viel zu langweilig und zeitraubend, aber er fand auch die Option Ausland nicht so schlimm, sondern ist im Moment derjenige von uns, der am meisten vor Entdeckungslust und Begeisterung sprueht.
  • Heute vormittag waren wir bei einer Folkloreveranstaltung im wunderschoenen Park, mit Folkloretanz - das Orchester bestand fast nur aus Gitarren, und unser kleiner Gitarrist Thomas war begeistert. Das ist sein Land! Auch gestern abend staunte er am Strand die vielen Gitarrenspieler an.
  • Wir Erwachsenen ringen derweil abwechselnd - hier ist nur ein einziger PC - darum, den Verlag aus der Ferne und ohne unsere vertraute PC-Oberflaeche weiterzubetreiben. Ein Kommentar zu meinem letzten Eintrag besagte, Tilman sei der Privatlehrer unserer Kinder, und wer sich das wohl leisten koenne. Offenbar stellen sich viele Menschen nach wie vor Freilernen so vor, dass die Kinder von 8-13 Uhr am Tisch sitzen und lernen wie in der Schule. Das Stichwort "informelles Lernen" hilft hier weiter, und die Lern- und Gehirnforschung (z.B. Prof. Huether) hat zu diesem Thema viel Interessantes zu sagen.

Sonntag, 6. Januar 2008

Morgen geht's los

Morgen verlassen wir also unsere Stadt. Am meisten Probleme macht es uns, unseren Kater zurückzulassen, denn es hat erst Sinn, ihn nachzuholen, wenn wir uns an einem neuen Ort wirklich fest etabliert haben. Ansonsten sind die Kinder aufgeregt und zappelig, wir erschöpft.

Vorgestern sagte Thomas: "Papa, frag mich mal ab, ich kann jetzt alle europäischen Hauptstädte, auch Estland Lettland und Litauen!" Einfach so, aus Spaß, und die Flaggen ("Mama!! Das heißt nicht Fahnen! Das heißt Flaggen!") hat er gleich mit gelernt. Moritz kann das schon längst und liebt es jetzt, sich von Thomas weltweit Hauptstädte abfragen zu lassen.
Wir kriegen sehr viele liebe Emails, Anrufe und Unterstützung. Die Koffer sind gepackt, alles hier soweit geregelt.

Bundesweit schreiten jetzt Behörden zur Sorgerechtseinschränkung, wir sind nicht die einzigen, die das Land verlassen. Gestern erfuhren wir von einer (ansonsten unbescholtenen, ihre Kinder seit 2002 selbst unterrichtenden) Familie in Baden-Württemberg, der das Sorgerecht ohne Anhörung eingeschränkt wurde, obwohl Mutter und Kinder bereits abgemeldet waren. Der Vater hatte schon seinen langjährigen Arbeitsplatz als Altenpfleger gekündigt und war in England auf Wohnungssuche, die Mutter nur deswegen noch in Deutschland, weil ein Kind im Krankenhaus lag. Die Familie hat jetzt überstürzt, man muss wirklich schon von Flucht sprechen, das Kind aus dem Krankenhaus geholt und das Land verlassen. In einem anderen Fall, wo plötzlich Sorgerechtseinschränkung drohte, hat sich die Mutter entschlossen, ihre Kinder jetzt notgedrungen wieder zur Schule zu schicken - es kann nicht jeder mal eben ins Ausland, gerade für Alleinerziehende ist es schwierig. Unter den Familien kursieren Tipps über die Einwanderungsbedingungen in den verschiedenen Ländern, über Homeschool-Regelungen, bereits emigrierte Familien bieten hilfreiche Tipps und Unterkunft für ein paar Tage an – wenn ich es nicht selbst erleben würde, würde ich nicht glauben, dass sich dies in Deutschland abspielt, Bundesrepublik, Hort der Freiheit und Demokratie.

Die antragstellenden Behörden und bewilligenden Richter beziehen sich ausdrücklich auf das BGH-Urteil (siehe meinen früheren Blog ), nach dem „beharrliche“ Verletzung der Schulpflicht einen Missbrauch des Sorgerechts darstellen kann. Das ist schon starker Tobak, der offensichtlich gezielt nicht gegen die verwahrlosten „Schulschwänzer“ gerichtet ist, sondern gegen die Freilerner.

