Donnerstag, 28. Februar 2008

auch von uns ein Hallo....

..und ein Danke schön an Dagmar, dass wir hier schreiben dürfen. Denn Homeschooler sind wir nicht, wenn wir auch in Österreich wohnen, wo das theoretisch möglich wäre. Praktisch scheitert das oft, wie auch bei uns, an den finanziellen Möglichkeiten und natürlich muss man eine jährliche Prüfung über den Stoff des Schuljahres ablegen. Das hat meinen Sohn E. bisher auch von solchen Plänen abgehalten. Für ihn besteht da wenig Unterschied ob er zu Hause oder in der Schule denselben Stoff lernen muss, weil er ihn eben für die Prüfung braucht. Momentan haben wir auch eine Schule gefunden, die so ziemlich passt und in der er sich auch wohlfühlt. Das war nicht immer so. E. ist 12, unwillig gegen den Zwang, lernen zu müssen, aber glücklicherweise noch fähig, sich für Dinge zu interessieren - aus sich heraus, was viele Schulkinder heute nicht mehr schaffen.
Ich sehe es auch als meine wichtigste Aufgabe, ihm diese Neugier auf das Leben und seine Umwelt zu erhalten. Leicht ist das nicht. In der Schule findet das Leben in den Schulbüchern statt, festgeschrieben auf vielen Blättern und der großen Tafel. Der Blick über die Schulbücher hinaus geht den Kinder schnell verloren, wozu auch etwas lernen, was nicht im Schulbuch steht, das kommt ja nicht zum Test.
Für mich ist der Unterschied zwischen dem gezwungenen Lernen in der Schule und dem freiwilligen und unbewussten Lernen in den Ferien und an den Wochenenden gewaltig. Da kann mein Kind plötzlich ganz freiwillig beschließen, Flöte zu lernen. Denn nächstes Jahr möchte er anfangen, Querflöte zu spielen. In der Schule ist er in Musik übrigens ein schlechter Schüler. Oder mit Karate anfangen und nach nicht ganz drei Jahren als frischgebackener Braungürtel da stehen. Weil ihn das eben wirklich interessiert und er mit Herz bei der Sache ist. In der Schule funktioniert das nur selten. Da ist das Klima einfach anders und offenbar weniger geeignet zum Lernen.
Es gibt immerhin Lichtblicke. Da wird in Deutsch plötzlich das freie Lernen eingeführt, in der Bibliothek und in kleinen Gruppen. Zitat von E: "Da kommt's endlich mal nicht drauf, wer der Beste oder Schlechteste ist!"
Seit ich das Teenagerbefreiungsbuch lese, wird mir auch einiges mehr klar über Schule und Lernen. Ich frage mich seit Jahren wohin Schule eigentlich will mit dem Ziel, jedes Kind zu bewerten und in eine Schublade zu stecken.
Und ich bin gespannt, wohin unser Weg uns noch führt. Zur Zeit besteht E. darauf, an seiner Schule zu bleiben. Also unterstütze ich ihn dabei. Sollte er sich dazu entscheiden, irgendwann frei lernen zu wollen, werde ich ihn auch dabei unterstützen. Eine Option wäre wohl auch noch die Clonlara Schule, ich bin mir aber immer noch nicht sicher, ob die hier anerkannt wird.
Ich glaube, so eine Entscheidung fällt niemals leicht, weder Kindern noch Eltern und wird bestimmt nie aus einer reinen Laune heraus gefällt.

Sonntag, 24. Februar 2008

unser leben ohne schule

auch ich möchte mich erstmal bei dagmar bedanken für die einladung zum mitschreiben - ich hoffe, ich werde etwas zeit dafür finden. heute möchte ich uns kurz vorstellen, wobei ich wie auch lena aus offensichtlichen gründen ;) unsere anonymität wahren möchte: ich lebe mit einem 12jährigen (m) und einer 3jährigen (c) zusammen und wir alle 3 lernen & arbeiten überwiegend zuhause. überwiegend heisst: c geht meistens ein paar stunden am tag in den kindergarten.

