Samstag, 3. Januar 2009

lehrmaterialien & mustererkennung

neues aus unserer leselern-werkstatt:

aus irgendeinem grund sammelt sich bei uns immer unglaublich viel altpapier an. gerade jetzt zum jahreswechsel kommen mit der post ausserdem noch jede menge kataloge. die meisten wandern auch direkt in die altpapier-kiste. dieses jahr allerdings bleiben sie dort nicht lange. c (4) ist nach wie vor sehr am lesen interessiert & fokussiert sich dabei momentan auf die einzelnen ziffern bzw buchstaben. ihr "lesen" einer katalogseite sieht daher z.b. so aus, dass sie die gesamte seite nach ziffern absucht - erst alle einsen, dann alle zweien usw.. während in büchern ja meist nur seitenzahlen zu finden sind, ist so ein katalog mit spaltenweisen artikelnummern da viel ergiebiger :)

die ziffern kann sie schon alle erkennen, buchstaben erst einige wenige. da kommt sie dann meistens zu mir und lässt sich etwas aufschreiben oder fragt nach einzelnen buchstaben, die sie dann irgendwo (in geschriebenen texten, bei den magnet-buchstaben an der tafel oder bei den buchstaben-kärtchen im lese-lern-spiel) sucht. auch hier ist die altpapierkiste wieder eine wahre fundgrube, da aus deren inhalt die buchstaben sogar ausgeschnitten werden können.

mustererkennung steht auch sonst hoch im kurs bei ihr momentan. so puzzelt sie beispielsweise stundenlang. da die zahl unserer puzzle natürlich begrenzt ist & sie längst alle mehrfach durch hat, fängt sie jetzt an, die puzzles "von links" zusammenzusetzen. also mit der rückseite nach oben, ohne bild.
andere "muster", die sie faszinieren, sind spielregeln. sie liebt gesellschaftsspiele, lässt sich die regeln erklären & spielt stundenlang. besonders spannend wird es, wenn da mehrere ihrer vorlieben zusammenkommen. so haben wir kürzlich fast 3 stunden lang monopoly gespielt - ich hätte niemals erwartet, dass eine vierjährige da so lange mithält! die meisten spiele hingegen, die für ihre altersgruppe gemacht sind, findet sie total langweilig ... naja, das mag aber auch daran liegen, dass alle anderen, potentiellen mitspielerInnen, sie auch langweilig finden & ungern mitspielen. es macht halt viel mehr spass, sich mit dingen des wahren lebens zu beschäftigen als in die kinderecke abgeschoben zu werden :)

kompakte, interdisziplinäre lerneinheit ... oder so

gestern hat m (13) sich innerhalb von ca. 1,5 stunden mit diesen fächern (oder besser: sachgebieten) beschäftigt: geographie, heimatkunde, geschichte, mathematik, internetrecherche, recht, geschäftsabläufe im online-b-to-c-handel. was er gemacht hat? oh, keine grosse aktion, nur eingekauft. online. ein videospiel. dem einkauf voraus gingen mehrtägige recherchen zur ermittlung von bezugsquellen & preisen. was eine grössere herausforderung war, als es vielleicht klingt, da das spiel in deutschland nicht angeboten wird. aber wer sucht, der findet. nebenbei hat m sich dabei mit den rechtlichen fragen beschäftigt: wer entscheidet, was wo verkauft wird/werden darf? und wie lassen sich solche vorgaben dann doch umgehen? ausserdem galt es, sich zwischen zwei spielen zu entscheiden - auch dies auf basis von recherchierten informationen. im wesentlichen lief es auf die entscheidung zwischen spiel a = interessantere geschichte, bessere features etc. und spiel b = nicht so spannend, aber bessere möglichkeiten, online mit anderen zusammen zu spielen hinaus. nach der entscheidung (für a) dann also der einkauf.
  • anlegen eines kundenkontos. hierbei musste u.a. das bundesland angegeben werden. was uns zum thema der bundesländer, was ist das, wo ist der unterschied zu den bundesstaaten der usa, wieso ist in unserem fall das bundesland gleich der stadt, in der wir leben, was ist ein stadtstaat, hansestädte, die hanse ... führte.
  • artikel in den warenkorb legen, zur kasse gehen
  • auswahl der versand- und der zahlweise. abwägung der vor- und nachteile von vorkasse/überweisung vs paypal. paypal kostet einen prozentual berechneten aufschlag. müssen wir erstmal rechnen, um zu gucken, ob das budget dafür reicht. prozentrechnung also. ich skizziere das system und die rechenschritte kurz auf einem zettel. alles klar, system verstanden. preis berechnet. m entscheidet sich für paypal. im nächsten schritt des bestellvorgangs erfahren wir, dass wir uns die rechnerei hätten sparen können, da das shopsystem das natürlich auch errechnet. allerdings kommt es zu einem anderen ergebnis als wir. aber das klärt sich schnell - wir haben die versandkosten mitgerechnet. was uns auch logischer erscheint, aber was soll's.
  • bestellvorgang abschliessen - und nun beginnt das warten :)

