Sonntag, 6. Juli 2008

70 Jahre Schulzwang

Pressemitteilung vom Netzwerk Bildungsfreiheit e.V. Nürnberg vom 4.7.2008

Frei lernt es sich besser

70 Jahre Schulzwang sind genug – ein Relikt hat sich überlebt

Als am 6. Juli 1938 die nationalsozialistische Führung unter Adolf Hitler und Reichsminister Dr. Rust in Berchtesgaden das Reichsschulpflichtgesetz unterzeichnete, konnte sie nicht ahnen, dass die wesentlichen Bestandteile dieses Gesetzes auch 70 Jahre danach noch ihre Gültigkeit haben würden. Mit dem Untergang des vermeintlich „tausendjährigen Reiches“ verschwanden zwar die meisten Gesetze und Verordnungen aus jener Zeit, der europaweit einmalige deutsche Schulzwang, der es dem Staat ermöglicht, Schüler mit Hilfe der Polizei und notfalls unter Einsatz von Gewalt der Schule zuzuführen, blieb unverändert. Die Schulgesetze der meisten Bundesländer übernahmen den Paragraphen fast wörtlich in ihre Gesetzgebung.

Der 6. Juli 1938 stellte eine historische Zäsur dar, waren doch bis zu diesem Tag auch schulfreie, alternative Bildungswege möglich und wurden, wenn auch in bescheidenem Maße, praktiziert. Obwohl 1717 in Preußen die Schulpflicht eingeführt wurde, konnte man in der Reichsverfassung vom 28.3.1849 noch lesen: „Der häusliche Unterricht unterliegt keiner Beschränkung“. Die bestehende Schulpflicht wurde bis 1938 immer im Sinne einer Unterrichtspflicht verstanden und ließ Ausnahmen zu. Die meisten demokratisch verfassten Staaten der Welt kennen daher bis heute keinen Schulzwang, sondern praktizieren eine Bildungspflicht, die Raum für eine Vielzahl von Alternativen bietet, wie Kinder heute lernen.

Der im Kern gewalttätige Schulzwang hat in Deutschland solch abstruse Blüten getrieben, dass 2007 die 15-jährige Tochter einer vorbildlichen Erlanger Familie zwangsweise mit einem Großaufgebot an Polizei und Jugendamt in die Psychiatrie verbracht wurde. Ihr Vergehen: Sie wurde zu Hause individuell unterrichtet und gefördert, statt weiter die öffentliche Schule zu besuchen, wo ihr das Lernen zunehmend Schwierigkeiten bereitete.
Die Akademikerfamilie Dudek aus dem hessischen Archfeld wird ihre Vorliebe für freie Bildungsformen in Kürze mit Gefängnis bezahlen müssen. Der älteste Sohn lernte zwar zu Hause so gut, dass er jetzt seinen Realschulabschluss als Klassenbester mit der Note 1,1 absolvierte, der Geist des Reichsschulpflichtgesetzes forderte jedoch seinen Tribut in Form von je 3 Monaten Haft für Vater und Mutter.
Andere Freilernerfamilien verlassen Deutschland und ihr gewohntes Umfeld, erfreuen sich aber nun der wiedergewonnen Freiheit in unseren europäischen Nachbarstaaten.

Dass eine Atmosphäre des Zwangs und Drucks kein nachhaltiges, erfolgreiches Lernen fördert, ist in der Fachwelt mittlerweile unumstritten. Dass deutsche Bildungspolitiker unter allen Umständen auf der Präsenz in einem Schulgebäude bestehen, obwohl Lernen an anderen Orten und anderen Umständen häufig mindestens genauso gut, wenn nicht besser gelingt, ist weder nachvollziehbar noch zeitgemäß.
Es ist an der Zeit, eindeutige Vorgaben des UN-Sonderbeauftragten Vernor Munoz umzusetzen, der bei seinem Besuch in Deutschland gefordert hatte, dass „Bildung nicht auf reine Schulanwesenheit reduziert werden darf“. Vielmehr seien „Fernlehrmethoden und Homeschooling .... gültige Optionen..., die unter bestimmten Umständen weiterentwickelt werden können.“

Das Netzwerk Bildungsfreiheit fordert den deutschen Schulzwang nach 70 Jahren endgültig zu beerdigen und die gesetzlichen Grundlagen dafür zu schaffen, dass vielfältige schulische und schulfreie Bildungswege möglich werden, die zueinander in Konkurrenz treten und sich gegenseitig bereichern. Wir halten Freiheit und Vielfalt anstelle von staatlichen Monopolen für den besten Ausweg aus der deutschen Bildungsmisere. Bundeskanzlerin Merkels Motto „Mehr Freiheit wagen“ sollte endlich auch für den Bildungsbereich gelten.

Das "Netzwerk Bildungsfreiheit" ist ein bundesweiter Zusammenschluss von Organisationen, Elterninitiativen und Einzelpersonen, denen das Recht auf freien Zugang zur Bildung, freie Wahl und freie Gestaltung des individuellen persönlichen Bildungsweges unter Zuhilfenahme öffentlicher wie privat initiierter Ressourcen ein Anliegen ist.

