Dienstag, 12. Februar 2008

Bücherschreiben und Städte planen

  • Seit wir wieder hier sind, arbeite ich intensiv an meinem Buch "Die Freilerner", das im Mai erscheinen soll und in dem ich einfach von unserem Leben und unserem Weg in das Leben ohne Schule erzähle, auch unter Verwendung des Blogs.

  • Thomas arbeitet höchst intensiv an einem neuen Comic - in Englisch! Das hat zur Folge, dass er alle paar Minuten angelaufen kommt und die Vokabeln, die er in unserem geliehenen kleinen Berlitz-Sprachcomputer nicht findet, nachfragt, inklusive Schreibweise. Kompliziert wird die Sache dadurch, dass er den Inhalt des Comics wie immer geheimhalten will - wir sollen ihn ja hinterher kaufen. Er fragt daher immer nur einzelne Worte, so dass uns der Kontext fehlt. Wenn ich ihm dann erkläre, dass ich ihm ohne Kontext das richtige Wort nicht sagen kann und vielleicht Blödsinn herauskommt, gibt er mir Beispielsätze, die aber nicht die richtigen sind, sondern nur eine ähnliche Struktur haben (jedenfalls versucht er es, eine anspruchsvolle Abstraktionsleistung, ich bin sehr gespannt auf die Sätze, die dann in seinem Comic stehen werden!)

  • Manchmal erscheint ihm meine Übersetzung als Zumutung ("Die spinnen, die Engländer!"), weil es nicht für alle Äußerungen eine 1:1-Übersetzung gibt. Wie heißt z. B. "Ich will hier raus!" auf Englisch? (Eben nicht: I want here out!) Gestern wollte er wissen, was "werden" heißt. Meine Erläuterungen, ich müsse mehr wissen, unterbrach er ungeduldig. "Sag mir einfach nur, was 'werden' heißt, Mama!!" Ich erklärte ihm den Unterschied von "werden" als Zukunft wie in "Ich werde Fußball spielen" (I will, auch shall) und "werden" im Sinne von "sich verwandeln in" wie in "Der Saft wird grün" (it becomes). Also im Deutschen dasselbe WOrt für zwei ganz unterschiedliche Sachen, im Englischen zwei ganz verschiedene Worte, von denen eins ("become") auch noch fatal an ein noch anderes deutsches Wort erinnert. Dasselbe Problem ist es bei "morgen" (tomorrow) und "Morgen" (morning), bei "Himmel" (heaven) und Himmel (sky). Dafür fällt zu Thomas bassem Erstaunen der ganze Aufwand mit einer, eine, eines, usw. weg, immer bloß "a", fantastisch!


  • Das ist natürlich eigentlich intensiver Englischunterricht - aber eben von Thomas in genau den Portionen, die er jetzt gerade für sein von ihm gestartetes und verantwortetes Projekt braucht. Wäre ich seine Lehrerin und nicht seine Lernbegleiterin, würde ich ihm hier in Spanien natürlich Spanischunterricht geben und nicht englisch (Spanisch lernt er trotzdem auch noch irgendwie, kann jedenfalls schon sehr viele Vokabeln), und auf die Idee, ihn Comics malen zu lassen, wäre ich im Leben nicht gekommen. Er beschäftigt sich jetzt seit genau zwei Jahren damit, Comics zu malen und zu schreiben (das erste habe ich im April 2006 zum Geburtstag bekommen), und die Qualität seiner Werke hat sich natürlich enorm gesteigert.

  • Aber im Moment ist er in einer so intensiven Schaffensphase, dass er nicht nur mit dem letzten Bissen im Mund vom Tisch springt mit der Bemerkung "Die Arbeit ruft!", sondern gestern sogar auf den Strand verzichtete. Zu dem sonntagmorgendlichen Folklorekonzert mit Volkstanz im Park kam er grad noch mit, und wir hofften, wenn er erst draußen wäre, würde er sich das mit dem Strand auch noch überlegen. Er schwankte auch kurz, entschied sich dann aber für seine Arbeit. Wir gingen allein an den Strand. Nach 3,5 Stunden riefen wir mal bei ihm an - alles okay, er hatte gerade Müsli gegessen, und als wir am frühen Abend zurückkehrten, empfing Thomas uns vergnügt und umgeben von vielen frisch gezeichneten Comicblättern.

