Donnerstag, 3. Januar 2008

Wir sind dann mal weg...

Heute (Mittwoch 2. Januar) haben Tilman, Moritz und Thomas sich bei der Meldebehörde nach England abgemeldet. Es war ganz einfach, und das Gefühl der Befreiung hinterher war unbeschreiblich. Wie eine Freundin in Anspielung auf die Bremer Stadtmusikanten sagte: „Lasst uns ins EU-Ausland gehen – etwas Besseres als in Bremen finden wir überall!“ Am Montag verlassen wir also tatsächlich unsere Heimat, unser Häuschen, den großen Garten samt Trampolin, unsere Verwandten und Freunde, Chöre, Moritz’ Posaunenchor, Thomas Gitarrenlehrer, mein Flötenensemble, unsere netten Nachbarn hier, die Leute vom Bioladen, unsere Inliner-Rennstrecke am Deich, die Spazierwege in der schönen „Bremer Schweiz“ und lassen unseren armen Kater Schnurr zurück. Die Nachbarn werden sich um ihn kümmern, bis wir uns in unserer neuen Heimat so eingerichtet haben, dass wir ihn zu uns holen können.

Die neun Tage Schulerfahrung vor Weihnachten haben Moritz und Thomas sehr darin bestärkt, den Sprung jetzt zu wagen. Sonst wäre vielleicht an trüben Tagen das Gefühl aufgekommen „vielleicht hätten wir doch die Schule auf uns nehmen sollen, anstatt Bremen für die Freiheit zu opfern“. Aber so ist es ihnen sehr präsent, was es bedeutet, jeden Tag 6 Stunden dort zu sein, und sie sind gespannt auf das vor uns liegende Abenteuer.

Was haben die Behörden nun für das Wohl unserer Kinder erreicht? Statt wie vorher monatliche Kontrolle haben sie nun gar keine Überprüfungs- und Einflussmöglichkeiten mehr, und die soziale Einbindung, die ihnen für unsere Kinder angeblich so wichtig war, verlieren Moritz und Thomas jetzt erst mal ganz. (Moritz sagt tapfer: Fußballmannschaften gibt es überall, und Posaune auch, aber trotzdem tut die Trennung natürlich weh, und sie müssen woanders wieder von vorn anfangen, noch dazu in einer fremden Sprache. Und Verwandte gibt’s woanders nicht, und DIESE Freunde auch nicht.)

Es ist so abstrus: Tausende von Kindern in Bremen bleiben der Schule regelmäßig fern, Hunderte sind nicht mal in einer Schule angemeldet, ohne dass nennenswert dagegen eingeschritten wird – solange die Kinder zuhause bloß keine Bildung erhalten („Homeschooling!“) und das Ganze ohne Genehmigung einfach so passiert, scheint das niemanden zu stören. Vielleicht sind die Schulbehörden sogar ganz froh, wenn sie diese Kinder nicht bändigen und sich mit den dazugehörigen Eltern nicht herumschlagen (wörtlich?!) müssen?

Waren wir zu höflich, zu gewaltfrei und kooperativ? War es naiv, zu glauben, wir könnten mit unseren guten Argumenten, den vielen Fakten und Studienergebnissen aus anderen Ländern, der nachgewiesenen guten Bildung und Sozialisation unserer Kinder, unserer Bereitschaft, umfassende Kontrolle auf uns zu nehmen, eine Anwendung der Bremer Ausnahmeklauseln erreichen? (Es müsste ja, wie in allen Bundesländern, auch in Bremen kein Gesetz geändert werden, Ausnahmegenehmigungen liegen im Ermessen der Schulbehörde und könnten in beliebiger Großzügigkeit gehandhabt werden, ohne deswegen den berüchtigten „Parallelgesellschaften“ Vorschub zu leisten.) War es naiv, darauf zu setzen, dass die Kritik des UN-Menschenrechtsbeauftragten Munoz an der Verfolgung des Homeschooling Folgen haben würde? Dass Hunderte Briefe und Mails aus der ganzen Welt, Protestkundgebungen und Appelle an die Bildungsbehörde ein Verständnis für die zeitgemäße Erweiterung der Bildungswege wecken könnte?

Auf alle Fälle müssen wir konstatieren, dass wir die Innovationskraft und –Bereitschaft der Bremer Bildungsbehörde überschätzt haben – zumindest das Tempo. Denn dass die Bildungsfreiheit auch in Deutschland und damit in Bremen kommen wird, steht fest. Deutschland ist seit dem 1.1.2008 das letzte EU-Land, das Freies Lernen kriminalisiert und systematisch verfolgt. Irgendwann wird eine EU-Verordnung kommen, oder ein Grundsatzurteil, oder die öffentliche Stimmung oder die Zahl der Homeschooler wird sich massiv ändern, so dass irgendeine Partei das Thema für sich entdeckt und plötzlich wird es möglich sein. Nur leider zu spät für uns.

