Donnerstag, 17. Januar 2008

Allmählich finden wir uns zurecht

Heute ist endlich das Rosetta-Programm gekommen- je 22 Lektionen für Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch, Portugiesisch und Russisch - da stünde unserer ausgedehnten Europareise nichts mehr im Wege. In all diesen Ländern ist Freilernen natürlich erlaubt. Ja, sogar in Russland (trotzdem werden wir uns dieses Land sparen). Wir haben uns gleich draufgestürzt, und als Moritz dann der Strandball aus dem Fenster im 15. Stock in den Innenhof fiel, konnten wir gleich den Pförtner perfekt anradebrechen mit "Una pelota es cayunda" ähm oder so ähnlich, er hats jedenfalls verstanden. Ansonsten haben wir heute unser Siedler-Spiel mit Städte-undRitter-Erweiterung aufgebaut und werden gleich noch eine Weile spielen, wir waren am Strand und haben Wellen, Sand und Bolzmöglichkeiten genossen (der Platz hier vor dem Hochhaus ist gepflastert und das tut schon sehr weh beim Hinfallen). Das war wieder typisch für den Mentalitätsunterschied Deutsch/Spanisch: Am Strand steht ein dickes Schild, dass Ballspielen verboten ist. Meine deutschen Kinder, mit denen wir auch hier in Spanien über keine rote Ampel gehen können (besonders Thomas ist da eisern, auch wenn weit und breit kein Auto in Sicht ist und um uns her die Spanier über die Straße strömen), kamen natürlich sofort ganz verzweifelt an: "Mama, wir können doch nicht Ball spielen, guck mal, das ist hier verboten!" Ich versuchte ihnen klarzumachen, dass dieses Verbot für eine ausgewachsene Ballmannschaft zu Spitzenzeiten gilt und nicht für zwei Kinder am völlig leeren Strand, und ich würde die Verantwortung übernehmen und die eventuelle Anmeckerei auch. Ihre Lust zum Bolzen siegte, sie spielten, und die ganze Zeit standen direkt bei dem Schild zwei spanische Polizisten und schauten gemütlich über die Szenerie. Niemand kam auf die Idee, das grundsätzliche Verbot in diesem Fall umzusetzen, weil es in diesem Fall einfach keinen Sinn ergab.

Später spielten sie andere Dinge - ich verstehe oft nicht, worum es genau geht, ich glaube, immer einer musste über ein großes Loch am Strand springen und der andere musste versuchen, ihn abzulenken. Unter großem Gelächter sprangen sie also abwechseln über dieses große tiefe Loch, fasziniert und bewundernd beobachtet von einem vierjährigen kleinen Mädchen. Das fand die beiden großen Jungs offenbar toll und versuchte, es ihnen nachzutun, indem es auch immer wieder laut kreischend mit Anlauf in das Loch sprang. Acht- und 11jährige Jungen interessieren sich aber nicht für kleine Mädchen, jedenfalls meine nicht, und die Kleine hätte insofern störend für sie sein können. Ich fand es elegant, wie sie mit der Situation umgingen - jedes Mal, wenn die Kleine Anlauf auf das Loch nahm, wechselten sie nahtlos in ein anderes Spiel (eine Art virtuellen Luft-Boxkampf), wenn sie wieder rausgekrabbelt war, sprangen sie weiter. Das ging mindestens achtmal so, nachdem ich von einem längeren Spaziergang dazugekommen war, ich weiß nicht, wie oft vorher.

Außerdem habe ich heute sehr sehr viele Emails gelesen, nach der Stern-tv-Sendung gestern. Ein 11jähriger Junge aus Gran Canaria hat sich gemeldet, wir haben uns für Samstag verabredet (er geht zur Schule und hat vorher keine Zeit).

Eine Email lautete: Hallo Familie Neubronner, wir sind froh, wenn Sie Deutschland verlassen. Ihre Kinder werden es Ihnen in 10 Jahren heimzahlen.
Absender waren eine Lehrerin und ihr ebenfalls akademisch tägiger Mann. Darauf musste ich einfach antworten!

Liebe Familie .... ,wenn unsere Kinder es uns in 10 Jahren so heimzahlen wie die Millionen Homeschooler weltweit, freuen wir uns sehr auf diesen Tag, denn was akademische Leistungen, berufliche Zufriedenheit, soziales Engagement und gewaltfreies Leben angeht, sind ehemalige Homesschooler weltweit dem Durchschnitt der Schüler hoch überlegen. Fast 90 % von 5000 Anfang-Zwanzig-Jährigen in den USA, deren Homeschool-Weg 15 Jahre lang wissenschaftlich begleitet wurde, sind ihren Eltern dankbar für diese Möglichkeit und möchten selbst ihre Kinder auch wieder frei lernen lassen. Sollten Sie an sachlichen Informationen interessiert sein, kann ich Ihnen gern Hinweise zu wissenschaftlichen Studien über die Entwicklung von freilernenden Kindern senden. (z.B. Studien von Ray in den USA und Prof. Paula Rothermel in GB) Wenn Sie sich dafür interessieren, wie Freies Lernen konkret aussieht, lesen Sie bitte "Das Teenager Befreiungs Handbuch" von Grace Llewellyn.Mit freundlichen Grüßen...

