Montag, 30. Juni 2008

gleichgesinnte

in der aktuellen ausgabe des "unerzogen"-magazins habe ich ein interview mit rina groeneveld, deren 4 kinder seit jahren frei lernen (leben), gelesen - mein herz lacht, so sehr hat mich die beschreibung des lebens der familie gefreut. das ist ja wie bei uns :)
auch die fragen & unsicherheiten, die rina beschäftigt haben, sind die gleichen, mit denen ich mich befasst habe.

da wird gespielt, lego gebaut, gelesen, im internet gesurft ... im gegensatz zu erzählungen anderer unschooler, die scheinbar dauernd grössere projekte durchführen, folgen diese kinder auch einfach ihren interessen, leben ihr leben.

nicht sehr spektakulär, aber glücklich.

Auswanderungsgrund Deutsche Bildungs- und Familienpolitik

Die FAZ läd Auswanderer dazu ein, an auswandern@faz.de den wichtigsten Grund für die Auswanderung zu schreiben und ein Foto zu schicken. Es wäre gut, wenn viele Homeschoolauswanderer hinschrieben und auch andere gute Gründe für das Auwandern genannt werden, auch wenn es erst geplant ist!

Dienstag, 17. Juni 2008

Schulpflicht vs Recht auf Lernen

Einen schönen Text zum Thema 'Schule' von Jan Moewes habe ich heute entdeckt, dank eines Hinweises auf der unerzogen-Mailingliste ... Den ich gern mit euch teilen möchte. Hier mal ein Auszug:

" Tatsächlich hat die Regelschule von heute das Lernen zum Vorwand degradiert. Was auf dem Stundenplan steht, ist egal - gelernt wird immer das Gleiche, und das taucht nicht einmal im Lehrplan auf. Gelernt wird zum Beispiel, egal ob bei Mathe, Erdkunde oder Handarbeit, dass die Stunde erst zu Ende ist, wenn es klingelt. Und dass man bis dahin sitzen zu bleiben hat. Gelernt wird, dass man sich keine Gedanken machen muss, was man morgen tun möchte, weil es sowieso klar ist. Gelernt wird, dass es nicht darum geht, was du willst, sondern um das, was man von dir verlangt. Gelernt wird, dass eine musikalischer Einfall in der Mathestunde nichts zu suchen hat und dass es völlig egal ist, ob du weißt, dass der Typ da vor dir doof ist.
Hält denn jemand im Ernst unsere Kinder für so blöd, dass sie nicht alleine rausfinden würden, wie die Hauptstadt von China heißt - falls es sie interessieren sollte.[...]
Es ist nicht schwer sich vorzustellen, dass es hier anders aussehen würde, hätten wir nicht alle so brav gelernt, jeden Morgen um die gleiche Zeit an den gleichen Ort zu rennen und das Gleiche wie Gestern zu tun. Von alleine käme kein Mensch auf so was!
Wahrscheinlich käme kaum jemand auf die Idee, im Winter vor Sonnenaufgang aufzustehen. Was würden wir Strom sparen, wahrscheinlich mehr als mit der Sommerzeit. Kein Mensch würde von alleine stundenlang etwas tun, was ihn anödet; niemand ruhig anhören, was ihn ankotzt. Kaum ein Mensch würde bei schönem Wetter drinnen sitzen und noch weniger würden bei schlechtem Wetter rausgehen.
Hätten wir nicht alle in der Schule gelernt, die Eigenverantwortung gleich mit dem Mantel an der Garderobe aufzuhängen und uns in das Unvermeidliche zu fügen, hätten wir wahrscheinlich ganz andere Fabriken - oder gar keine. Wir hätten auch keine Schulen - oder ganz andere. Ohne diese Schule hätten wir auch diesen Staat nicht - und deshalb haben wir die Schulpflicht statt des Rechts auf Lernen. "

Montag, 9. Juni 2008

outdoor-schooling

heute habe ich in thousand sunny's blog eine interessante liste gefunden: 200 gründe gegen die schulpflicht

... ganz anders als im grund nr. 1 ("ein blick in die gesichter von kindern, die morgens in die schule gehen") freuen sich die mit mir lebenden kinder morgens beim aufstehen auf den neuen tag & fangen nach dem ausschlafen einfach an mit dem, was sie gerade tun wollen.

bei dem phantastischen wetter waren wir in den letzten tagen überwiegend draussen unterwegs, zum beispiel am see in einem nahe gelegenen naturschutzgebiet. dort gibt es einen kleinen "strand", also sand & niedriges wasser ... was braucht mensch mehr?

aus dem heutigen "lernplan":

  • erfahren mit allen sinnen von unterschiedlichen naturmaterialien (sand, wasser, holz, steine)

  • unterschiede von nassem & trockenem sand - beim bauen & auf der haut

  • löcher buddeln & kanäle anlegen. mit plastik-schaufeln, holzbrettern, händen -> erfahrungen mit unterschiedlichen werkzeugen

  • wir haben fische, schwäne, libellen (leuchtend blaue!), eine raupe, einen regenwurm, eine eidechse gesehen.