Oder unsere Petition bei der Bremer Bürgerschaft wird angenommen, wir gewinnen unseren Berufungsprozess und können zurückkehren. Auch das unsägliche BGH-Urteil wird ja eines Tages zurückgenommen werden müssen – rechtsgültig ist es ja aufgrund der Widersprüche dagegen eh noch nicht, und es wachen hier und da immer mehr Leute aus ihrem Dornröschenschlaf auf.

Unseren Verlag können wir gottlob von überallher betreiben, wo es Internet gibt – trotzdem entstehen uns natürlich enorme Zusatzkosten, weil wir die Bücher nicht mehr selbst verschicken können und unser Häuschen mit Büro hier ja weiter kostet, bis wir es verkauft haben. Und verkaufen müssen wir es, auch wenn wir nach wie vor hoffen, dass Tilman und die Kinder bald wieder zurückkehren können - zwei Wohnsitze in zwei Ländern können wir uns nun wirklich nicht leisten, und ich werde mich irgendwo in Bremen einmieten. Also, geneigte Leserinnen und Leser, bestellt bitte massenhaft „Das Teenager Befreiungs Handbuch“, das gerade gedruckt wird, Gordon Neufelds „Unsere Kinder brauchen uns!“ und unsere anderen Bücher! ;-) Es lohnt sich übrigens.

Uns ist völlig klar: Bildungsfreiheit in Deutschland kommt mit absoluter Sicherheit. Irgendwann ist dieser lästige Kampf Geschichte, und was hier abläuft, erscheint dann genauso verrückt wie die Sklaverei oder die Verweigerung des Wahlrechtes für Frauen. Es sieht nur gerade so aus, als seien wir ein bisschen zu früh dran. Das ist eine optische Täuschung. In Wirklichkeit gibt es nichts Machtvolleres als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.

P.S. Wo wir endgültig landen werden, wissen wir selbst noch nicht – sowie wir den Fuß über die deutsche Grenze setzen, egal in welcher Richtung, herrscht Bildungsfreiheit. Und so viele liebe Freunde und Unterstützer haben uns zu sich eingeladen, dass wir vermutlich eine Weile damit beschäftigt sein werden, den für uns stimmigsten Ort auszuwählen. Und vielleicht, vielleicht gibt es ja bald mal positive Nachrichten – wir sind gespannt auf unsere Berufungsverhandlung! Denn eigentlich wollen wir weiterhin am liebsten einfach nur in Frieden hier in Bremen leben.

Kommentare:

Gaby hat gesagt…

Liebe Dagmar,
...schluck... ich wünsche euch alles Gute für euren weiteren "schul"freien Weg, wohin auch immer er euch führen wird. Wer weiß?
Ich hätte mir für euch nur so sehr von all den vielen anderen Homeschoolfamilien in Deutschland viel, viel mehr Unterstützung gewünscht. In der Öffentlichkeit. Outen ist doch "in". :-)
Wo sind sie gewesen, als ihr den Weg an die Öffentlichkeit gegangen seid? Wo sind sie jetzt? Einigkeit macht stark. Warum ergreifen sie nicht jetzt die Chance und stehen auch auf, für das, was sie als richtig erkannt haben? Aber, wer weiß? Vielleicht passiert es jetzt, jetzt, da ihr geht.
Es müssen noch so viel mehr aufwachen und endlich aufstehen.
Stell dir vor es ist Schule und keiner geht hin....
Alles Liebe, Gaby

arnonym hat gesagt…

@Gabi: Wo die anderen Homeschooler jetzt hin sind?

Wo wärst Du jetzt, wenn Du damit rechnen musst, das Du als Sympathisant oder gar selber Homeschoolender aufgrund eines solchen Outings mit bitteren Konsequenzen rechnen müsstest?

arnonym hat gesagt…

Achja, ein manueller Backtrack/-link: dermitdempinguintanzt.blogspot.com

Anitz hat gesagt…

OH, Dagmar.

Ich kann nicht beschreiben, wie es mir dabei ergeht, diesen Zeilen zu lesen.

Ich wünsche euch wirklich alles Gute... und daß die Trennung nicht lange sein muss...

Anitz

Anonym hat gesagt…

Ist doch klar dass alle Freunde der Bildungsfreiheit untergetaucht sind.
Die Kinder wegnehmen, das ist fast so schlimm wie die Todesstrafe (oder sogar schlimmer?).
Leider ist es so subtil, dass es noch nicht in den Bereich von Amnesty International fällt. Oder doch ?
Gibt es eigentlich Homeschool Selbsthilfegruppen? Manchmal fühlen wir uns so einsam in Deutschland.

