Donnerstag, 3. Juli 2008

Dreidimmensional zeichnen

Gestern fand mein Sohn einen schönen Glitzerstift und bat uns um ein Blatt Papier, weil er ein Haus malen wollte. Wir sagten ihm, wo er eines finden könne, er holte es sich und begann zu malen. Mein Mann und ich saßen gerade am Tisch beim Frühstück (unser Sohn hatte noch keinen Hunger) und in unseren Köpfen entstand ein Bild von einem Haus, wie wir es malen würden: ein Rechteck mit einem Dreieck als Dach und kleinen Rechtecken als Fenster und Türen. Ein wenig wunderte es mich, dass mein Sohn gerade ein Haus zeichnen wollte, denn bisher hatte er nur Sonnen gemalt.

Als er mit dem Bild fertig war, kam er und zeigte es uns. Ich war erstaunt. Das Bild bestand aus einem großen Rechteck, das rechts und links ein wenig schraffiert war. In der Mitte war ein kleines Rechteck mit einem kleinen Strich oben: ein Bild, das an der Wand hängt. In dem Bild hatte er sogar kleine Formen angedeutet.

Mein Mann fragte unseren Sohn, von welcher Seite man das Haus denn sehen könne, und er antwortete: von oben. Man sah also von oben durch das Dach hinein und dann sozusagen um die Ecke auf eine Wand mit einem Bild.

Ich habe noch meine Zeichnungen aus der Zeit, wo ich so alt wie mein Sohn war. Natürlich ging ich damals in den Kindergarten. Ich weiss, dass ich niemals auf die Idee gekommen wäre, ein Objekt zu zeichnen, das man gleichzeitig von mehreren Seiten betrachtet. Es war alles zweidimmensional. Mein Vater hatte mir gezeigt, wie man schöne Kreise malen kann, wenn man den Bleistift um den Rand einer Münze führte. So malte ich die Köpfe der Menschen.

Es gibt hier alle möglichen Vorschulmaterialien für Kinder, wo sie Buchstaben nachzeichnen können und dergleichen. Aber wenn es ums Malen geht, beinhalten sie wirklich nichts kreatives. Entweder die Kinder sollen vorgezeichnete Formen abzeichnen oder nach einem bestimmten Muster ergänzen. Sie sollen Formen ausmalen und dabei nicht über den Rand hinaus malen. Es ist natürlich alles nur Vorbereitung auf die Schule. Die Kinder sollen lernen, bestimmte Dinge auf Kommando zu tun, ohne Möglichkeit für eigene Kreativität. Sogar beim Kinderarzt, bei der letzten Kinderuntersuchung, gab es Kommandos: male doch mal ein Haus. Male doch mal eine Sonne. Male doch mal ein Auto. Mein Sohn verweigerte dies alles. Na ja, die Sonne hat er gemalt, denn er malt gerne Sonnen. Leider verscherzte der Arzt es sich mit meinem Sohn, als er sagte: Alle Kinder in deinem Alter, die ich kenne, gehen in den Kindergarten. Gehst du auch in den Kindergarten?

Um zurück zum Thema zu kommen... Unsere Kinder haben schon im zartesten Alter die künstlerischen Fähigkeiten von Menschen wie z. B. Picasso oder Paul Klee. Sie können die Dinge gleichzeitig von mehreren Seiten betrachten und ihre Beobachtungen wiedergeben. Sobald sie in den Kindergarten kommen, wird ihnen diese Fähigkeit abtrainiert. Sie müssen nach Vorlagen zeichnen, bestimmte Regeln einhalten usw. Ich habe mich schon immer gefragt, wie denn in der Schule ein Fach wie Kunst benotet werden soll...

Wenn die Kinder es schaffen, ihre natürliche, unerzogene Kreativität bis ins Erwachsenenalter zu bewahren, oder sie später wieder aktivieren können, werden sie berühmte Künstler, Das, was sie malen, ist für die erwachsenen Menschen so unbekannt und seltsam, dass sie glauben, der Künstler müsse die kompliziertesten Techniken verwenden um so zu malen. Dabei tut er nur das, was die meisten von uns von Geburt an beherrschen: dreidimmensional sehen.

Mein Sohn bat mich um eine Schere und Klebeband und befestigte sein Bild an der Wohnzimmertür. Er war sehr stolz darauf und fand es schön. Und er befestigte es natürlich in SEINER Augenhöhe.