  • am see wachsen wasserbinsen. wenn man deren grüne "außenhaut" abschält, lässt sich das innere des stengels herausschieben & kann angeblich, in schälchen mit öl gelegt, als docht verwendet werden. das rauspulen des "dochts" ist ziemlich fisselig, weil der sehr leicht reisst. aber wir werden den einsatz als docht auf jeden fall noch ausprobieren!


nebenbei waren die kinder ständig in bewegung, in sonne & frischer luft.
und haben dabei - sozial isoliert, wie homeschooler ja sind, ne ;) - problemlos kontakte zu anderen menschen, grossen & kleinen, geknüpft.

Donnerstag, 5. Juni 2008

"diebe sind grüner ... " oder biologie & philosophie

inspiriert durch unseren vor einiger zeit endlich eingetroffenen clonlara-ordner mal der versuch, einige unserer beschäftigungen den schulischen themengebieten zuzuordnen:


biologie:

c hat neulich aus der bücherhalle ein buch über schmetterlinge ausgeliehen, in dem sehr schön & ausführlich in form der lebensgeschichte eines schmetterlings jede menge wissen über schmetterlinge vermittelt wird. heute sind wir dann in den schmetterlingsgarten gefahren & haben uns dort unmengen wunderschöner, leuchtend bunter schmetterlinge angesehen. auch deren puppen (die sich übrigens je nach art auch deutlich voneinander unterscheiden). die schmetterlinge fliegen dort einfach um einen herum - bzw wir laufen einfach durch den lebensraum der schmetterlinge hindurch. wir haben beobachtet, wie sie an blumen naschen & an bereitgestellten früchten. in einer ecke auf dem boden haben wir einen toten schmetterling gefunden & ihn mit nach hause genommen, in der becherlupe genau angesehen & mithilfe von m's umfangreichen unterlagen (er hat sich vor ein paar jahren auch mal sehr für schmetterlinge interessiert & viel dazu gesammelt) versucht, diesen zu bestimmen.


ebenfalls aus dem bereich der biologie hatten wir übrigens grade - unfreiwillig - eine menge anschauungsmaterial zu hause: ameisen hatten nämlich unsere küche, in der immer sehr viele frische früchte herumliegen, als nahrungsquelle entdeckt. als sie dann an einem wochenende, an dem wir verreist waren & m es vorher versäumt hatte, herumliegende brotkrümel & eine schale mit rosinen wegzuräumen, ausserdem noch in seinem zimmer unterwegs waren (& zwar wirklich! viele), stürzte er sich er - nach der gemeinsamen saubermach-aktion - erstmal ins internet, um zu recherchieren, was wir gegen unsere mitbewohner unternehmen könnten. er hat jede menge gefunden zu giften & anderen tötungsmöglichkeiten, ausserdem technische als auch hausmittelchen, die die ameisen einfach nur vertreiben sollen. es gibt sogar diverse seiten für leute, die ameisen als haustiere halten - mit nützlichen informationen über verhalten und nahrungsvorlieben. da wir die ameisen nicht töten wollten, haben wir gemeinsam eine strategie entwickelt, die darauf basiert, dass die ameisen über duftstoffe (pheromone) kommunizieren & sich damit auch ihre wege markieren & die im wesentlichen aus einem ziemlich peniblen umgang mit essensresten & schmutzigem geschirr, sehr häufigem müll-rausbringen, abwaschen etc & dem verstreuen von zimt bestand.

und weil ja jeder anlass für einen gemeinsamen ausflug taugt :) sind wir dann mal wieder zu globetrotter gefahren & haben uns die x-tausend blattschneiderameisen (im glaskasten) dort angesehen & uns gefreut, dass die bei uns zuhause nicht mal halb so gross waren :)

übrigens auch sonst ein schönes ausflugsziel in hamburg: neben einer kletterwand gibt es dort z.b. eine kältekammer, in der mensch temperaturen von ca -17 grad celcius bei schnee & eis ausprobieren kann, eine regenkammer, in der verschiedene niederschlagsstufen getestet werden können und noch vieles mehr :)
von dort haben wir auch eine riesengrosse weltkarte mitgebracht, die in unserer küche hängt & vor der sowohl wir als auch besucher viel zeit verbringen.