  • Moritz wiederum führt gerade lange Gespräche mit Tilman zu den Problemen seiner SimCity-Stadtplanung. Tilman war jahrelang als Verkehrsökologe in der Stadtplanung tätig und da haben Vater und Sohn ein Thema gefunden, wo sie richtig ins Fachsimpeln kommen. Tilman gibt sehr viel Wissen um Zusammenhänge und der Art, Probleme vernetzt zu betrachten, an Moritz weiter, und freut sich seinerseits über Moritz' gute Ideen und differenzierte Betrachtungsweise. Klar kostet es Geld, wenn die Busse in der Stadt öfter fahren, aber ein gut vertaktetes Nahverkehrssystem zieht auch viel mehr Passagiere an, so dass zumindest ein Teil der Mehrkosten wieder hereinkommt und die Attraktivität der Stadt stark erhöht wird, was sich wieder auf ganz viele andere Bereiche auswirkt. Moritz interessiert sich besonders für Müllentsorgung und Energiegewinnung. Das Sims-Programm gibt da natürlich eher Standardlösungen vor, während Moritz gern alternative Energiequellen nutzen möchte. Er möchte es seinen Sims schön machen, aber wenn er für alle Einfamilienhäuser mit Garten baut, ist seine Stadt nicht lebensfähig und wuchert aus. Wenn die Industriegebiete (Moritz kennt genau den Unterschied zwischen Industrie und Gewerbe!) zu nah an den Wohngebieten sind, verlassen ihn die Sims, weil die Luft zu schlecht ist. Sind sie zu weit weg, braucht er viele Straßen, und die Sims stecken im Stau, das gefällt ihnen auch nicht. Und so weiter.

  • Moritz erlaubt als Bürgermeister Glücksspiele und Lotterie ("natürlich, Mama, das bringt Geld!") und lernt die vielen Dilemmas kennen, in denen ein Bürgermeister und andere Entscheidungsträger ständig stehen. Übrigens haben Thomas und er versucht, Homeschooling einzuführen, aber das ist im Programm nicht vorgesehen, und wenn keine Schulen gebaut werden, bricht die Bildung zusammen mit fatalen Folgen fürs Ganze. So lernen sie nicht nur das vernetzte Denken innerhalb eines Systems, sondern auch, dass derjenige, der das System erschaffen hat, die Bedingungen formuliert, und was er nicht berücksichtigt hat, führt im System zu falschen Ergebnissen.
  • Bei dem anderen Sims-Programm Sims2, wo es nicht um Städteplanung, sondern um das Leben selbst geht, hat Moritz sich z.B. abgemüht, Stillen zu ermöglichen, aber für die Babys gibt es nur Flaschennahrung, Stillen ist nicht vorgesehen, und wilde Landschaft und zugewucherte Gärten auch nicht. Im Anfang sind ihm seine Sims immer verhungert, weil er nicht wusste, wie er Nahrung heranschaffen sollte. Dann fand Moritz heraus, dass es genügt, einen Kühlschrank in die Wohnung zu stellen - alle Nahrung kommt aus dem Kühlschrank. Kochen kann man auch nur, indem man Fertigerichte aufwärmt. In den Gesprächen, die sich aus diesen Schwierigkeiten ergaben, erfuhren die Kinder viel über amerikanische Lebensgewohnheiten und über die verschiedenen Ebenen des Programmierens und wie absolut alle Programme durch das Bewusstsein des Programmierenden bedingt sind. Moritz und Thomas versuchen, im Sims2-Programm unser Leben nachzubauen, und stoßen dabei allenthalben auf die Begrenzungen des Programms. Geht man wirklich nur immer arbeiten, um Geld zu verdienen, und erhöht sich der Spaßfaktor nur in der Freizeit? Gibt ein größerer Fernseher wirklich so viele zusätzliche Spaßpunkte? Hängt Lebensfreude wirklich linear mit der Zahl der "Freunde" zusammen, und heißt "Freunde", dass man sich ab und zu anruft und zusammen rumhängt oder einkauft?
  • Vor drei Tagen sagte Moritz: "Jetzt fange ich wirklich an, Kalle und Robert zu vermissen." Er freut sich über die Kommentare auf seinem Blog und versucht gerade herauszufinden, was ein "Stöckchen" ist und wie man es findet. Ich weiß das auch nicht, keine Zeit. Vor einigen Tagen hat er einen Aufruf gegen Rassendiskriminierung bei Werder Bremen unterschrieben. Aber er war unzufrieden: "Papa, da haben erst 8000 Leute unterschrieben! Aber in das Weserstadion gehen doch 40.000 rein, und die meisten sind doch gar nicht bei jedem Spiel dabei, das müssten doch viel mehr sein?!" Und schon rechnete Moritz daran herum, wie viele verschiedene Menschen im Laufe eines Jahres das Bremer Weserstadion besuchen und wieviel Prozent der Werderfans also diesen Aufruf erst unterschrieben haben. Freilernen.