Homeschool-Artikel im "Spiegel" und Termin für die Berufungsverhandlung für Neubronners

Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" wird, so wurde uns angekündigt, in seiner morgigen Montagsausgabe vom 5.Januar 2009 einen ausführlichen Artikel zum Thema Homeschooling enthalten, in dem es wohl auch um die Situation von Familien wie Dudeks und Neubronners geht.

Familie Dudek hat ja erfreulicherweise mit ihrem Antrag auf Revision Erfolg gehabt - gegen die Eltern von sieben Kindern waren wegen Homeschooling Haftstrafen ohne Bewährung verhängt worden, während der älteste Sohn gleichzeitig nach 9 Jahren Homeschooling seinen Realschulabschluss mit einem Spitzenzeugnis ablegte.
Bei Familie Neubronner findet im Februar die mündliche Verhandlung der "Verwaltungsrechtssache Dagmar und Tilman Neubronner gegen Stadtgemeinde Bremen" vor dem Oberverwaltungsgericht statt. (Dienstag, 3.2.09, 9:30 im Justizzentrum Am Wall, Am Wall 198, 28195 Bremen, Sitzungssal 4, Erdgeschoss). Die Urteilsbegründung in erster Instanz ist unter http://www.netzwerk-bildungsfreiheit.de/pdf/Urteilsbegr_VerwG_Bremen.pdf zugänglich.

Wir Neubronners haben ja das letzte Jahr überwiegend im Ausland verbracht und hoffen sehr, dass diese Verhandlung uns einen Weg eröffnet, mit unseren frei lernenden Kindern wieder in Bremen zu leben. Unser Auslandsjahr hat zwar stellenweise geschmerzt, weil wir lieber in Bremen gewesen wären, aber es hat uns auch deutlich gezeigt: Das freie, informelle Lernen, wie in meinem Buch "Die Freilerner" beschrieben, ist für unsere Kinder und für uns als Familie der optimale Weg.

Damit dieser Weg als einer von vielen möglichen Bildungswegen in Zukunft auch deutschen Familien im Inland offensteht, wäre es gut, wenn möglichst viele Personen und Institutionen die "Berliner Erklärung" unterzeichnen würden. Die Webseite http://bildunginfreiheit.de/ , auf der dies möglich ist, befindet sich noch im Aufbau (und die Links im Text funktionieren noch nicht), aber das Unterzeichnen der Erklärung ist bereits möglich.

Mit herzlichen Grüßen

Dagmar Neubronner

P.S. Im Mai 2009 erscheinen im Genius Verlag zwei wichtige Bücher zum Thema :
1) John Holt, Pat Faranga "Lernen zu Hause",
die deutsche Erstausgabe des Homeschool-Klassikers "Teach your Own".
Der berühmte, früh verstorbene Pädagoge John Holt, Autor mehrerer auch in Deutschland vielgelesener Bücher ("Aus schlauen Kindern werden Schüler", "Wie Kinder lernen", "Wie Kinder scheitern" u.a.) und sein Schüler Pat Farenga, beide Pioniergestalten der US-Unschooling-Bewegung, schildern fundiert und mit unzähligen bewegenden Falbeispielen, wie und warum eigenständiges familiäres Lernen funktioniert.

2) John Taylor Gatto "Der unsichtbare Lehrplan - was Kinder in der Schule wirklich lernen."
Dieses Buch ist die deutsche Erstausgabe des US-Titels "Dumbing Us Down - the Hidden Curriculum od Compulsory Schooling", der sich in den USA hunderttausendfach verkauft hat. John Gatto war 35 Jahre lang mit Leib und Seele Lehrer und zog anlässlich mehrfacher Auszeichnungen als "Lehrer des Jahres" in New York eine überraschende, geradezu schockierende Bilanz für seinen Beruf und die individuellen und gesellschaftlichen Folgen von allgemeiner Schulpflicht.
Vorbestellungen für beide Bücher an info@genius-verlag.de