philosophie

seit wochen, nein monaten, zentrales thema bei m ist die frage nach gut & böse. was ist was, wer darf was tun & vor allem was nicht. neben stundenlangen philosophischen diskussionen hier dazu, bringen uns deren konkrete anlässe aber auch immer wieder zur beschäftigung mit politischen, biologischen, geschichtlichen, marketing-technischen .... usw fragen.


konkreter sieht das beispielsweise so aus: m spielt an der xbox bevorzugt spiele, in denen er sich zwischen gut & böse sein entscheiden muss. er hat da z.b. gerade das märchen "fable" entdeckt: ein genremix aus rollenspielen, adventure & lebenssimulation, bei dem sich jede aktion auf die moral des protagonisten auswirkt. zu anfang des spiels schlüpft der spieler in die rolle eines kleinen jungen, den er dann im laufe des spiels (= seines lebens) nach den eigenen vorstellungen & wünschen formen kann. die wahl der aktionen entscheidet, ob aus diesem jungen ein guter mensch & held wird oder ob alle vor ihm fliehen, weil er sich zur bosheit in person entwickelt.

m hat das spiel zuerst mehrfach als "guter" durchgespielt, dann lange (laut) darüber nachgedacht, wie er es "böse" spielen könnte & schliesslich auch dies ausprobiert.


ansonsten werden in vielen seiner spiele irgendwelchen virtuellen figuren abgeschossen - was seitens der familie (grosseltern, onkels/tanten etc) häufig zu kritik führt - und m beim letzten familientreffen zielsicher zu der frage, wieso sie sich alle so darüber aufregen, wenn er virtuelle aliens erschiesst, während sie minuten vorher gemeinschaftlich ein echtes, getötetes lamm verzehrt haben (ja, wir leben vegan bzw vegetarisch).

auch ein zufällig gemeinsam im fernsehen gesehener beitrag über die zubereitung von brathühnchen brachte uns wieder zum thema. c fragte beim anblick des toten "küchenfertigen" huhns, was das denn sei - m erklärte - und keins der kinder (ich ja auch nicht) kann wirklich begreifen, warum menschen so etwas tun. "das ist böse, die dürfen das nicht!" - so der tenor (in diesem fall beider kinder).

die neue

ich habe selbst so lange mit so viel begeisterung in diesem blog dagmars berichte gelesen & sie immer auch als sehr unterstützend empfunden ... nun freue mich über die möglichkeit, diesen blog hier, zusammen mit den anderen schreibenden, weiterführen zu können!
als erste "amtshandlung" habe ich den untertitel des blogs etwas gekürzt und die einschränkung "im grundschulalter" rausgenommen ... da mindestens meine kinder (wie ihr meiner vorstellung unter dem von dagmar geposteten link entnehmen könnt) älter bzw. jünger sind & sich freies lernen ja ohnehin nicht auf die jahre von 6-10 beschränkt.

ich hoffe sehr, dass es mir (uns) gelingt, diesen blog wieder mit leben, besonders mit berichten aus unserem schulfreien alltag, zu füllen! 

Dienstag, 3. Juni 2008

Neue Administratorin dieses Blogs ist Cecilia

Liebe Blogger und LeserInnen, nachdem mein Buch erschienen ist,
in dem ich meine Blogeinträge mit verwendet habe, ziehe ich mich aus dem Blog hier als Administratorin zurück. Übernommen hat Cecilia
und ist ab sofort für alle technischen und sonstigen Fragen Ansprechpartnerin.
Ich freue mich sehr, dass der Blog weitergeht. Ich selbst möchte hier nicht mehr en detail über unser Leben schreiben, denn da ich den Blog unter meinem richtigen Namen angefangen habe, war zusammen mit all den Medienberichten über uns so etwas wie eine gläserne Familie entstanden, und das ist auf die Dauer nicht schön.
Daher nur so viel: Wir haben einen wunderschönen neuen Ort zum Leben in Frankreich gefunden, an dem wir uns sehr wohlfühlen. Ich bin immer wieder auch in Bremen, des Verlages wegen, und die großen Feste wie Ostern und Weihnachten feiern auch unsere Kinder im Schoß der Bremer Großfamilie. Wir setzen uns auch aus dem Ausland nachhaltig für Bildungsfreiheit in Deutschland ein, hauptsächlich mit Veröffentlichungen wichtiger Bücher zum Thema (nächste Projekte: "Lernen zu Hause" von John Holt und Pat Farenga, sowie eine deutsche Version von "The Underground History of American Education" von John Taylor Gatto, der Hammer!); außerdem durch Artikel, Vorträge, aber auch durch die Fortführung der juristischen Auseinandersetzung um das Recht unserer Kinder, frei zu lernen. Wir warten nach wie vor auf den Termin für den Berufungsprozess vor dem Oberverwaltungsgericht Bremen, und über neue juristische Entwicklungen werde ich natürlich auch hier berichten.
Ansonsten brauchen wir jetzt nach all dem Trubel etwas Privatheit.
Also, aurevoir
Dagmar

