Donnerstag, 3. Juli 2008

Wie sehen blinde Menschen?

Wir saßen heute beim Frühstück und auf dem Tisch standen noch vom letzten Abendessen eine Flasche Olivenöl und eine Flasche Essig. Beide Flaschen haben am unteren Rand kleine erhabene Punke. Mein Sohn (viereinhalb Jahre) entdeckte die Punkte, verglich sie auf beiden Flaschen und stellte fest, dass es die gleiche Reihenfolge war. Er fragte mich, was das für Punkte seien. Ich hatte die Punkte vorher noch nie bemerkt, sah sie mir an und meinte, es sehe aus wie Buchstaben in Blindenschrift. Darauf wollte mein Sohn wissen, was denn die Blindenschrift sei. Ich erklärte ihm, dass es Menschen gibt, die nicht sehen können, entweder weil ihre Augen durch eine Krankheit oder einen Unfall beschädigt sind oder weil etwas in ihrem Gehirn nicht in Ordnung ist. Manche Menschen werden irgendwann im Laufe ihres Lebens blind und manche können von Geburt an nicht sehen.

Mein Sohn dachte eine Weile darüber nach, dann fragte er, ob die Menschen denn irgendwann wieder sehen könnten. Ich sagte, dass die Sicht bei manchen von selber wieder zurück kommt, bei anderen nach einer Operation, und das manche aber auch gar nicht mehr sehen können. "Aber wie sehen diese Menschen denn, wenn die Augen krank sind?" fragte mein Sohn.

Tja, wie sehen sie? Ich musste auch überlegen. Wie sehen Menschen, die nicht sehen können? Sie sehen mit den anderen Sinnen. Sie sehen mit den Händen, mit den Ohren, mit der Nase, mit der Haut, mit den Gedanken. Ich erklärte meinem Sohn, wie blinde Menschen ihre anderen Sinne benutzen, um die fehlende Sicht zu ergänzen bzw. zu ersetzen.

Sie können mit den Fingern lesen und dafür zeigte ich ihm die Blindenschrift auf einem Geldschein - und den Flaschen. Sie können mit den Ohren sehen, wo sie sich befinden. Wenn sie in einem Gebäude sind, können sie anhand der Geräusche, die sie hören, feststellen, was es für ein Gebäude ist. In einer Bibliothek ist es leise, es sind nur flüsternde Gespräche zu hören, immer wieder werden Bücher aus Regalen genommen und wieder hineingestellt, es werden Seiten umgeblättert. In der Kinderabteilung ist es vielleicht lauter, die Kinder rufen und lachen, laufen herum oder spielen.

In einem Bahnhof ist es laut, sehr viele Menschen gehen umher, unterhalten sich, es gibt viel Hall weil der Raum so groß ist, es werden Züge per Lautsprecher angekündigt, Züge fahren ein oder aus dem Bahnhof hinaus. Wenn man draussen ist, z. B. im Wald, gibt es ganz andere Geräusche als in einem Bahnhof. Man hört das Rauschen der Blätter, die Stimmen der Vögel und Tiere, das Knirschen der Steinchen unter den Füßen auf dem Weg. Und wenn man draussen auf der Straße ist, dann hört man Autos, Straßenbahnen, Busse, Fahrräder, Motorräder. Man kann hören, wenn ein Auto über eine Brücke fährt oder ob es anhält. Wenn man an einer Ampel steht, die für Sehbehinderte ausgestattet ist, dann hört man ein Klicken. Wenn man mit der Hand dem Klicken folgt, dann fängt etwas an zu vibrieren wenn die Ampel auf Grün schaltet. So können die blinden Menschen erkennen, wann sie über die Straße gehen können.

So ging es immer weiter. Mein Sohn wollte immer mehr wissen und ich durfte nicht aufhören, zu erzählen. Er lernte, wie sich blinde Menschen in der Stadt bewegen, wie sie mit Hilfe ihres Taststabes den Weg auf Hindernisse abtasten oder sich von einem Blindenhund führen lassen. Er lernte, wie sie sich anhand von Geräuschen, Gerüchen und ihres Gedächtnisses orientieren, dass es besondere Uhren für Blinde gibt, welche die Zeit mit einer Stimme ansagen, besondere Bücher und besondere Computer.

Irgendwann kamen wir dann auch zu anderen Behinderungen, z. b. Menschen, die nicht hören können oder nicht gehen. Er lernte etwas über die Gebärdensprache und über Rollstühle und Gehhilfen, über Tiere, die nicht sehen können und andere Tiere, welche besondere Sinnesorgane haben, und wieder andere Tiere, die mit ihren Sinnesorganen andere Dinge wahrnehmen als Menschen. Ich machte dann noch den Vorschlag, dass wir uns einen Teil eines Films anschauen ("What the Bleep do we know"), in dem eine taubstumme Schauspielerin mitspielt und wo man die Gebärdensprache beobachten kann. Ich zeigte ihm auch einige Gebärdensprache-Zeichen, die ich selbst in meinem Versuch, mit ihm per Babyzeichen zu kommunizieren, gelernt hatte.

Dies alles lernte mein Sohn in einem Gespräch, das vielleicht insgesamt 15 Minuten dauerte. Danach war die Zeit, die er diesem Thema zu dem Zeitpunkt widmen wollte, zu Ende. Er hatte entschieden, was er lernen wollte und wie viel er davon wissen wollte. Und er zeigte mir auch klar und deutlich, als er genug hatte, indem er einfach das Thema wechselte.

19.06.2008

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