Kommentare:

arnonym hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
arnonym hat gesagt…

Kleiner Backlink (2-te Version):
http://dermitdempinguintanzt.blogspot.com/2008/02/parallelgesellschaften.html

Anonym hat gesagt…

Hallo,

wie wär's denn damit, das Spiel selber zu machen ?
Hier ist eine kostenlose Software dazu:
Der GameMaker

http://www.yoyogames.com/make

Und ein Tutorial für Kinder ab 6 Jahren gibt es auch.

Viel Spaß
Guy

Freie Bildung hat gesagt…

Dagmar, dann freue ich mich schon auf Dein/euer Buch! :-)

Anitz hat gesagt…

Au ja, das SimCity3 mit Unschooler...

Soll der Moritz programmieren lernen... vielleicht hat der Arnonym nützliche Tipps!

MNax hat gesagt…

Schön wieder was von euch zu lesen :).
Und der Beitrag gefällt mir besonders gut, weil selbst ich als schulsozialisierter hier befreife, was freies Lernen ausmacht und welche Vorteile das gegenüber dem formalisierten Kollektivlernne hat :).

rauhtierchen hat gesagt…

Das Thomas nun Comics auf Englisch schreibt, empfinde ich als natürlich.

Er hat im Ausland erfaßt, wie wichtig es ist, sich in mehr als einer Sprache ausdrücken zu können.
Sein Spanisch reicht aber nicht um zu schreiben: also wechselt er in die andere Sprache, die er beherrscht, und das ist Englisch.

Außerdem kann er nur so einen "Markt" für seine Comics öffnen.
Wie viele Leute in Eurer neuen Umgebung können denn Deutsch lesen ? Englisch wohl fast jeder !

Thomas hat sich eine Lingua franca gewählt :-)

Wisdom hat gesagt…

Liebe Neubronners!

Bisher habe ich mich hier noch nie zu Wort gemeldet. Ich verfolge Euren Blog aber schon sehr lange. Als ich Euch das erste Mal bei Stern TV gesehen habe - das ist schon ewig her - habe ich mich mit dem Thema "Homeschooling" nicht beschäftigt. Wenn ich ganz ehrlich bin, wusste ich gar nicht, dass sowas praktiziert wird, zumindest von normalen Leuten. Homeschooling kannte ich von Familien in Amerika, die Sekten angehören, die ihre Kinder daheim unterrichten, damit sie nicht mit der "bösen Welt draussen" in Verbindung kommen. Umso interessanter fand ich Euren Beitrag und habe mich damals quer durchs Internet gelesen. Ich war nicht überzeugt von der ganzen Sache, aber ich bin allgemein nicht negativ. Ich informiere mich gerne zuerst über Dinge und bilde mir dann meine Meinung. Das habe ich getan - am Anfang war meine Meinung schwankend. Über die Zeit habe ich immer mehr gelesen, von Euch, von anderen Homeschoolern und mittlerweile habe ich das Gefühl, dass dieses Homeschooling ein ganz fantastischer und richtiger Weg ist. Ich kann mir vorstellen mit wievielen Vorurteilen ihr zu kämpfen habt, wie oft Ihre Euch rechtfertigen müsst und finde es ganz toll, dass ihr das alles so durchzieht. Ich selbst bin aus Österreich, einem Land, in dem Homeschooling ja erlabut sein soll, wie ich erfahren habe, aber Homeschooler kenne ich selbst keine. Ich bin auch erst 26, Kinder stehen (derzeit) nicht auf meinem Plan aber ich finde es sehr interessant diese Option des Lernens zu kennen.

Ich wünsche Euch weiterhin alles Gute, gespannt verfolge ich Euren Blog und wünsche Euch sehr, dass Bremen endlich Einsicht zeigt.

Eure,
Daniela

ps: Eure Bücher stehen schon auf meiner Wunschliste - und auf das neue Buch bin ich ebenfalls gespannt.

Großstadtpflanze hat gesagt…

Es hat mich beim Sims-Spielen auch immer gestört, dass die Babys nur Flaschennahrung bekommen können. Und dann liegen sie den ganzen Tag allein im Gitterbett. Sie kommen nicht in den Genuss eines Familienbetts und im Tragetuch getragen werden sie auch nicht. Die Armen. Eigentlich müssten die Werte bei dieser Behandlung immer im roten Bereich sein.

Und später fahren die Sims immer mit dem Auto zur Arbeit oder zum Einkaufen. Sie gehen nicht zu Fuss, fahren kein Fahrrad und benutzen keine öffentlichen Verkehrsmittel.