22.06.2008

Kommentare:

jumping-blueberry hat gesagt…

Wusstest du, dass Picasso mit seinen Werken versuchte, wieder auf das kreative Niveau eines Kleinkindes zu kommen?

Aber vielleicht ist das ja auch etwas ganz natürliches, dass sich die Wahrnehmung der Dinge mit der Zeit ändert. Als Kind hatte man auch aufgrund von UNWISSEN eine größere Fantasie. Wenn man als ein Kind zu einem Genie heranziehen will und aber irgendwie will, dass die kindliche Kreativität bleibt, ist das irgendwie ein Widerspruch.

Ich versuche (seit ca. 1 Jahr - komm nie dazu) Zeichnen zu lernen. Dafür habe ich mir das Buch "Garantiert zeichnen Lernen" gekauft.
Da wird viel über Gehirnhälften gesprochen, dass die rechte kreative Gehirnhälfte von der linken praktischen mit der Zeit überlagert wird, weil sie mit Informationen vollgepumpt wird.
Wenn man überlegt, macht das schon Sinn und erklärt einiges.

Es ist ja nicht so, dass Menschen ausschließlich von Ihrer Umwelt geprägt würden. Wäre es so, hätten wohl schon viele Eltern es geschafft, die Pupertät ihrer Kinder zu verhindern. ;o)
Und dass das geht, ist doch wirklich höchst unwahrscheinlich. (Vor allem wenn man sein Kind danach immernoch als "frei" bezeichnen würde)

Lia hat gesagt…

Hi Blueberry, warum malst Du nicht einfach drauf los statt nur darüber zu lesen? Macht bestimmt mehr Spaß und meist geht learning-by-doing leichter.

jumping-blueberry hat gesagt…

Lia,
kannst du zeichnen???
Ich kann es nicht!
Mir fehlt die Technik - ich weiß nicht, wo ich anfangen soll!
Ich weiß nicht, wie ich die Bilder aus meinem Kopf richtig aufs Papier bekomme.
Glaub mir, ich versuche es schon irgendwie... Aber über das Niveau einer 10jährigen komme ich nicht hinaus.

Deshalb habe ich mir ein ÜBUNGSBUCH gekauft, wo etwas Theorie erklärt wird, wie man richtig an die Sache ran geht. In dem Buch gibt es also neben Theorie auch Übungen wo man seine Fortschritte messen kann und langsam das Zeichnen lernt. Spaß macht es schon... Anders als wenn ich mich planlos hinsetze und einfach versuche irgendwas zu zeichnen, es auf den 20. Versuch schaffe und am Ende dann doch die Sachen mit den Proportionen für Freihandzeichnungen doch nicht so gut hinbekomme. Das ist deprimierend und macht nicht so viel Spaß.

Warum ist es auf einmal schlecht Bücher zu lesen?
Wenn Kinder etwas über den menschlichen Körper erfahren wollen, zeigt man es Ihnen doch auch in Büchern oder im Internet. Oder sollte man sie lieber eine Obduktion ihrer toten Oma machen lassen??
Wenn jemand eine Methode entwickelt hat, wie man etwas einfach erlernt, dann ist es doch nicht verwerflich, diese auszuprobieren. Irgendwo wurde doch auch angeregt, dass indische Rechenformeln gelehrt werden sollten... Da könnte man doch auch sagen: Das kann man sich doch auch selbst erarbeiten.

Oder geht es jetzt nur darum, dass ich eine Theorie in den Raum geworfen habe, die die schöne Vorstellung "Keine Schule = Mehr Kreativität" evtl. zum Wackeln bringen könnte.

Lia hat gesagt…

Bueberry, um Himmels Willen, das sollte kein Angriff sein.
Nein, ich kann auch nicht besonders gut zeichen - zumindest nicht fotografisch. Aus dem Inneren heraus Gefühle darstellen, sie wiedergeben... das kann ich schon.
Zeichnen ist ja nicht nur das fotografische Abzeichnen eines vorhandenen Objekts, sondern beinhaltet doch auch die Empfindungen, die man beim Anblick eines Gegenstandes hat.
Ich meinte nur, dass die eigene Kreativität wieder zu wecken vielleicht einfacher über Spiel und Spaß geht, als durch reine Theorie. Kreativität hat für mich viel von "Spielen mit den Mölglichkeiten" und grad beim Zeichnen ergeben sich da so viele verschiedene Arten. Welcher Stil interessiert Dich momentan am meisten? Es gibt ja nicht gerade wenige in diesem Gebiet.