Dagmar Neubronner hat gesagt…

Also wir kriegen ehrlich viel Unterstützung von anderen Homeschoolern auch in Deutschland, sonst wären wir gar nicht so weit gekommen. Mit dem Outen ist das so eine Sache. Eine Zeitlnag habe ich auch gedacht, ach, warum outen sich nicht einfach alle auf einmal und es gibt ein Riesending und dann ist die Sache durch? Aber sowas geht nur, wenn genügend Rückhalt in der Bevölkerung da ist, und der wächst erst nach und nach. Noch glauben viele, wir seien alle religiöse Spinner oder unverantwortliche Idioten und Schlimmeres. Man riskiert, wie du an uns siehst, mit Öffentlichkeit tatsächlich das Exil, und nicht jeder hat einen so flexiblen Arbeitsplatz wie wir und kann das Risiko eingehen.

Was ich mir wünsche ist, dass die vielen Familien, die bereits ins Ausland gegangen sind, sich lautstärker melden, aber die haben natürlich auch anderes zu tun.

Und zu unserer Schule: Ich verstehe deinen Zorn angesichts der Erlebnisse auch deiner Kinder. aber der Fairness halber muss man sagen, dass diese Schule zu "deiner Zeit" noch kein Modellprojekt war, insofern ist es denkbar, dass solche Bemerkungen heute nicht mehr vorkämen. Wie gesagt, wir haben diese Schule von ihrer Atmosphäre her als überdurchschnittlich freundlich erlebt. Die Lehrer kämpfen ja auch täglich einen Kampf innerhalb der starren Vorgaben durch die Behörde, "schuld" sind in meinen Augen nicht sie, sondern die Problematik, die dem gesamten System innewohnt, dazu die Problematik der Elternhäuser und der ganzen Gesellschaft. Es hat keinen Sinn, die Lehrer dafür verantwortlich zu machen. Außer in dem Sinne von Henry D. Thoreau ("Von der Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat"), der sich aus guten Gründen weigerte Steuern zu zahlen, dafür ins Gefängnis ging. Auf die Frage eines Finanzbeamten, was er hilfreich tun könne, antwortete Thoreau: "Sie könnten Ihren Job aufgeben." So wie Grace Llewellyn, Pat Montgomery, John Holt und viele andere Väter und Mütter der weltweiten Homeschoolbewegung es getan haben.
Aber jeder ist für sich selbst verantwortlich.

Homeschool-Selbsthilfegruppen: Die beste Selbsthilfe ist konstruktive Aktivität, und da gibt es etliche, gut zugänglich über z.B. www.netzwerk-bildungsfreiheit.de oder www.leben-ohne-schule.de oder www.homeschooling.de

Danke für den Backtrack!

Anonym hat gesagt…

Hallo Dagmar,
wir wünschen Euch eine "gute Reise", wir sind in Gedanken bei Euch,..., wer weiß vielleicht treffen wir uns ja dann mal im Ausland oder Inland?! Die Hoffnung haben wir jedenfalls auch noch nicht aufgegeben!!!
Alles Liebe
Martina

Anonym hat gesagt…

Nach der Sendung mit Herrn Jauch komme ich nicht umhin, meine Meinung über die Art und Weise Ihres „Kampfes“ für freies Lernen hier zu sagen.
Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wie sich ein richtiger Hartz IV Empfänger fühlen muß, wenn öffentlich eine Familie die ein eigenes Haus sowie ein schickes Auto besitzt und nach den Fernsehbildern nicht gerade in ärmlichen Verhältnissen lebt, plötzlich auf den Gedanken kommt, den Staat mit seiner sozialen Seite in Anspruch zu nehmen, den sie auf anderer Seite mit allen Mitteln bekämpft. So etwas kann ein wirklich Bedürftiger nicht verstehen. Wenn das was Millionen von Familien in Deutschland akzeptieren nicht mit Ihren elitären Vorstellungen übereinstimmt, gehen Sie doch in die Länder in denen Sie meinen besser aufgehoben zu sein und machen sie nicht einen auf Mitleid. Sie schieben die Kinder doch nur vor, um sich und Ihr Unternehmen in die Schlagzeilen zu bringen. Sie erziehen ihre Kinder zu Menschen, die so nie lernen werden sich Problemen zu stellen. Was sollen Ihre Kinder denn machen, wenn sie mal in eine Ausbildung gehen werden, oder machen Sie das dann auch. Es währe ja so bequem, bei Mama und Papa den Doktortitel zu erwerben. Warum nicht gleich einen Shop für Ausbildungsnachweise und Zeugnisse ? Mit welchem Recht nehmen Sie eigentlich für sich in Anspruch etwas „besseres“ zu sein als die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung. Verkaufen sie ihr Haus und ihren Verlag, nehmen eine normale Beschäftigung auf, gehen dann mit dem erlösten Geld in die Politik und kämpfen dort für ihre Ideen. Dann fallen sie wenigsten nicht der Allgemeinheit zu Lasten, denn dort gibt es genügend wirklich Bedürftige die nicht von einer Umverteilung der eigenen Schulden über Hartz IV reden können.
Hoffentlich wird der Antrag auf Hartz IV nicht genehmigt.