m hat sich vor etwa einem jahr entschieden, nicht weiter zur schule zu gehen & lebt & lernt seitdem zuhause. nach einigem hin und her, u a seinem versuch mit einer freien (sudbury) schule (war nicht das richtige für ihn) sind wir jetzt seit einigen wochen "angekommen" & ich hoffe, wir können über die nächsten jahre hier in d so weiterleben. für die weitere zukunft, besonders auch für die zeit, wenn c schulpflichtig wird, planen wir aber weiterhin unseren umzug in ein anderes land.

m, der vor dem verlassen der schule bereits 4,5 jahre beschulung hinter sich hatte, befindet sich noch immer in der deschooling-phase: "lernen" heisst für ihn, vorgekaute häppchen abzuarbeiten; aufgabenzettel zu erledigen u ä. ... wie lange es wohl noch dauern wird, bis er wieder ein natürliches, entspanntes verhältnis zum lernen entwickeln wird? 

was wir so machen zur zeit? m's interesse liegt vorrangig im medienbereich, er spielt sehr viele computer- & konsolenspiele (und lernt dabei viel über strategie, lösungsfindung, gestaltung, trainiert sein räumliches vorstellungsvermögen, setzt sich, bedingt durch die themen der spiele mit themen wie gut/böse etc auseinander). ausserdem ist er viel im internet unterwegs & hat seine fähigkeiten im umgang mit der technik, in der internet-recherche sowie seine englisch-kenntnisse &, wie mir neulich aufgefallen ist, auch seine rechtschreibung im laufe der letzten monate deutlich verbessert. ausserdem interessiert er sich sehr für (raum-)schiffe, flugzeuge etc und konstruiert gerade mal wieder ein neues modell.
c macht grade sehr viele "kunst-projekte": sie formt, malt, klebt ... ausserdem beschäftigt sie sich ausgiebig mit "zerlegen und zusammensetzen": alles mögliche wird auseinandergenommen/zerschnippelt, sie kann stundenlang puzzles zusammensetzen, lego bauen usw ... nun ja, und sie macht natürlich auch alles andere, was wir sonst so machen, begeistert mit :)

soweit für heute von uns. hoffentlich bald mehr. auch ich bin gespannt auf die vielfältigen möglichkeiten des freien lernens, die wir hier hoffentlich zeigen werden :)



Bildungspflicht statt Schulpflicht

Dankeschön, Dagmar und Tilman, daß ihr mich hierhin eingeladen habt, etwas zu Eurem Blog beizutragen. Zum Thema 'Freies Lernen' habe ich mir schon oft Gedanken gemacht und auch schon das eine oder andere Wort gefunden. Auf

www.bildungspflicht-statt-schulpflicht.de

habe ich einige meiner in Worte gebrachten Gedanken gesammelt. Ich hoffe und bin zuversichtlich, daß diese gleichsam eines Samen sich auf gutem Grund und Boden entfalten mögen und reiches Korn und vielfältige Früchte tragen vermögen.

Bei allen Gedanken, die unser Herz bewegen, lassen wir nie vergessen, was wir tun können. Wir entscheiden selbst: wir können uns beugen und bleiben, wir können fliehen an neue Ufer, wir können uns wehren und streiten. Wir können nur gewinnen, welchen Weg wir auch gehen. Weil wir wissen, wolang wir gehen.

Freies Lernen gibt es nicht. Der Mensch ist nicht frei, er ist bedingt. An zig Bedingungen geknüpft. Auf die Wirklichkeit verwiesen. Und doch kann er sich befreien, kann gestützt werden in Solidarität, befreit werden im Kampf und mit List, immer lernend, liebend und lebendig.

Das wünsche ich Ihnen, sehr verehrte Leserin, sehr geehrter Leser, von ganzem Herzen.

Ihr
Stefan Sedlaczek

Montag, 18. Februar 2008

Hallo Freiheit!

