Montag, 2. Juni 2008

Behutsamer Lernen

Der erzliberal-Blog macht auf einen Artikel auf Spiegel-Online aufmerksam:
Stanislas Dehaene vom College de France in Paris und seine Kollegen hatten 33 Munduruku im Kindes- und Erwachsenenalter vor einen solarbetriebenen Laptop gesetzt. Auf dem Monitor befand sich ein Schieberegler, den die Probanden hin- und herbewegen konnten. Eine Skala fehlte, nur linkes und rechtes Ende der Strecke waren mit 1 und 10 bezeichnet. Die Probanden bekamen dann Zahlen vorgegeben, entweder als Wort oder als Menge von Punkten, und sollten den Regler an die passende Position auf der Strecke zwischen 1 und 10 schieben.

Das verblüffende Ergebnis: Die Munduruku ordneten die Zahlen nicht linear an, sondern wie auf einer logarithmischen Skala. Kleinere Zahlen wie 2 oder 3 bekamen deutlich mehr Abstand untereinander zugewiesen als größere, etwa 8 und 9. Ein ähnliches Phänomen hatten Forschern bei früheren Studien mit Kindern aus westlichen Ländern beobachtet, die sich noch im Vorschulalter befanden. Auch sie ordneten die Zahlen logarithmisch. Erwachsene aus dem Raum Boston, mit denen das Team von Dehaene den im Dschungel durchgeführten Test wiederholte, nutzten hingegen die uns eher vertraute lineare Einteilung.
[...]
Dieser Gedanke leuchtet ein: Die Unterscheidung, ob zwei oder drei Mitglieder eines feindlichen Stammes sich nähern, ist wichtiger als die Frage, ob eine größere Angreifergruppe nun aus 25 oder 30 Personen besteht. Je größer die Zahlen sind, umso mehr kommt das Prinzip Pi mal Daumen zum Tragen - auch aus praktischen Gründen.

Und der Logarithmus steckt nach wie vor in uns drin: Selbst Schule und Studium können das nichtlineare Denken nicht völlig auslöschen. Die Erwachsenen aus dem Raum Boston, die den Schiebereglertest machten, nutzten nämlich unter Umständen immer noch eine verzerrte Skala, wie die Forscher herausfanden. Und zwar immer dann, wenn sie statt konkreter Zahlen eine Haufen Punkte als Vorgabe bekamen, deren genaue Menge sie nicht überblicken konnten.

Er zieht hier Parallelen zum ökonomischen Gesetz des Grenznutzens. Das gefundene anthropologische Phänomen macht aber auch deutlich, wie leicht Lernen gleichzeitig auch Verlernen ist. Und dies macht deutlich, wie riskant Lernen ist und wie behutsam man bedacht darauf sein sollte, was man lernt. Lernen ist also nicht automatisch gut, es ist mit Risiko verbunden, welches bedacht sein will. Es zeigt sich einmal mehr, daß Bildung mehr ist als Lernen. Mit der notwendigen Behutsamkeit in Sachen Lernen verträgt sich nicht die Anmaßung, eigene Lehrpläne und Lernziele allen anderen verbindlich vorzuschreiben. Wie leicht hat man sich geirrt! Oder hätten Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, gedacht, daß das verlernte logarithmische Denken wertvoll ist, ja alltägliches Lösungspotential birgt? Und: Wieviele Schüler verstehen Logarithmik in der Schule nicht (mehr)?
Wenn nun Lernen auch Verlernen ist, dann bedarf es unbedingt einer Vielzahl individueller Lernziele und Bildungswege. Politik, die hier - eine Schulpflicht postulierend - alles für alle vorschreibt, muß fehlgehen. Dieses Risiko ist zu hoch und schon gar nicht kann die Durchsetzung dieser Anmaßung via Staatsgewalt und Schulzwang sinnvoll und nützlich sein. Nur bei vielfältigen Bildungswegen bleibt uns allen das Wissen derer erhalten, die das eine nicht verlernten, weil sie anderes nicht lernten.
Wie wertvoll das Engagement für uns alle ist, nach Bildungsfreiheit zu streben, diese zu verteidigen und auch den eigenen Kindern zu ermöglichen, wird auch an diesem Beispiel sichtbar: Die Bildungsfreiheit des Einzelnen ist Gewinn für uns alle.
In solcher Gesellschaft möchte ich leben.