Montag, 2. Juni 2008

Behutsamer Lernen

Der erzliberal-Blog macht auf einen Artikel auf Spiegel-Online aufmerksam:
Stanislas Dehaene vom College de France in Paris und seine Kollegen hatten 33 Munduruku im Kindes- und Erwachsenenalter vor einen solarbetriebenen Laptop gesetzt. Auf dem Monitor befand sich ein Schieberegler, den die Probanden hin- und herbewegen konnten. Eine Skala fehlte, nur linkes und rechtes Ende der Strecke waren mit 1 und 10 bezeichnet. Die Probanden bekamen dann Zahlen vorgegeben, entweder als Wort oder als Menge von Punkten, und sollten den Regler an die passende Position auf der Strecke zwischen 1 und 10 schieben.

Das verblüffende Ergebnis: Die Munduruku ordneten die Zahlen nicht linear an, sondern wie auf einer logarithmischen Skala. Kleinere Zahlen wie 2 oder 3 bekamen deutlich mehr Abstand untereinander zugewiesen als größere, etwa 8 und 9. Ein ähnliches Phänomen hatten Forschern bei früheren Studien mit Kindern aus westlichen Ländern beobachtet, die sich noch im Vorschulalter befanden. Auch sie ordneten die Zahlen logarithmisch. Erwachsene aus dem Raum Boston, mit denen das Team von Dehaene den im Dschungel durchgeführten Test wiederholte, nutzten hingegen die uns eher vertraute lineare Einteilung.
[...]
Dieser Gedanke leuchtet ein: Die Unterscheidung, ob zwei oder drei Mitglieder eines feindlichen Stammes sich nähern, ist wichtiger als die Frage, ob eine größere Angreifergruppe nun aus 25 oder 30 Personen besteht. Je größer die Zahlen sind, umso mehr kommt das Prinzip Pi mal Daumen zum Tragen - auch aus praktischen Gründen.

Und der Logarithmus steckt nach wie vor in uns drin: Selbst Schule und Studium können das nichtlineare Denken nicht völlig auslöschen. Die Erwachsenen aus dem Raum Boston, die den Schiebereglertest machten, nutzten nämlich unter Umständen immer noch eine verzerrte Skala, wie die Forscher herausfanden. Und zwar immer dann, wenn sie statt konkreter Zahlen eine Haufen Punkte als Vorgabe bekamen, deren genaue Menge sie nicht überblicken konnten.

Er zieht hier Parallelen zum ökonomischen Gesetz des Grenznutzens. Das gefundene anthropologische Phänomen macht aber auch deutlich, wie leicht Lernen gleichzeitig auch Verlernen ist. Und dies macht deutlich, wie riskant Lernen ist und wie behutsam man bedacht darauf sein sollte, was man lernt. Lernen ist also nicht automatisch gut, es ist mit Risiko verbunden, welches bedacht sein will. Es zeigt sich einmal mehr, daß Bildung mehr ist als Lernen. Mit der notwendigen Behutsamkeit in Sachen Lernen verträgt sich nicht die Anmaßung, eigene Lehrpläne und Lernziele allen anderen verbindlich vorzuschreiben. Wie leicht hat man sich geirrt! Oder hätten Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, gedacht, daß das verlernte logarithmische Denken wertvoll ist, ja alltägliches Lösungspotential birgt? Und: Wieviele Schüler verstehen Logarithmik in der Schule nicht (mehr)?
Wenn nun Lernen auch Verlernen ist, dann bedarf es unbedingt einer Vielzahl individueller Lernziele und Bildungswege. Politik, die hier - eine Schulpflicht postulierend - alles für alle vorschreibt, muß fehlgehen. Dieses Risiko ist zu hoch und schon gar nicht kann die Durchsetzung dieser Anmaßung via Staatsgewalt und Schulzwang sinnvoll und nützlich sein. Nur bei vielfältigen Bildungswegen bleibt uns allen das Wissen derer erhalten, die das eine nicht verlernten, weil sie anderes nicht lernten.
Wie wertvoll das Engagement für uns alle ist, nach Bildungsfreiheit zu streben, diese zu verteidigen und auch den eigenen Kindern zu ermöglichen, wird auch an diesem Beispiel sichtbar: Die Bildungsfreiheit des Einzelnen ist Gewinn für uns alle.
In solcher Gesellschaft möchte ich leben.