Ist doch wahr!

Kommentare:

jumping-blueberry hat gesagt…

In den USA ist Homeschooling etwas anderes - eine Ideologie-sache. Aber das ist es bei Ihnen ja auch, nicht wahr?
Wobei ich aber glaube, dass sie Ihren Kindern nicht beibringen, dass es die Evolution nicht gibt - oder ähnliches.

Mir tun die Kinder trotzdem leid.
Nur weil etwas nicht super viel Spaß macht oder es Konflikte gibt, muss man es doch nicht abbrechen.
Soziale Kontakte gehören doch zum Schulalltag. Auch, dass man Leute trifft, die nicht die selben Interessen haben. (wie z.B. in Vereinen)

Was mich noch interessiert:
Warum heißt "auswandern" in Deutschland immer "Spanien, Strand... egal wir können kein Spanisch".

Ich fände es klüger, nach Österreich zu gehen. Näher, deutschsprachig, ähnliche Mentalität. Aber eben nicht spektakulär genug und nicht "auswandern", wie man es versteht.
Denn wenn man weit weg ist und Gran Canaria ist ja sehr weit, dann kann man den Trennungsschmerz besser demonstrieren, als wenn die Oma ihre Enkel zum Winterurlaub übers Wochenende besuchen kommt oder man sich in der Mitte trifft.

Sind Ihre Kinder jetzt im spanischen Schulsystem angemeldet oder machen sie gar keine Tests mehr? Welchen Abschluss haben sie dann? Oder ziehen sie vorher weiter? Wahrscheinlich rechnen Sie damit, dass die Behörden umdenken, bis Ihre Kinder das Abitur machen würden... Was, wenn sie's nicht tun?

MZS hat gesagt…

Das ist schon sehr lustig, wenn die Verweigerung der Pflichtbeschulung als Ideologie ausgelegt wird. Ich würde das einen klassischen Denkfehler nennen.

Verbindet sich mit dem geäußerten Mitleid für die Kinder eine Verneinung ihres Selbstbestimmungsrechtes? Die Aufforderung zur Zwangsbeglückung ist eine für Nicht-Pädagogen befremdliche Form von Mitgefühl.

Der freundliche Brief an die gehässige Lehrerin ist klasse!

Anitz hat gesagt…

Ich habe gestern gebloggt:

Wir wandern nach Indien aus. Damit haben die Kinder garantiert eine gute Ausbildung und sind in 10-15 Jahren die heiss begehrten Arbeiter Deutschlands... hinzu kommt, daß sie die Problematik der Ausländerhass mindern, indem sie ihre deutsche Staatsbürgerschaft und Abstammung haben...!

Und warum nicht Russland? DAS wäre ein Bestseller: die Welt verreisen und über die Flucht aus Deutschland berichten, nett verpackt in einen Buch... wie hat der Junge geheissen, der Dove geschrieben hat? Kommt in the Handbook vor...? Gordon etwas? Nein, Grahme? Nein, hier ist es: Dove by Robin Lee Graham... könnt ihr dann in allerlei Sprachen (die ihre dabei lernt) übersetzen... so Familienprjektmäßig was zugleich euer Verlag irgendwie International auf der Homeschooling Hitliste stellt...?!

Freue mich deine Berichte zu lesen!

scatty hat gesagt…

An Jumping-blueberry - was meinen Sie damit, das Homeschooling in den USA eine Ideologie-Sache ist? Es gibt zwar Leute, die ihre Kinder aus religiösen Gründen zuhause unterrichten, aber die Mehrheit macht das aus unterschiedlichsten Gründen (manche sind auch religiös, manche atheistisch, manche haben andere spirituelle Überzeugungen, aber ihre Gründe haben nichts mit Ideologie zu tun).

Würden Sie auch meinen, dass Homeschooling in Irland, England, Frankreich, Österreich, Belgien, Dänemark, Italien, Spanien, Schweden, Kanada, Neu-Seeland, Thailand, Taiwan, Singapore Südafrika, (alle Länder in denen ich Homeschooler kenne) usw. auch Ideologie-sache ist?

http://www.leben-ohne-schule.de/pam.sorooshian/55reasons.html - hier sind 55 sehr ideologische Gründe, um Homeschooling zu machen.