Wenn wir nicht mit eigenen Augen sehen würden, wie gut es unseren Kindern geht, und ständig Rückmeldungen erhalten würden, wie auffällig freundlich, rücksichtsvoll und „aufgeweckt“ unsere Kinder wirken und wie erstaunlich ihr Allgemeinwissen du ihre Ausdrucksfähigkeit seien, wenn wir nicht so viele unterstützende Mails und Berichte aus dem Ausland bekämen und wüssten, wie viele Millionen mit wie großem Erfolg so leben und lernen, kämen uns jetzt sicher manchmal Zweifel, ob wir nicht doch völlig spinnen. Es saß so tief, das Gefühl „Vater Staat hat immer recht und sorgt bestens für uns“.

Donnerstag, 3. Januar 2008

Gute Nachrichten und Pressekonferenz

Das schrieb unser Anwalt heute an die Presse:

Sehr geehrte Damen und Herren,

das Bundesverfassungsgericht hat soeben überraschend der Verfassungsbeschwerde der Familie Neubronner gegen die Ablehnung von Prozesskostenhilfe für das Verwaltungsgerichtsverfahren wegen "mangelnder Erfolgsaussicht" stattgegeben. Der entsprechende Beschluss des Bremer Verwaltungsgerichts wurde für verfassungswidrig erklärt und aufgehoben. Gleichzeitig hat sich die Familie Neubronner entschieden, mit den Kindern Deutschland dauerhaft zu verlassen, nachdem die Bremer Bildungssenatorin Jürgens-Pieper laufend neue Zwangsgelder erhebt. Mehrere Gesprächsanfragen des Unterzeichners wurden von der Senatskanzlei ohne Begründung abgelehnt. Das Verfahren vor dem OVG Bremen wird, insbesondere vor dem Hintergrund des Beschlusses des Bundesverfassungsgerichts dennoch fortgeführt.

Über diese und weitere aktuelle Entwicklungen im "Fall Neubronner" soll auf einer Pressekonferenz kurz vor der Abreise der Familie Neubronner berichtet werden. Die Familie Neubronner wird dort für Fragen zur Verfügung stehen. Erste Informationen können Sie der anliegenden Erklärung der Familie Neubronner entnehmen.

Zur Pressekonferenz laden wir ein für

Montag, den 7. Januar, 10.00 Uhr in den Räumen der Anwaltskanzlei Dr. Fuchs, Schönigt + Partner, Meyerstr. 4 (Ecke Buntentorsteinweg) in 28201 Bremen.

Wir würden uns freuen, wenn Sie uns kurz über westerholt@die-rechtsanwaelte.com mitteilen würden, ob Sie teilnehmen und ob Sie mit oder ohne Kamerateam kommen.

Mit freundlichen Grüßen, Matthias Westerholt

Und hier ist der Text der erwähnten näheren Erläuterung:


Wären wir die Bremer Stadtmusikanten, würden wir sagen: „Lasst uns ins EU-Ausland gehen – etwas Besseres als in Bremen finden wir überall!“

Am Montag, 7.1.2008 verlässt Vater Tilman Neubronner mit den beiden Kindern
Moritz und Thomas die Bremer Heimat. Der durch die massiven Drohungen
der Behörde erzwungene Schulbesuch der Kinder im Dezember hat Kinder und Eltern nochmals darin bestärkt, diesen Schritt jetzt zu tun.
Mutter Dagmar Neubronner bleibt in Bremen, um den Verlag weiterzuführen und in der Hoffnung, dass die Familie sich bald wieder hier vereinen kann. Die Klagen und Beschwerden vor dem Bremer Oberverwaltungsgericht auf das Recht der Neubronner-Kinder, auch in Bremen frei zu lernen, laufen weiter. Der Bremischen Bürgerschaft liegt bereits eine Petition vor, alle Zwangsmaßnahmen bis zur endgültigen gerichtlichen Entscheidung auszusetzen.
Nach einer positiven Entscheidung des Oberverwaltungsgerichtes könnte die Familie dann die im letzten Schuljahr erfolgreich erprobte Kooperationslösung fortsetzen.


Zuversichtlich stimmt Neubronners, dass das Bundesverfassungsgericht ihrer
Beschwerde stattgegeben hat: Der Beschluss des Bremer Oberverwaltungsgerichtes,
der Familie aufgrund „mangelnder Erfolgsaussicht“ Prozesskostenhilfe
für ihre Klage auf das Recht ihrer Kinder zum freien Lernen zu verweigern,
war verfassungswidrig und ist aufgehoben.
Trotz dieser Erfolge versucht die Familie derzeit, ihr Haus zu verkaufen.
„Zwei vollständige Haushalte in verschiedenen Ländern können wir uns
nicht leisten.“