Erst einmal Danke an die Idee von Dagmar uns alle mitschreiben zu lassen. Ich hoffe ich finde ein wenig Zeit dazu. Alle die uns kennen bitte ich zu verstehen, dass wir die Namen unsrer Kinder hier nicht benutzen können, weil wir die neu gewonnene Freiheit nicht unnötig überstrapazieren wollen. Wir möchten den Menschen da draußen und dazu gehören auch alle Bürokraten die Chance geben weiter zu lernen! Das wird dauern, aber wir haben beschlossen ihnen die Zeit zu geben, die sie zum Lernen benötigen.
Noch haben wir nur ein Schulkind das Freilerner ist, ein zweites wird im September ganz normal eingeschult und dann werden wir sehen wie es sich dort machen wird. So lange lernen alle eifrig zu hause mit und der 6 Jährige spielt den Lehrer für den Jüngsten in der Familie, unsern 4 jährigen. Der hat uns gestern wieder total überrascht. Seid einigen Wochen kann er die Zahlen bis 5 lesen und schafft es stolz bis 20 zu zählen. Jetzt schreibt-malt er sie wundervoll auf alles was für ihn grade greifbar ist.
Samstagabend war es die Holzkommode, immerhin mit braunem Stift! Ich wollte eben anfangen zu schimpfen als ich sah, was da auf die Schränke gemalt worden war. Ich schob ihm statt zu mosern ein Blatt Papier unter den Stift und bat ihn dort weiter zu machen. Der Schrank ist nun um viele Zahlen reicher, 7 und 2 und 6 und 10 stehen dort eingekreist und schöner als von manchem Erstklässler geschrieben.
Außerdem hat er uns dann noch erklärt, dass 3 und 3 wohl 6 ergibt, denn 2 und 2 gibt 4 und deshalb wäre dies so. Gelacht habe ich besonders deshalb weil in den vorgeschriebenen Us beim Kinderarzt in der U9 für 4-6 Jahre steht:; an den Fingern bis 5 zählen können, wissen was 1 und 2 ergibt nach Abzählen an der Hand und 4 Farben nennen usw.
Ist es nicht toll zu sehen was unsere Kinder einfach von sich aus lernen, völlig ohne Zwang und Druck?

Heute morgen war ich dann mit besagtem Jüngsten bei der Schule um den (fast genehmigten ) Hausunterricht unsres Großen zu besprechen. Er begeisterte sich sofort für ein ABC, das an der Wand hing und ging alle Buchstaben durch, die er schon kannte. Der Rektor schien auch einigermaßen überrascht. Aber nachdem ich ihm schon im letzten Gespräch erst mal erklärt habe was Schulzwang bedeutet, denn davon hatte er tatsächlich keine Ahnung, konnte ich ihm diesmal gleich lernen wie vorteilhaft es für Geschwister ist wenn ein Großer zu hause lernt.
Freies Lernen ist toll! Das merken sogar langsam die Lehrer und zugehörige Behörden.

Zu unserer Freiheit die sicher euch alle neugierig macht möchte ich noch eines schreiben, erst mal, es war ein irre langer Weg. Dann haben wir kein ganz "gewöhnliches" Kind, sondern haben für ihn eine Art Attest mit der Empfehlung zum teilweisen Hausunterricht. Leider reichte auch das bisher nicht aus. Aber inzwischen haben wir einen Kinderarzt der Stresssymptome erkennt und diese als unmittelbaren Auslöser für Krankheiten sieht. Sprich - Stress der ständig ein Kind belastet ist ungesund. Und weil für unser Kind Schule ein ständiger Stressfaktor ist kann er seiner Meinung auch derzeit nicht in die Schule gehen. Natürlich ist es ein ständiges Reden und Überzeugen bei Ärzten und Ämtern gewesen und wird es weiter sein, aber wir werden von allen Seiten unterstützt. Schule, Lehrer, Schulpsychologen um die Wichtigsten zu nennen.

Ich möchte euch damit allen Mut machen. Ich habe immer versucht alle die scheinbar so gegen uns sind als Menschen zu sehen und bin dennoch sehr offensiv mit meiner Meinung umgegangen. Bisher konnte man mir auch noch keine Antwort darauf geben, wo denn der Unterschied zu anderen Kindern ist, die sich entschließen lieber daheim lernen zu wollen ist, als zu unserem, bei dem letztendlich auch Erwachsene mitentschieden haben. Da verfallen alle in großes Schweigen, aber ich bleibe hartnäckig drann!
Für mich macht es keinen Unterschied ob Dagmars Söhne sagen, da gefällt es uns nicht oder ob mein Kind sagt, da kann ich nicht hin.
Sie alle lernen selbstständig zu hause, das ist für sie die beste Möglichkeit weil es ihnen gefällt.