Nein, ich hab kein besonderes Talent zum Zeichnen. Mein räumliches Vorstellungsvermögen tendiert gegen -10 und das erleichtert eine genaue Wiedergabe eines Onjektes ungemein. Spaß habe ich trotzdem an der Sache. Meine Ansprüche sind da nicht besonders groß - ich weiß, dass ich mit Worten besser "malen" kann als mit meinen Händen. *lächel* Mein Bild muss nicht perfekt sein, weil es so etwas wie Perfektion meiner Meinung nach sowieso nicht gibt.

Hast Du schon mal probiert mit Musik zu malen? Ich empfinde das als eine tolle Möglichkeit, noch ein wenig tiefer in das Bild und die eigenen Vorstellungen hineinzuversinken. Kreativität kommt selten unter Druck sondern eher aus einer tiefen Entspanntheit und einem Loslassen können, auch sich selbst gegenüber.

Von welcher Theorie sprichst Du, die die Theorie, Schule wäre schlecht für die Kreativität, ins Wackeln bringen könnte?
Wo hast Du Deine Kreativität verloren und warum hast Du sie verloren? Warum ist es Dir wichtig, sie wiederzufinden, in Deinem Fall über die Malerei?

Deine Aussage über die rechte und linke Hirnhälfte kann ich gut nachvollziehen. Das ist eines der Probleme mit den völlig überfrachteten Lehrplänen heute. Gerade in einem Alter, in dem sich ein Mensch körperlich so stark verändert wie das eben während der Pubertät geschieht, stopft man die Kids geistig auch noch mit Zahlen und Fakten voll ohne ihnen auch nur ein wenig Ruhe zum Verarbeiten zu gönnen. Wie soll sich bei diesen Lehrplänen Wissen setzen können, einwirken können?

Du hast das Zeichnen-Buch doch auch nicht in bestimmte Abschnitte unterteilt, von denen Du täglich einen absolviert hast, oder? Du liest darin, denkst darüber nach, lässt es einwirken und machst dann weiter, wenn Du so weit bist. Und Du nutzt vermutlich verschiedene Methoden, Dich mit dem Inhalt des Buches auseinander zu setzen.
In der Schule (oder einem Kurs) wären die Einheiten vorgegeben und Du müsstest Dich an das Tempo der anderen Teilnehmer halten, egal ob Du schon so weit bist oder nicht. Du würdest Tests schreiben, damit gewährleistet ist, dass Du den Inhalt des Buches auch gelesen hast (von verstehen ist da noch keine Rede). Solltest Du nicht gleich schnell zeichnen lernen wie die anderen Teilnehmer müsstest Du Dich mit einer schlechteren Bewertung zufrieden geben, denn dann hast Du das "Klassenziel" (wer immer das auch vorgibt und was genau es definieren soll) nicht erreicht. Ob Du Freude und Spaß daran hast, ist kein Kriterium der Bewertung, es geht rein nur darum, dass Du die Technik beherrschen lernst. Auch die Unterrichtsform und die Darstellung des Stoffes ist strikt vorgegeben und dürfte von Dir nicht einfach abgeändert werden. Solltest Du ein anderes Buch entdecken, das Deiner Meinung nach besser wäre, könntest Du es zwar privat lesen, aber die Fragen vom Test wären trotzdem auf das "richtige" Unterrichtsbuch abgestimmt.
Die Bilder, die Du malst, würden in so einer Schule (oder einem Kurs) immer im Vergleich zu denen der anderen Teilnehmer bewertet. Unabhängig vom Talent gäbe es eben Bilder die "besser" sind und welche die "schlechter" sind. Bei dieser Unterscheidung spielt natürlich auch das Kunstempfinden des Lehrers (Kursleiters) mit rein. Schließlich ist er es, der bewertet und das eigene Empfinden kann man grad bei Kunst niemals ausschalten.

Der Unterschied zwischen Schule und Erwachsenenkursen ist übrigens gewaltig. Besonders bei solchen Kursen zu Malerei, Zeichnen, Töpfern.... Schulklassen werden selten unterteilt beim Zeichnen, noch eher beim Handarbeiten/Werken. Bei einem Kurs aus der Erwachsenenbildung besteht meistens eine Teilnehmerbeschränkung. Die Unterrichtsunterlagen der Schulen sind teilweise extrem veraltet, die in den Erwachsenenkursen sind normalerweise absolut up-to-date. Nur mal so als Zusatzgedanken, warum Schule und Kreativität selten an einem Ort zu finden sind.