Was die Familie besonders ärgert:
„Bekanntlich leben derzeit in Bremen Tausende Dauer-Schulschwänzer ohne
jede Bildung zu Hause praktisch unbehelligt – wir als engagierte Eltern von
nachweislich bestens gebildeten und sozialisierten Kinder werden mit völlig
überzogenen, existenzvernichtenden Zwangsmitteln aus dem Lande gedrängt,
ohne dass die Behörde auch nur den Ausgang der juristischen Klärung
abwartet. Die Begründung, sonst würden auch weniger engagierte Eltern
das Recht auf Homeschooling in Anspruch nehmen, ist völlig abstrus –
diese Eltern nehmen sich ja bereits jetzt heraus, das Recht ihrer Kinder auf
Bildung zu missachten, und kommen damit durch. Diesen Kindern sollten die
Bemühungen der Bildungssenatorin gelten, anstatt Bremen und Deutschland
international der Lächerlichkeit preiszugeben durch das Verweigern einer
zeitgemäßen und erfolgreichen Bildungsform, die weltweit immer mehr Familien
begeistert.
Es steht für uns völlig außer Zweifel, dass auch in Deutschland wie im Rest
der EU die Bildungsfreiheit letztlich kommen wird. Bremen hat die Chance,
wenigstens innerhalb Deutschlands noch Vorreiter statt Schlusslicht dieser
dringend notwendigen Öffnung zu einer vielfältigen Bildungslandschaft mit
staatlichen Schulen, Privat- und Bekenntnisschulen und frei lernenden Kindern
zu werden. Diese Chance wurde bis jetzt offenbar noch nicht erkannt –
schade!“

Derzeit verlassen zahlreiche weitere Familien mit frei lernenden Kindern das
Land, die meisten in aller Stille. Ihnen stehen sämtliche Länder der EU offen
– nirgendwo wird Homeschooling kriminalisiert und verfolgt wie in Deutschland.
Der Familie Neubronner liegen Einladungen aus mehreren Ländern der
Europäischen Union vor.


Wir sind dann mal weg...

Heute (Mittwoch 2. Januar) haben Tilman, Moritz und Thomas sich bei der Meldebehörde nach England abgemeldet. Es war ganz einfach, und das Gefühl der Befreiung hinterher war unbeschreiblich. Wie eine Freundin in Anspielung auf die Bremer Stadtmusikanten sagte: „Lasst uns ins EU-Ausland gehen – etwas Besseres als in Bremen finden wir überall!“ Am Montag verlassen wir also tatsächlich unsere Heimat, unser Häuschen, den großen Garten samt Trampolin, unsere Verwandten und Freunde, Chöre, Moritz’ Posaunenchor, Thomas Gitarrenlehrer, mein Flötenensemble, unsere netten Nachbarn hier, die Leute vom Bioladen, unsere Inliner-Rennstrecke am Deich, die Spazierwege in der schönen „Bremer Schweiz“ und lassen unseren armen Kater Schnurr zurück. Die Nachbarn werden sich um ihn kümmern, bis wir uns in unserer neuen Heimat so eingerichtet haben, dass wir ihn zu uns holen können.

Die neun Tage Schulerfahrung vor Weihnachten haben Moritz und Thomas sehr darin bestärkt, den Sprung jetzt zu wagen. Sonst wäre vielleicht an trüben Tagen das Gefühl aufgekommen „vielleicht hätten wir doch die Schule auf uns nehmen sollen, anstatt Bremen für die Freiheit zu opfern“. Aber so ist es ihnen sehr präsent, was es bedeutet, jeden Tag 6 Stunden dort zu sein, und sie sind gespannt auf das vor uns liegende Abenteuer.

Was haben die Behörden nun für das Wohl unserer Kinder erreicht? Statt wie vorher monatliche Kontrolle haben sie nun gar keine Überprüfungs- und Einflussmöglichkeiten mehr, und die soziale Einbindung, die ihnen für unsere Kinder angeblich so wichtig war, verlieren Moritz und Thomas jetzt erst mal ganz. (Moritz sagt tapfer: Fußballmannschaften gibt es überall, und Posaune auch, aber trotzdem tut die Trennung natürlich weh, und sie müssen woanders wieder von vorn anfangen, noch dazu in einer fremden Sprache. Und Verwandte gibt’s woanders nicht, und DIESE Freunde auch nicht.)

Es ist so abstrus: Tausende von Kindern in Bremen bleiben der Schule regelmäßig fern, Hunderte sind nicht mal in einer Schule angemeldet, ohne dass nennenswert dagegen eingeschritten wird – solange die Kinder zuhause bloß keine Bildung erhalten („Homeschooling!“) und das Ganze ohne Genehmigung einfach so passiert, scheint das niemanden zu stören. Vielleicht sind die Schulbehörden sogar ganz froh, wenn sie diese Kinder nicht bändigen und sich mit den dazugehörigen Eltern nicht herumschlagen (wörtlich?!) müssen?