Ich freue mich über viele viele weitere Freilerner Geschichten damit die Mitlesenden hören und lesen können wie viele unterschiedliche Arten es gibt um zu lernen.

Freitag, 15. Februar 2008

Thomas' Englisch-Comic

Ja, der Kommentar von Rauhtierchen leuchtet mir sehr ein. Heute wollte Thomas dann noch wissen, was "Hallo" auf portugiesisch, französisch, griechisch und chinesisch heißt, und wir haben das dank Internet inklusive griechischer Schrift und chinesischen Zeichen auch schnell herausgefunden. Bin ich gespannt auf das Comic! (Oder heißt es den?).

Wichtig: Dieser Blog wird geöffnet

Da sich hier eine zunehmend rege Kommentartätigkeit entwickelt, über die ich mich freue, und ich mich vorerst auf mein Buch "Die Freilerner" konzentrieren und hier nicht mehr so viel schreiben möchte, öffne ich hiermit den Blog, das heißt: Wer hier mit schreiben möchte, kann sich bei mir melden (bildungsfreiheit@web.de) und ich melde ihn/sie dann als Autor auf diesem Blog an. Bis zu hundert Autoren sind möglich. Na dann mal los! Ich wünsche mir, dass möglichst viele Freilerner hier aus ihrem Alltag und ihren Erfahrungen erzählen, denn für die meisten Menschen ist die Art, wie wir leben und wie unsere Kinder heranwachsen, schlicht nicht vorstellbar, bzw. sie verbinden völlig falsche Vorstellungen damit - so wie wohl wir alle es einmal getan haben.

Und: Lasst uns einen So-wunderbar-kann-Lernen-sein-Blog schreiben, keinen Schimpf-auf-die-Anderen-Blog!

Dienstag, 12. Februar 2008

Bücherschreiben und Städte planen

  • Seit wir wieder hier sind, arbeite ich intensiv an meinem Buch "Die Freilerner", das im Mai erscheinen soll und in dem ich einfach von unserem Leben und unserem Weg in das Leben ohne Schule erzähle, auch unter Verwendung des Blogs.

  • Thomas arbeitet höchst intensiv an einem neuen Comic - in Englisch! Das hat zur Folge, dass er alle paar Minuten angelaufen kommt und die Vokabeln, die er in unserem geliehenen kleinen Berlitz-Sprachcomputer nicht findet, nachfragt, inklusive Schreibweise. Kompliziert wird die Sache dadurch, dass er den Inhalt des Comics wie immer geheimhalten will - wir sollen ihn ja hinterher kaufen. Er fragt daher immer nur einzelne Worte, so dass uns der Kontext fehlt. Wenn ich ihm dann erkläre, dass ich ihm ohne Kontext das richtige Wort nicht sagen kann und vielleicht Blödsinn herauskommt, gibt er mir Beispielsätze, die aber nicht die richtigen sind, sondern nur eine ähnliche Struktur haben (jedenfalls versucht er es, eine anspruchsvolle Abstraktionsleistung, ich bin sehr gespannt auf die Sätze, die dann in seinem Comic stehen werden!)

  • Manchmal erscheint ihm meine Übersetzung als Zumutung ("Die spinnen, die Engländer!"), weil es nicht für alle Äußerungen eine 1:1-Übersetzung gibt. Wie heißt z. B. "Ich will hier raus!" auf Englisch? (Eben nicht: I want here out!) Gestern wollte er wissen, was "werden" heißt. Meine Erläuterungen, ich müsse mehr wissen, unterbrach er ungeduldig. "Sag mir einfach nur, was 'werden' heißt, Mama!!" Ich erklärte ihm den Unterschied von "werden" als Zukunft wie in "Ich werde Fußball spielen" (I will, auch shall) und "werden" im Sinne von "sich verwandeln in" wie in "Der Saft wird grün" (it becomes). Also im Deutschen dasselbe WOrt für zwei ganz unterschiedliche Sachen, im Englischen zwei ganz verschiedene Worte, von denen eins ("become") auch noch fatal an ein noch anderes deutsches Wort erinnert. Dasselbe Problem ist es bei "morgen" (tomorrow) und "Morgen" (morning), bei "Himmel" (heaven) und Himmel (sky). Dafür fällt zu Thomas bassem Erstaunen der ganze Aufwand mit einer, eine, eines, usw. weg, immer bloß "a", fantastisch!


