Freitag, 4. Juli 2008

Wie der Mond zu seinem Leuchten kam

Nachdem wir schon ins Bett gegangen waren, bekam mein Sohn noch mal Hunger und wollte was essen. Wir gingen also in die Küche und ich machte ihm was zu essen. Während er aß, wollte er eine Geschichte hören. Ich sagte ihm, ich müsse überlegen, welche ich ihm noch nicht erzählt habe. Er sagte aber: "Nein, du sollst dir selber eine ausdenken!" Und das um ein Uhr nachts...

Es war nicht einfach. Ich erzählte im mehrere kleine Geschichten von Tieren, die sich gegenseitig helfen. Er fand die Geschichten alle ganz toll, aber mir selbst gefielen sie noch nicht so gut. Als er die vierte Geschichte hören wollte, sagte ich: "Ok, ich denke mir noch eine einzige aus, denn gehen wir schlafen." Dann erzählte ich ihm folgende Geschichte:

Es gab mal eine Zeit, wo der Mond noch nicht leuchtete. Nacht für Nacht stand er am Himmel, aber er war ganz dunkel und nicht zu sehen. Er wünschte sich sehr, auch leuchten zu können, wusste jedoch nicht, wie er es anstellen sollte. Eines Abends ging er zu den Sternen, um sie zu fragen, wie sie leuchten konnten.
"Jeder Stern hat ein Sternenkind, welches im das Licht gibt", sagten die Sterne zu ihm.
"Aber wo soll ich denn ein Sternenkind finden?" fragte der Mond verzweifelt, denn er hatte noch nie ein Sternenkind gesehen.
"Die Sternenkinder kommen von selber", sagten die Sterne. Wenn du geduldig bist und wartest, kommt irgendwann auch zu dir eines."
Der Mond wurde ganz traurig, denn er hatte schon so lange gewartet und sich gewünscht, leuchten zu können, aber niemals war ein Sternenkind zu ihm gekommen. So stand er also wieder am Himmel und war dunkel. Aber eines Nachts sah er unten auf der Erde ein kleines Licht herumfliegen. Er betrachtete es eine Weile und fragte dann: "Wer bist du?"
"Ich bin ein Glühwürmchen", sagte das Licht.
"Hast du auch ein Sternenkind, welches dir das Licht gibt?" fragte der Mond neugierig.
"Aber nein", lachte das Glühwürmchen, "ich brauche kein Sternenkind. Mein Körper macht das Licht."
Der Mond wurde wieder traurig, denn er wusste, dass sein Körper kein Licht erzeugen konnte. "Dann werde ich wohl nie leuchten können," sagte er zu dem Glühwürmchen, "denn mein Körper kann kein Licht machen. Und zu mir kommt auch kein Sternenkind, ich warte schon so lange..."
Das Glühwürmchen dachte nach. Dann sagte es: "Weisst du, es gibt noch eine dritte Möglichkeit, um zu leuchten. Du musst dich nur von jemandem beleuchen lassen, der genug Licht für sich selbst und dich dazu hat. Ich bin zu klein dafür, aber die Sonne müsste es schaffen, dich durch ihr Licht leuchten zu lassen!"
Da schöpfte der Mond wieder Hoffnung. Gleich am nächsten Morgen ging er zur Sonne und fragte sie, ob sie ihn leuchten lassen könne.
"Aber natürlich!" sagte die Sonne. "Ich habe so viel Licht, dass ich die ganze Erde bescheinen kann, da reicht es auch für dich. Wende mir nur einfach dein Gesicht zu, wenn du leuchten willst, und ich bescheine dich mit meinem Licht, und du wirst leuchten."
Da freute sich der Mond sehr, und am Abend wendete er der Sonne sein Gesicht zu. Und siehe da: er leuchtete hell und klar in der Nacht. Und manchmal konnte er vom Leuchten gar nicht genug bekommen. Dann wendete er sein Gesicht auch am Tage der Sonne zu. Und deshalb kann man manchmal auch am Tag den Mond sehen.

Während ich meinem Sohn diese Geschichte erzählte, passierten mehrere Dinge gleichzeitig mit uns. Ich merkte, wie seine Augen anfingen, zu leuchten. Er hörte mir gebannt zu und hampelte nicht herum, wie er es oft tut, wenn ich ihm eine Geschichte vorlese. Nach und nach machte sich ein Lächeln in seinem Gesicht breit und ich konnte sehen, dass ich ihm mit dieser Geschichte das gab, was er wirklich wollte: etwas Neues, Schönes, Kreatives. Etwas, das ich nur für ihn selbst gemacht hatte, ein Geschenk von mir an ihn.

Mit mir selbst passierte auch etwas, während ich erzählte. Ich hatte die Geschichte angefangen, ohne zu wissen, wie sie enden würde. Sie entwickelte sich, während ich erzählte. Ich genoss es, alle Barrieren, die mein Denken einschränkten, zu sprengen und einfach weiter zu spinnen. Es war egal, wie die astronomische Wirklichkeit aussah, nur die Geschichte war wichtig. Es war ein Gefühl von wiedergefundener, lange vermisster Freiheit.

Als ich die Geschichte beendet hatte, wurde mir bewusst, dass ich noch niemals vorher in meinem Leben so etwas getan hatte. Die freien Aufsätze in meiner Schulzeit hatten Titel wie "Mein schönstes Ferienerlebnis" oder "Unser Ausflug in den Wald". Sie mussten aus Einleitung, Hauptteil und Schluss bestehen. Sie waren alle absolut langweilig! Sogar als ich später, als Erwachsene, mal bei einer Schreibwerkstatt der Volkshochschule mitmachte, waren die "Geschichten" so aufgebaut, wie ich es in der Schule gelernt hatte: langweilig.

Warum lassen wir die Kinder nicht schreiben, was sie wollen? Wir haben uns gerade ein Abo für die Leihbücherei geholt. Ich wollte hauptsächlich Märchenbücher ausleihen. Damit ist es nun vorbei, die brauchen wir nicht mehr. Mein Sohn hat mich gelehrt, wie man selber Märchen macht.

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