Waren wir zu höflich, zu gewaltfrei und kooperativ? War es naiv, zu glauben, wir könnten mit unseren guten Argumenten, den vielen Fakten und Studienergebnissen aus anderen Ländern, der nachgewiesenen guten Bildung und Sozialisation unserer Kinder, unserer Bereitschaft, umfassende Kontrolle auf uns zu nehmen, eine Anwendung der Bremer Ausnahmeklauseln erreichen? (Es müsste ja, wie in allen Bundesländern, auch in Bremen kein Gesetz geändert werden, Ausnahmegenehmigungen liegen im Ermessen der Schulbehörde und könnten in beliebiger Großzügigkeit gehandhabt werden, ohne deswegen den berüchtigten „Parallelgesellschaften“ Vorschub zu leisten.) War es naiv, darauf zu setzen, dass die Kritik des UN-Menschenrechtsbeauftragten Munoz an der Verfolgung des Homeschooling Folgen haben würde? Dass Hunderte Briefe und Mails aus der ganzen Welt, Protestkundgebungen und Appelle an die Bildungsbehörde ein Verständnis für die zeitgemäße Erweiterung der Bildungswege wecken könnte?

Auf alle Fälle müssen wir konstatieren, dass wir die Innovationskraft und –Bereitschaft der Bremer Bildungsbehörde überschätzt haben – zumindest das Tempo. Denn dass die Bildungsfreiheit auch in Deutschland und damit in Bremen kommen wird, steht fest. Deutschland ist seit dem 1.1.2008 das letzte EU-Land, das Freies Lernen kriminalisiert und systematisch verfolgt. Irgendwann wird eine EU-Verordnung kommen, oder ein Grundsatzurteil, oder die öffentliche Stimmung oder die Zahl der Homeschooler wird sich massiv ändern, so dass irgendeine Partei das Thema für sich entdeckt und plötzlich wird es möglich sein. Nur leider zu spät für uns.

Oder unsere Petition bei der Bremer Bürgerschaft wird angenommen, wir gewinnen unseren Berufungsprozess und können zurückkehren. Auch das unsägliche BGH-Urteil wird ja eines Tages zurückgenommen werden müssen – rechtsgültig ist es ja aufgrund der Widersprüche dagegen eh noch nicht, und es wachen hier und da immer mehr Leute aus ihrem Dornröschenschlaf auf.

Unseren Verlag können wir gottlob von überallher betreiben, wo es Internet gibt – trotzdem entstehen uns natürlich enorme Zusatzkosten, weil wir die Bücher nicht mehr selbst verschicken können und unser Häuschen mit Büro hier ja weiter kostet, bis wir es verkauft haben. Und verkaufen müssen wir es, auch wenn wir nach wie vor hoffen, dass Tilman und die Kinder bald wieder zurückkehren können - zwei Wohnsitze in zwei Ländern können wir uns nun wirklich nicht leisten, und ich werde mich irgendwo in Bremen einmieten. Also, geneigte Leserinnen und Leser, bestellt bitte massenhaft „Das Teenager Befreiungs Handbuch“, das gerade gedruckt wird, Gordon Neufelds „Unsere Kinder brauchen uns!“ und unsere anderen Bücher! ;-) Es lohnt sich übrigens.

Uns ist völlig klar: Bildungsfreiheit in Deutschland kommt mit absoluter Sicherheit. Irgendwann ist dieser lästige Kampf Geschichte, und was hier abläuft, erscheint dann genauso verrückt wie die Sklaverei oder die Verweigerung des Wahlrechtes für Frauen. Es sieht nur gerade so aus, als seien wir ein bisschen zu früh dran. Das ist eine optische Täuschung. In Wirklichkeit gibt es nichts Machtvolleres als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.

P.S. Wo wir endgültig landen werden, wissen wir selbst noch nicht – sowie wir den Fuß über die deutsche Grenze setzen, egal in welcher Richtung, herrscht Bildungsfreiheit. Und so viele liebe Freunde und Unterstützer haben uns zu sich eingeladen, dass wir vermutlich eine Weile damit beschäftigt sein werden, den für uns stimmigsten Ort auszuwählen. Und vielleicht, vielleicht gibt es ja bald mal positive Nachrichten – wir sind gespannt auf unsere Berufungsverhandlung! Denn eigentlich wollen wir weiterhin am liebsten einfach nur in Frieden hier in Bremen leben.