Verantwortlich: Netzwerk Bildungsfreiheit e.V. Nürnberg – Kuratorium und Vorstand

Ansprechpartner für Rückfragen: Jörg Großelümern, Am Hahnengraben 8, 90592 Schwarzenbruck Telefon (0163) 162 7301, Telefax: (0721) 151 500 152, E-Mail: info@netzwerk-bildungsfreiheit.de Internet: www.netzwerk-bildungsfreiheit.de

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Die allgemeine Schulpflicht geht auf die Anregung eines gewissen Herrn Dr. Martin Luther zurück, und dieser Herr war bekanntlich kein Nazi. Das evangelische Straßburg war das erste Territorium in Deutschland, und damit in der Welt, das 1598 förmlich eine gesetzliche Schulpflicht einführte. Andere protestantische Fürstentümern folgten dann nach und nach. In den katholischen Landesteilen Deutschlands verlief die Durchsetzung dieser Forderungen äußerst zäh, und in Bayern wurde die allgemeine Schulpflicht erst 1802 eingeführt.

Dagmar hat gesagt…

Lieber anonym, Schulpflicht ist was grundlegend anderes als Schulzwang.
Es beinhaltet die Pflicht, Kindern das Lernen zu ermöglichen statt sie nur schuften zu lassen. Schulzwang bedeutet, sie dürfen NUR in einer Schule lernen.

Lia hat gesagt…

Martin Luther war für eine Schulpflicht, um Kinder von den Lehren der katholischen Kirche fernzuhalten. *ggg* Er wollte, dass die Kinder die bürgerliche Bibel lesen können.
Und der Staat hat diese Idee mit Freunden übernommen, weil sie natürlich durchaus funktioniert.
Denn so viel ich mitbekommen habe, wurde die allgemeine Schulpflicht erst 200 Jahre nach Luther in Deutschland eingeführt, oder irre ich mich da?

freiebildung hat gesagt…

Jeder Held mit einer guten und edlen Idee wird sofort nach seinem Ableben (oder im Wandel der Zeit) durch Institutionen (Staat, Kirche, usw) annektiert und die Institution macht sich dessen humanistische Ideen zueigen. Sie verwandelt sie zugleich in ein Mittel der Machterhaltung.
So geschehen mit Luther, Jesus, Humboldt, Schiller usw.
Irgendwann werden diese ursprünglich guten Ideen dann gegen die Menschen verwendet.
Ich bin mir sicher Herr anonym, dass ein Weitergraben in die Vergangenheit noch einige andere Herren hervorbringt, die einen allgemeinen Zugang zur Bildung unabhängig vom Einkommen fordern. Nichts entsteht aus dem Nichts.
In diesem Sinne setzt die Homeschool-Bewegung den Weg Martin Luthers konsequent fort.
Homeschooler brauchen keinen Staat mehr, um sich ein Buch auszuwählen (oder eine Sprache, oder eine Wissenschaft).

Lebensunternehmer hat gesagt…

Daher ist es die logische Konsequenz, Schulen einfach selbst zu oprganisieren. Wir bekommen nächstes jahr ein Kind und uns ist klar: "Unser Kind geht in keine Deutsche Schule!" Wir haben nun den Gedanken von einer Reiseschule unter dem Motto: "Wir lernen die Welt". Wir wollen über jahre mit einem Omnibus mit 15-20 Kindern verschiedenen Alters durch die Welt fahren und die Kinder die Welt lernenen lassen. Wie das geanu funktionieren kann, das wissen wir noch nicht. Aber der Gedanke, dies mit staatlichem Schulgeld zu machen, der ist einfach auch da. Dann müsste ich halt noch den Abschluß für das Lehramt machen oder jemand anderer müsste diesen haben.
Und ich kann mir vorstellen, dass es viele dieser Ideen gibt. Wenn nun jeder seine Ideen umsetzt, dann sind die staatlichen Schulen bald ohne Schüler: Stell Dir vor, es ist "Deutsche Schule" - und keiner geht hin.

Das ist denke ich der beste Weg, um die Bildungsfreiheit zu erzielen. Sonst geht es einem so, wie es "freiebildung" beschrieben hat. Das Konzept wird von anderen verwendet und mißbraucht. Daher kann es nur eine Unazahl von verschiedenen Schulen geben, die jeweils von den Beteiligten lebt. Ein Schulgesetz kann dann nur ein Rahmen für eine freie Schule sein. Wir haben dazu das Gesetz in die hand zu nehmen. Und auch das Geld dann für diese Privatschulen zu bekommen. Und ich kann mir gut vorstellen, dass man von dem statlichen Schulgeld auch eine Privatschule unterhalten kann, wenn sich die Eltern daran beteiligen. Ich freue mich auf Rückmeldungen dazu. Auch auf Leute, die dabei mitmachen wollen. Wir sind erst in der Geddankephase und haben bis zur Umsetzung noch ein paar Jahre Zeit. Der Schulzwang trifft uns ja erst in 7 Jahren.