  • Das ist natürlich eigentlich intensiver Englischunterricht - aber eben von Thomas in genau den Portionen, die er jetzt gerade für sein von ihm gestartetes und verantwortetes Projekt braucht. Wäre ich seine Lehrerin und nicht seine Lernbegleiterin, würde ich ihm hier in Spanien natürlich Spanischunterricht geben und nicht englisch (Spanisch lernt er trotzdem auch noch irgendwie, kann jedenfalls schon sehr viele Vokabeln), und auf die Idee, ihn Comics malen zu lassen, wäre ich im Leben nicht gekommen. Er beschäftigt sich jetzt seit genau zwei Jahren damit, Comics zu malen und zu schreiben (das erste habe ich im April 2006 zum Geburtstag bekommen), und die Qualität seiner Werke hat sich natürlich enorm gesteigert.

  • Aber im Moment ist er in einer so intensiven Schaffensphase, dass er nicht nur mit dem letzten Bissen im Mund vom Tisch springt mit der Bemerkung "Die Arbeit ruft!", sondern gestern sogar auf den Strand verzichtete. Zu dem sonntagmorgendlichen Folklorekonzert mit Volkstanz im Park kam er grad noch mit, und wir hofften, wenn er erst draußen wäre, würde er sich das mit dem Strand auch noch überlegen. Er schwankte auch kurz, entschied sich dann aber für seine Arbeit. Wir gingen allein an den Strand. Nach 3,5 Stunden riefen wir mal bei ihm an - alles okay, er hatte gerade Müsli gegessen, und als wir am frühen Abend zurückkehrten, empfing Thomas uns vergnügt und umgeben von vielen frisch gezeichneten Comicblättern.

  • Moritz wiederum führt gerade lange Gespräche mit Tilman zu den Problemen seiner SimCity-Stadtplanung. Tilman war jahrelang als Verkehrsökologe in der Stadtplanung tätig und da haben Vater und Sohn ein Thema gefunden, wo sie richtig ins Fachsimpeln kommen. Tilman gibt sehr viel Wissen um Zusammenhänge und der Art, Probleme vernetzt zu betrachten, an Moritz weiter, und freut sich seinerseits über Moritz' gute Ideen und differenzierte Betrachtungsweise. Klar kostet es Geld, wenn die Busse in der Stadt öfter fahren, aber ein gut vertaktetes Nahverkehrssystem zieht auch viel mehr Passagiere an, so dass zumindest ein Teil der Mehrkosten wieder hereinkommt und die Attraktivität der Stadt stark erhöht wird, was sich wieder auf ganz viele andere Bereiche auswirkt. Moritz interessiert sich besonders für Müllentsorgung und Energiegewinnung. Das Sims-Programm gibt da natürlich eher Standardlösungen vor, während Moritz gern alternative Energiequellen nutzen möchte. Er möchte es seinen Sims schön machen, aber wenn er für alle Einfamilienhäuser mit Garten baut, ist seine Stadt nicht lebensfähig und wuchert aus. Wenn die Industriegebiete (Moritz kennt genau den Unterschied zwischen Industrie und Gewerbe!) zu nah an den Wohngebieten sind, verlassen ihn die Sims, weil die Luft zu schlecht ist. Sind sie zu weit weg, braucht er viele Straßen, und die Sims stecken im Stau, das gefällt ihnen auch nicht. Und so weiter.