Anonym hat gesagt…

Es ist befremdlich zu sehen, wie aus jedem Erlebnis im homeschoolerland Spanien Bildung und Einsichten herausdestilliert werden. Erleben nicht auch andere Kinder, wenn sie als Schüler mit ihren Eltern Ferien machen, Ähnliches?
Es erscheint mir töricht, in den Tagebuchberichten diesen Aspekt so deutlich hervortreten zu lassen. Was hat das mit einer Vorbereitung auf weiterführende Schulen, auf ein Abitur und Studium zu tun? Wird man auch den Wissenserwerb auf einer Universität durch homeschooling gewährleisten wollen?
Die Tränen der Kinder werden wegen der neuen Eindrücke noch eine kurze Zeit wegzuwischen sein. Sie sollten aber die Eltern stärker als bisher beeindrucken. Denn irgendwann werden auch diese Kinder Fragen stellen und Vorwürfe formulieren. Die euphorische Eloquenz der Mutter hat dann sicherlich Schwierigkeiten, die Kinder davon zu überzeugen, dass ohne weiterführende Schulen und Universität kein Beruf ergriffen werden kann, der den Begabungen der Kinder angemessen wäre.

Anonym hat gesagt…

Apropos Universitäten:
Universitäten sind schon lange Homeschool-Betriebe. Man geht in die Einführungsveranstaltung, meldet sich an, holt sich die Literaturliste, macht die Übungen übers Internet und lernt zu Hause.
Am Tag der Prüfung kommt man rein, wird geprüft - Schein - Vordiplom - Diplom - Promotion - Habilitation.

Also was soll das ganze geeiere? Anwesenheitspflicht ist absoluter Kindergarten und leider in Deutschland auch noch Schule. Aber Universitäten schmunzeln nur darüber.

Liebe Grüße

Chili hat gesagt…

Es ist doch wirklich lustig, dass immer und immer und immer wieder diese Einwände kommen. Kein Schulabschluss, keine Universität... bliblablubb.

Ich empfehle gerade einmal einen Blick auf die Webseite des Netzwerkes Bildungsfreiheit. www.netzwerk-bildungsfreiheit.de - da sind diverse internationale Studien zu den akademischen Erfolgen verlinkt.

Außerdem ist unser Schulsystem sowieso im Wandel - zumindest hoffe ich das, denn wir sind nicht nur im Homeschooling-Verbot international isoliert, wir sind auch mit diesem interessanten drei- bzw. viergliedrigen Schulsytem einigermaßen allein auf weiter Flur. Wir sind international nicht mehr lange wettbewerbsfähig, wenn das so weitergeht.
Ah, bin abgekommen. Ich wollte sagen: Wer weiß, was in 5 oder 10 Jahren ist. Es gibt bereits jetzt diverse Universitäten, die Zugang zu BA-Studiengängen ohne Abitur gewähren.

Jumping-blueberry (hübscher Name übrigens!), wenn Sie den "Fall Neubronner" länger verfolgt hätten, wüssten Sie von den möglichen Plänen der Familie nach Österreich zu gehen - aus den genannten Gründen. Nur, wenn man recht schnell das Land verlässt, hat man möglicherweise nicht immer gleich die Wahl.

Einen kurzen knackigen Überblick über das Thema "Homeschooling" bietet das Buch "Schulfrei" von Stefanie Mohsennia - übrigens eine weitere Familie, die Deutschland verlassen hat, um in Kanada die Bildungsfreiheit zu genießen, wo der Staat die Eltern sogar finanziell unterstützt, wenn sie diese wichtige Arbeit machen.


@anonym:
Hat das jemand gesagt, dass beschulte Kinder diese "herausdestillierten" Lernerlebnisse nicht haben? Gemeinhin werden diese nicht als solche erkannt, aber nichtsdestotrotz sind sie es. Wird Zeit, dass auch hierzulande das informelle Lernen Anerkennung findet.

Blueheart hat gesagt…

Homeschooling mag zwar eefizient sein, wenn man z.B. im Outback lebt. Aber nur deshalb auswandern,weil die Kinder "interessantes" vertiefen wollen und in ihrem eigenen Lerntempo arbeiten wollen? Es gibt ja auch Montessori und beim späteren Studieren, hat man, sofern es natürlich der Notendurchschnitt die Qual der Wahl. Und nur deshalb auswandern, weil es in Deutschland verboten ist, halte ich für sehr fragwürdig.

scatty hat gesagt…

Wenn blueheart ein bisschen mehr über Neubronners gelesen hätten, hätte er/sie gewusst, dass ihr ältester Sohn zuerst eine Montessori-schule besuchte (die sie selbst mitbegründeten), wo er auch litt.

Homeschooling ist nicht nur für jemanden, der im Outback lebt. In der englischen Hauptstadt London wohnen tausende Homeschooler.

Seitdem die Colfax-Brüder in den früh-90'en Jahren ohne Schulbesuch bei Harvard angenommen wurden (und alle gute Uni-abschlüsse machten)ist Universität (weltweit, sogar in Deutschland) kein Problem für solche junge Leute. Die werden gerne von den Universitäten akzeptiert, besonders von den Elite-Unis in den USA und Grossbritannien.

MZS hat gesagt…

Heute in der F.A.Z. über die 40- bis 50-Stunden-Woche für Hessens Kinder, zu lesen hier:
http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~E34D7548DD1874BA49206F538CDAE6C7E~ATpl~Ecommon~Scontent.html

MZS hat gesagt…

nochmal der Link