Und wenn sie im Garten Obst und Gemüse ernten, können sie daraus Saft pressen oder es in den Kühlschrank tun. Aber warum können sie einen Apfel eigentlich nicht einfach so aus der Hand essen? Oder Erdbeeren direkt vom Strauch naschen?

Und Homeschooling gibt es auch nicht. Und dabei kommt das Spiel doch aus den USA....

Sind schon komische Geschöpfe, die Sims.

Worüber ich mir Gedanken mache... ich fürchte, ich habe schon zuviel Sims gespielt :-)

Lia hat gesagt…

Tja, ich fürchte bei den Sims schlägt das alltägliche amerikanische Großstadtleben durch. Da gibt's glaub ich, kaum noch eine Wohnung mit Küche. Ob die überhaupt noch wissen, wie Äpfel und Beeren in Natura aussehen?
Ich bin teilweise auch immer schockiert, wie wenig auch bei uns in Familien gekocht wird. Bei ganz vielen sieht man in erster Linie Fertigprodukte und Tiefkühlprodukte. Es gab Freunde meines Sohnes, die nie bei uns essen wollten, weil wir a) so seltsame Sachen kochen (Wurstnudeln z.B.) und b) die Spaghetti bei uns so komisch schmecken (klar: selbstgemacht und nicht von Miracoli).
In solchen Spielen oder auch in Filmen und Serien sehen die Kinder auch wenig Leute kochen. Meist wird auch nur schnell die Pizza ins Backrohr geschoben oder zum McDoof gegangen.
Schlimm fand ich da auch die Teletubbies (die sowieso mein persönliches Feindbild sind). Bei denen gibt es immer nur Toast und Pudding (wie gesund) und wenn was schmutzig ist, macht es der Staubsauger alleine wieder weg (na toll). Was soll das den Kindern bringen außer eine Menge an versäumter Zeit fürs Spielen.

...Einfach Familie... hat gesagt…

Bei Petzi werden auch immer nur Pfannkuchen gegessen. *lol*
Ich glaube, Kindersendungen - ausser die alten Augsburger Puppenkisten - sind fast immer ein schlechtes Beispiel für KInder.

Lia hat gesagt…

Die Augsburger Puppenkiste habe ich als Kind nie gesehen, erst als Erwachsene. Die kam erst ins österreichische Fernsehen als ich mich schon zu alt und erhaben für solche Kindersendungen fühlte. *ggg*
Aber die Sendung mit der Maus fand ich immer schon toll, genau so wie die Muppets Show. Die Muppet Show war zwar wenig pädagogisch wertvoll, aber vieleicht grad deswegen für Kinder so interessant. *lach*

Anonym hat gesagt…

Was immer auch man über die Amis sagt, sie haben auf jeden Fall ein gutes Gefühl für Freiheit entwickelt.

Homeschooling ist dort erlaubt. Und sie diskutieren mittlerweile schon darüber, dass Homeschooler dem Staat genausoviel Geld wert sein müssen, wie Prisonschooler. Sie würden es halt statt als Sachleistung als Geldleistung bekommen.

Mir sind sogar die Teletubbies recht, wenn sie nur die deutschen Kultusminister besiegen.

Guy

Lia hat gesagt…

Also wenn Homeschooling mit der Auflage verbunden würde, jeden Tag eine Folge der Teletubbies sehen zu müssen ..... ich weiß nicht, ob das dann wirklich eine Option für mich wäre. Es gibt Dinge, die ich nicht wirklich ausprobieren möchte und die Folgen eines übermäßigen Teletubbies-Konsums (sprich: mehr als eine Sendung) gehören ganz bestimmt dazu!

Dagmar Neubronner hat gesagt…

Danke für eure super Kommentare! Und, liebe Daniela, wie du die Wirkung der (welcher, der ersten? zweiten? dritten?) stern-tv-Sendung und meines Blogs schilderst, entspricht es genau unseren Hoffnungen: Allmähliches Verstehen und Wiedererkennen eigener Erfahrungen und so nach und nach solide Befürwortung. Mit dieser Hoffnung im Herzen machen wir das alles, und anders war der Prozess von faszinierter Ablehnung über Skepsis zu eigenen Erfahrungen bei uns auch nicht. Das ist genau der Weg, wie sich unsere Gesellschaft in Richtung Bildungsfreiheit verändert: Indem viele und immer mehr einzelne Menschen begreifen, was es konkret bedeutet und wie wichtig es ist.
Ich wünsche dir eine große glückliche Familie ;-)