  • Moritz erlaubt als Bürgermeister Glücksspiele und Lotterie ("natürlich, Mama, das bringt Geld!") und lernt die vielen Dilemmas kennen, in denen ein Bürgermeister und andere Entscheidungsträger ständig stehen. Übrigens haben Thomas und er versucht, Homeschooling einzuführen, aber das ist im Programm nicht vorgesehen, und wenn keine Schulen gebaut werden, bricht die Bildung zusammen mit fatalen Folgen fürs Ganze. So lernen sie nicht nur das vernetzte Denken innerhalb eines Systems, sondern auch, dass derjenige, der das System erschaffen hat, die Bedingungen formuliert, und was er nicht berücksichtigt hat, führt im System zu falschen Ergebnissen.
  • Bei dem anderen Sims-Programm Sims2, wo es nicht um Städteplanung, sondern um das Leben selbst geht, hat Moritz sich z.B. abgemüht, Stillen zu ermöglichen, aber für die Babys gibt es nur Flaschennahrung, Stillen ist nicht vorgesehen, und wilde Landschaft und zugewucherte Gärten auch nicht. Im Anfang sind ihm seine Sims immer verhungert, weil er nicht wusste, wie er Nahrung heranschaffen sollte. Dann fand Moritz heraus, dass es genügt, einen Kühlschrank in die Wohnung zu stellen - alle Nahrung kommt aus dem Kühlschrank. Kochen kann man auch nur, indem man Fertigerichte aufwärmt. In den Gesprächen, die sich aus diesen Schwierigkeiten ergaben, erfuhren die Kinder viel über amerikanische Lebensgewohnheiten und über die verschiedenen Ebenen des Programmierens und wie absolut alle Programme durch das Bewusstsein des Programmierenden bedingt sind. Moritz und Thomas versuchen, im Sims2-Programm unser Leben nachzubauen, und stoßen dabei allenthalben auf die Begrenzungen des Programms. Geht man wirklich nur immer arbeiten, um Geld zu verdienen, und erhöht sich der Spaßfaktor nur in der Freizeit? Gibt ein größerer Fernseher wirklich so viele zusätzliche Spaßpunkte? Hängt Lebensfreude wirklich linear mit der Zahl der "Freunde" zusammen, und heißt "Freunde", dass man sich ab und zu anruft und zusammen rumhängt oder einkauft?
  • Vor drei Tagen sagte Moritz: "Jetzt fange ich wirklich an, Kalle und Robert zu vermissen." Er freut sich über die Kommentare auf seinem Blog und versucht gerade herauszufinden, was ein "Stöckchen" ist und wie man es findet. Ich weiß das auch nicht, keine Zeit. Vor einigen Tagen hat er einen Aufruf gegen Rassendiskriminierung bei Werder Bremen unterschrieben. Aber er war unzufrieden: "Papa, da haben erst 8000 Leute unterschrieben! Aber in das Weserstadion gehen doch 40.000 rein, und die meisten sind doch gar nicht bei jedem Spiel dabei, das müssten doch viel mehr sein?!" Und schon rechnete Moritz daran herum, wie viele verschiedene Menschen im Laufe eines Jahres das Bremer Weserstadion besuchen und wieviel Prozent der Werderfans also diesen Aufruf erst unterschrieben haben. Freilernen.

Dienstag, 5. Februar 2008

Wieder in Las Palmas

So, unser Offroad- und Offline-Abenteuer ist beendet, und die Ankunft in "unserer" Wohnung in Las Palmas war schon fast ein bisschen wie Nachhausekommen. Die Finca auf La Palma war nicht internetfähig (nur Funktelefon), und auch wenn der Sternenhimmel dort ebenso atemberaubend ist wie die Stille, die Natur und vieles andere, wissen wir aus Erfahrung, dass wir ebenso wie unsere Kinder auf die Dauer Kultur, Konzerte und "den Duft der großen weiten Welt" brauchen. Vor 20 Jahren hätte es mich zutiefst gereizt, so ganz abgeschieden am Ende der Welt zu leben, heute nicht mehr.


  • Wir haben das Hundeproblem mit Hilfe der örtlichen Tierschützer, des dubiosen Herrn und einer Spende des Fincabesitzers gelöst. (Die Tiere werden versorgt, geimpft etc, und weitervermittelt). Wir haben mit dem Fincabesitzer besprochen, dass und warum der Ort für uns als Wohnsitz nicht in Frage kommt, und er hat bei der Gelegenheit beschlossen, sie wieder zu verkaufen. (Hat jemand Interesse? Wunderbare hochgelegene Finca auf La Palma mit Nebengebäude, zwei Bädern mit herrlich verrückten Mosaiken, alten Dielen und der traditionellen herrlichen holzgetäfelten Decke, ca. 3 ha Land inkl. Erdkeller, Mandelbäume, Organgenbäume usw. gehören dazu, Telefon und Fax vorhanden, Internet erst im nächsten Ort, ich glaube 270.000 €).

  • Tilman und der freundliche schwäbische Nachbar haben neue Türschlösser eingebaut/einbauen lassen, wir haben mit den Kindern ein paar wunderbare Ausflüge gemacht, zu riesigen alten Drachenbäumen, Höhlenwohnungen am Meer, historischen Höhlen mit uralten Steinzeichnungen (leider voller zweckentfremdeter Papiertaschentücher - die Kinder haben sich sehr empört, wieso Touristen solche Orte als Toiletten missbrauchen). Wir haben einen großen Wochenmarkt besucht und (in einer uralten Presse frisch gepressten) Zuckerrohrsaft getrunken, uns Zuckerrohr gekauft und abends beim Whist-Spielen genüsslich darauf herumgekaut (und haben jetzt ein Gefühl dafür, wieso es Rohrzucker heißt). Wir haben abends den unglaublich leuchtenden Sternenhimmel bewundert und den Kindern die wichtigsten Sternbilder gezeigt, außerdem anhand der deutlich sichtbaren Milchstraße die Lage unseres Sonnensystems in der Galaxie erläutert (Thomas sagte andächtig: "Wenn man bedenkt, dass das alles Sonnen sind!"). Wir haben dann noch die Verlängerung der soeben ablaufenden Versicherung des Toyota-Jeeps organisiert. Die Kinder haben auf der Straße gebolzt, die Orangen auf Erntbarkeit geprüft, viel gelesen und gespielt. Und wir haben einfach nur dagesessen und auf das Meer geschaut, das zu dieser Jahreszeit nicht so zum Baden geeignet ist (zu viele Steine und zu hohe Wellen).

  • Außerdem war gerade Carnevale. An unserem abgelegenen Ort haben wir nichts davon mitbekommen, aber Nachbar Kurt warnte uns, am Faschingsdienstag seien überall die Geschfte geschlossen. Er brachte uns mit dem alten Toyota morgens um 6 zum Flughafen (der Toyota wird auch verkauft...), und in Los Llanos wanderten tatsächlich noch die letzten Nachtschwärmer durch die Straßen, viele weiß gekleidet mit Panama-Strohhut und Havanna-Zigarre, denn am Montag war das Fest der "Indianos", der reich aus Amerika auf die Inseln zurückgekehrten Guancheros, wie die palmerischen Einwohner sich selbst nennen. Viele waren auch mit Mehl bestäubt - es hat, wie unser Nachbar erzählte, wohl mal eine wüste Hungersnot gegeben, und die spanischen Besatzer haben verdorbenes Mehl geliefert, das ihnen die Guancheros dann um die Ohren gehauen haben. Zur Erinnerung daran wird auch heute noch jedes Jahr ganz viel Mehl mit Kanonen verschossen.

  • Einem dieser Carnevale-Freunde wurde dann bei der Landung auf Las Palmas furchtbar schlecht, gottlob spritzte es nicht in unsere Richtung, und die Kinder waren tiefbeeindruckt von den grässlichen Folgen übertriebenen Alkoholkonsums, hin- und hergerissen zwischen Ekel, Unverständnis und Mitgefühl, vor allem für die Reinigungsmannschaft des Flugzeugs, die wir noch anrücken sahen .
  • Hier in der Stadt waren gestern tatsächlich die meisten Geschäfte geschlossen, Feiertagsstimmung am Faschingsdienstag, heute "Aschermittwoch" ist hier wieder alles normal, und erstaunlicherweise gehen hier die Faschingsfeiern noch weiter, die Fastenzeit ist hier offenbar kürzer. Die Kinder bereiten seit gestern eine andere Feier vor, Tilman hat morgen Geburtstag, und es wird gemalt und posaunt/Gitarre gezupft, während Tilman Augen und Ohren fest verschlossen hält, damit er morgen auch überrascht sein kann. Jetzt sind sie zum Surfen an den Strand gefahren, Tilman und ich wechseln uns angesichts des einzigen PCs mit Bürodienst ab.

  • Die Freunde der Bildungsfreiheit und viele andere wache Eltern befassen sich jetzt mit dem neuen Gesetzesentwurf der Bundesregierung, in dem unter Hinweis auf vernachlässigende Eltern die Elternrechte insgesamt empfindlich beschnitten und die des deutschen Jugendamtes, die ja jetzt schon international bis ins EU-Parlament hinein mit Befremden diskutiert werden, nochmals ausgeweitet werden sollen. Sorgerechtsentzug soll in Zukunft ratzfatz gehen - dabei krankten die zuletzt bekanntgewordenen Fälle nicht an mangelnden gesetzlichen Möglichkeiten, sondern an der Untätigkeit überforderter Behörden trotz deutlicher Hinweise auf Missstände. Nähere Infos auf der interessanten Seite http://www.kinderrechte-infos.de/.

Freitag, 1. Februar 2008

Offline und offroad auf La Palma

Hallo, jetzt sind wir wirklich am aeussersten Zipfel Europas angekommen, vor uns liegen nur noch ca. 6000 km Atlantik, und dann kommt Amerika, auf der anderen Seite auch ziemlich viel Wasser, einige Inseln, und dann kommt Afrika.

In unserem kleinen umgaerteten Appartment haben wir weder Telefon noch TV noch PC noch Internet, was dazu fuehrt, dass Moritz und Thomas uns taeglich mit "Vorfuehrungen" ueberraschen, wenn wir vom Organisieren und unserer "Pflegefinca" wiederkommen. Gestern Mittag hatten sie ein Theaterstueck einstudiert, wo sie zwei alte Damen spielten, die sich aufs Gekuenstelte bei einer Tasse Kaffee unterhielten ("Ach, Dorothee hat einen neuen Ring, meine Liebe? Das ist ja hochinteressant! wie sah er denn aus?" - "Nun, was soll ich Ihnen sagen: Er war rund!"), dann staendig stuerzten, es aber nicht schafften, den Arzt zu rufen, weil immer jede behauptete, die andere sei mehr hilfsbeduerftig. Sie fanden das typisch fuer alte Damen, "die wollen doch immer anderen helfen!"
Davor haben sie uns abends mit einer ellenlangen Rap-Session beglueckt, Thomas spielte Gitarre, und dazu sangen sie abwechselnd improvisiert gereimte Zweizeiler, in denen sie sich die graesslichsten Sachen androhten. Da reimte sich gefaehrlich auf ehrlich, Himmel auf Schimmel, Hintern auf ueberwintern, Besen auf lesen, Schwein auf Rhein,Eiffelturm auf Wurm, hypnotisieren auf marodieren und das alles in schnellem Tempo, es war beeindruckend, uns Eltern aber nach einem anstrengenden Tag zu lang. Sie waren dann beleidigt, weil ihr Programm noch viel laenger gegangen waere, inklusive Posaune, und wir hatten noch eine Diskussion ueber Kuenstlertum und inwieweit Kuenstler es in der Hand haben, wie sich ihr Publikum benimmt und ob es mitsingen darf. (Wir hatten versucht, freundlich beendende Reime anzubringen ...)

Gestern abend fuehrten sie uns dann Kartentricks vor, wir hatten ihnen aus der Finca eine alte Spielesammlung mitgebracht. Zuletzt las Thomas uns allen aus dem ersten Narnia-Band vor, "Onkel Dagobert - sein Leben, seine Milliarden" hat er Tilman naemlich zu seinem groessten Bedauern fertig vorgelesen. Und wir haben ein ellenlanges grandioses Scrabblespiel gespielt, bei dem Moritz noch vor mir Zweiter wurde. (Ich bin gar nicht gut in Scrabble, Tilman ist exzellent, dabei bin ich doch die Sprachenfrau... )
Jetzt muss ich schliessen hier im Internetcafe...
Bis demnaechst